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Die verlorenen Gene
 
Kriminalroman von Andreas Donath

 

1. KAPITEL DEZEMBER

Als Erik in der Mittagspause auf die mit Lichterketten geschmückte Einkaufsstraße hinaustrat, um schnell noch ein Weihnachtsgeschenk für seine Sekretärin zu besorgen, blies ihm der Wind so schneidend kalt ins Gesicht, daß er einen Krampf in den Kinn-Muskeln bekam. Dabei begann der Winter offiziell erst in zwei Tagen. Er legte die rechte Hand schützend um seinen Hals und sah im Fenster eines Reisebüros eine computergezeichnete Palme, die seinen Blick unwiderstehlich anzog.

Gestern war sie noch nicht da gewesen. Das wußte er genau, weil er jeden Tag an diesem Fenster vorbeiging und die Sonderangebote musterte. Der Umriß der Palme - schwarze Punkte auf weißem Papier - wirkte auf ihn wie ein Fenster in eine Parallelwelt, in der es statt Schneeregen-Schauer einen hohen blauen Tropenhimmel gab, warmes Meerwasser und rotglühende Sonnenuntergänge. Ein Fest für die Sinne.

Er trat näher. Angeboten wurde eine achttägige Flugreise auf eine Insel im Indischen Ozean. Abflug am Vormittag des Heiligen Abends, Rückkehr am Neujahrsmorgen. Flug ohne Unterkunft für vierhundert Euro. Er stieß die Tür zum Reisebüro auf.

Erik war nicht der einzige, der noch keine Pläne für die Feiertage hatte. Er konnte nicht gleich bedient werden, weil sich ein junges Pärchen in bestickten Wildlederjacken umständlich beraten ließ. Erik hörte die Reiseberaterin das Angebot erläutern, das ihn hereingelockt hatte. Die Insel mit dem exotischen Namen Solea gehörte noch nicht zu den Zielen des Massentourismus. Deshalb waren zu Weihnachten noch Plätze frei, die man halb geschenkt bekam.

Eriks Gedanken begannen zu wandern. Er haßte es, sein Körpergefühl in der kalten Jahreszeit mit festen Kleidungsstücken zu betäuben. Auf der Tropeninsel könnte er seine Schultern von Brandungswellen massieren, die Haut von Wind und Sonne streicheln lassen.

"Kann ich Ihnen helfen?" fragte die junge Reiseberaterin, die eine herausfordernd sonnengebräunte Stirn und platinblonde Haarsträhnen hatte. Das Paar hatte nichts gebucht.

Erik fragte, was es kosten würde, die Reise pauschal mit Übernachtung oder Halbpension zu buchen.

"Wir haben das Angebot direkt von der Fluggesellschaft hereinbekommen. Das sind die letzten freien Plätze. Ohne Unterkunft. Die Pauschalreisen sind schon seit Wochen ausverkauft. Der Flug allein hat bis vor kurzem noch das Dreifache gekostet. Bei diesem Preis können Sie nichts falsch machen."

"Haben Sie eine Möglichkeit, ein Hotelzimmer separat zu buchen?"

"Normalerweise schon, aber nicht so kurz vor dem Abflug."

"Wie lange dauert es, den Flugschein zu besorgen?"

"Drei Minuten. Wir drucken das Ticket selber. Soll ich nachfragen, ob noch etwas frei ist? Wieviel Personen sind Sie?"

"Ich reise allein."

"Ich hätte noch ein Angebot Kuba. Ebenfalls über die Feiertage. Eine Woche 'alles Inklusive'. Kuba ist mega in."

Sie hielt ihn für jünger und abenteuerlustiger als er es war. 'Alles Inklusive' lief auf ein achttägiges Besäufnis hinaus. Dazu brauchte er nicht über den großen Teich zu jetten. Dann doch lieber die exklusive Insel im Indischen Ozean, auch wenn sie offenbar nicht das Traumziel für Einzelreisende war. Eine Woche würde er es schon aushalten.

In der Abflughalle war eine riesige Weihnachtstanne aufgestellt, deren Wipfel bis an die Decke reichte, behängt mit elektrischen Kerzen, roten Kugeln und silbernen Flugzeugmodellen.

Das Flugzeug, das nonstop zur Ferieninsel im Indischen Ozean flog, war nur zu einem Drittel besetzt. Erik konnte eine ganze Sitzreihe für sich allein beanspruchen und die Seitenlehnen hochklappen, um es sich bequem zu machen. Auf dem Essenstablett lag ein Fichtenzweig. Von Zeit zu Zeit kam die Stewardeß mit einer Sektflasche vorbei, um die Gläser nachzufüllen.

Als sie später mit dem Bordverkaufswägelchen vorbeikam, bestellte er zusätzlich zum zollfreien Whisky ein Parfumwasser aus einer Herrenserie. Sie setzte sich zu ihm auf die Seitenlehne, um die Preisliste mit ihm durchzugehen, und schlug ihm Aramis vor. Der Duft aus der Probierflasche hing noch lange zwischen den Sitzen.

In der Rücklehne vor ihm stak die Werbezeitschrift der Fluggesellschaft, die zur Hälfte aus Hochglanz-Anzeigen bestand. Ein Artikel über ihr Reiseziel stellte sündhaft teure Strandhotels vor, in denen eine Übernachtung fast genausoviel kosten könnte, wie die ganze Flugreise. Die Insel war ein eigener Staat, in der Ausdehnung doppelt so groß wie Teneriffa, aber von allen Seiten von Korallenriffen umgeben, und ihre erloschenen Vulkane waren keine tausend Meter hoch, und noch nicht wieder begrünt. An sportlichen Aktivitäten wurden dem Besucher Hochseefischen vorgeschlagen, Segeltörns, Wanderungen über den Meeresboden mit Taucherhelm, Fallschirmsegeln, Jetski-Fahren. Hoffentlich sah die Wirklichkeit urtümlicher aus.

Als sie das Mittelmeer erreichten, wurde die Beleuchtung gedämpft, die Fensterblenden heruntergezogen, und das Bordkino zeigte einen Film mit rotröckigen Weihnachtsmännern. Erik streckte sich auf seinen drei Sitzen aus. Wo er hinflog, gab es keine Rentierschlitten.

Aus seinem verlängerten Mittagsschlaf schreckte ihn die Ansage zur Landung hoch. Draußen herrschte undurchdringliche Finsternis, und als sie aus dem Flugzeug stiegen und das kurze Stück zum Terminal zu Fuß durch die Tropennacht gingen, war die Luft aufdringlich lau, erfüllt mit dem Geruch von Jasmin, Kerosin und reifen Durian-Früchten. Erik bekam einen Schweißausbruch, obwohl es nicht unangenehm heiß war.

Die Einreisekontrolle am Flughafen verlief weniger festtags-freundlich, als er es sich vorgestellt hatte. Er mußte sein Rückflugticket vorlegen, sein Bargeld, die Kreditkarten und den Hotel-Voucher. Er erklärte dem Beamten, daß er einen Nur-Flug gebucht hatte.

"Ohne Übernachtungsnachweis kann ich Sie nicht einreisen lassen, das müßte Ihr Reisebüro wissen. Sprechen Sie mit dem Mann vom Hotelschalter in der Ankunftshalle. Vielleicht hat er etwas für Sie. Ich behalte Ihren Paß, bis die Sache geklärt ist."

Die künstlich gekühlte Ankunftshalle roch nach Schimmel, wie er oft in den schlecht gewarteten Klima-Anlagen tropischer Länder wächst. Der Mann, der am Hotelschalter Papierlisten sortierte, war ein junger Inder mit einem kecken Oberlippenbärtchen.

"Guten Abend," sagte Erik, "ich bin gerade gelandet."

"Frohe Weihnachten. Welches Hotel haben Sie gebucht?"

"Noch keines. Deshalb komme ich zu Ihnen."

"Sie sind gut. Sie kommen in der Hochsaison, wenn alles ausgebucht ist und wollen ein Zimmer."

"Es muß ja kein Fünf-Sterne-Palast sein, ich nehme auch 'Bed and Breakfast', wie man drüben in Südafrika sagt."

"Kann es sein," fragte der Inder, "daß sie sich vor ihrer Abreise nicht über die Verhältnisse auf unserer Insel informiert haben?"

"Ich war schon auf vielen Inseln. Ich finde mich überall zurecht."

"Die Politik unserer Regierung ist es, Touristen zu gewinnen, die höchste Ansprüche an Komfort und Luxus stellen. Alle unsere Resorts sind Vier- und Fünf-Sterne-Hotels. Jetzt in der Hochsaison zahlen Sie zweihunderfünfzig Dollar pro Nacht, plus Einzelzimmerzuschlag, und trotzdem sind alle Betten belegt."

"Ich gehöre nicht zu den Glücklichen, die zweihundertfünfzig Dollar für ein Zimmer ausgeben können. Heute ist Weihnachten. Maria und Josef fanden auch eine Schlafstelle im Stroh."

Der Inder blätterte eine fotokopierte Liste durch.

"Ich habe wirklich nicht mal ein halbes Doppelzimmer frei. In zwei Stunden geht eine Maschine nach La Réunion. Das ist Mitglied der Europäischen Union. Die müssen Sie aufnehmen."

Er wandte sich dem nächsten Fluggast zu, der einen Hotelgutschein besaß, aber nicht abgeholt wurde. Erik war sprachlos vor Wut und Enttäuschung. Er mußte schlucken, doch seine Kehle krampfte. Er war dem Weinen nahe. So herablassend war er noch nie behandelt worden. Wenn er das geahnt hätte, wäre er nach Kuba oder Vietnam geflogen, wo westliche Touristen willkommener waren.

Er trat an die Absperrung, hinter der sich die Menschen drängten, die gekommen waren, um Fluggäste abzuholen.

"Taxi, Taxi!" rief ein alter Mann mit weißgrauem Haar über einem faltigen Gesicht. Erik winkte ihm zu, und der Fahrer trat an die geschnitzte Holzbrüstung.

"Hotel," sagte Erik, "no Hotel."

Der Mann begriff sofort.

"You need hotel? I know very nice place." Er überreichte Erik eine Visitenkarte mit der Aufschrift "Hotel Auberge de Nuit. Best Service".

Während Erik die Karte hin und her wendete, sprach der Fahrer in sein Mobiltelefon. Er beugte sich Erik zu. "Just one room free. Ninety-nine Dollar. You want?"

"Okay," sagte Erik, "please wait a moment."

Der Beamte an der Immigration warf keinen Blick auf die Visitenkarte des Hotels, die Erik ihm hinhielt.

"Sehen Sie," erklärte er, "wir machen das Unmögliche möglich." Er faltete Eriks Paß auseinander und suchte nach einem Platz für den Einreisestempel.

Der Taxifahrer wartete an der Sperre, um mit dem Gepäck zu helfen. Es waren nur eine dunkelgraue Reisetasche und ein Bordcase mit Rädern.

Der Flughafen lag ganz im Süden der Insel, fernab von jeder menschlichen Ansiedlung. Sie hatten eine Weile zu fahren. Es war so dunkel, daß es im Scheinwerferlicht des Wagens nichts zu sehen gab, als den Asphalt der Straße und die scharfen Scherenrisse von Zuckerrohrblättern. Er nickte ein. Als ihn der Fahrer anstieß, hielten sie vor einem Haus mit der lila Leuchtschrift "Auberge de Nuit." Der Name kam ihm bekannt vor. Ob es das gleiche Haus war, in dem Joseph Conrad auf einer seiner frühen Handelsreisen abgestiegen war? Der Taxifahrer klingelte, damit der Nachtportier die Tür aufschloß.

"Guten Abend. Sie sind der Gast vom Flughafen?"

"Neuhaus," stellte er sich vor.

Der Nachtportier drückte dem Taxifahrer, den Erik bereits bezahlt hatte, einen Schein in die Hand.

"Die Anmeldung machen Sie morgen, wenn die Chefin da ist."

Er drehte sich um und rief: "Michelle!"

Aus dem Hintergrund kam eine gähnende Frau in einer knallroten Personaluniform. Sie war mittelgroß, weder mager noch pummelig, hatte kurzes schwarzes Haar und sanfte braungrüne Augen. Er schätzte ihr Alter auf Ende Dreißig.

"Monsieur," sagte der Nachtportier, "das ist Michelle. Sie wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen und Ihnen beim Auspacken helfen." Er reichte ihr den Schlüssel.

"Herzlich willkommen!" Sie gab ihm eine weiche, kleine Hand. Dann bemächtigte sie sich seines Gepäcks und ging damit los.

"Lassen Sie mich," sagte er, aber es gelang ihm nicht, ihr die Reisetasche zu entwinden. So trug er sie am zweiten Henkel mit.

"Ich habe Sie geweckt. Das tut mir leid."

"Ich habe nicht richtig geschlafen. Ich habe mich nur ausgeruht. Aus welchem Land kommen Sie?"

"Allemagne."

"Ah Ferrari - Schuhmacher. Champion du monde."

Sie waren fast am Ende des Ganges, als sie die Tür zu Zimmer 34 aufschloß. Sie drückte den Schlüsselanhänger in das Einschubfach in der Flurwand, und die Raumbeleuchtung flammte auf. Die Frau hatte rechts neben der Oberlippe ein pfefferkorngroßes Muttermal, das ihr ein kameradschaftlich-fürsorgliches Aussehen gab. Gleich neben der Tür befand sich eine Ablageschale für Schuhe. Michelle schlüpfte aus ihren Ballerinas, und Erik folgte ihrem Beispiel. Das Zimmer war nüchtern eingerichtet. Es hatte eine regulierbare Klimaanlage, die Erik sofort warm stellte, eine Minibar mit Kühlschrank, einen Schreibtisch mit Lampe, Kofferständer, und ein ungewöhnlich breites Doppelbett.

"Das Bett ist ja riesig!" rief er erstaunt.

"Ja, nicht wahr? Das ist das Standardbett in unserem Hause. Wir machen keinen Unterschied zwischen Einzel- und Doppelzimmern. Das erleichtert die Bewirtschaftung."

"Sehr rationell und richtig verschwenderisch." Er würde die ganze Nacht von einer noch frischen Stelle zur nächsten rutschen können.

Er zog den Fenstervorhang zurück und suchte nach dem Griff zum Öffnen, als Michelle ihm in den Arm fiel.

"Nicht aufmachen, Moskitos."

"Ich möchte das Meer sehen."

"Das Meer ist weit weg. Sie können es bei Tageslicht von der Dachterrasse aus sehen."

"Also ist das kein Strand Hotel," sagte er enttäuscht.

"Besuchen Sie uns nicht geschäftlich? Im Zusammenhang mit dem Institut?"

"Nein. Ich bin privat hier."

"Sie haben Glück, daß Sie uns gefunden haben. Normale Urlauber sehen wir selten. Ich hoffe, es wird Ihnen gefallen."

Er hängte sein Jackett über die Stuhllehne. "Haben Sie einen Swimming-Pool?"

"Um diese Zeit nicht mehr. Morgen früh um sieben öffnet das Schwimmbad. Sie fahren mit dem Lift in den Keller und folgen den Schildern. Darf ich Ihnen Ihr Safe für Ihre Privatsachen erklären?"

Es war ein Stahlkasten auf dem Boden des Kleiderschranks mit einem Eintipp-Code, dessen Funktion ihm bekannt war.

"Ich glaube, ich habe Ihnen alles erzählt, was wichtig ist. Ich bin sicher, Sie werden das beste aus Ihrem Urlaub machen. Unser Schwimmbad ist angenehmer als die Korallenstrände."

Erik begleitete sie bis zur Tür. Als sie gegangen war, fühlte er sich hungrig. In Europa war jetzt Abendessens-Zeit. Er erinnerte sich an ein Werbefoto im Lift für einen 24 Stunden geöffneten Coffee Shop. Der Raum war groß aber fast leer. Abgekühlte Zugluft kam aus einem Schrankgerät an der Seite. An einem runden Tisch saßen vier Chinesen, die mit den Fingern der linken Hand den Boden der Gläser abstützten, aus denen sie sich zutranken. Aus einer anderen Ecke drang der Geruch von Weihrauch an seine Nase. Gab es hier einen chinesischen Hausaltar für den Küchengott? Nein, der Rauch stieg aus den Nasenlöchern eines bunt glasierten Weihnachtsmannes, den zwei ältere Gäste zwischen sich auf den Tisch gestellt hatten.

"Good evening," sagte Erik, "excuse me, what is this?"

"Weißt du, wie man das auf Englisch nennt?" fragte der Ältere von beiden, der kräftiges graues Haar hatte, seinen Nachbarn.

"Geene Ahnung." Der zweite hatte einen Bürstenhaarschnitt, ein aufgedunsenes Gesicht und einen kaum in sein Jeanshemd passenden Oberkörper.

"Ich bin Deutscher. Neuhaus." Er verbeugte sich.

"Ein Gast aus der Heimat. Setzen Sie sich zu uns. Hier freut man sich über jeden, der unsere Sprache spricht."

Der Grauhaarige stand auf und reichte Erik eine feingliedrige Hand.

"Lüders mein Name, mein Kollege Mahlmann. Er hat den Verstand, ich das Fingerspitzengefühl."

Mahlmann gab ihm die Hand ohne aufzustehen.

"Ich schätze, sie haben beide Beides."

"Nee, nee, nee," wehrte Lüders ab, "er kann programmieren. Dafür habe ich keine grauen Zellen."

"Seine Spezialität sind Toleranzen," ergänzte Mahlmann.

Erik wurde aus dem Duo nicht ganz schlau. Sie wirkten weder wie Urlauber, noch wie Handelsreisende.

"Das Kerlchen hier," Lüders blies vorsichtig etwas Asche von der bunt glasierten Tonfigur auf das weiße Tischtuch, "ist ein Räuchermännchen aus dem Erzgebirge. Wenigstens etwas Heimatliches will man doch haben, wenn man Weihnachten nicht zu Hause sein kann."

"So eine Figur habe ich noch nie gesehen. Auch bei Karl May steht nichts darüber."

"Das Räuchermännchen kommt aus der Tradition der Grubenarbeiter. Der May war bloß ein Lehrer, der Weihnachtskerzen geklaut hat. Wenn er dich gekannt hätte," er neigte sich über die Tonfigur, "hätte er das nicht getan."

"Stammen Sie aus dem Erzgebirge?" fragte Erik.

"Großelterlicherseits. Wir leben in Jena."

"Alle beide?"

"Wenn wir in Jena sind. Die meiste Zeit sind wir im Ausland auf Installation."

"Was montieren Sie?"

"Raten sie mal. Wofür ist Jena berühmt?"

"Lothar Späth. Computerchipfabriken."

"Etwas allgemeiner."

"Optik."

"Das ist mir zu allgemein."

"Fotoobjektive."

"Umgekehrt," forderte Mahlmann, "nicht nach außen schauen, sondern..."

"Mikroskope."

"Die Richtung stimmt. Jetzt noch eine Vorsilbe."

"Ich muß passen." Erik legte die Hände mit den Handflächen nach oben auf den Tisch. "Alles, was mir einfällt, ist länger als eine Silbe."

"Spucken Sie es aus."

"Wenn wir hier nicht auf einer Urlaubsinsel mitten im Indischen Ozean wären, würde ich sagen: Elektronische Mikroskope, Rastermikroskope."

"Stimmt haargenau." Lüders lächelte zufrieden. Die zwei waren ein lustiges Team.

Die Kellnerin reichte Erik eine in Plastik eingeschweißte Speisekarte.

"Ich habe noch nichts gegessen. Was gibt es um diese Zeit noch? Was empfehlen Sie?"

"Rinderfilet mit Tintenfisch. Das ist die ideale Kombination. Und preisgünstig. Der Tintenfisch ist weich wie Butter."

"Die Insulaner hier sind ein ehrgeiziges Völkchen," erläuterte Mahlmann. "Die teuersten Hotelbetten der Welt, die schärfsten Rastermikroskope, die auf dem Markt sind oder gerade entwickelt werden."

"Wozu braucht man die?"

"Sind Sie nicht in Verbindung mit dem Institut hier?"

"Welchem Institut?"

"Es ist ganz bekannt - Ihnen anscheinend nicht - daß Solea ein hochmodernes Institut für Genforschung aufgebaut hat."

Es war das zweite Mal an diesem Abend, daß er von diesem Institut hörte, das für Solea von besonderer Bedeutung sein mußte. Dabei hatte er vorher nie etwas darüber gelesen.

"Die Insel der Doktor Moreau," bemerkte Erik leichthin.

"Was ist das?"

"Ein Horrorfilm der Dreißiger Jahre, in dem ein verrückter Professor auf einer Südsee-Insel Menschen mit Orang Utangs kreuzt."

Eriks Essen kam. Der Tintenfisch war so weich, daß man ihn mit der Gabel zerteilen konnte.

"Haben Sie den Film 'The Boys from Brazil' gesehen?" fragte Mahlmann.

"Nein."

"Dort gelingt es einem unverbesserlichen SS-Arzt, aus einem Blutstropfen von Hitler hundert kleine Adolfs zu klonen."

"Jurassic Park," konterte Erik.

"Nein, nein, hier arbeitet man nicht mit Versteinerungen, sondern dem Erbgut lebender Zellen."

"Hier auf Solea?"

"Nein, im Disney-Park," wehrte Mahlmann schroff ab.

"Verstehe," sagte Erik eingeschnappt.

"Was ich gerne mache," sagte Lüders, "ist Ihnen die Arbeitsweise unserer Mikroskope erklären. Der menschliche Körper besteht aus Zellen. Einer unvorstellbar großen Zahl von Zellen. Und jede einzelne Zelle können wir in der Größe dieses Speisesaales darstellen. "

"Unglaublich. Wozu braucht man das?

"Nehmen wir den Tisch, an dem wir sitzen, und den Nachbartisch. Auf denen liegen die Erbinformationen."

"Die Chromosomen der Doppelhelix. Stimmt das?"

"Wir sind keine Mediziner. Ich weiß nur, daß die Ärzte unser Mikroskop brauchen, um sich jedes einzelne Chromosom genau anzuschauen."

"Das ist ein ungeheurer Aufwand. Investitionen, Fachkräfte. Wo soll das Geld herkommen auf einer Insel, kaum größer als Teneriffa?"

"Uns kann es egal sein. Wir sind dankbar für jeden Auftrag, der uns unsere Arbeitsplätze in Jena noch ein paar Monate erhält. Wenn die Firma dicht macht - glauben Sie, wir finden noch mal Arbeit? Mit fünfundfünfzig."

"Bei Ulbricht und Honecker," sagte der etwas jüngere Mahlmann, "hat niemand um seinen Arbeitsplatz fürchten müssen. Aber jetzt haben wir alle das große Zittern. Nicht, daß ich die Roten zurück haben will, aber wissen Sie, was uns die Freiheit gebracht hat? Die Perspektive auf Lebensarbeitslosigkeit."

Lüders steckte eine neue Weihrauchperle in das Räuchermännchen und brachte sie mühsam zum Glimmen.

Die Figur war ein Weihnachtssymbol aus einer seit jeher von Arbeitslosigkeit bedrohten Region. Köhler, Grubenarbeiter, Weber. Die Arbeitslosen der Berliner Republik waren nicht vom Hunger bedroht. Aber von der Aussicht, noch dreißig Jahre auf einer Reihenhausterrasse zu sitzen und keine andere Aufgabe zu haben, als die Regenfäden zu zählen. Die Monteure hatten die Figur aufgestellt, um ein heimatliches Weihnachtsgefühl zu finden, aber das Räuchermännchen brachte ihnen die Existenzsorgen ihrer Vorfahren ins Tropenidyll. Erik verabschiedete sich, ohne die richtigen Worte zu finden, die etwas Weihnachtsglanz in ihre Augen gebracht hätten.

Erik kehrte in sein Zimmer zurück. Er hatte keine Lust, das Hotel weiter zu erkunden. Bestimmt gab es auch eine Bar. Aber heute war Heiliger Abend. Das paßte nicht zusammen. Er deckte sein Bett auf. Er warf sich aufs Bett und streckte die Arme aus. Es war so breit, daß er die Seitenkanten nicht mit den Fingern erreichen konnte. Vorhin wäre er um Haaresbreite nach La Réunion ausgewiesen worden. Und jetzt dieser Luxus.

Er zog Schlafanzugjacke und Hose an. Er trank ein Bier, löschte das Licht. Vor dem Fenster stieß ein Vogel melodische Lockrufe aus. Es war Nacht draußen. Er war müde, aber auch etwas aufgekratzt. Als er ein Kind war, hatte er nur einschlafen können, wenn er innerlich ein Gebet aufgesagt hatte, das mit der Bitte an den Lieben Gott endete, alle zu beschützen, die seinem Herzen nahestanden. Es waren so viele, daß er bei der Aufzählung der Namen meistens in Schlaf versank, bevor er beim Amen angelangt war. Später hatte er aufgehört, zu beten, aber er zählte beim Einschlafen immer noch eine Liste auf: Die Namen der Frauen, in deren Umarmung er sich als Erwachsener wohl gefühlt hatte. Es waren nicht viele, aber an jede hatte er unverwechselbare Erinnerungen, und bei jeder bedauerte er, daß sie nicht mehr zusammen waren. Und jede einzelne von ihnen, fiel ihm ein, bestand aus Millionen von Körperzellen, so groß wie ein Speisesaal. Dafür hatten sie sich ganz kuschelig angefühlt.

Der Vogel vor dem Fenster stieß immer noch seinen einprägsamen Lockruf aus. Es klang wie: "Was für ein schöner Vogel bin ich?"

 

2. KAPITEL ERSTER FEIERTAG MITTWOCH

Als ihn das Telefon weckte, war es hinter den Fenstervorhängen hellichter Tag. Die Leuchtdioden der Nachttischuhr zeigten auf zehn Uhr.

"Guten Morgen," sagte eine einschmeichelnde Frauenstimme, "Sie haben ein Zimmer mit Frühstück gebucht. Beabsichtigen Sie, das Frühstück auf der Terrasse einzunehmen, oder wollen Sie sich mit einem Frühstück im Bett verwöhnen lassen?"

"Auf dem Zimmer wäre nicht schlecht."

"Wünschen Sie das amerikanische Frühstück, das kreolische oder das japanische?"

"Das amerikanische mit Kaffee, bitte."

"Rechnen Sie mit zehn Minuten Vorbereitungszeit."

Ihm war etwas schwindlig durch die Zeitverschiebung. In Deutschland würde er jetzt noch im Tiefschlaf liegen. Er putzte sich die Zähne und war gerade mit Rasieren fertig, als es an der Tür klingelte. Er öffnete und trat schnell zurück, weil er noch im Schlafanzug war.

Die Serviererin hatte tiefschwarze Haut, ein schwarzes Kunstseidenkleid und ein weißes Spitzenschürzchen.

"Guten Morgen," rief sie, "gut geschlafen?"

"Viel zu wenig," erwiderte er.

Sie schob einen Servierwagen neben den Sessel, nahm die Chromhaube von den Eiern mit Speck und legte sie auf die untere Ablage.

"Bitte vergessen Sie nicht zu unterschreiben." Sie überreichte ihm ein Kunstledermäppchen mit der Rechnung.

"Wenn Sie mal früher auf sind, müssen Sie unbedingt zum Frühstücksbüffet hinuntergehen. Schon wegen des frischen Obstes. Ananas, Bananen, Mango, Melonen, Papaya."

Sie sagte das, als sähe sie ihn lieber an der Obsttheke.

"Ich wußte nicht Bescheid. Ich bin hier, weil ich zum Schwimmen ans Meer will. Können Sie mir etwas empfehlen?"

"Hier in der Nähe haben wir nur den Hafen. Die Schiffe verschmutzen das Meer. Etwa fünfzehn Kilometer südlich gibt es eine schöne Badebucht ohne Ausländerhotel, ohne Motorboote oder Jetskis. Dort kann man gut schwimmen. Merken sie sich den Namen Baie du Pecheur."

Er schrieb den Namen des Strandes auf die Rückseite eines Hotelprospektes. Dann schaffte er es gerade noch, einen Geldschein in seiner Jacke zu finden.

"Für mich? Oh merci."

Das Frühstück war so mächtig, daß er nur die Hälfte bewältigen konnte. Den nicht gegessenen Käse und Schinken räumte er mitsamt den Croissants auf ein Tellerchen, das er in den Kühlschrank der Minibar stellte, bevor er den Servierwagen vor die Tür rollte.

Die Leuchtdioden auf der Nachttischkonsole bezifferten die Ortszeit mit halb elf. Höchste Zeit, sich offiziell anzumelden.

An der Rezeption im Erdgeschoß hatte eine scharf geschminkte Empfangsdame Dienst, die einen kurzärmligen Seidenstrickpullover trug. Ein Hauch von Ylang-Ylang-Duft wehte ihn an. Die Haut an ihrem Hals wies ihr Alter als Mitte vierzig aus.

"Ich bin Neuhaus, der Gast, der gestern so spät kam. Ich übernachte zum ersten Mal hier."

"Ich weiß." Sie lächelte ihn verführerisch an und reichte ihm die Hand zur Begrüßung. "Ich heiße Marylou. Ich freue mich, daß Sie uns beehren. Wie lange wollen Sie bleiben?"

"Bis zum Einunddreißigsten, wenn es geht."

"Sie haben Glück, wir sind in diesen Tagen nicht voll belegt." Sie legte ihm ein Anmeldeformular hin.

"Der Zimmerpreis beträgt einhundertfünfzig Dollar inklusive Frühstück."

"Auf dem Flughafen sagte man mir neunundneunzig Dollar."

"Das ist richtig. Für die letzte Nacht berechnen wir Ihnen nur neunundneunzig Dollar, weil Sie erst so spät eingetroffen sind. Hundertfünfzig Dollar sind der Satz für den vollen Tag und die volle Nacht. Einen Einzelzimmerzuschlag erheben wir nicht. Ist Ihnen das recht?"

"Ja." Er hatte keine Lust, am Ersten Weihnachtsfeiertag in einem fremden Land auf Zimmersuche zu gehen.

"Tragen Sie bitte in Zeile zwei den Namen Ihrer Firma ein. Wir sind ein Hotel für Geschäftsreisende. Das Tourismus-Ministerium nimmt es sehr genau, weil sie nicht wollen, daß wir normale Touristen aufnehmen. Unsere Gäste kommen aus allen Kreisen der Wirtschaft. Biochemiker, Computerspezialisten, Investoren."

Als er ihr seine Kreditkarten zur Auswahl hinschob, wählte sie die Eurocard.

"Ist es Ihnen recht, wenn ich gleich eintausend Dollar Vorauszahlung von ihrer Kreditkarte abbuche? Sie werden bestimmt mehr ausgeben."

"Einverstanden," sagte er mit trockenem Munde.

Er hatte in den letzten Monaten einen guten Teil seines Gehaltes gespart.

Sie wählte die Nummer der Kreditgesellschaft und schob die Karte in ein Lesegerät.

"Sind Sie schon über unser Fitness-Programm informiert?"

"Ich habe gehört, Sie haben ein Schwimmbad. Das ist alles, was ich brauche."

"Meine liebe Marylou, haben sie Mail für mich?" rief ein Mann von etwa dreißig Jahren, der frühzeitig beleibt wirkte. Sein Gesicht war das eines großen Jungen, ein Eindruck, den sein kurzärmliges gelbes Hemd noch verstärkte. Sein blonder Schopf wirkte stachelig, als ob sich ihm ständig die Haare sträubten.

"Kennen Sie sich?" fragte die Empfangsdame. "Sie sind Landsleute."

"Ziegler von der Colonia in Köln," sagte der Neuankömmling.

"Neuhaus, Proverba, Hamburg." Sie schüttelten sich die Hände.

"Wenn Sie länger da sind, könnten wir etwas gemeinsam unternehmen."

"Ich fahre heute ans Meer," erklärte Erik.

"Das hat ein Bote für Sie gebracht," sagte Marylou und reichte Ziegler einen großen Umschlag.

"Ich schätze, ich gehe heute nicht mehr aus." Ziegler schwenkte seine Papiere.

"Wir sehen uns noch," sagte Erik.

Das Kreditkartengerät piepste.

