Anguelas Auge
 
 
2115
 

Perry Rhodan Roman #2115, von Rainer Castor
 
erschienen am 6.3.2002 in Deutschland bei VPM
rezensiert von Leo Donat (leo@nrw.co.uk)

Ab und zu gelingt es den Perry-Rhodan-Autoren der Gegenwart, den Schleier des Mystischen und grosser kosmischer Geheimnisse ansprechend zu verpacken. Der vorliegende Perry-Rhodan-Roman, Band Nr. 2115, ist so ein Beispiel. Um es kurz zu machen: Rainer Castor präsentiert einen absolut brillianten, packenden und spannungsgeladenen Science Fiction Roman der allerersten Güteklasse. Hier wird dem Leser richtig etwas geboten. Zu aller erst mal haben wir ein Raumschiff, die KARRIBO, ein hochmodernes arkonidisches Superschlachtschiff von 1500 Metern Durchmesser. Ich liebe Science-Fiction-Romane mit Raumschiffen. Dann hat dieses Raumschiff eine schillernde, bunt gemischte Besatzung mit eindrucksvoll gezeichneten Charakteren. Allen voran ist hier die hübsche Ascari da Vivo zu nennen, die unserem Serienhelden Perry Rhodan schon im Jubiläumsband 2100 den Kopf verdreht hat. Ein Vierteljahr später lernen wir die blonde Schönheit jetzt von einer anderen Seite her kennen: sehr viel besonnener und vorsichtiger als im Jubiläumsband. Hatte Ascari da Vivo doch in Heft 2100 gnadenlos den Untergang von 319 modernen arkonidischen Kampfschiffen angeordnet, mahnt sie jetzt ihren Chefwissenschaftler zur Vorsicht und verbietet ihm das Schiessen.

In der grössten Science-Fiction-Serie der Welt, STAR TREK, gibt es in der Regel ein Raumschiff, das eine zentrale Bedeutung hat, zum Beispiel die ENTERPRISE mit Captain Jean-Luc Picard. Wesentliches Merkmal dieser Weltraumabenteuer ist, dass das Raumschiff ein Aussenteam (englisch "Away Team") ausschleust, das auf der Planetenoberfläche eine mehr oder weniger gefährliche Mission ausführt. Typischerweise beteiligen sich hochrangige Persönlichkeiten der Schiffsführung an diesen Ausseneinsätzen, vorzugsweise der Erste Offizier, also beispielsweise Commander William Riker. Diese Art von Weltraumabenteuer hat sehr viel Positives und wird meines Erachtens bei Perry Rhodan viel zu wenig eingesetzt. Der Vorteil davon ist, dass man sich als Leser oder Zuschauer stärker mit den handelnden Figuren identifizieren kann, weil es sich um eine überschaubare Anzahl von gut bekannten Charakteren handelt, die man sowohl aus der Zentrale des Raumschiffs kennt als auch von gefährlichen Bodenmissionen.

Erfreulicherweise kommt dieses gängige und erfolgreiche Muster auch in Band 2115 zum Einsatz. Das Raumschiff ist die KARRIBO, Kommandantin ist Ascari da Vivo, und einen spannenden Ausseneinsatz gibt es ebenfalls. Ascari da Vivo leitet diese gefahrvolle Mission persönlich. Sie greift sogar einmal tätlich zur Waffe, allerdings nicht, um irgendwelche Feinde niederzumachen, sondern um einen Mann aus den eigenen Reihen zu erschiessen.

Liebhaber von knallharter Action kommen in diesem Roman voll auf ihre Kosten. Rainer Castor präsentiert seinen Lesern eine fesselnde Raumschlacht. Einfühlsam schildert der Autor, wie seine Helden auf dem Raumschiff KARRIBO in eine völlig ausweglose Lage kommen. Der Leser versteht, dass es mit dem Leben der Helden zu Ende geht, weil die KARRIBO gleich explodieren wird. Nachdem das Autorenteam in der unmittelbar vorausgehenden Woche schon gnadenlos den berühmten Mausbiber Gucky abgemurkst hat, muss man als Leser befürchten, dass die Autoren wirklich zu allen Schandtaten bereit sind und auch die schöne Arkonidin, die erst in Band 2100 eingeführt worden ist, gleich jetzt ihr Leben aushaucht.