"So, jetzt haben Sie tausend Dollar hinterlegt. Ist das nicht ein gutes Gefühl? Wir bieten allen Gästen, die sich für unser Fitneß-Programm interessieren, einen kostenlosen Gesundheits-Check an. Das ist wegen der Klima-Umstellung sehr zu empfehlen. Heute ist unsere Hotelärztin nicht da, aber ich könnte für morgen Vormittag einen Termin für Sie arrangieren. Wäre ihnen das recht?"

Er nickte wortlos.

"Jetzt fahr ich erst mal zum Baden ans Meer. Gibt es hier auch so viele Haifische wie vor der südafrikanischen Küste?"

"Nicht daß ich wüßte. Hüten Sie sich vor einem Sonnenbrand. Das geht schneller als man denkt, und dann tut jede Berührung weh. Machen Sie es wie die Einheimischen und ziehen Sie sich beim Baden ein Oberhemd aus Baumwolle an."

An der Straßenecke vor dem Hotel standen drei Motorradfahrer in rote Westen. Auf den Rücksitzen hatten sie Schutzhelme liegen.

"Bonjour. Vouz faites 'oleg-oleg'?" fragte Erik. Oleg-oleg war der malayisch-indonesische Ausdruck für eine Mitfahrt auf dem Rücksitz des Motorrads.

"You want a ride?" sagte der erste. Where do you come from? Nobody say 'oleg-oleg' here. They not know the word. I understand, because I travel Malaysia. What place you go?"

"Baie du pecheur."

"Ten Dollar," sagte der Fahrer schnell, bevor seine Kollegen das Fahrziel verstanden hatten.

"Five Dollar," erwiderte er. In Phnom Penh war er für einen Dollar durch die ganze Stadt gerast worden.

"Five Dollar one way," lenkte der Fahrer ein. "You not come back?"

"I go swimming. Maybe not come back."

Der Schutzhelm, den ihm der Fahrer reichte, war aus lackiertem Pappmachee. Die Fahrt ging halsbrecherisch über Asphalt-Verwerfungen, losen Kies und Schlaglöcher. Er hielt sich mit beiden Händen so krampfhaft an der Sattelstange fest, daß ihn die Finger schmerzten.

Die Baie du Pecheur war kein Palmenstrand, sondern eine sichelförmige Bucht, an der sich feinnadlige Casuarinas mit ausladenden Bhodi-Bäumen abwechselten. Erik mietete einen Liegestuhl mit Sonnenschirm. Der Vermieter behandelte ihn sehr zuvorkommend, denn viele indische Großfamilien saßen im Schatten der dichten Laubbäume auf dem nackten Boden und packten unüberschaubare Mengen von Picknickkörben aus.

Bevor Erik ins Wasser ging, gab er seine Badetasche dem Liegestuhlvermieter in Verwahrung. Als er ins Wasser trat, kitzelte der Meeresboden seine Füße. Der Strand bestand aus Korallensand, in dem noch viele nicht ganz verwitterte Korallenzweige steckten, die ihn in die Fußsohlen piekten. Er mußte weit hinaus waten, bevor er Schwimmtiefe erreichte. Das Wasser trug ihn gut, und er drehte sich abwechselnd auf den Rücken und die Brustseite.

Direkt vor seinen Augen schwebte eine baumbestandene kleine Insel über den Wellen. Sie hatte etwas Unberührtes, das ihn reizte, und er setzte sich das Ziel, zu ihr hinzuschwimmen und ein paar Minuten im Schatten ihrer Bäume auszuruhen, bevor er den Rückweg antrat. Er schwamm kräftig darauf zu, aber sie schien immer gleich weit weg zu bleiben, obwohl sich ihr Aussehen ständig veränderte. Erschöpft legte er sich auf den Rücken, um seine Kräfte zu bewahren, und nach einer Weile bemerkte er, daß ihn das Wasser immer weiter mitnahm, obwohl er keine Bewegung machte. Er mußte in eine starke Strömung geraten sein, die ihn mitriß. Er drehte sich um und schwamm gegen die Strömung an, aber er hatte den Eindruck, daß er nicht vorankam, sondern sich beim Vorwärtsschwimmen rückwärts bewegte.

Er erschrak. War er in eine Strömung geraten, die ihn über mehr als tausend Kilometer bis zur afrikanischen Küste tragen würde? Auf der Insel Bali gab es am Kutastrand so eine heimtückische Strömung, die direkt vor einem Touristenrestaurant begann. Er war jetzt schon so weit hinausgetrieben, daß er sich den Menschen am Ufer nicht mehr durch Armbewegungen oder Rufe verständlich machen konnte. Maybe not come back, hatte er seinem Fahrer gesagt. War sein Leben zu Ende? Unwiderruflich? Wie würden seine Freunde es erfahren? Wenn er wenigstens die Projekte, an denen er arbeitete, einem Kollegen übergeben hätte, der sie erfolgreich zu Ende führen könnte. Aber er hatte es unterlassen, weil in der Firma zwischen den Jahren kaum gearbeitet wurde.

Er ließ sich treiben. Schwimmen, schwimmen, schwimmen. Durch den Tag, durch den Abend, durch die Nacht. Er legte sich im Wasser auf die Seite und studierte die Küste. Er erkannte die Baumgruppe am Nordende der Baie. Wenn er diese Richtung einschlug, in einer Tangente zur Strömung, müßte er in einem leichten Winkel nach rechts dem Ufer näherkommen. Beim Segeln funktionierte das. Er hatte Kraft in den Armen und Beinen. Er begann seine Schwimmstöße zu zählen.

Das Ufer glitt an ihm vorbei wie ein Panorama. Die Bhodibäume wurden langsam größer. Er konnte die farbigen Saris der indischen Frauen erkennen. Sein Fuß berührte etwas Hartes, Glattes. Eine Haifischflosse? Nur nicht in Panik geraten. Er blickte nach unten. Kein Fisch. Ein graugrüner Stein, der zu einem abgestorbenen Riff gehörte, das unter dem Wasser verborgen lag. Die Strömung sog immer noch an ihm. Aber er konnte sich an den Steinen des Riffs dagegen anstemmen. Vorsichtig tasteten seine Füße sich vorwärts, immer gewärtig, in etwas Gefährliches zu treten. Eine Riesenklappmuschel, einen Seeigel, den Kopf einer Muräne. Aber das Riff - oder was davon übrig war - trug kein Leben mehr. Plötzlich war das Riff zu Ende, und weißer Korallensand leuchtete unter den Wellen. Er machte einen Sprung und ließ sich sinken, um die Tiefe zu erkunden. Als das Wasser in seine Nasenlöcher trat, berührten seine Fußspitzen den Meeresgrund, der hier kaum zwei Meter tief war. Dabei lag das Ufer noch ein ganzes Stück entfernt. Mit rudernden Armen bewegte er sich mehr gehend und springend als schwimmend vorwärts. Vom Schwimmen hatte er genug.

Als er den Strand betrat, taumelte er wie ein Wesen, das den aufrechten Gang verlernt hatte. Einige Leute, die ihm zusahen, machten Bemerkungen über die Gefährlichkeit des morgendlichen Rum-Trinkens. Er verfiel in einen leichten Trab, weil er zu seinem Handtuch wollte. In seinem nassen Oberhemd wurde er vom Wind ausgekühlt. Ein appetitlicher Bratengeruch hielt ihn auf. Unter einer hohen Sonnenschutzplane wurden frisch gefangene Hummer gegrillt.

"Zwei für mich," sagte er dem Koch, "ich hole nur mein Geld." Als er sich abtrocknete, kam der Liegestuhlverkäufer mit seiner Badetasche.

"Vous avez couchee avec une femme? Presque deux heures." Er hob anerkennend den Daumen.

"Elle m'a fatigué," erwiderte Erik. Seine Todesangst kam ihm lächerlich vor unter all diesen Menschen, die Christi Geburt feierten. Ihm war mehr nach Auferstehung zumute. Zurück aus der stahlblauen Grabkammer des Meeres. Am Südende des Strandes stand ein weißer Metallmast, an dem eine rote Fahne hochgezogen war. Sie war ihm vorhin gar nicht aufgefallen. Jetzt bemerkte er, daß die anderen Badenden nur mit den Füßen durch das seichte Wasser wateten.

Der gegrillte Hummer wurde mit Ketchup und Majonaise mit grünem Pfeffer serviert. Das Bier mußte er aus der Flasche trinken. Er konnte sich nicht erinnern, jemals ein so wohlschmeckendes Weihnachtsmahl genossen zu haben. Den zweiten Hummer schaffte er kaum noch. Sein Magen mußte sich im Wasser zusammengezogen haben. Nur schade, daß er seine Errettung so ganz allein feiern mußte. An einem Stand kaufte er zwei Dosen Bier für seinen Liegestuhlvermieter. Als er seinen Weg fortsetzte, ging plötzlich eine Kreolin neben ihm.

"Ca va?" fragte sie.

"Merci," sagte er.

Sie kam ihm so nahe, daß sie ihn beim Gehen mit ihrer Hüfte berührte. Sie hatte lange Beine, die sie fast so groß wie ihn machten.

"You want Sucki-sucki, Fucki-fucki?" fragte sie mit gesenkter Stimme.

"No thank you."

"One hour ten Dollar." Er schüttelte den Kopf.

"You want young girl?"

"I don't like girls."

"Quelle dommage."

Sie blieb genauso schnell und unauffällig zurück, wie sie sich ihm genähert hatte. Die Baie du Pecheur war anscheinend nicht nur ein Strand der Fischer, sondern auch der Sünder. Sein Liegestuhlvermieter bestand darauf, daß sie das Bier gemeinsam tranken. Ihm wurde dösig, und er streckte sich zufrieden aus.

Erst das Klappern des Zusammenlegens der Liegestühle weckte Erik. Die untergehende Sonne, ein riesiges rotes Ei, warf eine letzte Spur goldener Reflexe über die dunkelnden Wellentäler. Er mußte sich beeilen, ins Hotel zu kommen, bevor die Moskitos ihren Nachtangriff starteten.

Auf der Straße standen keine Motorradfahrer, aber ein Taxi brachte ihn für zwanzig Dollar zurück. Als er ausstieg, konnte er sich vor Muskelkater kaum bewegen. Er erinnerte sich, daß Whisky pur ein gutes Hausmittel war. Seine Wärme breitete sich über den ganzen Körper aus, auch die schmerzenden Muskelpartien. Ein heißes Bad würde auch helfen, aber er hatte genug vom Wasser. Er holte sich ein Handtuch aus dem Bad, um sich damit zuzudecken. Es war ihm zu umständlich, die Oberdecke abzuziehen und auch noch zusammenzulegen.

In seinen Träumen trat er auf Steine, die sich in Haifische verwandelten, und rettete sich auf die heißen Hüften der Kreolin, deren lange Beine in einen Fischschwanz übergingen. Er wollte das nicht träumen, aber die Strömung der Bilder war so stark, daß er es nicht schaffte, zur Bewußtseinsoberfläche aufzutauchen.

Es war seine Blase, die ihn gegen zweiundzwanzig Uhr Ortszeit weckte. Im hautschmeichelnden Badezimmerspiegel hatte er eine rote Säufernase und rot angelaufene Schläfen. Rücken und Arme waren unverbrannt, weil er beim Schwimmen ein Oberhemd getragen hatte. Nur seine Waden waren noch gerötet. Er bedeckte die schmerzenden Stellen mit einer dicken Schicht Fenistil-Gel. Er kam sich vor wie ein überschminkter Schauspieler. Aber es wirkte. Er hatte plötzlich Hunger. Im Kühlschrank war noch das halbe Frühstück, das er hineingestellt hatte. Mehr brauchte er nicht.

Anschließend nahm er sich den "Beharrlichen Gärtner" von Le Carré vor. Eine Gänsehaut in der Tropennacht mußte ein gutes Gegenmittel zu seinem Sonnenbrand sein. Aber das Licht war nicht zum Lesen geeignet. Er vertiefte sich lieber in ein vorletztes und ein letztes Glas Whisky. Mit viel Wasser. Das Bewußtsein, wieviel Glück er heute gehabt hatte, wärmte sein Herz. Das Glück würde ihm auch morgen treu bleiben. Er löschte das Licht.

 

 

3. KAPITEL ZWEITER FEIERTAG DONNERSTAG

Als das Telefon klingelte, war er überzeugt, nur eine halbe Stunde geschlafen zu haben. Tatsächlich war es die allmorgendliche Frage nach seinem Frühstückswunsch. Die Zimmerkellnerin gestern hatte ihm Appetit auf das Büffet mit den frischen Früchten gemacht. Das sagte er der Anruferin, und sie wünschte ihm viel Vergnügen.

Der Frühstücksbereich des Hotels zog sich von einem Saal im Souterrain mit offenstehenden französischen Fenstern über eine anschließende Außenterrasse bis hin zum langen Swimmingpool, der bereits vom Sonnenlicht gewärmt wurde. Die Luft schwirrte vom Flügelschlag kleiner Vögel, die sich zutraulich auf die Tischkante setzten und Erik vorwurfsvoll anblickten, weil er nur Obst auf seinen Riesenteller geladen hatte.

"Gibt es hier keine Katzen?" fragte er die Kellnerin, die ihm aus einer runden Glaskanne Kaffee einschenkte.

"Keine Katzen, keine Schlangen. Sie werden alle abgeschossen. Es gibt Hunderte von Vögeln, die nur auf unserer Insel leben und sonst nirgends auf der Welt."

Sie hatte eine kräftige Gestalt, die ihm gut gefiel, und fuchsrotes Haar.

"Ich heiße Corinna. Wenn Sie einen besonderen Wunsch haben, erreichen Sie mich ab elf Uhr unter dem Service-Telefon. Ich würde Ihnen gerne alles über unsere Insel erzählen. Dort will noch jemand Kaffee." Sie ging ohne seine Antwort abzuwarten.

Ein kleiner Vogel mit blaugrünen Federn und weißer Kehle hüpfte auf seine Schulter und zwitscherte etwas, das wie ein Schlagerrefrain klang. Als Erik ihm eine Antwort zupfiff, schwebte er entrüstet davon. Erik war nicht der Heilige Franz von Assisi, überhaupt kein Heiliger.

Dafür steuerte Ziegler seinen Tisch an, den Teller hoch mit Würstchen und Schinken beladen.

"Darf ich mich setzen? Ich bin beim Essen nicht gerne alleine."

"Long time no see. Sind Sie auf Dienstreise hier?"

"Wie denn sonst? Sie nicht auch?"

"Last Minute Flight."

"Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? In dieses Hotel?"

"Nicht direkt. Sie müssen die frische Ananas probieren."

Ziegler schnappte sich mit der Gabel ein Ananas-Schnitzel von Eriks Teller.

"Sehr gut. Ich heiße Jean."

"Erik."

Jean versuchte ein Stück Papaya auf Eriks Teller aufzuspießen, aber es brach auseinander, und er führte die Teile mit der Hand zum Mund. "Auch sehr gut. Was ist das?"

"Papaya."

"Warum hast du das nicht früher gesagt? Papayas machen unfruchtbar und lustlos."

"Woher weißt du das?"

"Ich habe gerade einen Artikel gelesen von einem französischen Journalisten, der auf Ceylon recherchiert hat. Frauen, die täglich Papaya essen, also größere Mengen, ein halbes Kilogramm oder mehr, die werden nicht schwanger."

"Das habe ich noch nie gehört. Wie heißt der Verfasser?"

"George Bernbach. Arbeitete für 'Paris Vive'. Seinetwegen bin ich hier."

"Ist er auch Gast in der Auberge?"

"Gewesen."

"Was macht er jetzt?"

"Nichts mehr. Er hat den Löffel abgegeben"

"Erklär dich näher."

"Interessiert dich der Fall?"

"Wenn es Kollegen betrifft, immer."

"Also, vor sechs Monaten hat der Verleger von Bernbach bei unserem Pariser Büro sein Leben für fünf Millionen Franc versichern lassen. Unter Ausschluß von Kriegs-, Bürgerkriegs- und Terrorismus-Einwirkungen. Ein kalkulierbares Risiko, durfte man annehmen. Wer konnte ahnen, daß er ertrinken würde? Hier auf der Insel der Liebe."

"Wie lange ist das her?"

"Vier Wochen. Die Urne ist noch nicht zurücktransportiert. Der Verleger hat schon einen Anwalt eingeschaltet, um die Auszahlung der Versicherungssumme zu beschleunigen."

"Das würde ich auch tun, wenn man meine Leiche so lange herumliegen läßt."

"Asche, nicht Leiche. Versicherungstechnisch gesehen, gibt es immer drei mögliche Todesursachen. Selbstmord, natürlicher Tod und Unfall. War es Selbstmord, zahlen wir nichts. Bei natürlichem Tod werden fünf Millionen fällig, und bei Unfall zehn."

"Warum rechnest du nicht in Euro?" fragte Erik, "dann tut es weniger weh."

"Hör mir bloß mit dem Euro auf. Der Euro wird nächstes Jahr wieder abgeschafft."

"Ist das amtlich?"

"Nein, logisch, weil niemand damit die Preise durchschauen kann."

"Ist Ertrinken nicht immer ein Unfall?"

"Im Volksmund ja, für die Versicherung nicht."

"Also geht es um fünf Millionen."

"Von denen wir erst ein paar Tausend Prämie gesehen haben. Wo soll das Geld herkommen?"

"Hast du irgendeinen Anhaltspunkt für Selbstmord?"

"Noch nicht. Vielleicht hat er einen Abschiedsbrief hinterlassen, den eine Bedienung eingesteckt hat, weil sie ihn nicht lesen konnte. Vielleicht hat er mehreren Zeugen gegenüber Selbstmordabsichten geäußert. Ich muß jeder Spur nachgehen."

"Wie weit bist du gekommen?"

"In diesem Hotel wird nichts als gemauert. Wissen wir nicht, kennen wir nicht, haben wir nie gesehen."

"Wie sehen denn die harten Fakten aus?"

"Im Hotel eingecheckt am 18. November. In der Nacht vom 24. auf den 25. in einem Anfall von Tropenkoller sein Zimmer verwüstet. Danach nicht mehr im Hotel gesehen. Zwei Tage später aus dem Meer gefischt. Zu dem Zeitpunkt bereits vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden tot. In diesem Klima schwer zu beurteilen."

"Ich bin gestern beim Schwimmen im Meer in eine gefährliche Strömung gekommen und um Haaresbreite nach Afrika abgetrieben worden. Daß ich hier sitze, ist ein Wunder."

"Wo war das?"

"In der Baie du pecheur, eine halbe Stunde mit dem Motorrad von hier."

"Glück gehabt. Bernbach ist nachts verschwunden. Niemand geht in der Dunkelheit ins Meer, aus Angst, sich die Füße zu verletzen."

"Wenn das so ist, würde ich auf Mord tippen. Glaubst du, mein Chef würde mein Leben mit fünf Millionen versichern? Bleib auf dem Boden. Es kann nur so sein, daß sein Verleger zwei Killer aus Marseille oder Korsika auf ihn angesetzt hat. Es war Mord, und an den Mörder braucht ihr nichts zu zahlen."

"Du siehst zu viele Fabio-Montale-Krimis. Selbst wenn du richtig liegst, ist die Rechtskonstruktion des Verlages eine solche, daß wir ums Zahlen nicht herumkommen. Nein, nein, Selbstmord bleibt meine Trumpfkarte. Sonst ist dies meine letzte Dienstreise. Hast du schon das Fitneß-Coaching probiert? "

"Nein."

"Sehr empfehlenswert."

Jean stand abrupt auf. "Morgen früh, same time, same place." Seinen noch halbvollen Fleischteller ließ er einfach stehen. Erik holte sich die Scheiben kalten Bratens herunter. Er haßte Ufflads, aber er war sich nicht schlüssig, ob er Ziegler amüsant oder nervend finden sollte.

An der Rezeption hatte wieder die resolute Marylou Dienst.

"Gut, daß Sie kommen, Monsieur Neuhaus. Ich habe einen Termin für Sie. Jetzt sofort. Die Ärztin ist heute nur ganz kurz im Hause."

"Wozu brauche ich einen Gesundheits-Check?"

"Um Ihren Aufenthalt besser zu genießen." Marylou bückte sich und holte von unten eine goldbedruckte Mappe heraus.

"Wir haben keine Bodybuilding-Geräte im Hause. Dafür bieten wir unseren Hausgästen die Möglichkeit, eine persönliche Trainerin zu engagieren, von der sie auf ihrem Zimmer betreut werden."

Sie schlug die Mappe auf und präsentierte ihm großformatige Fotos junger Mädchen, die alle schwarz-weiß gemusterte Kimonos trugen, in denen sie wie Sportlerinnen aussahen. Die meisten Mädchen waren dunkelhäutig.

"Auf was muß ich mich dabei einlassen?"

"Wir erfüllen fast alle Wünsche. Akupunktur-Massage, Fußsohlen Reflexzonen, Sensitivity-Training, Kama-Sutra-Gymnastik."

"Das Letzte hört sich intim an."

"Es liegt ganz an Ihnen, was Sie mit Ihrer Partnerin daraus machen. Sicherheitshalber bieten wir unseren Gästen einen HIV-Schnelltest an, um jedes Risiko auszuschließen. Sie bekommen das Untersuchungs-Ergebnis in fünfzehn Minuten."

Erik traute sich nicht nachzufragen, wie er das verstehen durfte. Er blätterte neugierig in der Mappe. Die Kimonos ließen die Mädchen harmlos aussehen, fast ein wenig bieder. Keinesfalls wie Callgirls.

"Sie zahlen immer die gleiche Gebühr. Hundert Dollar in bar an die Partnerin für ein Workout von bis zu zwei Stunden."

"Angenommen, ich gehe zur Gesundheitsprüfung, aber ich komme nicht dazu, Ihren Service in Anspruch zu nehmen. Wird mir dann die Untersuchung nachbelastet?"

"Machen Sie sich keine Sorgen. Das hat es noch nie gegeben."

Das Untersuchungszimmer der Ärztin befand sich im Souterrain. Auf dem Türschild stand "P.Bethancourt - Gynécologiste". Sie war eine hochgewachsene, hagere Person Anfang Vierzig mit einem südländisch scharf geschnittenes Gesicht, dem der Ausdruck fürsorglicher Milde fehlte, der sonst zum Habitus des Arztes gehört.

"Happy Noel," sagte sie. "Würden Sie bitte Ihre Sachen ablegen und sich auf die Untersuchungsliege setzen."

"Alles?"

"Es muß Ihnen nicht peinlich sein. Es ist in Ihrem Interesse, daß ich Sie gründlich untersuche."

Die Aufforderung erschien ihm unangemessen. Am liebsten wäre er sofort wieder hinausgegangen. Aber die Untersuchung war kostenlos, und er hatte schon lange keinen Check-Up gehabt. Dafür konnte er ein leichtes Unbehagen in Kauf nehmen.

Als erstes maß sie seinen Blutdruck und fühlte seinen Puls.

"Ausgezeichnet," sagte sie.

Er mußte die Zunge rausstrecken und Ah sagen, während sie ihm in die Kehle leuchtete.

"Ich brauche jetzt etwas Blut von Ihnen." Sie streifte sich Gummihandschuhe über und legte eine Manschette um seinen Oberarm.

Die Kälte des Desinfektionsmittels war unangenehmer als der Einstich.

"Unser Land ist aidsfrei und soll es auch bleiben."

"So nah am afrikanischen Kontinent mit seinen enorm hohen Raten?"

"Wir lassen niemand vom Kontinent in unser Land."

"Auch Europäern gegenüber sind Ihre Grenzkontrollen schlimmer als in Kuba oder Vietnam."

"Wir wollen nicht, daß die wohlhabenden Touristen, die uns besuchen und sich hier wohlfühlen, auf unserem Boden dem Abschaum ihrer Heimatländer begegnen. Mittellose Rucksack-Reisende, Amnesty International, Medicins sans Frontiers, NGOs. Bevor die zu uns kommen, sollen sie erst mal die Probleme in ihren Ländern lösen, wo Frauen von Zuhältern an- und verkauft werden und Obdachlose in Winternächten erfrieren."

Sie zog die Nadel heraus. Auf den Blutstropfen, der nachquoll, drückte sie ein Glasplättchen, das sie anschließend mit einem zweiten abdeckte.

"Jetzt den Arm schließen und fest auf den Tupfer drücken. Gut, legen Sie sich auf den Rücken." Sie füllte die Glasröhrchen mit Blut in eine Zentrifuge. Dann setzte sich neben ihn auf die Untersuchungsliege.

"Haben Sie in den letzten drei Jahren eine Lungenentzündung gehabt, oder Hepatitis B?"

"Nein. Gegen Gelbsucht bin ich geimpft."

"Sehr vernünftig. Wann sind Sie bei uns angekommen."

"Vorgestern Nacht."

"Wie lange bleiben Sie?"

"Eine Woche."

"Das lohnt sich kaum. Sie müssen wiederkommen."

Sie untersuchte den Rest seines Körpers.

"Warum geben Sie sich soviel Mühe? Ich bin noch nie in einem Haus abgestiegen, das eine eigene Hotelärztin beschäftigt."

"Nein, nein, nein," lachte sie, "ich bin nicht Hotelärztin, wie es in der Seefahrt Schiffsärzte gibt. Die Auberge ist in erster Linie Gästehaus eines Forschungsinstituts, das wir neu aufbauen. Viele Gäste sind ältere Wissenschaftler, die monatelang bleiben. Nicht alle vertragen das Tropenklima gleichgut, vor allem, wenn sie auch noch Trinken, was wir ihnen natürlich nicht untersagen können. Ich bin im Vorstand des Instituts, und es ist mein eigenes Interesse, laufend die Gesundheit unserer Gäste zu überwachen."

"Ich habe noch nie etwas von diesem Institut gehört. Das heißt, bis auf gestern Abend im Hotelrestaurant. Sind Sie Gen-Forscherin?"

"Nein, Gynäkologin, aber des geht immer mehr ineinander über."

"Wo liegt ihr Forschungsschwerpunkt? Stammzellen?"

"Wenn Sie kein Fachmann sind, kann man das kaum erklären." Die Frage war ihr offenbar zu indiskret. Das Projekt schien ja auch mehr von Geheimnis umwittert als von Öffentlichkeitsarbeit verklärt zu sein. "Was machen Sie beruflich?"

"Marketing."

"Also Werbung. Haben Sie das studiert?"

"Ich habe einen Abschluß in Psychologie."

"Sehr gut. Alle Frauen lieben kluge Männer. Aber die wenigsten Männer schätzen intelligente Frauen."

"Ich bin einer der wenigen."

"Ich fühle es. Sie können sich wieder anziehen."

Sie streifte ihre Gummihandschuhe ab. Das verursachte ein Knallen, wie von mehreren kleinen Explosionen.

"Jetzt wollen wir uns Ihre Antikörper anschauen."

Sie öffnete den Apparat und schüttete Flüssigkeit auf eine Art Löschpapier.

"Wie erwartet. Sie haben keine Antikörper."

"Was heißt das?"

"Sie haben sich noch nie mit HIV infiziert. Sie sind kerngesund. Einverstanden?"

"Wenn das anders wäre, hätten Sie mir das ganz brutal gesagt?"

"Intelligente Frage. Wir haben unser Ritual für solche Fälle. Sollen wir einem Hotelgast den Urlaub verderben? Wir sagen ihm, daß mit neunundneunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit nichts vorliegt, aber um ganz sicher zu gehen, ist ein zusätzlicher Test nötig, den er zuhause durchführen muß, weil uns auf der Insel die Mittel fehlen. Außerdem setzen wir ihn auf eine interne schwarze Liste, damit alle Mädchen, die mit Gästen Coaching machen, Bescheid wissen. Aber das ist zum Glück erst einmal vorgekommen. Haben Sie schon eine bestimmte Gäste-Betreuerin gefunden, auf die Sie ein Auge geworfen haben?"

"Heute morgen brachte mir eine rothaarige Corinna den Kaffee."

"Das kann nur Corinna Boismortier gewesen sein, eine Studentin, die zu den alten Familien der Insel gehört, genau wie die Bethancourts. Sehr wählerisch, sehr launenhaft. Da müßten Sie schon großes Glück haben."

"Sie machte so eine Andeutung."

"Meinen Segen haben Sie. Was Sie auf keinen Fall versäumen sollten, ist ein Hubschrauberausflug auf den Vulkan. Am besten zum Sonnenauf- oder Untergang. Das ist ein unvergeßliches Erlebnis."

Sie setzte sich hinter ihren Schreibtisch und blätterte in einem Kalender.

"Am Dienstag Vormittag um zehn hätte ich eine Stunde frei zur Nachuntersuchung. Dann können wir uns in Ruhe über alles unterhalten." Sie schrieb ihm Zeit und Datum zur Erinnerung auf einen Zettel.

"Würde Ihnen das zusagen?"

"Gerne."

Sie stand auf, um ihm die Hand zu geben. Er war entlassen. Er ging auf sein Zimmer hinauf. Er wußte nicht, was er von der Einladung der Ärztin für eine Nachuntersuchung halten sollte. Sie war eine Frau von rascher Intelligenz und kaum verhüllter Willenskraft. Der Job hier lag weit unter ihrem Niveau. Er war gespannt, was ihre nächste Begegnung bringen würde.

In seiner Abwesenheit war das Zimmer aufgeräumt worden, und ein dienstbarer Geist hatte den Katalog auf sein Kopfkissen gelegt, den Marylou ihm an der Rezeption gezeigt hatte. Er wollte sehen, ob Corinna darin aufgeführt war. Bei ihrer hellen Hautfarbe dürfte sie nicht schwer zu finden sein. Aber beim Durchblättern fand er fast jede attraktiv. An jeder sah er etwas, das ihn zum Verweilen einlud. Besonders angetan war er von einer zierlichen Asiatin mit dem Namen Arirang. Ihr Anblick trieb ihm die Hitze ins Gesicht. Es war unfair, Hotelgäste so in Versuchung zu führen. Als er das Foto von Corinna endlich fand, war es schon elf. Sie sah sehr schön aus. Seine Hand zitterte, als er die Taste mit der Nummer des Roomservices zu treffen versuchte.

"Sie wünschen?" sagte eine neutrale Frauenstimme.

"Hier ist Zimmer 34. Ich würde gerne mit Corinna sprechen, wenn sie erreichbar ist."

"Einen Augenblick."

Er hörte Schritte und Stimmen im Hintergrund. Es dauerte eine ganze Weile, bis eine tiefe Frauenstimme sich meldete.

"Ja."

"Frau Boismortier?"

"Wie bitte? Wer ist dort?"

"Wir haben uns beim Frühstück über Katzen, Schlangen und Vögel unterhalten. Sie wollten mir noch mehr erzählen."

"Ich erinnere mich. Woher wissen Sie meinen Namen?"

"Sie haben mich beeindruckt. Ist Ihnen das unangenehm?"

"Nein, ungewöhnlich."

"Ich würde gerne das Gespräch mit Ihnen fortsetzen. Sind Sie jetzt frei?"

"Ja, das bin ich. Welche Zimmernummer haben Sie?"

"Ich dachte, wir treffen uns am Swimmingpool. Dort können wir uns unterhalten und vielleicht zwei Längen schwimmen."

"Das nehme ich sehr gerne an. Ich muß Sie nur warnen: ob wir uns am Swimmingpool treffen oder auf der Rückseite des Mondes - die Kosten für Sie sind die gleichen."

"Das ist mir bewußt. Danke für den Tip."

"Bis gleich, dann, oder?"

"Bis gleich."

Er zog die längere von den beiden Badehosen an, die er mithatte, und schlüpfte in den Frotteemantel, der an der Innenseite der Badezimmertür hing.

Der geflieste Streifen auf der Rückseite des Swimmingpools lag im Schatten einer Mauer. Ein paar Liegestühle standen verlassen herum. Die wenigen Badegäste, die da waren, schienen Sonnenanbeter zu sein, die sich auf den Liegen im besonnten Teil bräunten. Er schob zwei Liegestühle im Schtten zusammen. Corinna winkte ihm im Näherkommen zu. Sie trug einen schwarzweißen Kimono, wie auf dem Foto an der Rezeption, und als sie sich setzte, sah er, daß sie darunter einen dezenten einteiligen Badeanzug anhatte. Er war froh, sie zu sehen. Sie wirkte noch anziehender als heute morgen beim Servieren.

Sie drückte ihm kräftig die Hand.

"Das ist eine ausgesprochen charmante Idee," sagte sie.

"Darf ich mich vorstellen? Ich bin Erik Neuhaus aus Hamburg, und zum ersten Mal in Ihrem Land."

"Herzlich Willkommen."

"Ich weiß absolut nichts über Solea. Ich bin mit einem Last-Minute-Flug hierher gekommen, ohne mich vorher zu informieren."

"Wie sind Sie in dieses Hotel geraten?"

"Ein Taxifahrer am Flughafen hat es mir empfohlen, ohne mir irgend etwas darüber zu verraten."

"Wann sind Sie eingetroffen?"

"Am Heiligen Abend."

"Vorgestern. Haben Sie schon etwas erlebt?" Sie lächelte erwartungsvoll.

"Ich war Schwimmen. Aber die Strömung im Meer war viel zu stark für meinen Geschmack."

"Dann müssen Sie in der Zeit zwischen High Tide und Low Tide ins Wasser gegangen sei. Da wird das Wasser durch die großen Riffkanäle gepreßt. Normalerweise wird dann die rote Fahne gehißt. Was haben Sie noch erlebt?"

"Ich habe eine Menge über Chromosomen gelernt."

"Sind Sie am Institut?"

"Ich wußte gar nicht, daß es eins gibt. Ich mache Erholungsurlaub."

Eine dunkelbraune Kellnerin fragte, was sie zu trinken wünschten.

"Cola kalt, ohne Eis, für mich," sagte Erik.

"Für mich das gleiche," bestellte Corinna. "Das ist Leda, sie ist Inderin."

"Sie wollten mir alles über die Insel erzählen. Fangen wir mit der Rassenvielfalt an."

"Also gut. Wir haben in diesem Land vier Bevölkerungsgruppen. Inder, Kreolen, Chinesen und Plantageurs, das heißt die Familien der eingewanderten weißen Kolonialisten. Bis zum Sechzehnten Jahrhundert lebten überhaupt keine Menschen auf der Insel. Es gibt keine Ureinwohner. Wir sind schon so lange vom Kontinent abgetrennt, daß sich bei uns nicht einmal die Säugetiere entwickelt haben. Anschluß verpaßt. Dafür haben wir den gehenden Fisch. Einen Fisch mit Beinen. Er wird noch manchmal in den Gewässern rund um die Insel gefangen. Leider ist der Druckunterschied zwischen der Tiefe, die sein Zuhause ist, und der Meeresoberfläche so hoch, daß er das Auftauchen nicht überlebt. Die Menschen, die hier wohnen, sind alles Zugewanderte. Die Inder bilden achtzehn Prozent der Bevölkerung, die Chinesen neun, die Plantageurs vier bis fünf. Die restlichen zwei Drittel sind Kreolen. Wir bezeichnen alle Schwarzen als Kreolen, wegen der Rassenharmonie. Was willst du noch wissen?"

"Die Eigentumsverhältnisse. Wem gehört hier was? Und warum?"

"Das Land mit den riesigen Zuckerrohrfeldern gehört den alten Grundbesitzerfamilien. Neben dir sitzt eine Vertreterin. Am Zucker verdienen wir nichts, aber wir wollen keine Schulden aufnehmen, um etwas Rentableres anzubauen. Das Meer mit seinen Fischen und Krebsen gehört den Kreolen. Der Handel gehört den Indern, alle Immobilien neueren Datums den Chinesen, und der Hochpreis-Tourismus auch. Aber sie halten sich sehr im Hintergrund."

"Ihr habt eine Fischerei-Industrie."

"Sehr bescheiden. Nur für den Selbstverbrauch. Die Regierung baut jetzt an der Universität ein Institut für Gentechnik und Pharmaforschung auf. Aber der Luxustourismus bringt die Devisen."

"Führt der Luxustourismus nicht zu sozialen Spannungen?"

"Ach was. Die Touristen leben in ihren Fünf-Sterne-Resorts wie unter Hausarrest. Es gibt keine Taxis, die sie unter Menschen bringen. Nur Hotelbusse für geführte Besichtigungen. Das einzige, was diese Menschen wirklich interessiert, ist, wie sich unser 'Vier Jahreszeiten' von dem auf Bali oder Phuket unterscheidet. Glaubst du, daß ich es noch nie gesehen habe? Sie würden mich nicht reinlassen."

"Gibt es dort kein Fitness-Coaching?"

"Nur mit uralten Masseusen. Wir pflegen das Image der sauberen Insel, wo Milliardäre mit Kindern Urlaub machen können, ohne von Erpressern gekidnappt oder von Terroristen in die Luft gesprengt zu werden. Die 'Auberge' ist das einzige unkonventionelle Haus."

"Was hat dich hierher geführt?"

"Ich mache hier ein Praktikum im Zusammenhang mit meiner Magisterarbeit."

"Gibt es hier eine Hochschule?"

"Eine ganz berühmte. Die Université de la Lumière. Das Genforschungsinstitut, das wir aufbauen, ist das modernste der Welt. Unter den Gästen in der Auberge haben wir Spitzenwissenschaftler aus den führenden Industrienationen.

"Was studieren Sie?"

"Soziologie."

Sie sah ihn prüfend an.

"Hast du Lust zu schwimmen? Mir ist heiß." Sie zog eine weiße Badekappe aus ihrer Handtasche. Es gab zwei Duschen, und Corinna lachte vergnügt, als das Wasser in kleinen Rinnsalen über ihre Haut lief. Sie sprang vom Beckenrand hinein, elegant und körperbewußt. Er ließ sich mit den Füßen voran ins Wasser. Sie schwammen ein paar Mal hin und her, sich immer gegenseitig im Auge behaltend. Dann machten sie atemlos an der Schmalseite halt.

"Kannst du stehen?" fragte sie. "Ich nicht. Ich muß mich an dir festhalten."

Sie legte die Arme um seinen Hals und stemmte die Füße neben seinen Hüften an den Beckenrand, um den Körperkontakt zu vermindern. Er mußte sich mit beiden Händen an der Oberkante festhalten, um nicht mit dem Kopf voran ins Wasser gezogen zu werden.

"Was denkst du von mir?" Sie hatte grüne Augen und große weiße Schneidezähne.

"Ich stelle mir vor, du bist sehr wählerisch."

"Das ist richtig."

"Wie lange machst du das Praktikum schon?"

"Ich verstehe kein Wort, wegen der Badekappe. Laß uns rausgehen." Sie stieß sich ab und schnellte sich mit kräftigen Ruderbewegungen zur Metalltreppe. Sie stand schon unter der Dusche, als er hochkletterte.

Die Inderin brachte ihnen große dunkelblaue Badetücher. Die beiden Mädchen tuschelten miteinander und brachen in kicherndes Gelächter aus.

Er mußte ihr Badetuch als Sichtschutz um sie halten, während sie aus dem Schwimmanzug stieg und sich von ihm zwei Bikini-Teile geben ließ. Corinna war fast genauso groß wie er. Sie hätte durchaus im Wasser stehen können, ohne sich an ihm festzuhalten.

Sie setzte sich vorsichtig in den Liegestuhl, als hätte sie Angst, sich die Finger einzuklemmen.

"Viereinhalb Monate mache ich das schon," sagte sie. Es dauerte einen Augenblick, bis er begriff, daß sie seine Frage nach der Dauer ihres Praktikums beantwortete. "Es ist nicht einfach. Aber Professor Bethancourt hat mir sehr geholfen."

"Eure Hotelärztin, erzählst du mir, ist Professorin für Medizin?"

"Ja, die Bethancourt. Sie macht Forschungsarbeit am Institut und ist Chefärztin der Universitäts-Frauenklinik. Hat sie dich nicht untersucht?" Sie macht das bei allen Langzeit-Gästen."

"Sie war sehr freundlich zu mir, als ich ihr sagte, daß ich Marketing-Spezialist bin. Sie will mich nächste Woche wiedersehen."

"Das finde ich gut. Sie ist eine erstaunliche Frau."

"Wieso mißt sie mir eigenhändig den Blutdruck, wenn sie so gut ist?"

"Das hat mich neulich schon einer gefragt."

Sie nahm einen tiefen Schluck aus ihrem beschlagenen Cola-Glas. Ein Ausdruck freudiger Besinnung überzog ihr Gesicht.

"Ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Ich hatte einen Gast, der mir sagte, er glaube, hinter unserer Freizügigkeit stecke ein düsteres Geheimnis, das er noch herausbekommen werde."

"Wer war das?"

"Ein französischer Reporter. Ein sehr guter Mann."

"Wann war das?"

"Vor vier, fünf Wochen."

"Weißt du noch, wie der Journalist hieß?"

"Das war Schorsch, der normannische Kleiderschrank!"

"George Bernbach?"

"Keine Ahnung, wie er mit Nachnahmen heißt. Kennst du ihn? Dieser Hund ist abgereist, ohne sich von mir zu verabschieden. Dabei habe ich extra einen Film von ihm entwickelt und Vergrößerungen machen lassen, die er nie abgeholt hat."

"Was ist auf den Bildern drauf?"

"Na, er und ich, in der Hauptsache."

"Darf ich die Abzüge sehen?"

"Weshalb?"

"Er ist ein Kollege von mir. Mich interessiert alles, was man hier so machen kann."

"Die schönsten Dummheiten der Welt."

"Wo hast du die Fotos?"

"In meinem Schrank. Ich kann sie holen, aber wir müssen ins Zimmer gehen, um sie anzusehen."

"Weißt du, weshalb er hier gewohnt hat?"

"Wahrscheinlich ist ihm der Service empfohlen worden. Er war sehr zufrieden."

"Kann es sein, daß er dich gefragt hat, was ihr zur Empfängnisverhütung tut?" Er hatte Angst, sie würde empört auffahren, aber sie reagierte völlig sachlich.

"Ich habe ihm erzählt, ich bekomme hier das modernste Hormonpräparat der Welt. Eine Spritze im Monat. Keine Nebenwirkungen. Absolut zuverlässig."

"Hatte er daran etwas auszusetzen?"

"Nein, warum auch?"

"Darf ich die Fotos sehen?"

"Ich bring sie dir auf dein Zimmer."

Sie standen auf. Er unterschrieb die Rechnung.

"Je m'appelle Leda," sagte die Inderin so leise, daß nur er es hören konnte.

Er war gerade fertig mit Umziehen, als Corinna an seine Tür klopfte. Sie trug immer noch Kimono und Bikini.

"Zeigst du mir die Fotos?"

Ein dicker C-5-Umschlag enthielt etwa drei Dutzend Vergrößerungen. Sie sortierte sie, ohne ihn hineinblicken zu lassen.

"Die haben wir alle mit einem Selbstauslöser gemacht. So fängt die Serie an."

Sie zeigte ihm ein Foto, auf dem ein junger Mann im Adamskostüm auf der Bettkante saß, den Arm um die neben ihm stehende Corinna gelegt. Sein markantes Gesicht erinnerte an den Schauspieler Jean Marais.

"Erkennst du deinen Freund?"

"Dieses Gesicht vergißt man nie. Laß mich den Rest sehen."

"Wir sehen sie uns zusammen an."

Sie legte sich auf den Bauch und stützte das Kinn in die Hände. Nach den ersten vier oder fünf Bildern setzte sie sich auf und lehnte sich an ihn.

"Wie findest du mich?" fragte sie. Es waren alles erotische Fotos, die ästhetisch verspielt wirkten, ohne durch ihre Direktheit abzustoßen.

"Gut gemacht," sagte er. Sie hatte mehr Interesse an den Bildern als er.

Wenn der Mann auf den Fotos, der wie Jean Marais aussah, wirklich der Bernbach war, von dem Ziegler erzählt hatte, dann wäre es geschmacklos, hinzuschauen. Corinna hatte dieses Dilemma nicht. Sie lehnte ihre Wange an seine, sie streichelte seine Schulter, sie drückte den Busen gegen seinen Oberarm. Die Bilder waren mit einem extrem scharfen Objektiv aufgenommen. Nikon wahrscheinlich. Diese technische Frage beschäftigte ihn so, daß er das Ende der Serie übersah. Corinna steckte die Fotos in den Umschlag zurück, warf ihn auf den Schreibtisch und legte den Kopf auf Eriks Oberschenkel.

Als er ihren Körper anfaßte, spürte er ihr Einverständnis wie ein Magnetfeld, das alle Nadeln des Verlangens in ihre Richtung zog.

Er war eifersüchtig auf die Fotos.

"Sag mir, wie ich heiße, wer ich bin," verlangte er.

"Njuhoss, mon Amour."

Er tastete gerade nach dem Träger ihres Bikini-Oberteils, als sie den Kopf hob und "George!" rief.

"Ja," sagte er ohne Begeisterung.

"Ich weiß jetzt, wie George heißt. Sein Familienname ist Baalbek. George Baalbek."

"Nicht Bernbach?"

"Das sage ich ja. Baalbek." Kein Zweifel, wenn sie aus Neuhaus Njuhoss machte, mußte Baalbek Bernbach sein.

Der Augenblick der Wahrheit war da. Er war benommen vor Verlangen nach ihr, wozu die Fotos beigetragen hatten, aber er konnte sie nicht über eine Täuschung hinweg umarmen.

"Ich muß dir etwas sagen. Baalbek ist nicht heimlich abgereist. Er ist tot. Er ist vor einem Monat hier auf der Insel gestorben."

"Das glaube ich nicht." Sie stieß ihn von sich. "Wie soll das passiert sein?"

"Er ist ertrunken."

"Daß ich nicht lache. Er war so wasserscheu. Man mußte ihn an der Hand ins Badezimmer ziehen. Woher weißt du daß, er tot sein soll?"

"Hast du den deutschen Gast gesehen, der beim Frühstück an meinen Tisch kam?"

"Von Ferne. Nicht mein Typ."

"Er arbeitet für eine Versicherungsgesellschaft und hat den Auftrag, herauszufinden, woran Baalbek gestorben ist."

"Warum hast du mir das nicht früher gesagt, du Hund, du Cochon." Sie schlug ihn mit den Fäusten auf die Brust, die Schultern.

"Du wußtest nicht mehr, daß er Baalbek heißt."

"Die ganze Zeit hatte ich Wut auf ihn, weil er sich nicht meldet, und jetzt ist er tot. George, George!"

Sie legte den Kopf auf seine Brust.

"Ich muß ein bißchen weinen."

Es wurde ein langes, heftiges Schluchzen, das ihren großen Körper erschütterte. Er hielt sie im Arm und streichelte sie unaufdringlich. Bernbach mußte ein ungewöhnlicher Mann gewesen sein.

Corinna hob den Kopf und blickte ihn wild an.

"Alle haben mich angelogen. Ich habe Marylou gefragt, ich habe Michelle gefragt. Sie behaupten, er sei spurlos verschwunden. Seit dem Morgen des fünfundzwanzigsten November. Das war der Tag, an dem er meinen Vater besuchen wollte. Ich war so zerstört, daß ich ihre Lügen nicht durchschaut habe."

"Hotelangestellte geben niemals zu, daß ein Gast in ihren vier Wänden das Zeitliche segnet."

"Wie kann es bloß passiert sein?"

"Der Versicherungsmann glaubt, es war Selbstmord."

"Nie im Leben. Er war ein Mensch mit einer geradezu kindischen Freude am Dasein, mit der er andere anstecken konnte. Hast du ihn überhaupt gekannt?"

"Nicht persönlich."

"Warum beschäftigst du dich mit ihm?"

"Weil ich nicht glaube, daß der Versicherungsmann - er heißt Ziegler - den Fall allein lösen kann."

"Du glaubst, daß er ermordet wurde, und willst ihn rächen?" Ihre Augen strahlten. Sie liebte Männer der Tat, Eroberer, Wikinger, Korsaren.

"Über jeden Journalisten, der weltweit bei der Ausübung seines Berufs ums Leben kommt, wird ein Bericht geschrieben und in einem Jahrbuch abgedruckt. Ich könnte einen Beitrag über George schreiben."

"Das mußt du tun. Wie kann ich dir helfen?"

"Ziegler möchte, daß wir rekonstruieren, was er in seinen letzten Tagen unternommen hat."

"Er war die meiste Zeit mit mir zusammen."

"Wann zuletzt?"

"Am Dreiundzwanzigsten. Wir haben zusammen am Strand Mittag gegessen und dann den ganzen Nachmittag Fotos gemacht. Bei Sonnenuntergang bin ich nach Hause gefahren, wie ich das meistens tue. Den Tag darauf hatte ich frei und habe unser Haus in Schuß gebracht, für seinen Besuch. Er wollte mit meinem Vater über unsere Zukunft sprechen."

"An dem Nachmittag, als ihr die Bilder aufnahmt, ist dir irgend etwas aufgefallen?"

"Er hatte besonders gute Laune."

"Wie war das mit dem dunklen Geheimnis, wann hat er das gesagt?"

"Auch an dem Nachmittag.

"Wenn er irgend etwas erlebt oder gehört hat, was ihn in den Selbstmord getrieben hat, muß es also zwischen dem Sonnenuntergang des Dreiundzwanzigsten und dem Sonnenaufgang des Fünfundzwanzigsten passiert sein."

"Die einzige Möglichkeit."

"Dir ist nichts bekannt, mit wem er sich in dieser Zeit unterhalten haben könnte."

"Nein, mir würde auch keiner was sagen."

"Hältst du es für möglich, daß er in den anderthalb Tagen, die ihr nicht zusammen wart, noch einen Service zur Brust genommen hat?"

"Du meinst, ich habe ihn so angetörnt, daß er das haben mußte?"

"Denkbar."

"Das wäre die einzige Entschuldigung."

"Wie komme ich an die Namen heran? Es gibt bestimmt eine Liste. Aber Ziegler hat man sie nicht gegeben."

"Kennst du Michelle, unser Faktotum?"

"Ja."

"Sie hat Zugang zum Computer, in dem das drinsteht, und ich glaube, sie hatte etwas mit Baalbek, bevor er mich kennenlernte. Von ihr bekommst du am ehesten Hilfe. Glaubst du, das bringt was?"

"Wir erfahren, mit wem er in der letzten Nacht verabredet war, und was für Pläne er hatte. Vielleicht hat er ein Boot gemietet und ist ertrunken, als er den Mond im Wasser umarmen wollte."

"Für so etwas brauchte er Gesellschaft."

"Das muß alles überprüft werden.

"Wenn, so kann nur Michelle dir helfen. Aber ihr Dienst beginnt erst am Abend."

"Wenn dir was einfällt, was wichtig ist, kannst du mich anrufen."

"Bon. Die Bilder sind jetzt sehr wertvoll für mich."

"Ich brauche eins, auf dem er gut zu erkennen ist."

"Du kannst das erste haben, aber schneide mich weg."

"Es tut mir leid, daß ich dir weh getan habe."

"Das hat nichts mit dir zu tun."

Er streichelte ihre Schulter. Sie nahm seine Hand weg.

"Entschuldige. Ich bin nicht in Stimmung."

"Es war nicht so gemeint."

"Du darfst mich nicht ernst nehmen." Sie drückte seine Hand.

Er holte das Geld aus dem Schreibtisch.

"Ich habe dich enttäuscht," sagte sie. "Ich kann es nicht annehmen."

"Du hast vorhin gesagt, ich muß in jedem Fall zahlen, auch wenn ich dich auf die Rückseite des Mondes führe."

"Das gilt nicht, wenn ich dich ablehne."

"Du lehnst mich nicht ab."

"Nein, ich lehne dich nicht ab." Sie umarmte ihn. "Ich bin gelähmt."

Er schloß ihre Finger um die Geldscheine.

"Gut," sagte sie, "dann mache ich für heute Schluß, fahre nach Hause und erzähle meinem Vater, weshalb George uns nicht besuchen konnte."

"Mach das."

"Morgen habe ich meinen freien Tag. Übermorgen - am Samstag abend - bediene ich im Grill-Restaurant. Wenn du magst, kannst du dort essen und mich anschließend einladen."

"Arbeitest du gerne als Serviererin?"

"Das ist sehr beliebt. Es ist die beste Möglichkeit, sich in Ruhe unter den Gästen umzusehen. Heute Morgen hatte es gleich bei mir gefunkt."

Sie stand auf. Sie war verweint und unkonzentriert. Im Gehen empfahl sie ihm noch für das Mittagessen das "All-you-can-eat" Buffet auf der Terrasse für acht Dollar.

Es war ein guter Tip. Das im Sonnenlicht silbergrün leuchtende Schwimmbad war unbenutzt, und die kleinen Vögel huschten darüber hinweg, als wollten sie ihr eigenes Spiegelbild necken.

Am Nachmittag ging er ins Business Center. Eine ältere Dame mit grauen Haaren saß am Empfangstisch. Er mußte eine Benutzerkarte ausfüllen.

"Erinnern Sie sich an meinen Freund Bernbach?" Er zeigte ihr das halbierte Foto.

"Ja, das war einer unserer besten Kunden. Der hatte etwas im Kopf."

"Wissen Sie noch, an welchem Computer er meistens gesessen hat?"

"Sein Stammplatz war hier." Sie schaltete das Gerät an. "Sie wissen, wie es geht? Wenn Sie ins Internet wollen, klicken Sie einfach auf IE."

"Ja, danke."

Er wartete, bis sie sich zurückgezogen hatte, dann öffnete er in Windows die History. Aber sie reichte nicht bis in Bernbachs Lebenszeit zurück. Mit Googles Hilfe fand er die Webseite seines Magazins. Es gab schon einen Nachruf auf ihn. Begleitet von einem sehr viel stattlicheren Foto als dem auf der Bettkante. Er holte es sich groß heran und machte fünf Ausdrucke.

Dann las er die älteren Nummern von "Paris Vive" in absteigender Reihenfolge, um sie nach Artikeln von Bernbach zu durchsuchen.

George war ein Journalist, der kontroverse Themen so aufgriff, daß er beim Leser starke emotionale Reaktionen auslöste.

In einem Bericht schilderte er, daß eine verantwortliche Leiterin der Weltgesundheitsorganisation es der Firma Nestle gerichtlich untersagte, in Afrika kostenlos Pulvermilch an aidskranke Frauen zu verteilen, deren gesund geborene Kinder durch die Milch der eigenen Mutter mit Aids infiziert würden, während künstliche Babynahrung sie vor diesem Schicksal bewahren würde.

"Wenn wir dieser Kinder wegen eine Ausnahme machen," zitierte George die verantwortliche Beamtin, "durchlöchern wir unser mühselig aufgebautes Projekt, afrikanische Mütter zur Brustfütterung zurückzuführen. Das kann ich nicht verantworten."

Bernbachs Kommentar: "Wir haben also von uns bezahlte Beamtinnen in der Weltorganisation, die den Tod von zehntausend Kindern mit voller Absicht herbeiführen. Das macht die UNO zum größten Kindermörder seit Herodes. Die französische Regierung sollte die Abberufung der gewissenlosen Beamtin verlangen und ihre Zahlungen an diese Organisation schnellstens einstellen."

In einer anderen Reportage beschrieb er den langsamen Hungertod eines kleinen afghanischen Bergdorfes, der nur durch das Erscheinen eines paschtunischen Händlers aufgehalten wurde, der den Bauern mehrere Sack Mehl brachte und die gleiche Menge an Schlafmohn-Samen. Der Dorfälteste erzählte Georges: "Die Amerikaner haben uns die Freiheit gebracht. Jetzt können wir wieder Opium produzieren und reich werden." Bernbach beschrieb weiter, wie er auf der Fahrt in vielen Seitentälern die Südhänge bereits überzogen fand mit dem hellen Grün junger Mohnfelder. Sein Kommentar: "Die Taleban hatten mittelalterliche Ordnungsvorstellungen. Aber sie haben den Opiumanbau untersagt. Die Amerikaner haben diese Regierung verjagt, um Bin Laden tot oder lebendig zu fangen. Das ist ihnen nicht gelungen. Das einzige, was sie geschafft haben, ist, daß sich in naher Zukunft die Zahl der Drogentoten in den Kellern unserer Gerichtsmedizin drastisch vermehren wird."

Eriks Französisch war nicht gut genug, um Georges Berichte flüssig herunterzulesen, aber seine unerschrockene weltverbesserische Angriffslust beeindruckte ihn tief. Und wahrscheinlich auch Millionen französischer Leser.

Nur einer schien diese Texte nicht gelesen zu haben. Der Mann in Zieglers Konzern, der seinen Lebensversicherungsvertrag unterschrieben hatte. Bernbachs journalistisches Engagement machte ihn zu einem 'Instant Enemy' für die Institutionen, deren Handeln er als kriminell hinstellte.

Er druckte auch die Artikel über Nestle und Afghanistan in drei Kopien aus, um sie Corinna und Ziegler zu geben. Dann löschte er seine Spuren auf dem PC.

"Das ist ja unser Freund," sagte die Betreuerin, als sie die Blätter aus dem Drucker nahm. "Wie haben Sie das nur so schell gefunden?"

Sie machte Kreuzchen auf seine Benutzerkarte und ließ ihn unterschreiben.

Er legte sich zum Nachdenken auf das Bett, auf dem er mit Corinna die Fotos betrachtet hatte. Heute morgen hatte Ziegler ihm von Bernbach erzählt, und jetzt kam es ihm vor, als wäre es sein eigener Fall. Jedenfalls war er viel geeigneter, die Lösung zu finden, denn der Kölner suchte nur nach Fakten, die in sein finanzielles Wunschdenken paßten. Er dagegen hatte in wenigen Stunden ein ziemlich klares Bild von dem Toten gewonnen. Bernbach war ein umwerfend gut aussehender Mann, ein draufgängerischer Herzensbrecher und - wie die Fotoserie bewies - ein kühner Reporter. Daß er sich das Leben genommen hatte, hielt Erik für ausgeschlossen. Unfall oder Mord mußte es gewesen sein, und fünf Millionen waren ein Motiv.

Aber den Verleger als Mörder zu sehen, fiel ihm jetzt nicht mehr so leicht wie beim Frühstück. Verleger waren Kleinkriminelle, die ihre Autoren um Honorare betrogen, gelegentlich sogar um Hunderttausende, wie der legendäre Kurt Desch in München. Aber sie schlachteten nicht die Milchkühe, die sie molken. Wer dann? Er würde es herausbekommen. Er rutschte ab in einen traumlosen Erschöpfungsschlaf.

Für das Abendessen zog er sich gepflegt an. An der Rezeption traf er nur Marylou, die heute einen zu engen Pullover in Goldlamee trug.

"Ich habe Sie vor dem Sonnenbrand gewarnt," begrüßte sie ihn. "Ich möchte nicht wissen, wie Ihr Rücken aussieht."

"Ich habe Ihren Rat mit dem Baumwollhemd befolgt. Wann kommt Michelle?"

"Die hat ihren freien Tag."

Sie schien ihm die Enttäuschung vom Gesicht abzulesen.

"Vertrauen Sie sich mir an. Ich kann Sie auch beraten. Nennen Sie mir Ihre Wünsche."

"Ich bin auf der Suche nach einem gepflegten Abendessen. Aber nicht Selbstbedienung. Das macht zu viel Arbeit."

"Fehlt Ihnen die Kraft, das Essen auf den Teller zu heben? Hatten Sie einen so anstrengenden Tag?"

"Ich kann mich nie entscheiden, was ich nehme. Das ist mein Problem. Ich bin wie der Esel, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert."

"Da weiß ich eine Lösung. Waren sie schon im Grill?"

"Nein."

"Ich bringe Sie gerne hin."

Sie kam extra hinter ihrer Theke hervor, um ihm den Weg zu zeigen.

Wenn man den Grill betrat, mußte man zuerst einen als Sichtschutz dienenden Samtvorhang beiseite schieben. Das Restaurant hatte eine dunkle Holzbalkendecke wie auf einem Segelschiff. Die Tischplatten waren aus glattgescheuertem Holz. In der gedämpften Beleuchtung sah er dunkelbraune Mädchen herumgehen, die einen fußlangen Pareo trugen, der an der Hüfte gebunden war und den Oberkörper bis auf einen knappen Büstenhalter unbedeckt ließ. Ein Anblick, der an Gauguin erinnerte. Er mußte schlucken. Ein Mädchen mit großen Brüsten, die sie wie freischwebend in ihrem BH vor sich her trug, kam auf ihn zu.

"Darf ich Ihnen einen Platz anbieten?"

Sie führte ihn zu einem Zweiertisch am Rande.

"Möchten Sie die Speisekarte haben, oder darf ich Ihnen die Spezialitäten des Tages empfehlen?"

Er setzte sich, und seine Augen waren genau in der Höhe ihres Busens. Die Früchte der Hesperiden. Wie hatte Herakles es nur geschafft, sie an sich zu reißen? Sie bemerkte seinen starren Blick und sagte:

"Sie können sie gerne anfassen."

"Meine Hände sind zu klein."

Sie warf den Kopf in den Nacken und stieß ein gluckerndes Lachen aus, daß die Leute im Restaurant sich nach ihr umsahen.

"Als Vorspeise empfehle ich in der Pfanne gebratene Riesenkrabben in Tomatensoße. Als Hauptgericht ein Rinderfilet mit Sauce Bernaise und Blattspinat, und wenn Sie dann noch Appetit haben, können Sie mich auf ihr Zimmer einladen."

Das klang gut. Er stimmte zu.

"Was trinken Sie?"

"Machen Sie einen Vorschlag."

"Wir haben einen Chardonnay Terre de Feu. Der wächst am Fuß der drei Vulkane, die du im Westen am Horizont siehst. Oder Guavensaft, frisch gepreßt."

"Terre de Feu klingt besser."

Als sie ging, um die Bestellung aufzugeben, fiel ihm auf, wie schmal ihr Rücken war. Das gelb gezackte Längsmuster ihres tiefblauen Pareo bewegte sich in Schlangenlinien.

Das erste, was sie ihm brachte, war ein Glas Wein.

"Wenn Sie wünschen, daß ich mich zu Ihnen setze, dürfen Sie für mich einen Ladydrink bestellen. Dann kann eine andere Kollegin weiter bedienen."

"Ja bitte," sagte er ohne zu überlegen.

Sie kam mit einer roten Flüssigkeit in einem hohen Glas zurück und setze sich wie selbstverständlich zu ihm an den Tisch.

"Wie heißt du?" fragte er.

"Amina."

"Ich heiße Erik."

"Du bist zum ersten Mal hier?"

"Im Grill, ja." Er hob das Glas mit ihrem Ladydrink an die Nase.

"Das ist Guavensaft," erklärte sie. "Ohne Alkohol."

"Amina ist ein arabischer Name. Nicht wahr?"

"Meine Vorfahren waren Sklavenhändler. Sie haben schwarze Afrikaner an die weißen Goßgrundbesitzer verkauft."

"Bist du Muslima?"

"Katholikin. Meine Großeltern haben sich taufen lassen, um auf der Insel zu bleiben. Noch ein Glas Wein?"

Er verstand nichts von Wein. Er hatte ihn einfach heruntergetrunken, weil er gut schmeckte. Nicht zu herb, nicht zu süß, sondern so, daß man nicht aufhören konnte, bevor das Glas leer war.

Zusammen mit dem Wein brachte sie ihm die gebratenen Krabben und einen Korb Weißbrot. Die Krabben waren so heiß, daß er den ersten Bissen tief atmend zwischen den Zähnen abkühlen lassen mußte. Erik hatte das zweite Glas ausgetrunken, ohne es zu merken. Die gebratenen Krabben waren so mächtig, daß sie schon als Hauptgericht gereicht hätten. Amina tunkte ein Weißbrot in die Tomatensoße und lutschte genüßlich daran, die Lippen rund machend.

"Entschuldige," fiel ihm zu spät ein, "ich habe dir nichts zu essen bestellt. "

"Ich habe schon gegessen."

Sie setzte die Unterarme auf die Tischkante und legte ihren Busen darauf ab.

"Guaven sehen so ähnlich aus," sagte er, mit dem Handrücken zum ersten Mal die freie Oberseite ihrer Brüste streifend.

"Wenn sie gut sind. Aber sie haben eine warzige, grüne Haut und keine Nippel."

Sie hatte recht. Auf einem Marktstand hatte er einmal frische Guaven in die Hand genommen. Ihre Schale war glatt und hart. Das Fruchtfleisch holzig und schwer zu kauen.

"Wenn du mehr davon sehen willst," – er verstand nicht sofort, was sie meinte – "kannst du mich als Nachspeise buchen. Welche Zimmernummer hast du?"