Zitat: "Noch hielten die Schirme, doch in der KARRIBO begann eine Art Kettenreaktion. Hyperkräfte schlugen innerhalb des Schiffes unkontrolliert durch. Periphere Aggregate und dann ganze Sektionen wurden von unkontrollierten Energieflüssen, von Überschlägen aus den Schutzschirmen nach innen heimgesucht, Irrlichter sprangen über Metalloberflächen, geisterhafte Schemen entstanden und verwehten." (S. 41)

Na also. Das ist doch was!

"Es wird nur noch wenige Zentitontas dauern, durchfuhr es mich, bis es die Energieerzeuger trifft. Und dann ist es vorbei."

Also schliessen wir mit dem Leben unserer Helden ab. Wir hatten schon ein paar Zeilen zuvor gelesen:

"Sie haben uns doch in der Zange - genau zwischen sich und der Station. Damit ist das endgültige Urteil über die KARRIBO gesprochen."

Das hat er gut gemacht, der verehrte Herr Castor. Ich liebe Science-Fiction-Romane, die spannend sind und überraschende, aber nicht realitätsferne Lösungen bieten. Was geschieht also, um Ascari da Vivo und ihre Besatzung zu retten?

Aus eigener Kraft ist dies nicht mehr möglich. Wenn sie es doch geschafft hätten, wären die vorherigen Zeilen unglaubwürdig und kitschig geworden. Rainer Castor greift zu einer anderen Strategie: Die mutmasslichen Feinde sind untereinander zerstritten und bekämpfen sich plötzlich gegenseitig.

Das hat was! Die fremde Raumstation eröffnet das Feuer auf die Verfolgerschiffe der KARRIBO und verleitet diese zur Flucht. Die Lage des arkonidischen Superschlachtschiffes war nur deswegen aussichtslos, weil die Besatzung irrtümlich davon ausgegangen war, die geortete Raumstation gehöre zu den Feinden. Andererseits war diese Vermutung durchaus begründet, weil die Raumstation in Grösse und Bauart denjenigen Stationen ähnelt, die am Sternenfenster stehen und die unzweifelhaft in Feindeshand sind. Somit eröffnet die überraschende Wende in der Raumschlacht zahlreiche phantastische Spekulationen. Die galakto-politische Lage in der fremden Galaxis ist völlig unklar. Wer hat diese gigantischen Raumstationen wirklich erbaut? Welchem Zweck dienen sie?

Ich liebe es, wenn der Schleier des Geheimnisvollen über der Handlung liegt. Kurz und bündig: ich liebe kosmische Rätsel. Ascari da Vivo knabbert an ihrer Unterlippe, schnippt mit den Fingern und kommt auf folgende geniale Idee: "Was ist, wenn die vier Stationen gestohlen sind?" (S. 50)

Gemeint sind die vier grossen Raumstationen, die am Sternenfenster stehen und massgeblich für dessen Entstehung und Unterhalt verantwortlich sind. Also haben wir jetzt in der Perry-Rhodan-Serie wieder mal ein richtiges kosmisches Rätsel. Ich finde es toll, dass die Autoren nach vierzig Jahren von wöchentlicher Heftproduktion immer noch in der Lage sind, uns solche spannenden Rätsel zu präsentieren.