Sein Herz begann zu hämmern. Die Offenheit des Angebots bestürzte ihn. War es wirklich ernst gemeint? Konnte er es annehmen, ohne sich lächerlich zu machen? Übermorgen würde Corinna hier bedienen. Sie durfte nichts erfahren. Unvorstellbar, daß sie sich so an die Gäste ran warf. Oder? Wie hatte sie Bernbach kennengelernt?

Amina nahm den leeren Teller weg und kam mit dem Rinderfilet und einem dritten Glas Wein wieder. Das beim Schneiden aus dem Fleisch austretende Blut färbte die gelbe Soße tiefbraun. Er reichte Amina mit der Gabel einen Bissen, und sie nahm ihm noch einen zweiten und einen dritten ab. Dann fütterte sie ihn. Der Wein war stieg ihm in den Kopf und legte eine neue Perspektive der Schwerelosigkeit über alle Dinge.

In seinen Handflächen wuchs der Wunsch, die goldenen Äpfel zu gewinnen. Anders als heute mittag bei Corinna würde hier kein Toter zwischen Wunsch und Erfüllung treten. Er mochte Corinna viel intensiver als dieses Mädchen, aber Corinna würde in ihre Trauer um Bernbach eingeschlossen sein wie Brünhilde in Wotans brennenden Felsen.

"Keine Angst," sagte Amina, "ich hol dir noch einen Wein."

"Zimmer vierunddreißig!" raunte er ihr zu.

Er sah sie an der Theke mit Kolleginnen scherzen. Als sie zurückkam, stellte sie den Wein in den nassen Ring, der vom letzten Glas auf der Tischplatte zurückgeblieben war.

Das Feuer, das unter der Erde gewesen war, brannte in seinen Schläfen. Hüte dich, sei wach und munter.

"Es ist nicht nötig, daß man uns zusammen hinaufgehen sieht. Du gehst voran, ich komme gleich nach."

Sie brachte die Rechnung. Er verstand, weshalb die Rezeptionistin von ihm tausend Dollar im Voraus abgebucht hatte. Nur gut, daß er das nicht bar bezahlen mußte. Er unterschrieb erleichtert. Er mußte dringend eine Bank finden, die ihm eine Cash-Advance gab.

In seiner Schläfe blitzte das Bild Corinnas auf. Es waren ehrliche, tiefe Gefühle, die sie geteilt hatten. In was für eine Gesellschaft war er jetzt gerate? Aber sein Flugzeug wartete schon auf den Rückflug, und alles, was er bisher vom Urlaub gehabt hatte, war ein Sonnenbrand gewesen.

Als Amina in sein Zimmer trat, hatte sie ihren Pareo unter den Schultern zusammengebunden. Er schloß die Tür ab. Sie machte sofort den Fernseher an.

"MTV," sagte sie, "das bringt Stimmung."

"Ich hasse Werbung."

"Bei MTV ist sie lustig."

Sie öffnete ihren Pareo und lehnte sich an seine Brust. Seine Finger berührten ihre Haut. Glatt und warm. Gut zu streicheln. Er tat es, und sie dehnte sich wie eine Katze. Ihn störte nur, daß seine Wahrnehmung durch den genossenen Chardonnay gefiltert wurde.

"Können wir einen Kaffee bestellen?"

Sie ging zum Telefon auf dem Nachttisch und rief den Roomservice an. Dann band sie sich wieder den Pareo hoch.

Die Serviererin, die das Tablett mit dem Kaffee brachte, war eine junge Kreolin, die sich unbeholfen bewegte, da ihr Gleichgewichtssinn durch eine fortgeschrittene Schwangerschaft beeinträchtigt wurde.

"Salu," sagte sie freundlich. "Ich heiße Melissa."

Corinna hatte ihm heute Mittag erzählt, daß die Hausdamen hier mit dem modernsten Verhütungsmittel der Welt versorgt wurden. Gehörte die Kreolin nicht zu dem Personenkreis?

Als sie das Tablett abstellte, verlor sie die Balance und stützte sich mit der rechten Hand ab. Aber die Kraft reichte nicht aus, um die Schwerkraft aufzuheben, und die Abwärtsbewegung setzte sich fort, bis sie mit den ausgestreckten Fingern der Linken am Fußboden Halt fand.

"Autsch," sagte sie, unfähig, sich aus eigener Kraft aufzurichten. Amina half ihr hoch, aber als sie sie losließ, taumelte die Schwangere unsicher.

"Leg dich einen Augenblick hin, das vergeht gleich wieder," empfahl Erik.

"Excusé!" stöhnte die Schwarze und ließ sich vorsichtig nieder.

"Wieso arbeitet sie in diesem Zustand?" fragte Erik Amina.

"Weil sie dafür Gehalt bekommt."

Er setzte sich auf die Bettkante und faßte nach dem Handgelenk des Mädchens, um ihren Puls zu fühlen.

"Bist du ein Arzt?" fragte Amina.

"Alles in Ordnung," erwiderte er. "Das kommt schon mal vor. Kennst du den Hamlet von Shakespeare?"

"Nie gehört."

"Eine Geschichte von einem Königssohn, der seine Vorlobte in Umstände bringt. Als sie auf einer Brücke steht, will sie, wie früher immer, einen Weidenzweig abbrechen, aber ihr Körper hat jetzt einen anderen Schwerpunkt. Sie stürzt in den Mühlenbach und ertrinkt."

"Hier nicht möglich!" kommentierte Amina. Aber der Hotelgast Bernbach war ertrunken, ohne schwanger zu sein.

Die Kreolin hatte ein dünnes Handgelenk mit einem heftig klopfenden Puls.

"Fünf Minuten," schlug er vor, "dann kannst du wieder an deine Arbeit gehen."

"Tut mir leid," entschuldigte sie sich.

Amina setzte sich zu ihnen. "Wenn du schon hier bist, zeig doch mal, wie dein Baby strampelt."

"Da ist nichts zu sehen," widersprach sie.

"Stell dich nicht an." Zu Erik gewandt: "Man sieht nämlich, wie der Bauch sich ausbeult, wenn das Baby mit seinen Füßen stößt." Sie beugte sich über die Kollegin, öffnete den Reißverschluß ihres Baumwollrockes und zog den Stoff nach unten.

Erik stand auf und trat ein Stück beiseite. Es war ihm peinlich, wie Amina mit der Schwangeren umsprang. Sklavenhändlerin und Sklavin.

"Das mußt du sehen!" rief Amina.

Der freigelegte Bauch wölbte sich wie eine schwarze Trommel in die Luft. Nur die Haut der Nabelgrube schimmerte rötlich.

"Du kannst ruhig gucken, wenn du willst," ermutigte ihn die Liegende. "Sie heißt Melinda."

Er fuhr mit der flachen Hand über ihren Bauch. Es war überhaupt nicht erotisch und ihm in keiner Weise peinlich. Ehrfurcht und Rührung überkamen ihn. In so einem kleinen Faß aus Fleisch hatte er auch einmal gekauert. Er faßte sich an die Knie und Ellbogen. Unvorstellbar, aber nicht abstreitbar. In wenigen Wochen würde dieses Wesen ins Leben gepreßt werden, Milch trinken, Sitzen, Krabbeln, Gehen lernen, Weihnachtslieder singen, bunte Kleidchen anziehen wollen.

"Wo läßt du Melinda, wenn du arbeiten gehst?"

"Bei meiner Mutter. Sie freut sich so. Wir haben ein Haus an der Baie de Pecheur."

Er erinnerte sich an die bunten kleinen Holzhäuschen. Primitiv, aber direkt am Strand mit seinen Muscheln, Korallenästen, Seesternen.

Ihn überraschte, wie ruhig und diszipliniert sich dieser eingeschlossene kleine Mensch verhielt. Er selber war bestimmt viel ungeduldiger gewesen, immer auf der Suche nach einem neuen Solea auf der anderen Seite der Fruchtblase oder der Erdhalbkugel.

"Wie kann ich fühlen, daß es sich bewegt?"

"Im Augenblick schläft es."

"Richtig," rief Amina, "sonst sieht man immer, wie die Bauchwand wackelt."

"Seit wann schläft es?"

"Seit heute Mittag. Am Vormittag hat sie so wild gezappelt, wie noch nie, und jetzt schläft sie tief. "

"Wenn ich schlafe, drehe ich mich dauernd von der einen auf die andere Seite. Macht Melinda das nicht?"

"Heute nicht."

Er legte beide Hände auf ihren Bauch. Er war hart und unbeweglich. War das in Ordnung? Erik hatte von einem Fall gehört, daß ein Embryo sich die Nabelschnur um den Hals geschlungen und die Blut-Zufuhr abgeschnitten hatte. Das heftige Zappeln Melindas hätte ihr Todeskampf gewesen sein können.

"Vielleicht soll sie nicht die ganze Zeit schlafen. Ich muß mal eine Bekannte um Rat fragen."

Es war ein Tick, eine fixe Idee, das Feuer aus den drei Vulkanen. Aber er hatte sich heute Abend von Amina so widerstandslos manipulieren lassen, daß er jetzt seinen eigenen Kopf durchsetzen mußte. Wie lange konnte eine Frau ein ersticktes Baby in ihrem Bauch herumtragen, bevor sie sich daran vergiftete? Er bat die Telefonzentrale, ihn mit der Hotelärztin, Frau Bethancourt, zu verbinden, und nur mit ihr und keinem anderen Bereitschaftsdienst-Arzt. Er war bereit, sich bis auf die Knochen zu blamieren, falls seine Vermutung falsch war, aber er wollte Gewißheit.

Nach drei Minuten hatte er eine mißgelaunte Gynäkologin in der Leitung.

"Guten Abend, Frau Professor, hier ist Neuhaus aus der Auberge. Ich war heute morgen bei Ihnen."

"Ach, der Deutsche."

"Ich brauche dringend einen Rat. Ich bin auf meinem Zimmer und habe ein Mädchen hier, das hochschwanger ist."

"Das will ich gar nicht wissen."

"Ich brauche einen medizinischen Rat."

"Können Sie haben. Lassen Sie die Finger davon."

"Es geht nicht um mich. Ich will, daß Sie mit dem Baby in ihrem Bauch telefonieren."

"Haben Sie den Verstand verloren?"

"Das müssen Sie entscheiden. Ich stelle jetzt das Telefon auf Lautsprecherbetrieb und lege den Hörer auf Melissas Bauch."

"Guten Abend, Kleines."

"Guten Abend, Frau Doktor."

"Wie geht es deinem Baby."

"Sehr gut. Melinda schläft gerade."

"Das ist fein. Hallo Melinda, hörst du mich?"

"Sie kann noch nicht sprechen," sagte die Mutter.

"Sie kann Stimmen erkennen und sich darüber freuen. Schieb mal den Hörer hin und her."

"Können Sie etwas hören?" fragte Melissa.

"Ich höre, wie du atmest, ich höre das Fruchtwasser gluckern, ich höre das Essen in deinem Darm, ich höre ein Herz schlagen, etwa siebzig Mal in der Minute. Jetzt leg den Hörer auf den Nabel, mehr nach rechts, mehr nach links. Okay, Melissa. Hörst du mich?"

"Ja, sehr gut."

"Paß auf. Ich komme gleich noch mal in meine Hotelpraxis. Dann machen wir ein Ultraschallfoto von Melinda. Was hältst du davon?"

"Heute Abend?"

"Sagen wir in zehn Minuten. Und bring deinen Freund gleich mit."

Sie legte auf.

"Ich versteh nicht, was das soll," sagte Amina. "Ich dachte, wir machen uns einen schönen Abend."

"Machen wir doch. Aber wenn Frau Doktor will, daß ich das Mädchen nach unten begleite, muß ich das tun. Es dauert nur eine Viertelstunde."

"Das wäre nett," stimmte Melissa zu.

"Du kannst hier warten," sagte Erik zu Amina.

"Mir ist kalt," erwiderte sie. Erik gab ihr seinen Baumwollpulli aus dem Schrank. Er und Melissa zogen sich wieder an und fuhren mit dem Lift ins Souterrain.

Die Ärztin war noch nicht da.

Melissa lehnte sich gegen die Wand.

"Hast du schon einmal Ultraschall gehabt?"

"Davon weiß ich doch, daß Melinda ein Mädchen ist."

"Hallo ihr," sagte die Ärztin, "was habt ihr denn angestellt?"

"Mir ist plötzlich schlecht geworden, als ich ihm den Kaffee hinstellte, " erklärte Melissa. Erik war ihr unendlich dankbar für diese Bemerkung. Die Ärztin machte Licht und schaltete das Ultraschallgerät ein.

"Zieh dich aus und leg dich dahin," sagte sie zur Schwangeren. Dann wandte sie sich Erik zu. "Ich hatte mir unser Wiedersehen anders vorgestellt."

Sie zog ein Stethoskop vom Tisch und beugte sich über Melissas Bauch.

Er hatte keine Lust, den Bauch anzusehen. Er blickte sich im Zimmer um. Er hörte zum ersten Mal das Rauschen ihres großen medizinischen Kühlschranks. Auf einem Stuhl lag ein Tiefkühlversandgefäß, von dem das Etikett abgerissen war.

"Das kitzelt," kreischte Melissa. "Melinda wird strampeln."

"Das soll sie."

"Ih, kalt! Komisch, sie macht keinen Mucks."

"Jetzt auch nicht?" Die Ärztin schob das Stethoskop über den ganzen Bauch und stieß zwei Finger in die Bauchwand. Dann horchte sie aufmerksam.

"Nein. Nichts."

"Da schläft sie aber tief."

Sie blickte Erik mir ihren kurzsichtigen Augen an.

"Haben Sie Medizin studiert? Ich dachte, Sie sind Psychologe."

"Ich war Sanitäter in der Armee."

"Haben Sie dort schwangere Soldatinnen betreut?"

"Nein. So weit ist es nie gekommen."

"Alle Achtung. Jetzt machen wir das Foto. Können Sie die Tube nehmen und das Gel über Melissas Bauch ausdrücken?"

Die Ärztin fuhr mit dem Scanner über die Bauchhaut. Auf dem Bildschirm erschienen bewegte Grauschleier. "Hier haben wir das Köpfchen. Sie hat den Daumen im Mund. Ich mache drei Hardcopys. Und jetzt gehen wir auf ihren Brustkorb. Das Herz eines Embryos bewegt sich über hundertmal in der Minute."

"Ich sehe es."

"Was man sieht, ist der Blutkreislauf der Mutter. Das Kind hat keinen mehr."

"Kann ich es auch sehen?" fragte Melissa, die die Bedeutung der letzten Worte nicht verstanden hatte.

"Wenn du dich bewegst, geht das Bild kaputt. Wann hat Melinda sich zuletzt bewegt?"

"Heute früh."

"Sehr gut. Weißt du, was ich gesehen habe? Dein Bauch ist viel zu eng für so ein großes Kind wie Melinda. Sie muß sofort raus."

"Sie ist doch noch so klein."

"Wischen Sie ihr das Gel vom Bauch," sagte sie zu Erik. Sie zeigte ihm die Zellstofftücher.

Als er das erste gelverschmierte Tuch in einen weißlackierten Abfalleimer werfen wollte, dessen Deckel man mit dem Fuß öffnen mußte, sah er am Boden des Eimers mehrere leere Ampullen und Einwegspritzen. Er hob die Ampullen vorsichtig auf und hüllte sie in ein sauberes Zellstoffblatt, das er in seine Hosentasche schob. Wenn hier - wie Corinna behauptet hatte - das modernste Empfängnisverhütungsmittel der Welt benutzt wurde, sollten seine künftigen Freundinnen in Deutschland auch die Chance haben, mit ihrem Frauenarzt darüber zu reden. Die Ärztin merkte nichts davon, weil sie gerade eine Spritze aufzog und auf die Luftbläschen achtete. Es dauerte eine ganze Weile, bis er Melissas dicken Bauch trocken gerieben hatte. In der Zwischenzeit war bereits der Oberarm des Mädchens abgebunden.

"Aua," sagte Melissa. "Was ist das?"

"Nicht bewegen. Jetzt drück den Tupfer gegen die Einstichstelle. Ganz fest." Sie warf die Spritze in den Abfalleimer.

"Das war ein Wehenmittel. Dadurch öffnet sich langsam deine Gebärmutter und deine Tochter kann raus."

"Tut das nicht wahnsinnig weh?"

"Du bekommst soviel Schmerzmittel, wie du brauchst. Zieh dich wieder an. Ich bring dich jetzt ins Krankenhaus. Und deinem Freund sagen wir gute Nacht."

"Ich weiß nicht, ob ich alles richtig mitbekommen habe," sagte Erik.

"Ich denke schon. Gut, daß sie mich angerufen haben. Die Mutter verdankt Ihnen ihr Leben."

"Was sage ich, wenn mich ihre Kolleginnen fragen?"

"Sie sagen, bei Melissa haben vorzeitig die Wehen eingesetzt."

"Sie wollten mir einen Ausdruck geben."

Sie nahm das Papier aus der Ablage und knipste das Ultraschallgerät aus.

"Hier. Und jetzt gehen Sie. Wir sehen uns Dienstag früh."

"Sag allen, sie sollen uns im Krankenhaus besuchen," rief Melissa. Er umarmte sie schüchtern und fühlte ihren harten Bauch.

Als er vor seiner Zimmertür stand, fiel ihm ein, daß er keinen Schlüssel mitgenommen hatte. Er klingelte.

Amina hatte seinen Baumwollpullover übergezogen und sah darin viel biederer aus als vorhin beim Bedienen.

"Da ist ja das Foto." Sie riß ihm das Papier aus der Hand. "Ich kann nichts erkennen."

Er zeigte ihr das Profil des Gesichts und die Faust mit dem Daumen, an dem das Kind zu nuckeln schien.

"Das ist süß. Aber ich will nicht so einen dicken Bauch bekommen. Man wird nie wieder so schön wie vorher. Wo ist Melissa?"

"Sie kann nicht kommen, sie fährt gerade ins Krankenhaus. Bei ihr haben die Wehen eingesetzt."

Es fiel ihm leicht zu lügen, aber er brachte die Worte nur gepreßt heraus, weil ihm das Entsetzen die Brust zusammenquetschte.

"Das wird das erste lebendige Baby, das unser Fitneßbetrieb hervorgebracht hat. Ist das nicht verrückt?"

"Bist du noch nie schwanger gewesen?"

"Ich bekomme die Monatsspritze und lasse regelmäßig die Vorsorgeuntersuchung durchführen."

"Gegen was?"

"Probleme mit der Gebärmutter. Es ist ganz harmlos. Du kannst am nächsten Tag schon wieder arbeiten."

"Wie oft wird das gemacht?"

"Alle paar Wochen."

"Das habe ich noch nie gehört."

"Das ist der Vorteil hier, daß wir so aufmerksam betreut werden."

Sie zeigte ihm, daß sie an seiner Whiskyflasche gewesen war, und wollte wissen, wie stark verdünnt er seinen trinken wollte.

Er deutete es ihr mit den Fingern an, und während sie sein Getränk vorbereitete, versteckte er die Ausbeute benutzter Ampullen unauffällig in seinem Safe und holte hundert Dollar heraus. Zur Auswertung des Präparats brauchte er wahrscheinlich einen Spezialisten.

"Noch einen Spritzer stärker, bitte," wies er sie an.

Er hatte Angst, allein zu bleiben mit seinem schrecklichen Wissen, aber er hatte auch keine Lust, sich das Geschwätz der Araberin anzuhören. Vielleicht würde sich der Whisky wie eine Dämmschicht dazwischen schieben. Er nahm einen kräftigen Schluck.

"Du bist doch kein Säufer? Ich meine, kannst du dann noch?"

Das war im Augenblick das Letzte, was ihm in den Sinn gekommen wäre, aber seine Gefährtin hatte offenbar nichts anderes im Kopf, denn sie fragte unbefangen: "Was machen wir nun mit dem angefangenen Abend?"

Er ging ins Badezimmer und nahm heimlich eine Schlaftablette ein, von der er wußte, daß sie bei ihm in zehn Minuten eine spezielle Dysfunktion herbeiführen würde.

Er schob Amina aufs Bett, nahm sie ganz eng in die Arme und zog ihren Kopf an seine Brust. Er hatte immer noch ein Gefühl der Lähmung in der Kehle. Aber er streichelte automatisch ihre Schultern. Er hatte die goldenen Äpfel der Hesperiden pflücken wollen und statt dessen den Tod unter die Finger bekommen. Gestern wäre er beinahe selber gestorben, heute hatte er ein totes Baby in seinen Händen gehalten.

Es kam ihm vor wie ein Irrtum des Schicksals. Wenn er gestern in der Baie ertrunken wäre, könnte das Baby Melinda heute noch vergnügt in seinem Fruchtwasser herumschwimmen. Was für ein Mißgriff zu seinen Gunsten.

"Du bist so still," sagte seine Partnerin. "Woran hast du das gemerkt, daß Melissa ihre Wehen bekam?"

"Ich weiß nicht," log er, "es war so ein Gefühl. Dein Geld liegt auf dem Schreibtisch.".

"Ich bleibe heute Nacht hier, wenn du nichts dagegen hast."

"Zum Schlafen?"

"Auch zum Schlafen." Sie drehte den Dimmer auf Dämmerlicht. Er sagte nichts und ließ ihr ihre Illusion.

 

4. KAPITEL SIEBENUNDZWANZIGSTER /FREITAG

Als Erik in der Morgenhelle nach und nach erwachte, lag er allein im Bett. Jeden Augenblick mußte der Frühstücksanruf kommen. Er setzte sich auf. Unter seiner Hirnschale bewegte sich der Kater mit tausend kratzenden Füßen. Wieviel Gläser Wein hatte er gestern getrunken? Vier, höchstens fünf, angefüllt mit Kraft der drei Vulkane, auf denen sie wuchsen. Dann das Schlafmittel und der Whisky. Die Erinnerung an die schwarze Ophelia. Unwirklich. Besser nicht wahr. Er duschte lange eiskalt, um sein System wieder hochzufahren.

Auf der Frühstücksterrasse hatte Ziegler das Obst entdeckt.

"Vitamine geben Lebenskraft. Diese Mangos - ein Gedicht. So einen Geschmack findest du bei importierten Früchten überhaupt nicht. Halt, halt. Hol dir selber welche."

"Mein Bargeld ist gleich alle," lenkte Erik ab. "Ich brauche noch mehrere hundert Dollar, um mit Anstand über die Runden zu kommen."

"Ich habe schon recherchiert. Heute Vormittag haben die Banken wieder geöffnet. Leider liegt die einzige Bank, die uns auf unsere Kreditkarten zweitausend Dollar Cash Advance gibt, am Point du Nord, wo die Fünf-Sterne-Hotels angesiedelt sind. Die in der Gegend hier rücken bloß fünfhundert raus."

"Money is your business. Wie kommen wir hin?"

"Ich habe einen Mietwagen besorgt. Du könntest die Benzinkosten übernehmen. Es sind über hundert Kilometer hin und zurück."

"Wir sollten die Badehose mitnehmen. Dort oben gibt es die schönsten Strände."

"Ich bin hier, um den Versicherungsanspruch eines Mannes zu klären, der beim Baden ertrunken ist. Mir ist nicht nach Schwimmen zumute."

"Du bist verpflichtet, auszuprobieren, wie leicht man hier ertrinkt."

"Wenn du als erster ins Wasser gehst."

"Mach ich."

"In einer Viertelstunde in der Lobby. Vergiß deinen Ausweis nicht."

Der Mietwagen war ein winziger Fiat, der kein Schiebedach, aber eine Klima-Anlage hatte. Da es dauern würde, bis sie die gestaute Hitze aus dem Inneren verblasen hatte, ging Erik mit der Straßenkarte, die auf seinem Sitz lag, ins Hotel zurück, um sich von der Rezeptionistin - heute nicht Marylou - die genaue Lage ihres Hotels einzeichnen zu lassen.

"Wohin fahren Sie?"

"Point du Nord".

"Das ist hier." Sie hielt ihren roten Fingernagel auf eine Ausbuchtung am unteren Ende der Karte.

"Der Point du Nord muß doch oben sein," widersprach er und zeigte auf den entgegengesetzte Rand der Karte.

"Das ist ein Irrtum, den viele Touristen machen. Bei uns ist der Süden oben und der Norden unten. Der schwarze Pfeil hier zeigt zum Südpol."

"Darauf wäre ich nie gekommen."

"Es gibt Gäste, die fahren stundenlang in die Irre, weil sie das nicht begreifen. Dabei ist es ganz einfach, wenn Sie sich nach der Sonne orientieren. Die Sonne steht zu Mittag im Norden."

"Im Norden?"

"Sie sind hier auf der Südhalbkugel der Erde. Deshalb ist alles andersherum, als sie es gewohnt sind."

"Danke. Sie haben meinen Tag gerettet."

Der Fiat war jetzt ausgekühlt, und Ziegler fragte ungeduldig, was er so lange getrieben habe.

Der Fahrersitz war rechts, weil das Land Linksverkehr hatte, obwohl Französisch als Umgangssprache dominierte, und Erik mußte immer wieder das Erschrecken darüber niederkämpfen, daß sie auf der falschen Straßenseite fuhren.

Die Landstraße nach Norden, die auf der Karte in dickem Rot leuchtete, war gut asphaltiert, aber so schmal, daß sie keine Möglichkeit hatten, einen drei Meter hoch mit Zuckerrohr beladenen Laster zu überholen, der auf abgenutzten Stoßdämpfern vor ihnen her schaukelte. Die Straße war übersät mit armdicken braunen Zuckerrohrstämmen, von denen einige schon plattgepreßt waren, während andere beim Darüberfahren gegen die Karosserie hochschnellten.

"Hoffentlich reißt uns das keinen Bremsschlauch ab," unkte Ziegler. Er trat von Zeit zu Zeit so hart auf die Fußbremse, daß Erik seinen Sicherheitsgurt anlegte.

Als der Zuckerrohr-Transporter nach rechts in einen Feldweg abbog, hatten sie freie Fahrt, bis ihnen ein Touristenbus entgegenkam, der so groß war und so laut hupte, daß sie ganz links am Straßenrand stehen blieben und beinahe mit einem Feldstein kollidiert wären, was Ziegler aber von seinem Platz rechts nicht abschätzen konnte.

"Zweihundertfünfzig Dollar pro Bett," kommentierte Erik. "Warum hat Bernbach keine Reportage über die Herbergen der Nouveaux Riches geschrieben?"

"Er war einem ganz großen Ding auf der Spur, hat er seinem Chef ge-emailt."

"Bei uns im Hotel?"

"Er war Franzose. Für die ist Sex kein Thema."

Die Landschaft wurde immer karger, je weiter sie nach Norden kamen. Das Meer leuchtete blau in der Ferne. Ab und zu wiesen aufwendig gestaltete Wegweiser auf Fünf-Sterne-Resorts hin, die mit ihren in den Horizont geduckten roten und blauen Ziegeldächern an thailändische oder balinesische Baustile erinnerten. Auf halbem Wege blockierten Schlagbäume den Zugang, die Ähnlichkeit mit Grenzübergänge des Kalten Krieges oder der Zeit der Apartheid in Südafrika besaßen.

Weil Erik links saß, erkannte er als erster den Wegweiser "Öffentlicher Badestrand".

"Wollen wir nicht erst unser Geld abheben?" meinte Ziegler.

"Damit es uns aus dem Wagen geklaut wird?"

"Meinst du nicht, daß hier jedem Dieb die Hand abgehackt wird?"

"Dies ist ein weltlicher Polizeistaat. Die Muslime wurden im letzten Jahrhundert zwangsweise zum Christentum bekehrt." Das hatte Erik letzte Nacht von Amina gelernt.

Der öffentliche Badestrand hatte weder Umkleidekabinen noch Toiletten, aber hochgewachsene Casuarinas spendeten Schatten. Mannshohe Mauern grenzten das Areal gegen die Privatstrände rechts und links ab. Das Meer senkte sich terrassenförmig über eine Reihe von Sandbänken nach Norden ab. Als Erik und Jean die dritte Sandbank überstiegen hatten, reichte ihnen das Wasser erst bis zum Bauch.

"Weiter laufe ich nicht," protestierte Ziegler. "Das ist eine öffentliche Badewanne, kein Strand." Er ließ sich auf den Rücken fallen und planschte wie ein Kind. Erik schloß sich ihm an. Wenigstens gab es hier keine gefährliche Strömung. Das Wasser war so lau, daß es kaum erfrischte. Erst als sie ans Ufer zurückwateten, kühlte der Wind sie ab.

Auf der Weiterfahrt sahen sie rechts von der Straße schmucke Apartmenthäuser im kanarischen Stil, die leer zu stehen schienen. In vielen Fenstern hing ein Schild "A Luer", und an einem Balkon lasen sie sogar "35 Dollar/Nuit."

"Halt mal an," sagte Erik. "Hier stimmt was nicht."

Sie fanden einen Parkplatz direkt an einem Minimarkt.

"Auf der linken Straßenseite verlangen die Hotels 250 Dollar pro Nacht, und als ich ankam, war nicht ein einziges Bett mehr frei. Dabei bekommst du hier ein Apartment für 35 Dollar die Nacht, und die meisten sind in der Hochsaison unvermietet. Warum hat man mir davon am Flughafen nichts erzählt?"

Sie gingen die Stufen zum Minimarkt hinunter. Der Inhaber, ein weißhaariger Mann mit einem faltigen Gesicht, grüßte sie höflich. Auf der Ladentheke standen zwei angebrochene Pappkartons mit Flaschen, die "Red Label" und "Black Label" hießen, aber keinen Wandersmann auf dem Etikett zeigten.

"Ist das Whisky?" fragte Erik.

"Von unserer Insel. Ich kann ihn sehr empfehlen."

Der "Red Label" kostete vier Dollar die Flasche, der "Black Label" sechs.

Erik wählte eine schwarze Flasche.

"Wissen Sie, ob man hier im Haus ein Appartement mieten kann?"

"Nur wenn Sie eine Daueraufenthaltsgenehmigung haben. Ursprünglich wurden sie für Touristen gebaut. Deshalb habe ich den Laden hier. Aber dann hat die Baupolizei behauptet, die Badezimmer seien viel zu klein für die Ansprüche der Touristen. Sie müßten dreimal größer sein. Deshalb darf nicht an Ausländer vermietet werden. Es sind schöne Wohnungen mit eingerichteter Küche und allem. Die Bauherren gehen jetzt an den Hypotheken kaputt."

"Es sieht so aus," kommentierte Erik, "als hätte sich die typisch südostasiatische Korruption auch auf Ihrer schönen Insel eingenistet."

"Das war früher nicht so. Erst seit sie diesen Chinesen zum Tourismusminister gemacht haben. Den einfachen Leuten wird rücksichtslos die Kehle zugedrückt."

Erik zog seine Brieftasche, um den Whisky zu bezahlen. Er nahm das Foto von Bernbach heraus und zeigte es dem Alten.

"Ist es möglich, daß dieser Mann vor vier Wochen bei ihnen eingekauft hat?"

Das Foto wurde aus verschiedenen Abständen betrachtet. Dann schüttelte der Weißhaarige seinen Kopf.

"Ein so gutes Gesicht vergißt man nicht. Er war bestimmt nicht hier."

"Schade."

Ziegler nahm ihm das Foto aus der Hand.

"Sieh mal an. Wie bist du da drangekommen?"

"Später," sagte Erik.

Der Alte gab ihm auf seine zehn Dollar in Landeswährung heraus und fragte, ob er die Flasche einpacken sollte.

"Wenn Sie in einem Hotel wohnen, bekommen Sie Ärger mit dem Wachdienst."

"Wir nicht," sagte Ziegler bestimmt. Erik nahm das Foto wieder an sich.

Das Auto hatte sich mit Hitze angefüllt.

"Du glaubst also," fragte Ziegler, "Bernbach wurde beseitigt, weil er die Korruption der Regierung aufdecken wollte. Staatsbegräbnis, sozusagen." Er ließ den Wagen an, ohne Eriks Antwort abzuwarten.

"Du hast doch gesagt, er war einem ganz großen Ding auf der Spur!" rief Erik.

"Das hat er behauptet. Eine Tourismus-Behörde bringt keine Touristen um. Das wäre schlecht fürs Image."

Eine Viertelstunde weiter kamen sie nach Point du Nord, einem ärmlich verträumten Städtchen, das an Sant Angelo auf Ischia erinnerte, aber ohne die Steilküsten. Und ohne die Touristenmassen. Ihre Bank erkannten sie an den überdachten Parkplätzen. Obwohl sie schnell bedient wurden, froren sie in der Zugluft der Aircondition, und Erik bekam einen Hustenanfall, der ihn daran hinderte, seine Zehn-, Zwanzig- und Fünfzig-Dollarscheine nachzuzählen.

Als sie wieder in der Hitze standen, erspähte Ziegler die Schautafel einer Pizzeria, in der man eine Pizza schon ab drei Dollar bekam. Eine schick gekleidete Familie mit hin und her wuselnden Kindern waren die einzigen Gäste außer ihnen. Der Wirt verzog keine Miene, als sie Pizza Margharita mit Cola bestellten.

"Wie bist du an das Foto gekommen?" fragte Jean.

"Ich habe noch mehr gefunden. Hier sind zwei Artikel aus 'Paris Vive' Kennst du die?"

Ziegler konnte Französisch viel flüssiger herunterlesen als Erik. Die Hauptverwaltung der Colonia Versicherung hatte ihren Sitz ja auch nach Frankreich verlegt. Er hatte die Reportagen im Nu durch.

"Ein Jammer um den Mann," sagte Jean kopfschüttelnd. "Glaubst du, das ist eine Spur? Der CIA?"

"Nein. Der CIA kauft gute Journalisten, er ersäuft sie nicht. Alle Spuren führen in das Bordell, das unser Haushalt ist."

"Das will ich nicht gehört haben," protestierte Ziegler. "Die Auberge ist ein stinknormales Hotel für Geschäftsreisende. Der Service liegt absolut im Bereich des Normalen. Als ich neulich in Paris in einem Mittelklassehotel am Arc übernachtete, hatten sie in der Minibar nur eine Viertelflasche Champagner. Ich rief den Nachtportier an und bat ihn, mir eine normal große Flasche aufs Zimmer zu bringen. Weißt du, was er erwiderte? 'Monsieur Siegler, Sie werden den Champagner doch nicht alleine trinken wollen. Das wäre zu schade'."

Er verstummte, weil der Wirt ihre Colas brachte. Der Brackwasser-Geschmack der braunen Flüssigkeit löschte alle Erinnerungen an Champagner-Genüsse aus.

"Wie würdest du es anstellen, wenn du dich umbringen wolltest?" fragte Jean, als er die Cola in der Hand hielt.

"Ich?" erwiderte Erik. "Mich kannst du nicht als Beispiel nehmen. Ich war Sani beim Bund. Ich hätte kein Problem, mir eine Überdosis Heroin zu spritzen, wenn ich nur drankäme. Und du?"

"Es gibt nur eine genußvolle Methode. Ein kurzer Strick mit gut geölter Schlinge, ein fester Haken, und wenn dir schwarz vor Augen wird, bekommst du dasd Abschiedgefühl deines Lebens."

"Das kannst du in unserem Hotel auch ohne Strick haben."

"Es gibt Leute, die springen von den Rheinbrücken ins Wasser. Die sind schon halb weg, wenn sie unten aufschlagen. Aber hier, bei den flachen Stränden, kannst du es dir noch hundertmal überlegen und wieder umkehren."

"Wir wissen nicht, wo er ertrunken ist, oder hast du neue Erkenntnisse?"

"Nicht die Bohne. Weißt du, was der größte Webfehler des Christlichen Abendlandes ist? Daß wir die Kultur des Selbstmordes vergessen haben. Denk an Sokrates, der seinen Schierlingsbecher in der Runde seiner Schüler trank, von liebevollen Worten begleitet. Denk an Cicero - oder war es Seneca, der Lehrer Neros jedenfalls - der sich in seiner Badewanne die Adern öffnete, umgeben von Freunden mit Weingläsern in der Hand. Das nenn ich Kultur."

"Du übersiehst eins. Es waren keine freiwilligen Selbstmorde. Beide hatte man zum Tode verurteilt."

"Auf jeden Fall hatte es Stil."

Die Pizza kam, und Erik war der Verpflichtung enthoben, seine Geschichtskenntnisse weiter zu strapazieren.

Als sie ihr Kleingeld zum Bezahlen zusammenzählten, sagte Erik:

"Den Selbstmord kannst du dir abschminken. Ich habe eine Zeugin getroffen, die schwört, daß Bernbach wasserscheu war."

"Wer ist das? Wo finde ich sie?"

"Sie ist abgereist." Er hatte nicht die Absicht, Corinna beim Servieren im Grill von Jean beglubschen zu lassen. "Du kannst dich auf mich verlassen."

"Wenn das so ist, muß man die Chance, daß er sich auf dem Wasser in Unfallgefahr begab, wie hoch ansetzen?" Er trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte.

"Fünfzehn Prozent," schlug Erik vor.

"Das beruhigt mich."

"Mich nicht. Kein Selbstmord, kein Unfall. Was bleibt, sind 85 Prozent Wahrscheinlichkeit, daß auf dieser schönen Insel ein Mörder unerkannt und unbestraft sein Unwesen treibt."

"Sagst du."

"Alle Spuren führen in die 'Auberge', beharrte Erik.

"Ich habe einen sechsten Sinn für so etwas, widersprach Ziegler. "Der sagt, die 'Auberge' ist sauber. Du verfolgst die falschen Spuren."

Auf dem Rückweg verfuhren sie sich mehrmals, weil Erik Schwierigkeiten hatte, die nord-süd-verkehrte Straßenkarte zu lesen, und Ziegler nicht auf Verkehrsschilder achtete. Kurz vor drei parkten sie wieder vor ihrem Hotel, und sie verabschiedeten sich kurzangebunden. Erik mußte sich das kratzende Meersalz von der Haut duschen. Ziegler wirkte erschöpft durch den ungewohnten Linksverkehr.

Als Erik aus seinem Badezimmer trat, fiel ihm auf, daß das Zimmermädchen schon wieder das Coaching-Album auf sein Bett gelegt hatte. Er hatte gestern zwei Anläufe unternommen, die beide jämmerlich schief gegangen waren. Sollte er in vier Tagen abreisen, ohne etwas erlebt zu haben? Wie hatte Zieglers Pariser Nachtportier gesagt? 'Das wäre zu schade'. Einen dritten Versuch, sagte er sich, hatte er noch gut. Wenn es wieder nichts wurde, würde er sich aufs Schwimmen beschränken. Er las die Durchwahl vom Fitness-Album ab und tippte sie ins Telefon ein.

"Hier ist Zimmer Vierunddreißig. Ich bin auf der Suche nach einer Coaching Partnerin."

"Haben Sie einen bestimmten Wunsch?"

"Ich habe eine Inderin getroffen, die Leda heißt."

"Tut mir leid, die ist beschäftigt."

Eine plötzliche Eifersucht überlief ihn wie eine Gänsehaut.

"Corinna?" fragte er, den Hörer fest umklammernd.

"Die ist heute nicht im Hause."

"Wann kommt sie?"

"Morgen zur Spätschicht."

"Da war eine Japanerin."

"Bei uns arbeiten keine Japanerinnen. Jetzt auf Rufbereitschaft haben wir eine Koreanerin und eine Vietnamesin. Ich schicke sie Ihnen beide vorbei, und Sie können sehen, ob sie mit einer von ihnen einig werden. Soll es sofort sein?"

"So bald wie möglich."

Er war noch im Badezimmer beim Zähneputzen, als seine Türklingel anschlug.

Er erkannte sofort das Mädchen, das Arirang hieß. Sie hatte ein noch breiteres Gesicht als auf dem Foto, schräge Augen und einen rotgeschminkten Kirschmund. Mit ihr ins Zimmer trat eine Asiatin, die einen halben Kopf größer war, ein schmaleres Gesicht besaß und langes schwarzes Haar, das ihr in Strähnen bis auf die Hüften fiel.

"Ich bin Minh," stellte sie sich vor, "das ist meine Freundin Arirang. Wir beide sind die einzigen Asiatinnen in diesem Hotel, die nicht auf der Insel geboren wurden."

Minh reichte ihm eine lange dünne Hand. Sie hatte einen strahlenden Blick, wie eine Schauspielerin.

"Kommen Sie aus Vietnam?" fragte er.

"Vor vielen Jahren. Ich bin jetzt eingebürgert. Lieben Sie Asiatinnen?"

"Ich finde sie zauberhaft. Vor allem Koreanerinnen und Vietnamesinnen."

"Hast du schon mal mit einer Vietnamesin geschlafen?"

"Ja."

"Wo hast du sie kennengelernt?"

"In Saigon."

"Du bist doch gar nicht so alt."

"Es war vor zwei Jahren."

"Warst du schon mal mit einer Koreanerin zusammen?" fuhr Arirang dazwischen. Sie war anderthalb Kopf kleiner als Erik. Sie trug ein weißes T-Shirt mit dem roten Aufdruck "Love me" und eine knielange Baumwollhose mit eingesetzten Reißverschlußtaschen.

Die jungen Frauen tuschelten miteinander. Die Vietnamesin machte ein betretenes Gesicht.

"Du möchtest bestimmt meine Freundin," sagte Minh. "Ich bin heute nicht gut in Form." Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küßte ihn auf die Wange. Bevor er begriffen hatte, was hier gespielt wurde, war sie schon draußen. Sie hatte ihm gut gefallen. Aber Arirang auf dem Foto auch.

"Hi," sagte die Koreanerin.

"Ni hao," erwiderte er.

"Sprichst du Chinesisch?" fragte sie.

"Nein."

"Ich auch nicht richtig." Sie stimmte ein erleichtertes Lachen an.

"Ich heiße Erik."

"Arirang," wiederholte sie, "ich Arirang."

"Wie lange wohnt deine Familie schon auf der Insel?"

"Meine Familie lebt in Korea. Ich bin nur zum Arbeiten hier."

"Mit Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis?"

"Mhm." Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, knöpfte sein Hemd auf und küßte ihn auf die Brust. Das war angenehm. Wie bei einer Ampel, die von rot auf gelb umsprang.

"Man man tschi," sagte er. Das war Chinesisch und hieß 'immer schön langsam.'

Er wollte nicht, daß sie die Initiative ergriff und ihn bediente. Gestern das Treffen am Schwimmbad war ein guter Ausgangspunkt gewesen, und mit Amina hatte er auch eine Stunde in der Brasserie gesessen und sich um den Verstand getrunken, bevor er mit ihr nach oben ging.

Er zog den Fenstervorhang zu und zündete eine Kerze an, die er im Schreibtisch gefunden hatte, offenbar als Notbeleuchtung für die Saison der Wirbelstürme gedacht. Die Flamme zitterte in der Zugluft seiner Klimaanlage so heftig, daß er sie wieder ausblies.

"Was machst du da?" fragte Arirang. "Bei uns sagt man, eine Kerze weint, wenn..."

Er drehte sich nach ihr um. Sie hatte sich hüllenlos in die Mitte des Bettes gelegt, wie die spanische Maja. Nur war ihr Körper kleiner und kompakter. Erik zog sich das Oberhemd über den Kopf und setzte sich neben sie.

"Bist du schon mal in Korea gewesen?" fragte Arirang.

"Nein."

"Es ist kein Land für Touristen."

"Aus welchem Teil Koreas kommst du?"

"Aus dem demokratischen, natürlich."

"Aus der Republik oder der Volksrepublik?"

"Aus der demokratischen Volksrepublik. Das andere ist gar keine Republik. Es ist ein Vasallenstaat, wo die Not so groß ist, daß Eltern ihre Kinder verkaufen müssen, um zu überleben."

"Wie bist du nach Solea gekommen? Bist du ein politischer Flüchtling?"

"Bei uns gibt es keine politischen Flüchtlinge." In ihrer Stimme war wieder der Tonfall, mit dem sie eben die Vietnamesin in die Flucht geschlagen hatte. Sie wirkte so ungehalten, daß er den Nachmittag für gescheitert hielt.

"Bist du ein Kader, ein Parteimitglied?"

"Das werden nur die Besten," erwiderte sie ausweichend. "Ich bin nichts Besonderes."

Sie richtete sich auf und küßte ihn, um das Gespräch zu beenden. In ihrem Kuß lagen ein Vertrauen und eine Hingabe, wie Erik es noch nie beim ersten Kennenlernen erlebt hatte. Ihr Körper strahlte eine Zuwendung aus, die alle Peinlichkeit des Sich Fremd Seins ausschloß. Er war ihr willkommen. Das war keine Vortäuschung, keine Verstellung. Sie waren ein uraltes Liebespaar, das nach Jahren der Trennung wieder zusammenkommt und jeden Quadratzentimeter Haut seines Partners sofort wiedererkennt. Es wurde kein Fitness-Training, sondern ein Versinken in Zärtlichkeit. Von Minute zu Minute intensiver und zärtlicher. Sie wollte, daß er ihr Lust bereitete, und nach den Schwierigkeiten des Anfangs war er froh, es zu können.

"Mußt du nicht auch?" fragte sie, als sie von der Welle eines Höhepunktes herunterglitt.

"Man man tschi," erwiderte er.

"Du bist unersättlich."

"Hast du nie richtig bohrenden Hunger kennengelernt?"

"Nicht so schlimm, wie die Menschen in den unterdrückten Ländern."

Er war so erstaunt, daß er sie weiter erzählen ließ.

"Wir hatten immerhin jeden Tag eine warme Hauptmahlzeit. Das Unangenehmste in meiner Kindheit war nicht der Hunger, es war, daß man im Winter die Klassenzimmer nicht heizen konnte. Die Finger froren in den wärmsten Wollhandschuhen"

Er streichelte ihre Finger, als wollte er sie wärmen.

"Wie lange bist du schon auf der Insel?"

"Ein halbes Jahr."

"Ist dies auch ein unterdrücktes Land?"

"Die Menschen hier haben sich schon vor hundert Jahren vom Kolonialismus befreit. Bei uns wüteten die Japaner bis 1945 und haben uns vollständig ausgeplündert. Dann haben uns 1949 die Amerikaner überfallen und alles zerstört, was noch stand."

"Ich komme aus Deutschland. Mein Land ist 1945 auch von den Amerikanern vollständig zerstört worden, und trotzdem gehört es heute zu den reichsten Ländern der Welt. Was für ein Auto fährt euer großer Führer?"

"Einen Benz. Ich meine, mehrere Benz, wegen der Attentatsgefahr, damit man nicht weiß, in welchem er drinsitzt."

"Siehst du, der Benz wird in meinem Land produziert. Genau wie der BMW und der Rolls Royce."

"Du lügst. Der Benz kommt aus China. Wenn du willst, werde ich die Kollegen im chinesischen Konsulat fragen, dann kann ich es dir haarklein beweisen. Schade, daß du so ein Aufschneider bist. Sonst gefällst du mir gut."

"Du mir auch. Du bist die intelligenteste Frau, die hier arbeitet."

"Dafür muß man nicht intelligent sein."

"Wissen deine Genossen zu Hause, was du hier tust?"

"Die es angeht, ja. Wir haben Hunderte von Spezialistinnen im Auslandseinsatz. Nur die Besten bekommen eine Chance."

"Du bist sehr gut."

"Arbeitest du auch auf dem Gebiet der Informationsbeschaffung?" Ihre Frage klang halb mißtrauisch, halb kollegial.

"Motivationsforschung."

"Was ist das?"

"Warum Menschen etwas haben wollen, und weshalb gerade das eine und nicht das andere."

"Erzähl ein Beispiel."

"Wie kommt es, daß ich mit dir zusammen liege und nicht mit einer Kreolin?"

"Du liebst Koreanerinnen. Du verstehst unsere Politik."

"Das ist richtig."

"Ich habe viel über Deutschland gehört. Unsere Kinder lieben ein Computerspiel, das 'Rommel in Afrika' heißt. Wenn Hitler nicht den Fehler gemacht hätte, ein sozialistisches Land anzugreifen, könnte er ganz Europa und Afrika regieren."

"Ich bin für das Selbstbestimmungsrecht der Völker."

"Das ist die richtige Haltung. Soll ich dir zeigen, wie die weinende Kerze gemacht wird?"

Ihr Gesicht schwebte wie eine Maske vor ihm. Ein verbissen geistesabwesender Ausdruck lag auf ihren Zügen. Anstrengung? Konzentration? Rückzug aus der Gegenwart?

Wir müßten einander die Gehirnschalen aufreißen, um die Gedanken des anderen zu lesen. Das hatte Büchner gesagt, der Anatom und Revolutionär, den eine Gehirnhautentzündung im Züricher Exil hinwegraffte, vielleicht der reinste Revolutionär, den Deutschland hervorgebracht hatte, denn mit Marx und Engels ging die Abwärtsspirale der Ungleichheit schon los. Erst ganz harmlos, mit dem Schnorren von Rotweinkästen - von der teuersten Sorte natürlich - und dem Schwängern des Dienstmädchens. Dann kam die Lubjanka, der KGB, die Stasi, "Ich liebe euch doch alle." Und jetzt der Zuhälter Kim, der Landestöchter ins Ausland schickte, wo sie geschändet wurden. Die Geschichte biß sich in den Schwanz.

Aber er verletzte die Koreanerin nicht. Er leistete ihr Gesellschaft in der Fremde. Er war ihr Reisekamerad.

Sie lagen dann lange wortlos zusammen. Er kannte sie erst anderthalb Stunden, aber empfand für sie ein Urvertrauen und eine Zugehörigkeit, als wären sie als Embryos in der gleichen Fruchtblase aufgewachsen.

Er fand ihre Augen nicht mehr schräg, sondern voller Gefühl.

"War es gut für dich?" flüsterte sie.

"Sehr gut."

"Für mich auch."

Sie versteckte ihr Gesicht an seiner Brust. Er streichelte die Täler ihrer Wirbelsäule.

"Wieso kennst du Leute im chinesischen Konsulat, die dir erzählen, wo der Benz produziert wird?"

Sie faßte nach seiner Hand und hielt sie ganz fest.

"Das kommt so. Mein Land hat keine diplomatischen Beziehungen zu nichtkommunistischen Ländern. Dort werden wir durch China vertreten. Darüber gibt es ein Abkommen. Weil wir den Chinesen helfen wollen, ist vereinbart, daß wir in jede chinesische Auslandsvertretung zehn Leute entsenden können, denen ein Arbeitszimmer und Diplomatenpässe zur Verfügung gestellt werden."

"Heißt das, du bist mit einem chinesischen Diplomatenpaß eingereist?"

"Nicht so laut."

"Aber du bist keine ausgebildete Diplomatin und arbeitest auch nicht im Konsulat."

"Einmal in der Woche muß ich dort einen Rechenschaftsbericht verfassen und an einer Schulung teilnehmen. Es gibt auch einen Schlafsaal dort, aber ich übernachte lieber hier. Das erspart Fahrtkosten."

"Was ist deine offizielle Position im Konsulat?"

"Ich bin Handelsattachee. Zuständig für Zucker. Unser Land importiert Zucker von dieser Insel, weil er hier besonders günstig ist."

"Ich finde dich süß," sagte er, um das Thema zu wechseln.

"Ich arbeite gerne mit dir zusammen," erwiderte sie. "Mit dir könnte ich jeden Nachmittag zusammen sein."

"Ich muß mal auf die Toilette," entschuldigte er sich. Es war schon lange fällig. Als er zurückkam, ging sie mit ihren Kleidern ins Bad.

Er holte das Geld aus dem Safe. Sie war schnell angezogen.

"Soll ich morgen Mittag wiederkommen?"

"Wenn du willst."

"Ich will."

"Du kannst noch bleiben."

"Ich muß mich konzentrieren. Morgen nehmen wir uns mehr Zeit."

Sie war draußen, bevor er sie fragen konnte, wie sie das gemeint hatte.

Als er sich einen Augenblick hinlegen wollte, war das Bett unangenehm feucht. Er rief das Housekeeping an und bat um einen Wäschewechsel.

"Ich setze sie auf die Liste," sagte die Frau in der Leitung.

"So lange kann ich nicht warten. Ich brauche die Wäsche sofort. Ist das nicht möglich?"

"Warum sagen Sie nicht gleich, daß Sie es eilig haben? Wir helfen Ihnen gerne."

Die Leuchtziffern der Konsolenuhr zeigten ihm, daß Arirang über zwei Stunden dagewesen war. Er zog sich den Frotteemantel an, der im Badezimmer hing. Zwei Minuten später rollten zwei ältere Frauen einen Wäschewagen ins Zimmer. Die eine ging ins Badezimmer und warf alle Handtücher auf die Erde, die andere riß die Laken vom Bett. Zu zweit arbeiteten sie schwer daran, das Bett zu beziehen. Drei verschiedene Laken wurden übereinander auf der Liegefläche glattgestrichen und unter der Matratze festgesteckt.

Er bat sie, die Überdecke nicht wieder aufzuziehen, aber damit ersparte er ihnen auch keine Arbeit, denn sie hoben das schwere Stück vom Fußboden auf, wo es gelandet war, und falteten es so pedantisch zusammen, daß es in eine Schublade unter dem Fernseher paßte. Er gab ihnen ein Trinkgeld in den Münzen der Landeswährung, die man hier auf seine Dollar herausgegeben bekam. Sie warfen die verbrauchten Tücher auf den Wagen und schoben ihn mit einem "Aurevoir" wieder hinaus.

Als er sich probeweise hinlegte, zog ihn der frische Duft des Kopfkissenbezuges unwiderstehlich in den Schlaf. Bourbon-Vanille, dachte er noch, obwohl das überhaupt nicht paßte. Dann saß er in einem Auto ohne Lenkrad und raste auf einen Zuckerrohrtransporter zu, ohne auszuweichen zu können. Im Augenblick des Zusammenstoßes überschüttete ihn der Laster mit Tonnen von braunen Zuckerrohrstengeln, die ihn zudeckten wie ein riesiger Grabhügel. Hier ruht George Bernbach, sagte eine ihm vertraute Frauenstimme. Er war der beste Liebhaber, den ich jemals hatte.

Als Erik erwachte, war es in seinem Zimmer finster wie im Grab. Die frühe Tropennacht hatte ihre Dunkelheit ausgeschüttet, und nur der schrille Ruf des Vogels vor dem Fenster, der ihn schon in der Heiligen Nacht angesprochen hatte, brachte die Welt in ihre richtige Perspektive zurück. Er war sehr glücklich, bis in jede Zelle seines Körpers hinein. Er machte Licht und wählte die Nummer von Zieglers Zimmer. Aber Jean war nicht da oder nahm nicht ab.

Erik hatte Hunger. Die Pizza vom Point du Nord hatte nicht lange vorgehalten. Aber er wollte auf keinen Fall in den Grill, dessen Besuch gestern so schrecklich geendet hatte.

Statt dessen ging er in den Coffeeshop, der schlecht besucht war. Die Erzgebirgler aus Jena waren nicht da. Die Kellnerin trug ein hochgeschlossenes Kleid und beschränkte ihre Empfehlung auf ein gebratenes Thunfischsteak. Der Fisch war so frisch, wie man ihn nur auf Inseln bekommt, bloß zu wenig gewürzt. Trotzdem schabte Erik die Haut weg und ließ die dunkelbraunen Stellen unberührt.

Auf dem Rückweg schlenderte er an der Rezeption vorbei und sah schon von weitem eine rote Uniform leuchten. Michelle erkannte ihn sofort.

"Commentcava, Monsieur Neuhaus?" rief sie, "haben Sie heute Abend schon was vor?"

"Michelle," raunte Erik. "Ich muß dringend mit Ihnen sprechen. Unter vier Augen."

"Ich kann jetzt nicht. Wir erwarten jeden Augenblick Gäste."

"Ich habe Sie schon gestern gesucht. Es ist enorm wichtig."

"Wir können ins Hinterzimmer gehen," sagte sie zögernd, und führte ihn in die Kammer, in der sie bei seiner Ankunft geschlafen hatte.

"Warum wollen Sie mich sprechen?"

"Vorigen Monat war ein guter Freund von mir hier, ein französischer Journalist. Bestimmt erinnern Sie sich an ihn. Er hieß George Bernbach."

"Wir haben so viele Gäste. Ich habe ein schlechtes Gedächtnis für Personen."

"Ich zeige Ihnen ein Bild von ihm. Vielleicht erkennen Sie ihn wieder."

Er hielt ihr den Computer-Ausdruck hin.

"Das ist George," sagte sie erschrocken. "Woher kennnen Sie ihn?"

"Aus Paris."

"Sie wissen, daß er einen Unfall hatte. Schrecklich."

"Ich bin beauftragt, einen Nachruf auf ihn zu schreiben. Deshalb brauche ich Ihre Hilfe."

"Was soll ich tun?"

"Erstens: Was wissen Sie du über den angeblichen Tropenkoller, den er gehabt haben soll, bevor er verschwand?"

"Nichts. Ich komme erst abends zur Arbeit. Die Putzfrauen sagten mir, daß alles im Zimmer durcheinander geworfen war, als ob George verzweifelt etwas gesucht, aber nicht gefunden hätte."

"Also nichts zerschlagen oder zerbrochen?"

"Nicht, daß ich wüßte."

"Das sieht überhaupt nicht nach Tropenkoller aus. Wer hat denn diese Diagnose aufgestellt?"

"Marylou hat das erzählt."

"Sie kann sich geirrt haben. Zweitens brauche ich eine Aufstellung aller Partnerinnen, mit denen George am dreiundzwanzigsten und vierundzwanzigsten November verabredet war."

"Das ist geschmacklos. Das mache ich nicht."

"Sie tun es für ihn, nicht für mich. Ich will, daß mir die Mädchen alles berichten, was George ihnen in den Stunden ihres Zusammenseins über sich selbst erzählt hat. Hatte er Depressionen, Selbstmordgedanken, Angst vor Entlassung, finanzielle Sorgen, Liebeskummer?"

"So habe ich ihn nicht erlebt."

"Ich auch nicht. Deshalb will ich alles über seine letzten Lebensstunden herausfinden."

"Gut, ich mach das für Sie. Ihm zuliebe such ich dir die Namen heraus, auch wenn es mir schwer fällt. Ich bring sie dir nachher vorbei."

Er ging in sein Zimmer und machte das Fernsehen an. In TV5 lief einer dieser betulichen französischen Spielfilme, in denen alle Darsteller liebevoll miteinander umgehen, aber trotzdem in ihrer Haut nicht glücklich sind. Als der Abspann lief, klingelte es an seiner Tür. Er würde nie erfahren, aus welchem Jahr der Film stammte.

Michelle drängte sich ins Zimmer, als wollte sie nicht gesehen werden.

"Ich habe die Aufstellung mitgebracht. Wollen wir uns nicht setzen?" Sie zog ihre rote Jacke aus und drehte die Nachttischlampe hell. In pedantischer Handschrift hatte sie auf einem lila Briefbogen Daten, Tageszeiten und Namen notiert.

"Am Abend seiner Ankuft hat George den üblichen Begrüßungsdrink bekommen, und ich habe ihm den Roomservice erklärt, aber er sagte die ganze Zeit:

'Die sind mir alle viel zu jung, ich schlaf doch nicht mit Kindern.'

Er hatte einen so umwerfenden Charme. Wenn man mit ihm zusammen war, wäre man nie auf die Idee gekommen, etwas anderes zu wollen als er.

Am nächsten Tag, das war der neunzehnte November, hat er sich morgens von der Bethancourt testen lassen. Anschließend hat er an der großen Inselrundfahrt teilgenommen, die um zehn losgeht und fast zwölf Stunden dauert. Wieder zurück hat er mir die halbe Nacht von seinen Eindrücken berichtet. Er hatte so eine spannende Art zu erzählen."

"Ich weiß."

"An den folgenden Tagen hat sich alles nach dem gleichen Schema abgespielt. Vormittags war er in unserem Business Center, hat telefoniert, Zeitungen gelesen, im Internet gesucht, am Computer geschrieben. Nachmittags hat er sich mit dem Rotschopf Corinna vergnügt. Wissen Sie, wieviel Mädchen wir hier haben? Aber George treibt es jeden Nachmittag mit derselben. Können Sie das verstehen?"

"Noch nicht."

"Zum Ausgleich hat er sich abends immer mit einer anderen getroffen."

"Zum Coaching?"

"Nennen Sie es, wie Sie wollen, jedenfalls war er abends immer in Hochform. Soll ich Ihnen die Namen seiner Partnerinnen sagen?"

"Langsam. Sie sagen, George hat zweimal täglich das schönste Fitneß-Training der Welt betrieben. Nachmittags und abends?"

"Er war ein Genießer."

Erik war betroffen. Gestern hatte er die fassungslos weinende Corinna im Arm gehalten, und jetzt stellte sich heraus, daß sie einem Hallodri verfallen war. Die Fakten lagen vor ihm, Michelle hatte den Zettel mit den Notizen auf ihren Knien liegen. Aber irgend etwas an dieser Aufstellung von Paarungen war nicht so, wie es den Anschein hatte. Die Dinge sind nie so simpel, wie sie manchmal aussehen. 'Hinter eurer Freizügigkeit steht ein düsteres Geheimnis,' hatte Bernbach gesagt.

"Mich interessieren der Dreiundzwanzigste und der Vierundzwanzigste."

"Hier." Sie fuhr mit den Fingern über ihre rundlichen Schriftzüge. "Am Nachmittag des Vierundzwanzigsten zum vierten und zum letzten Mal mit der rothaarigen Corinna, und nach dem Abendessen die Inderin Leda. Jetzt kommen wir zum letzten Tag, den er im Hotel verbracht hat. Da hatte er nur eine Besucherin. Das war Chantal, mit der er am Nachmittag zusammen war. Jedenfalls ist sonst niemand verzeichnet. Nein, er war allein. Gegen zweiundzwanzig Uhr hat er mich angerufen und wollte, daß ich bei ihm schlafe, aber wir erwarteten gerade Gäste aus einem Nachtflug. Außerdem war ich sauer auf ihn wegen der Turtelei mit Corinna. Es wurde dann drei, bis ich den letzten Gast eingewiesen hatte, und ich dachte, George schläft bestimmt schon. Ich mache mir deshalb solche Vorwürfe. Bestimmt war er noch in seinem Zimmer, und wenn ich mich zu ihm gesetzt hätte, wäre alles nicht passiert."

"Was ist denn passiert, Ihrer Meinung nach?"

"Er muß sich einen Rausch angetrunken haben und das Haus verlassen haben, ohne daß jemand es merkte. Ich habe den Nachtportier gefragt, aber der hat ihn nicht gesehen. Irgendwie muß er es bis zur Küste geschafft haben. Vielleicht ist er laut singend auf eine Mole hinausgelaufen und hat das Gleichgewicht verloren. Wie soll es denn sonst gewesen sein?"

"Sie haben um zehn mit ihm telefoniert? War er da deprimiert? Wollte er Schluß machen mit allem?"

"Sie denken an Selbstmord? Niemals. Um zehn war er noch vollkommen nüchtern und wollte mir eine Menge erzählen, was er alles rausgefunden hatte. 'Du wirst dich wundern,' sagte er."

"Hat er Andeutungen gemacht, daß er einem Korruptionsskandal bei der Tourismusbehörde auf der Spur war?"

"Ich kann mich nicht erinnern. Ich meine, er war nicht oft genug draußen, um viel zu finden. Er hat im Grunde nur die große Inselrundfahrt gemacht. Sonst ist er meistens im Hause geblieben. Wenn ich nur auf sein Zimmer gegangen wäre! Das werde ich mir nie verzeihen." Sie neigte das Gesicht und schluchzte.

Er nahm das Blatt von ihren Knien, bevor es zerdrückt wurde.

"Leda und Chantal," las er ab, "waren seine letzten Partnerinnen. Wo und wie kann ich die Mädchen interviewen? Gibt es irgendwo einen Aufenthaltsraum, wo man sich treffen kann?"

"Dieses Hotel ist ein Geschäftsbetrieb. Kein Freizeitheim. Wenn du dich in aller Ruhe mit einer unterhalten willst, mußt du sie ihre Dollar verdienen lassen. Du mußt es ja nicht mir ihr treiben, aber Geld macht gesprächig. Wen von den Frauen, die hier stehen, willst du interviewen?"

"Chantal ist die wichtigste, weil sie die letzte war. Was ist das für ein Mädchen?"

"Eine schlanke, ernsthafte, zurückhaltende, von der man nicht viel hört."