Der Roman Nr. 2115 mit dem Namen "Anguelas Auge" hat ein ansprechendes Titelbild, das auf Gewaltdarstellung und widerliche Monster verzichtet. Der Roman springt etwas zwischen den Handlungsebenen, was ich persönlich nicht so gut finde. Am Anfang und am Ende wird die Situation in der Milchstrasse beleuchtet, und wir sehen das Perry-Rhodan-Universum aus der Perspektive von Reginald Bull. Zwischendurch gibt es lästige Rückblicke in die jüngste Geschichte des arkonidischen Imperiums. Immerhin erfahren wir, dass die hübsche Ascari am 4.12.1284 NGZ geboren ist. Andererseits geht mir die übermässige Verwendung fiktiver arkonidischer Termini und Sprachfetzen, zu der Rainer Castor leider ausgesprochen neigt, insgesamt deutlich auf die Nerven. Wo Licht ist, ist auch Schatten - wenn man alles zusammenrechnet, ist der Perry-Rhodan-Band Nr. 2115 ein sehr schöner Roman, den man guten Gewissens vorzeigen kann.

Zu den positiven Faktoren bei Perry Rhodan gehört der Blick über die Galaxien hinweg. Das Universum ist riesig. Wer sich etwas für Hobby-Astronomie interessiert weiss, dass es unzählige kosmische Phänomene gibt. Die Perry-Rhodan-Serie versteht es, die Grösse des Kosmos und die Vielfalt der astronomischen Phänomene geschickt als Hintergrund für die Handlung einzusetzen. Auch das hat Rainer Castor in Band 2115 vorbildlich gelöst. Wir befinden uns an der Grenze zwischen zwei Galaxien. Die eine Galaxis, in der das Sternenfenster steht, heisst Tradom, und dort haben irgendwelche Bösewichter, die Perry Rhodan bekämpfen muss, das Reich Tradom errichtet. Die andere Galaxis heisst Terelanya. Beide Galaxien sind durch eine Materiebrücke verbunden.

"Selbst mit tausend Lichtjahren Abstand vom Rand der kugelförmigen Zone bot sich ein unglaublicher Anblick. Das Glühen, Leuchten und Strömen war ein unübersehbares Gebilde, im wahrsten Sinne des Wortes himmelsumfassend." (S. 31)

In der Sternenbrücke zwischen Tradom und Terelanya ist eine Glutzone von 5000 Lichtjahren Durchmesser angesiedelt, die astronomisch gesehen als "Anguelas Auge" bezeichnet wird. Für die Völkergemeinschaft der Galaxis Tradom hat dieses astronomische Phänomen jedoch auch eine religiöse Bedeutung:

"'Als höchste spirituelle Instanz gilt das Auge Anguelas', erklang Azrimins Vocoderstimme, 'Es wird für den Sitz der >gottähnlichen, alles beschützenden guten Macht< namens Anguela gehalten, die >alles sieht und für die Lebewesen von Tradom sorgt<. Viele Völker glauben offenbar, dass nach dem Tod die Seele in das Unendliche Nichts hinter Anguelas Auge oder von Anguela selbst eingeht." (S. 28)

Leider ist die Perry-Rhodan-Serie im Umgang mit der Religion nicht besonders geschickt. Ohne triftigen Grund wird im Reich Tradom die Religionsfreiheit mit Füssen getreten. Quasi im Nebensatz teilt Rainer Castor mit, dass die Anhänger von fremden Religionsgemeinschaften einfach getötet werden. Leute, so geht das nicht!

Religion als Grundbedürfnis des Menschen und als wesentlicher Teil der persönlichen Freiheit kommt in der Perry-Rhodan-Serie regelmässig zu kurz. Dafür gibt es im vorliegenden Roman eine andere interessante Wendung, die eigentlich mehr in die Klatschspalten der Boulevard-Zeitungen gehört. Der auf das arkonidische Imperium spezialisierte Perry-Rhodan-Autor Rainer Castor teilt uns nicht nur das Geburtsdatum seiner jungen, hübschen weiblichen Heldin mit, sondern er verrät uns auch etwas über ihre Eltern. Hier gilt: "Vater unbekannt." Castor eröffnet damit die Spekulation, dass Ascari da Vivo möglicherweise eine uneheliche Tochter von Imperator Bostich sein könnte.