"Weiß oder schwarz?"

"Fast weiß. Mit einer persischen Großmutter oder so."

"Dann Leda."

"Das ist eine reinblütige Inderin. Etwas scheu, aber sehr beliebt."

"Kann man um diese Zeit noch Termine festmachen?"

"Wen willst du denn?"

"Erst einmal Chantal und Leda. Getrennt."

Sie nahm den Hörer ab und tippte eine Nummer. Während sie sprach, legte er ihr Papier und einen Kugelschreiber hin. Sie machte ein paar Kringel aufs Papier und legte den Hörer auf.

"Chantal hat das Wochenende freigenommen. Ich habe sie für Montag um elf eintragen lassen. Leda kannst du schon einen Tag früher sehen. Willst du das?"

"Unbedingt."

"Die gleiche Zeit?"

"Wenn es geht."

Sie telefonierte noch einmal. Als sie auflegte, wurde ihr Blick warm.

"Bist du jetzt zufrieden? Hoffentlich hilft es uns weiter. Meine Aufzeichnungen kannst du behalten. Ach, die Rote haben wir übersehen. Die mußt du unbedingt vernehmen."

"Du meinst Corinna. Die habe ich schon getroffen."

"Das sagst du jetzt erst? Wann? Wo? Auf diesem Bett?"

Sie sprang auf, als hätte sie auf einem Skorpion gesessen.

"Du bist es, mit der George seine letzte Nacht verbringen wollte."

"Das stimmt. Ich habe ihn im Stich gelassen. Trotzdem, er hatte sie vier Tage hintereinander. Das hat es noch nie gegeben. Du hast es auch mit ihr getrieben. Verrate mir doch mal, was für Tricks sie auf Lager hat."

Michelles Blick flackerte.

"Ich habe sie nur interviewt. Kein Körperkontakt."

"Worüber habt ihr geredet?"

"Sie wußte nicht, daß George tot ist."

"Wir sprechen nicht darüber, wenn ein Gast stirbt. Das ist Politik des Hauses."

"Das war ausgesprochen unkollegial."

"Wie du meinst." Sie bückte sich nach ihrer roten Jacke und schlüpfte hinein.

"Viel Erfolg bei deinen Gesprächen."

Er begleitete sie bis zur Tür. Sie entzog sich seinem Händedruck.

Launen sind, auch im Plural, weiblichen Geschlechts.

Er verärgert über den Ausgang der Unterredung. Er mochte Corinna sehr, und er hatte Michelle auch ganz gut gefunden. Um sich abzulenken, öffnete er die Flasche Black Label, die er am Point du Nord erstanden hatte. Als er das Glasgefäß hin und her drehte, fiel ihm auf, daß er nirgends den Aufdruck 'Whisky' entdeckte, nur einen Hinweis auf den Alkoholgehalt von 43 Prozent. Er goß sich ein Viertel Glas ein und verdünnte es eins zu eins mit Wasser. Die Flüssigkeit war fast farblos, roch und schmeckte aber ein wenig nach Whisky. Beim zweiten Schluck fiel ihm ein, woran sie ihn erinnerte. An teuren japanischen Whisky. Er hatte einmal eine Flasche gekauft und sich geschworen, das nie wieder zu tun, weil ihr alles Charakteristische fehlte.

Er ging ins Bett, ohne das Glas ausgetrunken zu haben. Unter dem Laken zog er ein langes dünnes Kissen an seine Brust, legte den Arm darauf und nahm den Eckzipfel zwischen die Finger. Ein Teil des Gedächtnisses, sagt man, liegt beim Mensch in den Armen und Beinen. Er hatte beim Einschlafen sehr angenehme Erinnerungen.

 

 

5. KAPITEL ACHTUNDZWANZIGSTER /SAMSTAG

 

Am Frühstücksbüffet holte Erik sich diesmal Russische Eier, Roastbeef und ein gutes Stück von jeder Sorte Käse. Ziegler hatte ihm einen Platz frei gehalten, auf dem er alles abstellen konnte.

"Jetzt fehlt nur noch Ovomaltine," kommentierte Jean.

"Wie weit bist du gekommen?" fiel Erik mit der Tür ins Haus.

"Mich beschäftigt deine Aussage, daß er wasserscheu war. Wie ist er dann hineingeraten?"

"Das dürfte nicht schwer gewesen sein. Kennst du den Erlkönig: 'Mein liebes Kind, komm, geh mit mir! Meine Töchter tanzen und wiegen dich ein. Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt'."

"Um das zu haben, mußte Bernbach nicht aus dem Hause laufen. Aber worum geht es im Erlkönig wirklich? Um einen Krankentransport. Zu Goethes Zeit auf dem Rücken eines Pferdes. Was würde man heute benutzen? Angenommen, er hatte keinen Tropenkoller, sondern wurde fürchterlich zusammengeschlagen, weil er jemandem auf die Füße treten wollte, dann konnte man ihn am Unauffälligsten mit einem Krankenwagen abtransportieren. Wie findest du das?"

"Das müßte sich nachweisen lassen."

"Das will ich sehr hoffen."

Ziegler riß zwei Tüten mit Kaffeeweißer auf und leerte sie in seine Tasse. Sie bildeten einen dicken Pulverklumpen, der sich nicht auflösen wollte.

"Das Zeug ist auch wasserscheu. Warum bringt man so etwas auf den Markt?"

"Seit Kain und Abel gibt es einen Konkurrenzkampf zwischen Milchwirtschaft und Feldwirtschaft. Das hier ist die vorderste Frontlinie der Getreidebauern."

"Du hättest dich gut mit Bernbach verstanden. Schade. Wirklich schade."

Als sie reingingen, steuerte Ziegler die Rezeption an.

"Ma chère Marylou," rief er, haben Sie gut Weihnachten gefeiert?"

"Die Besucher sollen sich wohlfühlen, nicht ich."

"Irgendwelche Probleme gehabt mit Gästen, die zuviel gegessen, getrunken, geliebt haben?"

"Das kommt ganz selten vor."

"Angenommen, ich bekomme einen Herzanfall, mitten in der Nacht, und die Telefonzentrale ist vorübergehend nicht besetzt. Was kann ich tun, um Hilfe zu bekommen?"

"Das ist noch nie vorgekommen, aber Sie können den Notarztdienst direkt anwählen, die schicken eine Ambulanz. Die Nummer ist auf ihrem Telefon aufgedruckt."

"Werden solche Fahrten bei Ihnen registriert?"

"Selbstverständlich. Wir haben extra ein Buch dafür, wo wir den Namen des Gastes und die Adresse des Krankenhauses eintragen. Wir müssen die Entwicklung ja weiterverfolgen."

Sie holte ein Kalenderbuch aus der Schublade.

"Können Sie mir am Beispiel des 24.November zeigen, wie das aussieht?"

"Das ist nicht erlaubt."

"Ich unterliege der Schweigepflicht."

Marylou blätterte das Datum auf.

"Nichts notiert."

"Was ist der schwarze Fleck, den ich sehe?"

"Ein durchgestrichener Eintrag. Unlesbar. Offenbar hat sich der Nachtportier mit dem Datum vertan."

"Wann fand der letzte Transport statt?" fragte Erik.

Marylou blätterte weiter.

"Am 22.Dezember. Mehr kann ich nicht sagen."

"Niemand am Sechsundzwanzigsten?" fragte Erik.

"Nein. Es waren ruhige Feiertage."

Erik erinnerte sich, daß die Ärztin Melissa mit ihrem eigenen Wagen zur Entbindung bringen wollte. Er hatte Melissa versprochen, sie zu besuchen.

"Sind Sie jetzt rundum befriedigt?"

"Mir gefällt der schwarze Schmier am 24.November nicht. Kann man wirklich kein Wort lesen?"

"Überzeugen Sie sich selbst." Sie hielt Jean das aufgeklappte Buch hin.

Fast eine ganze Zeile war ordentlich zugekringelt.

"Das hier," er hielt den Finger darunter, "könnte ambre heißen, für Chambre, Zimmer. Und das letzte ist eine 60. Ich muß jeder Spur nachgehen. Lesen Sie nicht das gleiche?"

"Mit viel Fantasie."

"Die muß man in meinem Beruf haben."

Marylou zog die Computertastatur an sich heran.

"Vierundzwanzigster November, Zimmer 60. Gleich haben wir es. Am 24. und 25. war Zimmer 60 nicht belegt."

"Dann hatten Sie recht mit ihrer Annahme. Wie kann ich es wieder gutmachen, daß ich Sie so aufgehalten habe?"

"Sie müssen sich mehr mit lebenden Personen beschäftigen. Brauchen Sie eine Empfehlung?"

"Pas devant les enfants."

"Ich geh schon," sagte Erik, der sich für älter hielt als Ziegler. Er fuhr auf sein Zimmer, zog sich um, kaufte im Hotelshop einen Schachtel Schweizer Pralinen und nahm ein Taxi zur Universitätsfrauenklinik, die am Rande der Inselhauptstadt lag, nur durch eine vielbefahrene Schnellstraße vom Meer getrennt.

Melissa lag allein in einem hohen Altbauzimmer mit Deckenventilator. Die lackierten Stäbe des Eisenbettes waren stellenweise etwas abgeschlagen und ließen den Rostschutzanstrich durchschimmern. Ein Infusionsgestell stand neben dem Bett, und die Lösung tropfte in ihren linken Arm.

Melissa erkannte ihn sofort. Ob sie blaß war, ließ sich bei ihrer dunklen Hautfarbe nicht feststellen. Aber ihr Gesicht wirkte verschwollen. Ob vom Weinen oder von Medikamenten, konnte er nicht beurteilen.

"Du bist der erste, der mich besucht. Das ist lieb."

Sie packte gleich die Schachtel mit Schweizer Pralinen aus, die er mitgebracht hatte, und bot ihm eine an. Als er ablehnte, wickelte sie sich selber eine aus und sog sie zwischen ihre Lippen.

"Warum kommen die anderen nicht?"

"Ich glaube, sie wissen nicht, was mit Melinda passiert ist."

"Ich kann es auch nicht fassen, daß sie fort ist. Meinst du, sie ist oben im Himmel? Sie ist doch nicht getauft."

"Sie steht noch unter deinem Taufsegen. Da wird sie automatisch aufgenommen."

"Das wäre schön für sie. Was sagst du, mein Bauch ist ganz klein geworden." Sie zog die Decke zur Seite. "Faß mal an."

Was er unter dem Nachthemd ertastete, war flach und weich.

"Mein Busen ist dicker geworden. Sieh mal." Sie öffnete ihr Nachthemd, und er berührte zögernd die linke Brust, die etwas gespannt war. "Ob ich noch Milch bekomme? Die braucht ja jetzt niemand mehr."

Sie lehnte sich zurück in ihr Kissen und schaute nach oben, als ob sie in den Himmel blicken könnte.

"Weißt du, ich sage mir, es war nicht richtig, daß ich in den letzten Wochen noch gearbeitet habe."

"Warum hast du es getan?"

"Ich brauchte das Geld, um für Melinda Babynahrung und schöne Kleider und Schuhe zum Anziehen zu kaufen."

"Ich habe dir hundert Dollar mitgebracht."

"Das ist gut. Ich muß meine Mutter unterstützen."

"Kannst du das Geld hier sicher aufbewahren?"

"In der Nachttischschublade. Tust du es in mein Portemonnaie?"

Er küßte Melissa auf die Stirn. "Ich muß jetzt gehen. Wie alt bist du?"

"Achtzehn."

"Da kannst du ja noch viele Babys bekommen."

"Es ist anstrengend. Ich mach erstmal eine Pause."

"Erhol dich gut."

"Es war lieb, daß du mich besucht hast. Sag den anderen, sie sollen auch mal kommen."

Sie schloß die Augen.

Als er die Treppe hinunter ging, sah er einen hochgewachsenen, schwarzlockigen jungen Arzt, der ein Clipboard gegen die Brust gepreßt trug.

"Entschuldigung," fragte Erik, "ich suche das Forschungszentrum von Frau Professor Bethancourt."

"Sie meinen, das Institut von Professor Meyer. Frau Bethancourt ist seine Adlatin. Hier sind Sie völlig falsch." Er ging mit ihm ans Fenster. "Sehen sie den verschalten Neubau dort oben? Dafür wird Geld ausgegeben, und wir müssen an allem sparen."

"Es ist ausländisches Geld, von ausländischen Investoren."

"Ich weiß. Gehören Sie etwa dazu, zu diesen Geldanlegern?"

"Nein. Ich mache hier einen Krankenbesuch."

"Das freut mich. Wissen Sie, die Pharmaindustrie hat völlig die Orientierung verloren. Ihnen geht es nur noch um Geld, nicht um kranke Menschen. Stellen Sie sich vor, was ich neulich nachgerechnet habe. Einer der Konzerne, der mit auf dem Berg investiert, bezieht den Wirkstoff für sein Aidsmedikament bei einer Chemiefirma zu einem sehr günstigen Preis und verkauft das fertige Präparat mit achthundert Prozent Aufschlag an die Gesundheitsbehörde eines Entwicklungslandes. Wenn sie sich mit fünfzehn Prozent begnügen würden, könnten sechs weitere Schwerkranke versorgt werden. Aber nein, die sechs müssen vor der Zeit sterben, damit die Firma achthundert Prozent Gewinn einstecken kann. Was machen sie mit diesem Blutgeld? Sie zahlen ihren Managern Gehälter in Höhe von vielen Millionen Dollar, Summen, die kein Mensch ausgeben kann, wenn er einen anstrengenden Job hat."

"Das ist ja pervers," stimmte Erik zu, um das Gespräch nicht austrocknen zu lassen.

"Weitere Millionen stopfen sie bei uns in Meyers Zentrum zur Embryonalzellen-Forschung, eine äußerst umstrittene Sache. Unser Land wird neben der Volksrepublik China einer der wenigen Staaten auf der Welt sein, der Experimente an lebenden menschlichen Zellen durchführt."

"Wo will man die Embryos hernehmen? Das scheint doch ein internationales Problem zu sein."

"Ich schätze, aus China. Die gewinnen ja auch Transplantationsorgane von Strafgefangenen. Soweit ich weiß, haben wir bereits einen Biochemiker aus China eingestellt."

"Ich habe zweimal mit Frau Professor Bethancourt zu tun gehabt. Ich halte sie für eine kompetente Medizinerin."

"Kein Zweifel, kein Zweifel. Kompetent und ehrgeizig. Das ist eine brisante Mischung. Ein Glück, daß ich Chirurg bin und nichts mit der Forschung zu tun habe. Ich muß weiter. Ich komme viel zu leicht ins Reden."

Erik bedankte sich und verließ das Haus. Direkt an der Uniklinik vorbei lief die Uferstraße mit ihrem vierspurigen Verkehr. Da es keine Ampeln gab, spurtete er zur anderen Straßenseite. Auf der Böschung zum Meer hin lagen riesige Betonklötze, wie deutsche Panzersperren des Zweiten Weltkriegs. Viele waren mit langhaarigen Algen bewachsen, ein Zeichen ihres ständigen Kampfes gegen die Gewalt des Ozeans. Der Strand selber bestand aus grobem Kies. Grau zerschäumte das Meerwasser zwischen den Steinen. An einer Pier in der Nähe schaukelte ein Kajütboot, das signalartig mit einem Roten Kreuz bemalt war. Kaum lesbar darunter die Schrift U.d.Lumiere.

Erik mußte ein Stück stadteinwärts laufen, bis er eine Gruppe von Motorradfahrern mit roten Westen fand. Drei von ihnen hatten noch nie den Namen "Auberge de Nuit" gehört. Erst der vierte wußte Bescheid.

In seinem Zimmer zog er ein frisches Unterhemd an. Er knöpfte sich gerade das Oberhemd zu, als das Telefon klingelte.

"Rat mal, wer hier spricht," sagte eine mutlose Stimme.

"Das brauche ich nicht zu raten. Ich weiß es."

"Sag es trotzdem."

"Arirang."

"Noch einmal."

"Arirang."

"Schatz.

"Ja."

"Warum willst du mich nicht mehr sehen?"

"Du kommst um drei. Das ist verabredet."

"Du hast nicht in der Zentrale Bescheid gesagt."

"Ich wußte nicht, daß das nötig ist. Ich rechne fest mit dir."

"Ich dachte schon, ich habe dir nicht gefallen. Du mußt Bescheid sagen, daß du mich sehen willst. Machst du das gleich, Schatz? Dann geht alles in Ordnung."

"Ich kümmere mich sofort darum."

"Ich freue mich auf heute Nachmittag."

Er hatte keine Ahnung, wie man so eine Anmeldung machte. Deshalb ging er zur Rezeption und bat Marylou, das für ihn zu tun.

"Die hatten Sie doch schon mal," las sie aus ihrem Computer ab. "Ist sie so gut?"

"Ich glaube nicht, daß sie jedermanns Geschmack ist," schränkte er ein.

Marylou blickte noch einmal auf den Computerbildschirm und tippte etwas ein.

"Wissen Sie, was mich wundert?" fragte sie. "Die meisten unserer Trainerinnen sind Kreolinnen. Aus gutem Grund. Sie haben Rhythmus im Blut. Auf ihrer Liste sehe ich nur Hellhäutige. Sie haben doch keine Abneigung gegen dunklere Hauttöne?"

"Absolut nicht. Das ist reiner Zufall."

"Neulich hatte ich einen Gast, Professor für Genforschung, der erklärte mir, daß alle sechs Milliarden Menschen, die sich jetzt auf der Erde herumtreiben, von einer einzigen Negerin abstammen, die vor zweihunderttausend Jahren drüben auf dem Kontinent lebte."

"War das ein Mann, der beweisen wollte, daß die Bibel doch recht hatte?"

"Ein hochangesehener Wissenschaftler, der eine neue Methode zur Gen-Analyse erfunden hat, bei der man feststellt, wer die Mutter war. Wir haben viele so hochkarätige Gäste hier, die das Forschungsinstitut von Professor Meyer besuchen."

"Den würde ich gerne einmal kennenlernen."

"Es ist sehr schwer, an ihn heranzukommen. Er ißt manchmal hier."

"Die Sache mit der schwarzen Urmutter, haben Sie das ernst gemeint?"

"Hundertprozentig."

"Sie kann doch nicht die einzige Frau in Afrika gewesen sein. Menschen gibt es seit über einer Million Jahre. Was ist aus den Kindern der anderen Mütter geworden. Wie wurden die ausgeschaltet?"

"Sie haben recht. Da müssen schreckliche Dinge passiert sein. Schade, daß man davon nichts weiß."

"Vielleicht ist es gut, daß man nicht weiß, was unsere Vorfahren auf dem Kerbholz haben."

"Das stimmt auch. Genießen Sie Ihren Aufenthalt."

Nach dem Mittagessen, das er wieder auf der Terrasse eingenommen hatte, legte er sich auf einen Liegestuhl neben dem Swimmingpool. Er wollte mit der Mördersuche im Krimi von Le Carré weiterkommen und endlich herausfinden, welchem der Baseler Pharmakonzerne der Autor tödliche Menschenversuche in Afrika unterstellte. Bisher hatte er weder Sandoz noch Hoffmann identifizieren können. Es gelang ihm nicht, sich zu konzentrieren.

Ein älterer Herr, der im Swimmingpool eine schwarze Schutzbrille trug, wie man sie auf der Sonnenbank anlegt, kraulte sich prustend eine Länge durch das Becken und blieb dann ewig im Wasser stehen, um seinen Puls zu überprüfen. Nach mehreren Minuten stürzte er sich in den nächsten Spurt. Die schwarze Brille gab dem zaudernden Schwimmer ein gefährliches Aussehen. Aber ein Gangster würde zwanzig Längen zurücklegen, bevor er seinen Herzschlag überprüfte. Bernbachs Killer war das gewiß nicht.

Die unendliche Weite der afrikanischen Landschaft, die Le Carré beschrieb, bot natürlich ganz andere Möglichkeiten der Verfolgungsjagd als diese zahme Zuckerinsel. Deshalb war er der Lösung immer noch nicht nähergekommen, als er das Buch zuklappte, um auf sein Zimmer zu gehen.

Arirang stand wartend am Türrahmen.

"Bin ich zu spät?" fragte er.

"Ich bin eine halbe Stunde zu früh. Ich hatte Sehnsucht nach dir."

Auf dem Zimmer zeigte sie ihm ihren Reisepaß. Er war dunkelblau und trug auf dem Deckel ein goldenes Staatswappen. Erik blätterte den Paß auf. Das breite Gesicht auf dem Foto gehörte eindeutig ihr, aber die Schrift war Chinesisch. Er sah sich noch einmal das Deckblatt an. Es stellte eine Weltkugel dar, mit fünf roten Sternen auf der Oberseite und dem Tor des Himmlischen Friedens als Basis. Er legte den Finger auf das Tor.

"Ist das nicht das Tian An Men in Peking?"

"Du kennst dich aus." Sie strahlte ihn an. "Das ist ein chinesischer Diplomatenpaß. Ich wette, du hast noch nie einen gesehen."

"Nein, du bist die erste Diplomatin, die ich umarme."

"Ist das nicht schön für uns?" Sie verstaute den Paß wieder. "Ich habe mich übrigens erkundigt, die Automarke Benz wird tatsächlich als gepanzertes Rohmodell in Deutschland hergestellt. Aber die Leitelektronik wird in China eingebaut. Wir haben also beide recht."

"Das ist das Beste." Er schloß den Fenstervorhang.

Diesmal zog er sie aus. Freude, die man anfassen kann. Gab es diesen Ausdruck schon, oder hatte sie ihn ihm eingegeben?

Sehr viel später fragte er sie:

"Bei der Arbeit hier triffst du bestimmt viele Wissenschaftler aus dem Genforschungsinstitut. Da scheint eine Menge los zu sein."

"Neulich war ein Geschäftsmann aus Schanghai hier. Wenn ich besser Chinesisch könnte, hätte ich eine Menge Geschäftsgeheimnisse erfahren."

"Hast du gar nichts mitbekommen?"

"Doch. Es geht um ein Medikament, das hier auf der Insel produziert werden soll. Man will es in den nächsten Jahren für zehntausend Dollar das Stück verkaufen."

"Das Stück?"

"Wie es aussieht, habe ich keine Ahnung. Ich glaube es wird ins Rückenmark gespritzt oder implantiert. Jedenfalls, man rechnet mit dreißigtausend Kunden in China, und es soll zuerst in Peking zugelassen werden, weil es dort die geringsten Probleme mit der Gesundheitsbehörde gibt."

"Davon versteh ich nichts."

"Ich auch nicht." Sie küßte ihn auf die Brust, als wollte sie ihrem Mund das Plaudern verbieten.

"Du bist doch nicht müde?" neckte sie ihn.

"Ich muß nur mal ins Bad."

Als er zurück kam, hielt sie Michelles Liste in der Hand.

"Was ist das?" Ihre Stimme war angsterregend kalt. "Willst du die alle noch ausprobieren?"

Er zog Bernbachs Computerbild aus dem Papierstapel.

"Nie gesehen," sagte sie nach kurzer Überlegung. "Was ist mit ihm?"

"Das sind alles seine Gäste."

Sie hielt sich noch einmal die Liste vors Gesicht.

"Ich sehe. Das links sind die Tagesdaten. Da warst du noch nicht hier. Bis 23. November hatte er regelmäßig Besucherinnen, dann nur noch eine und dann?"

"In der Nacht vom 24. auf den fünfundzwanzigsten ist er spurlos verschwunden. Sein Zimmer war total verwüstet, wie nach einem Wutanfall oder Kampf. Zwei Tage später hat man seine Leiche gefunden."

"Ermittelst du wegen Mordverdacht?"

"Ich unterstütze einen Freund."

"Welche Zimmernummer hatte der Tote?"

Arirang war ein Profi.

"Ich muß meinen Freund fragen." Er wählte Zieglers Nummer.

"What can I do for you?" fragte Jean mißgelaunt.

"Erik hier."

"Du störst."

"Eine Frage. Welche Zimmernummer hatte Bernbach?"

"Das habe ich irgendwo. Warte. Hier. Zimmer 58. Ich melde mich später."

"Auf keinen Fall. Du könntest stören."

"Achtundfünfzig." Arirang drehte den Kopf hin und her. "Achtundfünfzig ist einen Stock höher. Rechts und links liegen Sechsundfünfzig und Sechzig. Gegenüber die Neunundfünfzig. Dort müßte man etwas gehört haben, wenn es einen Kampf gab."

"Die Novembergäste sind längst abgereist."

"Ich dachte an die Mädchen."

"Ihr habt zwei Stunden Besuchszeit."

"Offiziell. Manchmal ist es angenehmer, die Nacht im breiten Bett eines netten Gastes zu verbringen, als mit drei Creolinnen in einem Vierbettzimmer. Das steht in keinem Computer."

"Ich habe heute Abend noch etwas vor," sagte er vorbeugend.

"Eine weinende Kerze schaffen wir noch. Ich werde mich für dich umhören."

Als sie ging, war es sechs, und er brauchte Zeit, sich frisch zu machen. Er wollte früh im Grill sein, damit Corinna nicht stundenlang von den Besuchern angestarrt wurde. Als er den Vorhang aufdrückte, fiel ihm als erstes ein Gast auf, der ganz allein an einem großen Tisch links saß. Seine Erscheinung machte einen ehrfurchtsgebietenden Eindruck. Er hatte eine tief sonnengebräunte Haut, einen großen Schädel, und dazu eine Gesichtshaut, die wie für einen noch größeren Kopf zugeschnitten wirkte, denn sie zog Dutzende von Falten, aus denen Charme oder Schalk sprühte.

"Wer ist das?" wollte Erik von Corinna wissen, die ihn begrüßen kam. Sie trug ein züchtiges Oberteil, das einen nicht gleich auf Gedanken brachte.

"Das ist Professor Schmul Meyer, der Direktor des neuen Genforschungs-Instituts, an dem auch die Bethancourt arbeitet. Er ist erst seit kurzem aus Israel zu uns gekommen."

"Kannst du mich mit ihm bekanntmachen?" Es war eine spontane Eingebung. Meyer sah aus wie ein Prophet aus dem alten Testament, dessen Worte wichtig waren.

"Wir können es versuchen." Corinna ging voran. "Professor Meyer, darf ich Ihnen Herrn Njuhoss aus Deutschland vorstellen. Er ist Spezialist für Public Relations."

Meyer nickte, sein Gesicht in wohlwollende Falten ziehend.

"Setzen Sie sich, mein Lieber. Sie sind Deutscher. Dann können wir uns in meiner Muttersprache unterhalten. Ich bin hier mit Professor Bethancourt und Freunden verabredet. Frauen sind oft unpünktlich. Selbst Wissenschaftlerinnen. Trinken Sie auch einen Terre de Feu?"

"Heute lieber einen Perrier. Ich habe ihn vorgestern probiert."

Corinna notierte die Bestellung und ging.

"Hier in den Tropen einen so trocknen und würzigen Wein zu erzeugen, ist eine Leistung. Ich weiß gar nicht, ob unsere israelischen Weine besser sind."

"Ist es Ihnen nicht unangenehm, Deutsch zu sprechen? Ich nehme an, Sie wurden vor dem Krieg in Deutschland geboren?"

"Ich habe nichts gegen die Deutschen. Deutsche haben mich versteckt und mein Leben gerettet. Was ich viel mehr gehaßt habe als den Stiefelschritt deutscher Polizisten, war das Sirren und Dröhnen der amerikanischen Bomber. Viele Juden hatten Verstecke in Ställen, auf Dachböden und in Kellern. Im letzten Kriegsjahr warfen die Amerikaner über deutschen Wohnvierteln Brandbomben aus weißem Phosphor ab. Dem Vorläufer von Napalm. Ein Mensch, der davon getroffen wurde, brannte lichterloh, weil sich der Phosphor nicht abwischen ließ, sondern immer tiefer in das Fleisch und die Knochen hineinfraß. Nur eine Amputation konnte helfen. Wissen Sie, was das heißt? Ein brennender Jude ohne Papiere in einem deutschen Krankenhaus. Nicht nur sein Schicksal war besiegelt, auch das seiner deutschen Helfer. Es hätte den Amerikanern keine Schwierigkeiten gemacht, Tag und Nacht die Schienenwege nach Auschwitz zu bombardieren. Es lag ja gleich vor Breslau. Aber sie haben es nicht getan, weil ihnen tote Juden lieber waren als Überlebende."

"Sie eröffnen mir neue Perspektiven," sagte Erik höflich.

"Das kommt, weil die öffentliche Meinung in Deutschland lange durch den CIA beeinflußt wurde, wie später durch die Sympathisanten des Arafat-Terrorismus."

Corinna brachte ihm sein Mineralwasser.

"Come, sit down with us," forderte Meyer sie auf.

Sie verbeugte sich erfreut.

"In diesem Fall muß ich für sie einen Ladydrink bestellen. Das ist hier Vorschrift."

"Wenn es schnell geht."

Professor Meyer blickte ihr nach, wie sie zur Theke zurückging. "Ist das nicht das Paradies hier, wie Gaugin es gemalt hat? Ein Jammer, daß mein Körper schon zu alt ist, um das noch leiblich zu genießen. Aber meine Seele findet ihren Frieden hier. Ist das schöne Kind Ihr Liebchen?"

"Sie ist Studentin an der Lumiere."

"Gutes Material."

Corinna kam mit einem Glas Fruchtsaft und setzte sich auf die freie Seite von Professor Meyer.

"You are a student?" Er legte seine große, gebräunte Rechte auf ihre viel hellere Hand. "You dont mind, if we talk German. I am from Germany originally. Now I am here, and I am going to stay here for the rest of my life. Your island is the most peaceful place of the world."

"Haben Sie bemerkt," warf Erik ein, "nicht einmal die Vögel haben hier Angst vor den Menschen."

Meyer ließ Corinnas Hand los, um einen lehrenden Zeigefinger zu heben.

"Glauben Sie mir, ich komme mir vor wie ein Verräter, wie ein Deserteur, weil ich Israel verlassen habe. Aber das Gelobte Land ist ein verlorenes Land, das unaufhaltsam in Hass und Blut und Schande versinkt. Hier, in diesem Paradies, kann ich mehr für die Zukunft der Menschheit tun."

"Wäre Amerika nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten?"

"Nicht für die Grundlagenforschung. Amerika ist total zerrüttet vom Tanz ums Goldene Kalb. Es leistet sich noch Großmachtallüren, wie Zar und Kaiser vor dem Ersten Weltkrieg, aber es wird den gleichen Weg der Selbstverstümmelung gehen. Die Zukunft gehört den disziplinierten und bescheidenen Nationen, wie China zum Beispiel. Deshalb arbeiten wir auch mit den Chinesen zusammen." Er ließ seine Hand sinken, um sie auf Corinnas zu legen, als ihm etwas Wichtiges einfiel, das seinen Zeigefinger wieder in die Höhe zog.

"In dieser Inselrepublik, die keinem Staatenverband, keinem Condominium angehört, haben wir keine Probleme mit einer einschränkenden Gesetzgebung. Bis hinein ins hungernde Afrika reicht der Einfluß der Extremisten, die glauben, auf genmodifizierte Nahrungsmittel verzichten zu können, bei Hunderttausenden von Hungertoten im Jahr. In dieser Hinsicht drohen uns hier keine Gefahren. Deshalb haben die Investoren auch den Mut, mein Projekt langfristig zu unterstützen."

"Es gibt Uno-Konventionen, die für alle Mitgliedstaaten bindend sind."

"Was ist die Uno? Taiwan ist ein blühendes Hochtechnologie-Land, ohne Mitglied zu sein."

Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Weinglas.

"Encore un?" fragte Corinna.

"Yes please."

Sie stand auf und legte dabei die Hand auf Meyers Unterarm, bevor sie ging.

"Wissen Sie überhaupt über unser Projekt Bescheid?"

"Ich dachte, das ist streng geheim."

"Unsinn. Wir brauchen Aufklärung. Ich arbeite am Chromosom Vier. Sagt Ihnen das etwas?"

"Ich habe mich nicht damit beschäftigt."

"Das Chromosom Vier reguliert unter anderem das Altern. Nun gibt es Sequenzen im Chromosom, die bei verschiedenen Menschen unterschiedlich ausfallen. Darunter habe ich eine Sequenz entdeckt, die den Alterungsprozeß anhält. Sie müssen sich das nicht wie den Jungbrunnen von Lucas Cranach vorstellen, wo auf der einen Seite die alten Weiblein ins Wasser gehen und auf der anderen Seite die jungen Mägdlein herauskommen, wie unsere Schöne hier." Er nahm Corinna das Weinglas aus der Hand. Sie setzte sich wieder und blickte ihn bewundernd an.

"Realistisch ist, daß ein Dreißigjähriger fünfzig Jahre lang den Gesundheitszustand eines Dreißigjährigen behält. Kein Leistungsabfall, keine Alterskrankheiten zwischen sechzig und siebzig. Ein qualitativer Sprung für die Menschheit. Leider werde ich selber das nicht mehr erleben. Wir haben gerade erst angefangen, mit Embryonalzellen zu arbeiten."

"Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie das Mittel appliziert werden soll. In die Blutbahn oder ins Rückenmark?"

"Sie haben Phantasie, mein Lieber. Gar nicht übel für einen Nichtmediziner."

Professor Meyer war ein Meister der charmanten Abwehr. Es hatte keinen Zweck, weiter zu fragen. Er würde auf Basalt beißen.

"Sie sagen," nahm Erik den vorherigen Gesprächsfaden wieder auf, "sie haben eine ganz bestimmte Sequenz des Chromosoms Vier entdeckt, die das Altern aufhält. Wie ist das möglich, wo doch alle Menschen die gleiche kurze Lebenserwartung haben?"

"Es handelt sich um eine Abweichung, die wir erst in ganz wenigen Menschen entdeckt haben, und die außerdem bei verschiedenen Trägern kleine Abweichungen zeigt. Es zeigt sich, daß die Wirkung besser wird, wenn wir die Abweichungen auf einen gemeinsamen Nenner bringen."

"Brauchen Sie nicht Jahrzehnte, um das bestätigt zu finden?"

"Es gibt gewisse Möglichkeiten der Interpolation, die uns hier in Solea zur Verfügung stehen. Natürlich machen wir auch Tests mit kurzlebigen Säugetieren, die einen ähnlichen Metabolismus haben wie wir. Da sieht man schon etwas."

"Ist es nicht paradox, daß Sie die Lebensspanne des Menschen verlängern wollen und in den israelischen Palästinensergebieten sich minderjährige Kinder Sprengstoffgürtel umbinden?"

"Das kann ich Ihnen sagen!" Meyer schlug mit der linken Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. "Das liegt an den Eltern, für die der Tod eines Juden ein höheres Gut ist als das Leben des eigenen Kindes. Das ist eine solche Perversion, schlimmer als Sodom und Gomorra."

Corinna legte jetzt ihre Rechte auf Meyers Handrücken. Sie hatte nicht verstanden, was er sagte, versuchte aber intuitiv seinen Gefühlssturm zu besänftigen.

"Ich dachte, das habe ich alles hinter mir gelassen. Aber so ist es."

"Hier auf Solea haben Sie keine Probleme, schätze ich," vermutete Erik.

"Wir haben im Institut einen ausgezeichneten Sicherheitsdienst, geleitet von einem Fachmann, der jahrelang im Werkschutz in Basel aktiv gewesen ist. Das reicht für unsere Zwecke."

"Ja," sagte Erik. Diesem Sicherheitsdienst gelang es nicht einmal zu entdecken, daß der nordkoreanische Geheimdienst hier schon aktiv war. Was Arirang ihm vorhin erzählt hatte, klang so, als memorierte sie einen Bericht, den sie bereits nach Hause abgesetzt hatte. Aber das war nicht sein Problem.

Corinna sprang plötzlich auf. Erik folgte ihrem Blick. Die Ärztin hatte den Raum betreten, gefolgt von zwei älteren Herren.

"Da kommen Ihre Partner. Ich bedanke mich, Herr Professor."

"Ganz meinerseits." Meyer stand auf, um ihm die Hand zu schütteln und gleich anschließend die Ärztin mit einem Kuß auf die Wange zu begrüßen.

"Ich sehe, Sie haben Gesellschaft gefunden," sagte sie mit erhobener Stimme zu Erik.

"Ich sitze an einem anderen Tisch," erklärte er. Sie packte ihn am Arm und ging mit ihm zwei Schritte beiseite, während Meyer die anderen Gäste begrüßte.

"Sie wissen wahrscheinlich, daß Melissas Baby bei der Entbindung tot zur Welt gekommen ist."

"Das tut mir leid. Wie geht es der Mutter?"

"Erstaunlich gut. Dank Ihrer Aufmerksamkeit."

"Sie sehen zauberhaft aus heute Abend."

"Danke. Wir zwei sehen uns am Dienstag."

Corinna hatte einen Tisch für ihn am anderen Ende des Raums gefunden und sich demonstrativ daneben gestellt.

"Was war denn das?" fragte sie, "hast du eine neue Eroberung gemacht?"

"Ist dir aufgefallen, wie schick sie sich zurecht gemacht hat? Sie kann, wenn sie will."

"Bleib mir bloß vom Leibe mit ihr. Sie hat mich gestern so nervös gemacht. Ich erzähl dir das später."

"Was essen wir denn?"

"Willst du mich einladen?"

"Wenn das möglich ist?"

"Ich habe einen Riesenhunger." Sie schlug vor, was er bestellen sollte, und als es ans Bezahlen ging, hatten sie zu zweit nicht mehr ausgegeben, als vor zwei Tagen er allein.

Er hatte nicht die geringste Vorstellung, wie der Abend weitergehen sollte.

"Was hast du über George herausgefunden? Du hast doch etwas gefunden?"

"Ich habe etwas auf meinem Zimmer, was ich dir zeigen kann."

Sie stand auf, ohne die geringste Zurückhaltung zu zeigen.

Auf seinem Zimmer bat sie ihn um einen Drink aus der Minibar. Er zeigte ihr die am Point du Nord erworbene Flasche Black Label.

"Das kann nicht wahr sein!" rief sie. "Wo hast du den aufgegabelt?"

"In einem Minimarkt an der Küste. Willst du ihn probieren?"

"Ich kenne ihn in und auswendig. Mein Vater produziert ihn. Lieber einen Cognac."

Sie setzte sich aufs Bett und zog die Beine an.

"Professor Meyer ist ein wunderbarer Mann. Wenn er nur die Hand auf meine Hand legt, bekomme ich weiche Hüftknochen."

"Er hat mir anvertraut, daß er in dieser Hinsicht nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist."

"Das kann ich nicht glauben."

"Ich nehme an, daß das der Grund ist, weshalb er an dem Projekt arbeitet, die besten Mannesjahre des Menschen um fünfzig Jahre zu verlängern."

"Das hat er dir erzählt? Die sind doch sonst so verschwiegen."

"Das wird natürlich auch für Frauen gelten. Alles, was du unter dem Pareo hast -" sie hatte ihn beim Verlassen des Grills hochgeknotet - "soll fünfzig Jahre lang so bleiben, wie es jetzt ist."

"Das hat er bestimmt nicht gesagt. Bei uns wird der Körper durch die Schwangerschaften zerstört."

"Nach seinen Plänen wirst du dein erstes Kind mit siebzig bekommen können, biologisch problemlos."

"Du bist nicht richtig im Kopf. Eine Frau muß das mit zwanzig hinter sich bringen."

Er hängte sein Jackett in den Schrank.

"Ich wünsche mir, daß du fünfzig Jahre so bleibst, wie du bist."

"Was hast du über George herausgefunden?"

"Ich habe dir zwei Artikel von ihm mitgebracht."

"Kann ich sie gleich lesen?" Sie rutschte mit dem Kopf zur Bettlampe. Sie hielt die Papiere in beiden Händen und kreuzte und entkreuzte die Schenkel, während sie las.

"Das ist ja noch besser, als ich erwartet hatte. Danke dir." Sie beugte sich vor und küßte ihn. Bernbachs wegen.

"Er hat den Blick für das Unrecht, das man nicht hinnehmen darf," interpretierte Erik. "Mit dieser Art zu schreiben kann man sich Feinde machen. Todfeinde."

"Er ist sehr emotional. Aber wenn die Fakten stimmen…"

"Dann ist die Zeitung gegen Verleumdungsklagen abgesichert. Aber es hilft ihm nichts gegen persönliche Racheakte."

"Meinst du, es waren alte Feinde, die ihm auf die Insel gefolgt sind, oder ist er hier über etwas gestolpert?"

"Er hat in der Nacht seines Verschwindens zu Michelle gesagt - am Telefon - 'du wirst dich wundern, was ich alles herausgefunden habe.' Und seinem Verleger in Paris hat er eine e-mail geschickt, er sei einem ganz großen Ding auf der Spur."

"Warum hat er mir nichts erzählt?" fragte Corinna traurig.

"Wahrscheinlich ist er erst nach eurem letzten Zusammensein darauf gestoßen."

"So muß es gewesen sein." Sie legte den Arm um seinen Nacken. Die Berührung traf ihn unvorbereitet. Waren die Flammen auf dem Brünhilde-Felsen schon erloschen? Er hatte jetzt Arirang. Und trotzdem begehrte er diese durch und durch westliche Frau, die das Schönheitsideal seiner Jugend verkörperte. Er war im Begriff, sich doppelt zu verlieben. Durfte er das? Durfte er ihr das zumuten?

"Fünfzig Jahre," griff sie das Thema von vorhin auf. "Mit wem zusammen? Welche Partnerschaft hält so lange? Das Leben eine ewige Party?"

"Man wird sich neue Lebensziele setzen müssen, wenn das Projekt gelingt, ganz neue Lebenspläne entwickeln, vielleicht bilden sich neue Religionen."

"Angenommen," fragte Corinna, "Professor Meyer möchte das neue Präparat an mir ausprobieren. Bekommen dann meine Kinder automatisch die ewige Jugend?"

"Nur wenn du einen Vater für sie findest, der auf die gleiche Weise gentechnisch behandelt ist."

"Und wenn ich mich in einen unbehandelten Mann verliebe, beraube ich dann meine Kinder um die besten Jahre ihres Lebens? Was bin ich dann für eine Mutter?"

"Ich stelle mir vor, daß man in Zukunft den größten Teil aller Neugeborenen gleich nach der Geburt umbringen wird, um Lebensraum zu schaffen für die neue Rasse, die entstehen wird. Erst durch Gentransplantation und dann durch natürliche Fortpflanzung."

"Das wäre fürchterlich." Corinna krümmte sich zusammen, als hätte sie Bauchschmerzen.

Er legte die Stirn auf ihre Oberschenkel und suchte zwischen den Stoffbahnen ihres Pareos nach einem Stück Haut zum Küssen. Sie griff in sein Haar, aber nicht um ihn aufzuhalten.

Es war das erste Mal, daß er sie liebkoste. Ihr Körper war ihm unbekannt aber nicht fremd. Er ließ sich sehr viel Zeit, und sie vertraute sich ihm an. So intim war er mit Arirang noch nicht gewesen. Aber für sie beide war es die natürlichste Sache der Welt, bis sie die Oberschenkel um seinen Kopf preßte und sich mit einem tiefen, kehligen Schrei gehen ließ, der plötzlich in einen Schmerzensschrei umschlug.

"Habe ich dich gebissen?" fragte er erschrocken, sobald sie ihn losließ. Er nahm sie in die Arme.

"Du nicht. Ich muß innen noch wund sein von der Vorsorge-Untersuchung."

"Wie kommt das?"

"Deine Anbeterin, die Bethancourt, hat sich gestern meine Gebärmutterschleimhaut angeschaut und ein paar Wucherungen abgeknipst. Ich weiß nicht, was mit ihr los war. Sie hat sich angestellt, als ob sie das noch nie gemacht hätte. Ich hätte sie umbringen können. Dabei sagte sie die ganze Zeit: Es ist alles bestens, es ist alles bestens."

"Muß das denn sein?"

"In einem Monat ist mein Praktikum zu Ende. Dann werde ich nur noch auf den Kalender achten, die Morgentemperatur messen und notfalls die Pille danach nehmen. Das hab ich mir gestern überlegt."

Sie holte sich einen Tomatensaft aus dem Kühlschrank, der dickflüssig wie Blut war.

"Und jetzt zu dir," sagte sie entschlossen.

"Heute nicht. Ich schlafe nicht mit Verwundeten."

"Ich habe noch mehr Möglichkeiten."

"Nein, wirklich nicht. Das hängt alles zusammen. Du mußt erst wieder ganz in Ordnung sein."

"Danke. Du bist unglaublich verständnisvoll." Sie umarmte ihn und zog aus ihrer Handtasche ein Baumwollkleid hervor.

"Sag, warum besuchst du mich nicht auf dem Berg? Mein Vater würde dich gerne sehen."

"Auf dem Berg?"

"Früher hat man alle Herrenhäuser auf eine Erhöhung gesetzt, wegen des Windes und der Malaria. Vor hundertfünfzig Jahren hatten die Leute keine Ahnung, wie Krankheiten entstehen, man glaubte, daß es in den Niederungen giftige Bodennebel gab, Miasmen genannt, die die Krankheit verursachten. Man wußte noch nichts von Bakterien, Viren und Plasmodien."

"Du lebst also in einem Herrenhaus."

"Was man früher so genannt hat. Es liegt sehr schön auf der Höhe, und es hat hundertfünfzig Jahre überstanden, ohne zusammenzubrechen. George wollte uns besuchen, aber dann... Merde."

"Als was willst du mich deinem Vater vorstellen?"

"Mein Vater würde sich freuen, einmal mit jemandem zu sprechen, der sich in Werbung und Marketing auskennt. Wie ist es, wenn ich dich Sonntag um halb drei abhole? Ich muß dich ja bis sechs wieder zurückbringen, weil es früh dunkel wird.

"Sonntag, das ist schon morgen."

"Ist dir das zu früh?"

"Nein. Nein. Ich bleibe ja nur bis Neujahr."

"Also morgen um halb drei."

Er wollte ihr hundert Dollar geben, aber sie weigerte sich mit ungespielter Entrüstung. "Wenn, dann müßte eher ich dich bezahlen. Sagen wir, es war eine Nullrunde."

Er hatte Mühe einzuschlafen. Das Gespräch mit Professor Meyer hatte ihn erschüttert. War der Mann ein Genie oder ein Monomane? Er war jemand, der die Dinge in Bewegung zu setzen schien. Mit seinem Weggang aus Israel hatte er ein explodierendes Schiff verlassen. Würde die Insel der Liebe unter seiner Persönlichkeit ein Paradies des Friedens bleiben? Es gab so viele Menschen hier, denen Erik Zufriedenheit und Schutz wünschte.

Das heftige Schwanken des Bettes weckte ihn. Hatte sich eine Frau zu ihm gelegt?

"Arirang," flüsterte er. Hoffentlich war es nicht der falsche Name. Wie war sie überhaupt hereingekommen? Er wälzte sich auf die andere Seite des Bettes, um sie in seine Arme zu nehmen. Da war niemand. Im Kühlschrank ratterten die Flaschen. Die Tür der Minibar sprang auf, und die zu dicht gestellten Getränkedosen stürzten auf den Teppich. Im Badezimmer zerbrach klirrend ein Glas. Das war zuviel. Erik machte Licht und griff sich den Le Carré als Waffe. Aber es war niemand im Zimmer. Nur die grünen, roten und blauen Dosen rollten noch weiter über den Teppich. Er öffnete die Tür zum Badezimmer. Das Zahnputzglas, das er immer auf den äußersten Rand stellte, war ins Waschbecken gefallen und in hundert kleine Scherben zersplittert. Wie sollte er die herauspulen, ohne sich die Finger zu zerschneiden? Er müßte das den Putzfrauen überlassen. Zum Glück hatte das Bad ein Doppelwaschbecken.

Er wählte Zieglers Zimmer.

"Hast du das mitbekommen, Jean?"

"Kein Grund zur Beunruhigung. Ein Erdbeben der Stärke zwei. In der Kölner Bucht haben wir das laufend. Ich wohne im achtunddreißigsten Stock des Colonia-Hochhauses an der Mühlheimer Brücke. Da schaukelt sich das noch viel mehr hoch."

"Das war erst ein Stoß. Wenn jetzt noch mehr folgen? Stundenlang und immer stärker?"

"In Köln haben wir immer nur einen starken."

"Wir befinden uns hier in der Nähe des aktivsten Vulkans der Erde, des 'Piton de la Fournaise', der nur ein paar Kilometer von hier, auf Réunion, Tag und Nacht Tonnen von Lava ins Meer fallen läßt."

"Von hier bis Réunion sind es viele hundert Kilometer. Und wenn der Vulkan dort Druck abbaut, entlastet uns das hier. Wenn du ein Problem hast, mach das Fernsehen an und sieh, ob die eine Erdbebenwarnung bringen. Ich schlafe schon."

In der Zeit, die der Fernseher brauchte, um warmzulaufen, hörte Erik den Nachtvogel vor dem Fenster. Sein Schrei klang anders als sonst. Nicht "Was für ein schöner Vogel bin ich," sondern "Aber nicht," "aber nicht", "aber nicht."

Über den Bildschirm schob sich der Filmklassiker "Santa-Fe Trail" mit dem jungen Ronald Reagan als tapferem Offiziersanwärter. Erik schaltete hin und her, um zu sehen, ob er nicht die falsche Station hatte, aber es war der Inselsender, auf dem gerade ein Neger aus dem fahrenden Zug gestoßen wurde. Er haßte diese Szene von jeher und schaltete ab.

Jetzt hörte er das Telefon.

"Erik, bist du wach? Ich habe solche Angst. Ich kann nicht allein sein. Ich komme zu dir. Es macht mir nichts, wenn noch jemand da ist. Hauptsache, ich bin bei dir. Geht das?"

"Ich bin allein, Arirang."

Sie kam viel schneller als erwartet, in einem wadenlangen Kimono, den sie auf einen Haken neben der Tür hängte. Er wollte ihr etwas anzuziehen geben, aber sie bestand drauf, daß auch er seine Schlafanzugjacke auszog, damit sie Haut an Haut lagen.

"Erdbeben künden Unheil an," flüsterte Arirang. "Hoffentlich hat es nichts mit uns zu tun. Ich habe dich gerade gefunden."

"Das ist Aberglaube."

"Ich habe Angst."

"Seit wann weißt du, daß du mich gern hast?"

"Seit ich gestern nachmittag in dein Zimmer kam und dich sah. Du standst da und blicktest mir in die Augen, als hättest du dein Leben lang auf mich gewartet. Da wußte ich, das ist Fügung. Der Himmel hat uns für einander bestimmt."

Ihn gruselte es, wie dem Mann in Grimms Märchen, über den ein Aquarium voll kleiner Fische ausgeschüttet wurde. Er hatte von Arirangs Aha-Erlebnis nichts mitbekommen und es in keiner Weise geteilt. Er war mehr als überrascht gewesen von der Intensität ihrer Zuwendung.

Sympathie auf den ersten Blick gab es. So war es ihm gegangen, als Corinna ihm den Kaffee einschenkte und als er unerwartet auf Arirangs Foto stieß. Daraus konnte sich mehr entwickeln. Aber sie hatte gleich beim Betreten des Zimmers eine Vision gehabt: Der Mann, der ein Leben lang auf sie gewartet hatte. Sie war eine ausgebildete Agentin, die keinen Einsatz scheute. Wie konnte sie so den Kopf verlieren?

Corinna hatte angedeutet, daß sie in den ersten Tagen Schwierigkeiten mit dem Coaching gehabt hatte, als ihr Körper noch nicht auf die Hormontherapie angesprochen hatte. War es denkbar, daß das Präparat eine Bewußtseinsveränderung hervorrief?

Er hielt es sofort für möglich, daß die Zuwendung, mit der Arirang ihn gestern Nachmittag überfallen hatte, chemisch bedingt war und nicht in seiner Person begründet lag. Am Unheimlichsten fand er ihre eruptive Vertrauensseligkeit, die so gar nicht zu ihrem Beruf paßte. War dies eine unerwünschte Nebenwirkung des Präparats? Und Corinnas herzzerreißende Liebe zu Bernbach? Auch eine Nebenwirkung? Worauf beruhte sie?

Erik hielt es für möglich, daß das angeblich modernste Hormon das Gehirn für einen Kurzschluß präparierte, der bei der Betroffenen eine plötzliche Wahnvorstellung, Erleuchtung oder Offenbarung auslöste. So etwas hatte es in der Geschichte immer wieder gegeben. Aber diese Phänomene gehörten zum Arbeitsgebiet der Religionspsychologie, mit der Erik sich nie beschäftigt hatte. Etwas in dieser Art konnte es sein. Er war mit sich zufrieden, bis ihm der Gedanke kam, daß er keine Ahnung hatte, wie man eine ins Gehirn eingebrannte Zwangsvorstellung wieder löschen konnte.

Arirang war eingeschlafen. Ihr Atem ging tief und gleichmäßig. Auch wenn es auf einem Kurzschuß beruhte, sie fand bei ihm Ruhe und Sicherheit.

 

 

6. KAPITEL NEUNUNDZWANZIGSTER /SONNTAG

 

"Wozu brauchtest du die Zimmernummer?" erkundigte sich Ziegler beim Frühstück.

"Die Frage ist, ob in den Nachbarzimmern - oder gegenüber - jemand etwas gehört oder gesehen hat, als Bernbach seinen Tropenkoller bekam."

"Sehr gut. Wie lautet die Antwort?"

"Ich habe noch keine gefunden."

"Ich treffe mich heute mit dem Leiter unserer hiesigen Agentur. Ich wußte gar nicht, daß wir das hier haben. Ein Erbe unseres französischen Partners. Er heißt Deville. Was hast du vor?"

"Einen Ausflug ins Inselinnere. Ich will mir ein altes Herrenhaus ansehen."

"Zeit müßte man haben." Er winkte der Bedienung, ihnen Kaffee nachzuschenken. Ziegler trank seinen diesmal schwarz, ohne das wasserscheue Pulver. Erik ging zum Büffet und nahm von der Milch, die für das Müsli bereit stand.

Pünktlich um elf klingelte Leda verabredungsgemäß an seiner Zimmertür.

"Du bist das," sagte sie überrascht, "du hast meinen Namen nicht vergessen."

"Du warst sehr aufmerksam am Schwimmbad. Das vergißt man nicht."

"Du warst sehr höflich zu Corinna." Sie setzte sich auf die Bettkante. "Ich dachte schon, ich habe keine Chance."

"Du hast viele Chancen. Ich möchte dich etwas sehr Persönliches fragen." Er zeigte ihr das halbierte Foto. "Erinnerst du dich an diesen Gast?"

"Das ist George. Er war im November hier. Er war auch hinter Corinna her."

"Er hat dich eingeladen."

"Ich weiß nicht, warum. Was wir die halbe Zeit gemacht haben, war Reden, Reden, Reden."

"Hast du dich gut mit ihm verstanden?"

"Er ist ein Mann, der alles ganz genau wissen will. Wir haben eine Ewigkeit über alles Mögliche diskutiert."

"Zum Beispiel."

"Über die Mädchen, die hier arbeiten, ob wir den Job gerne machen, was für Hormone wir bekommen, und und und."

"Hat George dir von seiner Theorie mit den Papaya-Früchten erzählt?"

"Das war der Hauptpunkt. George nahm an, daß wir ein Empfängnisverhütungsmittel bekommen. Das glauben übrigens die meisten."

"Stimmt das nicht? Jemand hat mir erzählt..." Er schloß die Augen, um sich an den Wortlaut zu erinnern.

"Was hat man dir erzählt?"

"Ihr benutzt das modernste Hormonpräparat, das es gibt."

"Jetzt sag mir, was an der Antibabypille oder -Spritze modern ist."

"Ich bin keine Frau."

Sie hob die Hüften an und zog ihren Rock bis zur Taille hoch. Die schmalen Oberschenkel und der flache Bauch waren dunkelbraun. Sie führte seine Finger über ihren Unterleib.

"Hier ist mein linker Eierstock, und hier mein rechter."

"Hast du darin ein Gefühl?" fragte er.

"Nicht so fest. Hier wird die Eizelle produziert. Bei unserer Hormontherapie entwickelt sich die Eizelle ganz normal, kriecht durch den Eileiter, der heiß wird, und verschmilzt mit einem männlichen Samenfaden. Gemeinsam geht die Reise weiter, bis zur Gebärmutter. Das fühle ich ganz genau. Alle vier Wochen einmal."

"Heißt das, du glaubst, daß du beim Coaching geschwängert wirst?"

"Befruchtet, nicht geschwängert. Zu einer Schwangerschaft kommt es nicht, weil das befruchtete Ei nach wenigen Tagen spurlos verschwindet, und der Zyklus geht von neuem los."

"Hast du mit deinen Kolleginnen darüber gesprochen?"

"Die anderen wollen das nicht wahr haben. Sie haben nicht soviel Körpergefühl."

"Vielleicht ist das bei dir nur eine Sexualphantasie, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat."

"Ich kenne meinen Körper."

"Ich wette, George wollte das nicht glauben."

"Im Gegenteil, er war sofort überzeugt. Er sagte noch, wenn das wirklich wahr ist, könnte man offen darüber reden. Für viele Männer wäre es ein extra Kick, eine Frau zu befruchten, ohne dreißig Jahre Alimente zu zahlen."

"Das sehe ich anders."

"Was siehst du anders?

"Was du mir erzählst, bringt mich auf einen schrecklichen Verdacht. Die Gäste in der Auberge sind zum großen Teil betuchte Geschäftsleute. Vielleicht läßt man sie in eine Falle tappen, gerade damit sie Alimente zahlen. Die Bethancourt hat von allen Gästen Blutproben, mit denen sich eine Vaterschaft mühelos nachweisen läßt. Mir fällt ein, daß sie zusätzlich zum HIV-Test extra Blut von mir auf ein Glasplättchen geschmiert hat. Wozu, wenn nicht für solche Zwecke?"

"Mit dir geht die Fantasie durch. Glaubst du, hier kreuzen jeden Monat achtzig neue Mädchen auf, um schnell mal Mutter zu werden?"

"Wenn dadurch Geld ins Land kommt. Man könnte den Lebensunterhalt ganzer Familien auf zwanzig Jahre sichern."

"Ich kann dich beruhigen. Es sind immer dieselben Kolleginnen, die hier arbeiten."

"Warum wird das Coaching überhaupt gemacht? Es ist doch nicht inselüblich."

"Ich glaube, wegen der internationalen Gäste, die das Institut besuchen. Sie sollen sich bei uns wohl fühlen."

"Moment mal." Erik ging zum Safe und holte eine Ampulle heraus. "Erkennst du sie? Ist es das, was ihr gespritzt bekommt?"

"Woher hast du das?"

"Aus dem Abfalleimer eurer Ärztin."

"Du hast Ideen. Ja, jetzt erkenn ich es ganz genau an dem grünen Aufdruck."

Er nahm ihr die Ampulle wieder ab.

"Eins hast du mir noch nicht erklärt. Du sagst, das befruchtete Ei verschwindet wieder. Wo bleibt es?"

"Das interessiert mich herzlich wenig. Hauptsache, ich werde nicht schwanger. Jedenfalls, solange es sich durch den Eileiter schiebt, habe ich ein leichtes Spannen im Bauch. Dann fällt es in die Gebärmutter, und der Druck ist weg. Das ist alles."

"Kann ich dich einen Augenblick allein lassen?"

"Wieso? Weshalb?"

"Ich will etwas im Internet nachschauen. Dort gibt es bestimmt mehr Informationen über dieses Hormon. Es dauert nur einen Augenblick."

"Wenn du schnell machst."

Er zog seine Jacke an. "Ich lasse den Schlüssel da. Du mußt mir dann aufmachen."

Im Business Center hatte wieder die ältere Dame Dienst, die ihn wie einen guten Bekannten begrüßte.

Er versuchte es aufs Geratewohl unter "www.google.com/intl/de". Er fand einen passenden Eintrag:

"Neovlan. Starker Ovulationstreiber."

An dieser Stelle stockte Erik. Seines Wissens nannte man die Pille einen Ovulationhemmer. Nicht "Treiber". Hier war etwas grundfalsch.

Er las weiter: "Zielgruppe: Kliniken für künstliche Befruchtungen. Nebenwirkungen: in Einzelfällen multiple Eileiterschwangerschaft (Lebensgefahr). Hersteller: Rhein-Aare-Pharma, Virgin Islands."

Alle, mit denen er gesprochen hatte, waren überzeugt, mit dem modernsten Verhütungsmittel der Welt versorgt zu werden. Aber die Ampullen, die er aus dem Eimer geborgen hatte, bewirkten das Gegenteil. Die Auberge war niemals eine Klinik für künstliche Befruchtung. Sie war ein Wohnheim für Genforscher.

War es möglich, daß die Bethancourt die Frauen arglistig getäuscht und ihnen ein falsches Präparat gespritzt hatte? Aber dann müßten viele schwanger werden. Nicht nur Melissa.

Was ihn an der Information am meisten schockierte, war die Nebenwirkungs-Warnung. Er hatte gelernt, daß die Eizelle im Augenblick der Verschmelzung mit dem männlichen Teil einen Botenstoff aussendet, der die Befruchtung weiterer Eizellen verhindert. Ein Medikament wie Neovlan wurde normalerweise nur solchen Frauen verabreicht, denen gleich mehrere Eizellen zur künstlichen Befruchtung "in vitro", im Reagenzglas, aus dem Eileiter entnommen werden sollten.

Möglicherweise unterdrückte Neovlan diesen Botenstoff, damit die Frauen viele Eier produzierten. Wenn aber eine normal empfängliche Frau dieses Hormon gespritzt bekam, konnte oder mußte es bei ihr auch zu Mehrfach-Schwangerschaften kommen. Und das tat man hier in voller Kenntnis des Risikos. Ihn schauderte.

Eine Idee drängte sich auf. Wenn der Körper der Frau mitbekam, daß in ihrem Eileiter mehrere Embryos gleichzeitig heranwuchsen, begab sich das Unterbewußtsein möglicherweise auf verzweifelte Vatersuche und war bereit, den ersten besten Mann als Ideal-Partner zu akzeptieren. Das wäre eine Erklärung für Corinnas und Arirangs tickhafte Fixierung auf Wildfremde. Er machte sich zwei Ausdrucke von dem Text.

Als er an seiner Zimmertür klingelte, öffnete Arirang.

"Hast du deine Information gefunden?" Sie nahm ihm das Papier aus der Hand.

"Das kann ich nicht lesen. Welche Sprache ist das?"

"Deutsch."

Er war froh, daß sie es nicht verstand. Vor allem nicht das Wort "Lebensgefahr."

Leda saß auf dem Bett, die Knie unters Kinn gezogen, die Arme um die Beine geschlungen.

"Sie hat angerufen," erklärte Leda, "ich habe abgenommen, weil ich dachte, du bist es."

"Also, das habe ich noch nie erlebt," sagte Arirang, "daß ein Gast aus einer Verabredung rausgeht, um im Internet zu surfen."

"Wenn es wichtig ist," meinte Leda. "Hast du gefunden, was du gesucht hast?"

"Ja. Du hast hundertprozentig recht mit deinem Gefühl. Es ist so, wie du es empfindest. Ich weiß nur nicht, ob man das an die große Glocke hängen soll."

"Das weiß ich auch nicht. Mir glaubt niemand. Nur George und jetzt du."

Arirang setzte sich hinter Leda und streichelte ihre Schultern.

"Wovon sprecht ihr?"

"Über das Hormon, das wir gespritzt bekommen."

"Hat Leda dir erzählt, was du wissen wolltest?"

"Noch nicht alles. Wie hat George deine Geschichte aufgenommen?"

"Er sagte, das gibt es nicht, daß ein befruchtetes Ei sich in Nichts auflöst. Es wächst und wächst, bis es neun Monate alt wird. Die einzige Erklärung wäre, daß uns das Ei aus der Gebärmutter herausgenommen wird. Ich sagte, ich habe nie etwas bemerkt, aber technisch möglich wäre es, da bei uns ja regelmäßig die Gebärmutter von innen untersucht wird. 'Das ist es, das ist es', rief George, 'das ganze Coaching ist nur ein Vorwand für die Produktion von Embryos'. Unerwünschte Embryos gibt es genug, sagte ich, die muß man nicht extra produzieren. Er ließ das nicht gelten und regte sich furchtbar auf über diese Schweinerei."