Lassen wir uns überraschen, was Rainer Castor und die anderen Mitglieder des Autorenteams in den kommenden Monaten für uns vorbereitet haben. Wie ich schon in meiner Rezension zum Jubiläumsband 2100 geschrieben habe, bedauere ich ausserordentlich, dass es zu der heissen, intimen Liebesnacht zwischen Perry Rhodan und Ascari da Vivo nicht gekommen ist, obwohl Ascari dem biologisch unsterblichen Barbaren von Larsaf III diesbezüglich ein eindeutiges Angebot gemacht hatte. Mit dem vorliegenden Perry-Rhodan-Band bringt uns Rainer Castor diese Frau jedenfalls ein Stück näher, und sie wird nicht mehr ganz so arrogant und überheblich gezeichnet wie im Jubiläumsband 2100. Unklar bleibt, ob Ascari nun ihren Chefwissenschaftler erschossen hat oder nicht. Die Textstelle auf Seite 52 besagt, dass Ascari es zumindest versucht hat:

"... bis Ascaris STREGA-KNK-Schuss traf, gleichzeitig mit einem aus der Nischenkante hervorbrechenden blauen Strahl, der den Wissenschaftler - trotz seines kurzfristig hochgespannten Individualschirms - einhüllte und in der Art eines Desintegrators im Bruchteil einer Sekunde auflöste. Kal da Quertamagin war augenblicklich tot."

Karl-Herbert-Scheer hätte sicher seine Freude an der Darstellung der modernen Konstantriss-Nadelpunkt-Technik, die in der Waffe zur Geltung kommt, welche Ascari da Vivo in ihrem rechten Beinhalfter trägt: "Das für nur sechs Schüsse ausgelegte Trommelmagazin barg zylindrische Micro-Gravitraf-Patronen, deren gespeicherte Energie allerdings ausreichte, sogar IV-Schirme bis zur mittleren Paratron-Klasse zu durchschlagen. Sie hat also tatsächlich eine gekauft, dachte ich...  Die Waffe war dafür bekannt, dass sie hoch entwickelt, elegant und wirkungsvoll... und deshalb sündhaft teuer war." (S. 15)

Rainer Castor tritt hier in die Fußstapfen des Altmeisters, der von der Fangemeinde oft liebevoll 'Handgranaten-Herbert' genannt wurde und wegen seiner ausgefeilten Schilderung von hypermoderner Waffentechnik berühmt ist. Wenn Ascari sich also eine solche Wunderwaffe gekauft hat und damit absichtlich und zielgericht auf ihren Chefwissenschaftler schiesst, dann müsste der doch eigentlich tot sein, oder nicht? Ist Ascari nun eine Mörderin?

Keine Frage, der vorliegende Roman von Rainer Castor hat eine Menge Unterhaltungswert. Erzählt wird der Roman übrigens in der Ich-Form, und der referierende Protagonist ist ein Zaliter. Mit dem Abenteuerroman "Anguelas Auge" demonstriert Rainer Castor, dass er sowohl technisch als auch literarisch 'was drauf hat. Die Nachteile des Romans habe ich schon aufgezählt (irritierende Sprünge in der Handlungsführung, unnötiger Einsatz von zu vielen Arkonismen, die den literarischen Gesamteindruck doch erheblich stören) - deshalb reicht es in meiner subjektiven Bewertung nicht für ein "Sehr Gut". Als Fazit bleibt aber festzustellen, dass dieses Weltraumabenteuer definitiv zu den besten Perry-Rhodan-Romanen gehört, die im letzten halben Jahr erschienen sind.


© 2002 by Leo Donat

Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Autors. Dieser Artikel erschien ursprünglich auf der Webseite www.nrw.co.uk im März 2002. Der Verfasser ist per E-Mail zu erreichen: leo@nrw.co.uk

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