"Was für eine Schweinerei?" fragte Arirang, die nicht ganz gefolgt war.

"Das Geheimnis, das der Franzose entdeckt hat."

"Erklär es mir."

"Die Mädchen, die hier arbeiten, bekommen keine Spritze zur Empfängnisverhütung."

"Was denn sonst?"

"Das Gegenteil. Sie sollen schwanger werden."

"Heißt das, ich werde Mutter?"

"Nur für ein paar Tage."

"Jeden Monat, in jedem Zyklus?"

"Wahrscheinlich."

"Das ist brutal. Wozu wird das gemacht?"

"George und ich hatten überlegt," erzählte Leda, "weshalb die Bethancourt die Befruchtung ermöglicht. Ich bin überzeugt, daß es gemacht wird, weil ich an den fraglichen Tagen mehr Lust beim Coaching habe. Deshalb fühlen sich die Frauen, die hier arbeiten, nicht als Call-Girls, sondern als richtige Partnerinnen. George dagegen meinte, der Hauptgrund für diese Praxis wäre die Erzeugung von Embryos. Man könnte sie einfrieren und später an interessierte Abnehmer verkaufen."

Erik zeigte Leda die Produktinformation zum Neovlan.

"George wußte nicht, wie euer Hormon wirkt. Das habe ich gerade herausgefunden. Es zielt darauf ab, daß in jedem Zyklus nicht nur eine Eizelle befruchtet wird, sondern gleich mehrere."

Arirang faßte Leda besorgt um die Schulter.

"Das ist nicht gut, wir sind doch keine Hündinnen."

Die Inderin zog ihr Kleid bis über die Taille hoch und tastete ihren Bauch ab.

"Ich dachte immer, ich habe ein gutes Körpergefühl. Aber jetzt merke ich, daß es auf beiden Seiten spannt." Sie führte Arirangs Hände an ihren Leib. "Hier tut sich etwas und hier."

"Ja, du bist an diesen Stellen etwas heiß."

"Das ist nicht gut. Der Körper muß sich zu stark anstrengen. Wie ist das bei dir, Arirang?"

"Ich habe erst vor vier Tagen mit der Regel aufgehört. Ich bin noch nicht wieder so weit."

"Ich versteh das alles nicht. Das ist nicht korrekt," sagte Leda.

"Willst du wissen, was bei der Vorsorgeuntersuchung passiert?" wandte sich Arirang an Erik.

"Jede Einzelheit."

"Also, du kennst den frauenärztlichen Untersuchungsstuhl, mit den Kniestützen und den Fußablagen. Darauf werde ich mit Lederriemen festgeschnellt. Dann schiebt sie drei Finger rein. Sie dreht die Hand hin und her, bis sie die Gebärmutter zu packen bekommt. Mit einer Art gepolsterten Zange hält sie dann die Gebärmutter fest."

"Ich mache das immer unter örtlicher Betäubung," sagte Leda.

"Es ist unangenehm," bestätigte Arirang, "aber ich will wissen, was passiert. Jetzt kommt die Ärztin mit diesem Laser-Gerät, das vorne einen dünnen Plastikschlauch hat. Den bohrt sie in den Muttermund. Das macht sie sehr geschickt. Dann knipst sie das Licht an und reibt über die Innenseite der Gebärmutter. Die ist ganz eng, wenn man nicht schwanger ist."

Sie ballte die Faust und drückte Eriks kleinen Finger zwischen Daumen und Zeigefinger zusammen.

"So mußt du dir das vorstellen. Sie blickt in ein Sichtgerät und tastet die Schleimhaut ab. Dann zieht sie den Schlauch wieder raus, gibt etwas Salbe auf den Muttermund, und die Untersuchung ist zu Ende. Das ganze dauert keine fünf Minuten."

"Wie sieht der Schlauch aus, nachdem er drin war? Was macht sie damit? Hast du das sehen können?"

"Ich spähe immer ganz scharf. Vorne ist meistens ein kleiner Blutstropfen dran. Sie schraubt die Spitze ab und tut sie in eine Plastikdose, die sie in ihren großen Kühlschrank legt. Zufrieden?"

"Außer dem Blutstropfen ist nichts im Schlauch?"

"Nein. Glaubst du, das ist mein Baby?"

"So klein waren wir alle einmal."

"Ich hatte keine Ahnung, daß ich jeden Monat schwanger werde. Aber im Grunde ist das nichts anderes, als die Pille danach. Von der sagt man, sie soll gesünder sein als die Babypille."

"Ich habe nichts davon gemerkt," erklärte Leda, "wegen der Narkose."

"Die wählen die meisten?"

"Ich glaube. Wozu braucht man die Embryos?"

"Ich weiß es nicht," sagte Erik. "Vielleicht für die Gen-Forschung. Um teure Medikamente zu produzieren."

"Ja, das paßt," meinte Arirang. Sie hatte das Gespräch mit dem chinesischen Besucher in Erinnerung.

Erik öffnete seinen Safe und überreichte Leda ihr Honorar.

"Heißt das, ich soll gehen?" fragte Leda.

"Du hast mir sehr geholfen," sagte Erik.

"Ich kann noch mehr für euch tun."

"Wir sind im Augenblick nicht in Stimmung." Arirang küßte Leda auf den Nacken. "Nächstes Mal."

Leda stand auf und ging mit gesenktem Kopf hinaus.

Arirang knöpfte sein Hemd auf. Er war etwas verschwitzt und mußte duschen. Sie trocknete ihn ab, hatte es aber nicht eilig. Sie legte ihre Oberkörper auf seine nackte Brust und betrachtete ihn nachdenklich mit ihren schrägen Augen.

"Das Schicksal hat uns zusammengeführt. Es kann nicht wollen, daß wir uns wieder trennen. Wann fliegst du ab?"

"Dienstag."

"Das ist ja schon übermorgen. So grausam kann das Schicksal es nicht meinen."

"Wir werden innerlich immer verbunden bleiben."

"Du wohnst in Hamburg, nicht wahr?"

"Ja."

"Das ist eine große Hafenstadt. Wir haben dort eine Vertragsreederei. Es gibt ein chinesisches Konsulat. Wir haben einen Kontakt, der das Computersystem des deutschen Zolls austrickst. In Hamburg leben viele Waffenhändler. Hast du zu ihnen Kontakt?"

"Ich höre nur von ihnen, wenn sie mit ihrem Auto in die Luft gesprengt werden."

"Unser Land hat die modernsten Waffenfabriken der Welt. Leider hintertreiben die Chinesen unsere Exporte, weil sie den Schund verkaufen wollen, den sie selber produzieren."

"Für welche Waffen ist euer Land berühmt?"

"Die verschiedensten. Wir haben zum Beispiel eine von den Isrealis entworfene Maschinenpistole, die Uzi, zur Serienreife weiterentwickelt. Ein ungemein praktisches Ding."

"Hast du schon eine in der Hand gehabt?"

"Das gehört bei uns zur Grundausbildung. Ich war die beste Schützin in meiner Gruppe. Ich liebe die Uzi. Ich finde Waffen aufregend. Erregt dich das nicht?"

"Nicht so wie du. Hast du schon mal einen Menschen getötet?"

"Nein, noch nie. Aber ich kann mich verteidigen."

Er streichelte ihren Oberarm, der weich und fraulich war.

"Ein anderes System ist die Boden-Luft-Rakete "Roter Phönix", eine Weiterentwicklung der sowjetischen Sam. Sie kann ganz unauffällig transportiert werden."

"Was für Käufer stellst du dir dafür vor?"

"Alle Nationen, die sich gegen verbrecherische Hubschrauberangriffe der Amerikaner verteidigen müssen. Das sind mindestens hundertfünfzig Länder weltweit. Erinnerst du dich noch, wie schnell die amerikanischen Aggressoren in Somalia die Flucht ergriffen haben?"

"Black Hawk down."

"Das war unser Werk."

"Das wußte ich nicht."

"Wir hängen unsere Erfolge nicht an die große Glocke."

"Die jetzigen Machthaber in Somalia sind keine Muster-Sozialisten."

"Sie haben die Chance, sich zu entwickeln. Wir respektieren das Selbstbestimmungsrecht der Völker."

"Hast du schon jemandem von deiner Idee mit Hamburg erzählt?"

"Man muß ungeheuer vorsichtig sein."

"Ich weiß nicht, wie du dich mit deinem Boß verstehst, aber in unserer Firma ist es so, daß der Chef sehr zufrieden ist, wenn er Mitarbeiter hat, die ihren Job zuverlässig tun. Wenn einer von ihnen sich plötzlich versetzen lassen will, bringt das den Chef in Panik, weil er den eingespielten Ablauf gefährdet sieht. Einen Chef interessiert immer nur dein Nutzen für ihn persönlich, nicht, was du willst, oder was du am besten kannst. So ist das bei uns."

"Bei uns auch."

"Du hast hier die Aufgabe, ein Auge auf das Institut für Genforschung zu werfen."

"Habe ich dir das gesagt? Darüber darf ich mit niemandem sprechen."

"Nein. Du hast mir nichts verraten. Du bist bloß zu intelligent, um bloß Fußsohlen-Massage zu machen."

"Du meinst, ich bekomme Schwierigkeiten, wenn ich mich versetzen lassen will?"

"Große. Vielleicht wirst du nach Hause zurückgeschickt."

"Das habe ich auch schon gedacht."

"Die sicherste Möglichkeit, daß wir uns wiedertreffen, sehe ich, wenn wir alles lassen, wie es ist."

Sie nickte zustimmend.

Er umarmte sie erleichtert. Diese Runde hatte er gewonnen. Sie fuhren auf den Rücksitzen zweier Motorräder zu einem von ihr empfohlenen Restaurant, in dem kreolisches Hammelragout serviert wurde, das mit viel süßem Obst zusammengekocht war.

Als er sich für den Besuch bei Corinnas Vater umzog, bot er Arirang an, den Nachmittag in seinem Zimmer zu verbringen, falls sie nichts anderes vorhätte. Erst als er ihre freudige Reaktion wahrnahm, wurde ihm klar, daß er sich damit die Möglichkeit abgeschnitten hatte, bei der Rückkehr Corinna noch auf einen Sprung in sein Zimmer einzuladen. Sein Unterbewußtsein hatte ihm die Entscheidung abgenommen, und er war damit überraschend einverstanden.

Arirang wollte als erstes ein ausführliches Bad nehmen. Dadurch entging ihrer Aufmerksamkeit, zu wem er ins Auto stieg.

Corinna fuhr einen knallroten kleinen Japaner, in dem sie nur deshalb Platz für ihre langen Beine fand, weil sie den Fahrersitz so weit zurückgeschoben hatte, daß er an die hintere Sitzbank stieß. Sie fuhr forsch, aber zugleich so defensiv, daß er nicht mit dem Oberkörper hin und her geschleudert wurde.

Ihr Landhaus war eine zweistöckige Villa in solider Holzkonstruktion mit großen Balkons und Verandas, die für kühlenden Schatten sorgten.

Corinnas Vater sah mehr wie ein englischer Landedelmann aus, als wie ein Abkömmling französischer Pflanzer. Er hatte strähnig zur Seite gescheiteltes blondes Haar, trug ein Tweed-Jackett und ausgebeulte Kordsamt-Hosen. Er schüttelte Erik wohlwollend die Hand.

"Ich freue mich über jeden Gast, der sich zu uns nach oben verirrt."

Man merkte an seiner Sprechweise, daß er sein eigener Kellermeister und Vorkoster war.

"Erik hat eine Flasche Black Label entdeckt, in einem Shop an der Nordküste," erklärte Corinna.

"Ja, wir haben treue Kunden dort oben. Wollen Sie unseren Keller sehen?"

Der Weinkeller war tief in die Erde eingelassen, das kaum erhabene Dach mit Rasen gedeckt.

"Unsere Genossenschaft liefert mir jedes Jahr mehrere Glascontainer mit Zuckerrohr-Geist. Ich habe einen Bekannten am Hafen, der schottischen Whisky in Holzfässern geliefert bekommt und hier in Flaschen abfüllt. Ich kaufe ihm die leeren Fässer ab und lagere darin unseren Zuckerrohr-Geist, bis er den typischen Whisky-Geschmack annimmt."

"Dein Whisky schmeckt trotzdem nach Rum," sagte Corinna taktlos.

"Erklären Sie mir, was ich besser machen soll," wandte sich der Vater an Erik.

"Corinna hat teilweise recht. Ihr Black Label schmeckt wie japanischer Whisky. Das wäre ein Markt, aber die japanischen Touristen sind fest in der Hand ihrer Reiseführer, die ihren ganzen Tagesablauf organisieren und ihnen keine Möglichkeit geben, einen typischen Insel-Markt zu besuchen."

"Probieren Sie mein ältestes Faß," insistierte der Vater. Er füllte drei Gläser ab.

Erik trank einen Schluck und bemerkte: "Sie haben qualitativ hochwertiges Zuckerrohr."

"Das beste der Insel," sagte der Vater stolz. "Woran merken Sie das?"

"Sein Grundgeschmack drängt sich immer vor. Es hat keinen Zweck, diesen Geschmack in Holzfässern zu betäuben. Sie könnten etwas Ähnliches komponieren wie Campari. Ein Grundalkohol, verfeinert mit wertvollen Bitter-Kräutern. Es gibt bestimmt Pflanzen mit einem für diese Insel typischen Geschmack."

"Alles schon probiert. Vanille-Likör, Bananen, Ylang Ylang, das bringt nichts."

"Nein Papa", unterbrach ihn Corinna. "Das sind Export-Produkte. Es gibt Marktfrauen, die verkaufen Hunderte von Heilkräutern gegen die verschiedensten Krankheiten. Vielleicht wüßten die etwas für uns. Kräuter, die nur auf unserer Insel wachsen, weil wir so lange vom Kontinent abgeschnitten waren. Unsere Mediziner interessieren sich überhaupt nicht dafür. Nur für Human-Genforschung."

"Das wäre doch was für dich, die Wirkungsweise unserer traditionellen Heilkräuter," sagte der Vater. "Besser als diese Soziologie oder was du da machst. Unsere Familie lebt seit zweihundert Jahren hier. Wer soll sich damit beschäftigen, wenn nicht wir? Wenn es uns nicht mehr gibt, gibt es nur noch Whisky in Flaschen. Herr Njuhoss hat ganz recht, wir müssen ein inseleigenes Produkt entwickeln, das wir weltweit verkaufen. Als Kind habe ich gehört, daß es bei uns einen Kräutertee gegen Malaria gibt. Wenn wir den mit unserem Destillat verbinden! Zwei Glas bei Sonnenuntergang, und Millionen Leben würden jedes Jahre gerettet."

"Papa, die Menschen, die an Malaria sterben, haben kein Geld für deinen Zaubertrunk. Wir machen das trotzdem. Die Reichen haben auch Angst vor dem Sterben. Ich glaube, Papa, es ist Zeit für deinen Nachmittagsschlaf."

Der Vater hatte sein Kellermeister-Glas vollständig geleert, während Erik und Corinna nur winzige Schlucke genommen hatten.

Corinna führte ihren Vater stützend zurück ins Haus. Erik blieb auf der Veranda, während sie sich um ihren Vater bemühte.

"Wir beiden sind die letzten Boismortiers," sagte sie plötzlich an seiner Seite, "ich glaube, er hat recht. Wir müssen unsere Insel-Traditionen erforschen, bevor sie verlorengeht. Das ist genauso wichtig wie die Genforschung. Es war gut, daß du mit Vater gesprochen hast. Nur schade, daß er Baalbek nicht mehr getroffen hat."

Da war sie wieder, die Fixierung auf den französischen Reporter. Erik hatte Corinna sehr gern, aber er hatte keine Chance, einen Toten auszustechen. Mit Arirang war das eine andere Sache. Aber es hatte keine Zukunft.

Corinna führte ihn zu einer Hollywoodschaukel auf der Schattenseite der Veranda.

Ihr Blick fiel weit über die Insellandschaft, die zusammengehalten wurde durch die metallic-blaue Platte des Meeres. Eine Glocke aus Smog entzog die Hafenstadt ihrem Blick. Die Hänge waren wie schiefe Schachbretter mit frisch grünen und verdorrt braunen Zuckerrohrfeldern überzogen. Im Süden stieg das Violett der drei Vulkankegel aus dem Dunst.

"Ich würde gerne mal auf einen dieser Feuerberge hinaufsteigen. Weißt du, ob es geführte Wanderungen gibt?"

"Ich habe gehört, die Lava ist so scharf, daß sie die Schuhe zerreißt. Reiche Touristen fliegen mit einem Hubschrauber bei Sonnenuntergang direkt auf den Gipfel des Vulkans."

"Ja, das weiß ich. Aber ich finde es vulgär. Berge muß man sich erwandern."

Sie legte die Hand auf seinen Unterarm.

"Das ist alles nicht wichtig. Erzähl mir, ob du noch was über George herausgefunden hast."

"Ich sage es dir, wenn du mir eins versprichst."

"Das wäre."

"Du mußt sofort mit dem Praktikum in der Auberge aufhören und darfst in den nächsten vier Wochen keinen Mann anfassen."

"Bist du eifersüchtig? Mein Bauch gehört mir. Das muß jeder akzeptieren."

"Du irrst dich. Dein Bauch ist gekidnappt."

"Das müßte ich bemerkt haben."

"Du bekommst jeden Monat eine Spritze zur Empfängnisverhütung."

"Ja, das modernste und schonendste Präparat."

"George hat herausgefunden, daß es keine Antibaby-Spritze ist, sondern ein Ovulationsverstärker. Ein Mittel, das bewirkt, daß deine Eierstöcke nicht bloß eine Eizelle im Monat produzieren, sondern sechs, acht, zehn."

"Wozu soll das gut sein?"

"Damit du eine entsprechende Zahl von Embryonen ausbrütest."

"Unmöglich."

"Du hast mir gestern geschildert, wie die Bethancourt dir mit dem Endoskop in die Gebärmutter gegangen ist und mehrere kleine Wucherungen abgeknipst hat. Das waren deine Nachkommen."

"Dazu müßte ich befruchtet worden sein."

"Du hast ungeschützt Coaching gemacht, nehme ich an."

"Soll das heißen, daß der Schleim gefährlich war?"

"Ich fürchte, er hat sich mit deinen Eizellen getroffen und neues Leben erzeugt."

"Ist das dein Ernst?"

Sie sah mit weit aufgerissenen Augen durch ihn hindurch. Sie hielt die rechte Hand an ihren Bauch, an die Kehle und vor den Mund. Sie sprang auf, war mit zwei Schritten von der Veranda herunter, fiel auf die Knie und erbrach sich keuchend und stöhnend ins Gras.

Er holte ein Glas Wasser aus dem Haus. Sie würgte immer noch. Gelbgrüne Galle lief über ihr Kinn. Sie nahm das Glas in ihre zitternde Hand.

"Spülen, gurgeln und ausspucken," sagte er. Sie machte es mehrmals.

"Jetzt mußt du etwas Basisches trinken, gegen die Magensäure in der Speiseröhre."

Sie gingen in die Küche. Corinna musterte den Inhalt des Kühlschrankes und nahm eine Flasche Bananensaft heraus.

"Geht das?" Sie trank ein halbes Glas.

"Den Rest verdünne ich mit Rum. Du auch?"

"Nur Wasser."

Sie setzten sich auf zwei Rattansessel am anderen Ende der Veranda.

"Das war sehr eigenartig. Mein Körper begriff schneller als mein Kopf, daß du die Wahrheit erzählst."

Sie nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas und stöhnte, als das Rum-Fruchtsaft-Gemisch durch ihre Kehle lief.

"Was machen sie mit den Embryos?"

"Das hat uns Professor Meyer erzählt. Sie wollen ein Mittel gewinnen, das die Jugend um fünfzig Jahre verlängert."

"Das ist das düstere Geheimnis, hinter das George gekommen ist, und deshalb haben sie ihn umgebracht. Stimmt's?"

"Wahrscheinlich."

"Sie haben ihn ertränkt wie einen tollwütigen Hund."

"Sie sind gefährlich. Deshalb bleibst du am besten hier oben. Mein Freund Ziegler will nachweisen, wie George ums Leben kam. Hinter Ziegler steht der größte Versicherungskonzern Europas. Das kann eine Menge Trouble geben."

"Das ist der Job deines Freundes. Nicht deiner."

"Ich habe das meiste herausgefunden."

"Es wird Zeit, daß du dich zurückziehst."

"Wir sind kurz vor dem Ziel."

"Das war George auch. Ich habe Angst, daß dir das Gleiche passiert. Wann reist du wieder ab?"

"In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch."

"Ich kenne ein Fischerdorf in der Nähe des Flughafens. Die vermieten Zimmer privat. Ich hole dich morgen früh ab und bringe dich hin. Da kannst du bis zum Abflug bleiben, ohne daß jemand dich findet."

"Ich bringe es nicht fertig, einfach wegzulaufen. Wenn ich bei der Ankunft zu Hause erfahre, daß Ziegler ertrunken ist, müßte ich alle Spiegel zerschlagen, um mein Bild nicht zu sehen."

"Wir müssen die Polizei einschalten."

"Damit sie gegen den wichtigsten Investor des Landes ermittelt? Wir haben nicht einmal eine Leiche, an der sich nachweisen läßt, daß George ermordet wurde."

"Es ist nicht dein Fall."

"Du hast mich darauf gestoßen. Du hast gesagt, daß er wasserscheu war."

"Ich wußte nicht, was du daraus machst. Mein Angebot bleibt bestehen. Ich hole dich jederzeit ab."

"Es kann sein, daß ich das brauche. Wie kommst du über die Runden? Hast du genug Geld zum Leben?"

"Ich habe das nicht wegen der paar Kröten gemacht. Es sollte ein sozialwissenschaftliches Experiment werden. Für meine Magister-Arbeit. Ich glaube, ich werde auf meinen Vater hören und mich um unsere heimischen Heilpflanzen kümmern. Sieh, die Sonne ist schon halb in der Wolkenbank über dem Meer. In einer halben Stunde ist es dunkel. Ich schaffe es jetzt nicht, dich ins Hotel zurück zu fahren. Ich bestelle dir ein Insel-Taxi. Ruf mich alle paar Stunden an, damit ich weiß, daß du noch lebst."

Sie brachte ihm ein Kärtchen mit ihrer Adresse und Telefonnummer, er schrieb ihr seine Hamburger Geschäftsnummer auf.

"Es war schön mit uns am Swimmingpool," sagte sie mit einem nicht ganz geglückten Lächeln. Sie lehnte die Stirn an seine Wange. Ihr Körper war vollkommen starr.

Sein Zimmerschlüssel war nicht an der Rezeption. Also wartete Arirang auf ihn. Der Gedanke beschleunigte seinen Schritt. Als sie ihm die Zimmertür öffnete, sah er sie mit einem schwarzhaarigen Mädchen auf seinem Bett sitzen, das eine Menge Spielkarten vor sich ausgebreitet hatte.

"Ich habe etwas für dich. Erinnerst du dich an Minh?"

Er erkannte das Mädchen, das sich zögernd erhob. Es war die Vietnamesin.

"Sie hat etwas gesehen. Sie hat beobachtet, wie der Franzose entführt wurde."

Erik trat einen Schritt vor.

"Ist das sicher?"

"Hundertprozentig."

"Ich muß Ziegler anrufen." Er hockte sich ans Kopfende und wählte seine Zimmernummer.

"Qui vive?" fragte Jean.

"Nichts mit qui vive," sagte Erik. "Wir haben die Spur des Toten."

Zieglers Zimmer lag am gleichen Flur, und Erik hatte kaum das Telefon gerade gerückt, als er schon Jeans Schritte hörte. Er stellte Ziegler den Frauen vor, die von seiner Erscheinung mehr belustigt als beeindruckt waren. Minh und Jean sprachen viel besser Französisch als Erik, und er hatte Mühe, ihrem Diskurs zu folgen.

Die Nacht vom 24. auf dem 25. November hatte Minh im Zimmer 59 verbracht. Sie hatte einen leichten Schlaf und wurde durch Poltern und Möbelrücken geweckt. Sie öffnete die Zimmertür einen Spalt. Auf dem Flur direkt vor ihr stand eine Krankenbahre auf Rädern. Die Tür zu Zimmer 58 war nur angelehnt. Ein Streifen Lichtschein fiel auf den Flur. Das Poltern kam von dort. Nach einer Weile ging die Tür ganz auf, und ein Mann im weißen Kittel zog die Bahre ins Zimmer hinein, ohne die Tür wieder zu schließen. So konnte Minh beobachten, wie ein Wahnsinniger, der sich heftig wehrte, auf die Bahre gefesselt wurde.

"Woher weißt du, daß er wahnsinnig war?" fragte Ziegler.

"Weil sie ihn in eine Zwangsjacke gesteckt hatten. Das macht man nur bei Verrückten."

Als die Männer das Licht im Zimmer löschten, hatte Minh behutsam ihre Tür geschlossen.

"Hast du die Sanitäter gut genug zu sehen bekommen, um sie wiederzuerkennen?"

"Ich denke schon. Sie trugen weiße Kittel mit einem roten Kreuz auf dem Rücken. Ihre Gesichter waren extrem schwarz. Der eine behielt trotz der Nachtzeit seine schwarze Sonnenbrille auf, der andere hatte einen angeberischen Oberlippenbart."

"Woher wußtest du, daß das Zimmer gegenüber die Nummer 58 hatte?"

"Ich wußte es nicht. Erst als ich Arirang erzählte, daß ich über Nacht in der 59 geblieben war, sind wir noch mal hingegangen und haben nachgesehen."

Ziegler konnte sein Glück kaum fassen. Einen Unfalltod konnte man jetzt ausschließen. Seine Versicherung mußte nur die Minimalsumme zahlen. Er wollte seinen Ortsvertreter, Herrn Deville, dazu holen und ein offizielles Protokoll aufsetzen, das Minh in ihrer eigenen Handschrift zu Papier bringen sollte, nachdem sie den Text vorher auf Zieglers Laptop ins Reine formuliert hatten. Minh hatte Bedenken, weil es nicht die offizielle Politik des Hauses war, daß die Betreuerinnen die ganze Nacht mit ihren Gästen verbrachten, aber Jean beruhigte sie, daß niemand im Hotel etwas davon erfahren würde. Bis zum Eintreffen von Deville sollte Minh noch in Eriks Obhut verbleiben.

"Ich habe Hunger," sagte Erik zu den Mädchen, kaum daß sie wieder allein waren. "Und ihr?"

Sie nickten beide.

"Soll ich uns was aufs Zimmer bestellen?"

"Das wird viel zu teuer," erklärte Arirang. "Minh hat einen Scooter. Wir holen uns etwas aus dem Schnellimbiß."

"Braucht ihr Geld?"

"Hast du zwei Dollar?"

Erik gab Arirang sein Portemonnaie. Sie zog zwei Scheine in Landeswährung heraus.

"Das reicht vollkommen."

Im ersten Augenblick wußte er nicht, was er von dieser Sparsamkeits-Anwandlung halten sollte. Dann fiel ihm ein, daß Arirang aus einem der ärmsten Länder der Welt kam, wo man eine andere Einstellung zum Geld hatte. Was er für ein Roomservice-Abendessen ausgeben wollte, entsprach wahrscheinlich dem Monatsgehalt einer Arbeiterin in ihrer Heimat. Kein Wunder, wenn sie eine solche Völlerei für obszön hielt. In ihrer rätselhaften Fixierung auf ihn nahm sie an, daß er ihre Werte teilte, und wäre nie auf die Idee gekommen, daß er ein Billiggericht für zweitrangig hielt.

Er mußte Corinna anrufen. Sie schlief noch nicht. Er erzählte ihr von der neuesten Wendung.

"Das ist unglaublich!" rief sie. "Welches Krankenhaus würde sich dazu hergeben?"

"Das muß überprüft werden."

"Kannst du mir erklären, warum sie sich soviel Mühe mit dem Abtransport gemacht haben? Wenn sie ihn sowieso umbringen wollten, hätten sie das doch gleich im Hotel tun können."

"Ein Mord hinterläßt immer Spuren, und in der Auberge hätte man als erstes danach gesucht. Außerdem wollten sie wahrscheinlich von ihm hören, wieviel er herausgefunden und wen er alles eingeweiht hatte."

"Du meinst, sie haben ihn gefoltert?"

"Die Leiche ist sofort eingeäschert worden."

"Diese Schweine, diese Schweine."

"Was macht dein Vater?"

"Er sitzt beim Fernsehen."

"Grüße ihn von mir. Er hat mir gut gefallen."

"Das freut mich. Danke dir. Vergiß nicht, ich hole dich ab, wenn es gefährlich wird."

"Ich rufe dich wieder an, sobald es etwas Neues gibt."

"Sei vorsichtig. Paß auf dich auf. Ich will dich nicht verlieren."

"Ich dich auch nicht. Gute Nacht, Corinna."

"Gute Nacht. Schlaf gut."

Es tat ihm gut, mit ihr zu sprechen. Ihr Verhältnis, so zaghaft es sich auch entwickelte, war nicht durch hormongesteuerte Zwangsvorstellungen belastet. Dafür steckte sie immer noch tief in der Fixierung auf George.

Die asiatischen Mädchen klingelten übermütig. Arirang trug eine simple Einkaufstüte. Minh, die etwas größer als die Koreanerin war, holte drei Teller aus dem Schrank über der Minibar.

Arirangs Tüte enthielt drei durchsichtige Plastikbeutel mit chinesischen Ravioli und eine Minitüte mit Sojasoße. Alle vier waren mit kunstvoll zusammengedrehten Schnippgummis verschlossen. Arirang breitete ein Handtuch auf dem Bett aus, auf das sie die Teller stellten. Das Essen war noch heiß, und die Mädchen aßen mit sichtlichem Behagen.

"Für uns ist das wie zu Hause," erklärte Minh.

Ihr Appetit steckte Erik an, obwohl Sojasoße nicht sein Lieblingsgewürz war.

Sie hatten sich gerade alle die Hände gewaschen, als Ziegler klingelte, um Minh abzuholen. Arirang trug die Teller ins Bad, um sie zu reinigen.

"Ich mag keine Unordnung," sagte sie. Er stand im Türrahmen und sah fasziniert den geschickten Bewegungen ihrer kleinen Hände zu.

Nachdem sie die Teller mit Toilettenpapier trockengerieben und wieder in den Schrank gestellt hatte, machte sie das Fernsehen an und schaltete hin und her, ohne ein Programm zu finden, das ihr zusagte. Erik nahm ihr die Fernbedienung aus der Hand.

"Woran denkst du?" fragte er.

"Die Leute sind gefährlich. Sie dürfen nie erfahren, daß Minh diese Aussage gemacht hat."

"Da besteht keine Gefahr."

"Die Welt ist verrückt. In diesem Land bringen die Gangster um, wen sie wollen, und bei mir zu Hause, wo Ordnung herrscht, bekäme ich nie die Erlaubnis, einen Ausländer zu heiraten."

Sie warf sich auf ihn und preßte das Gesicht gegen seine Brust. So lagen sie wortlos zusammen, Arirang vom Schmerz versteinert.

"Minh kommt wohl nicht zurück," sagte Erik, "sie ist schon eine Stunde fort."

"Wir haben nichts vereinbart." Sie setzte sich auf. "Wie wirst du weiter vorgehen? Der Rettungswagen gehört bestimmt dem Genforschungs-Institut."

"Im Institut arbeiten sie mit mikroskopisch kleinen Zellen. Dafür brauchen sie keinen Krankenwagen."

"Dann haben sie ihn gestohlen. Das wird sich nachweisen lassen."

"Ich treffe morgen früh noch eine Zeugin. Die Frau, die George als letzte vor seiner Entführung gesehen hat."

"Kenne ich sie? Wie heißt sie?"

"Chantal. Das ist ein französischer Name."

"Ah, ich weiß. Das ist eine Langweilerin. Da muß ich mir keine Sorgen machen, wie heute morgen bei Leda. Also, von Leda hat der Franzose erfahren, daß hier Embroyos erzeugt werden. Das hat ihn furchtbar aufgeregt. Warum eigentlich?"

"Er war Katholik. In den Augen von Katholiken gilt das Zerschneiden von Embryos als Mord."

"Verstehe. Jetzt fehlt uns nur noch das Hauptkettenglied."

"Du meinst, das missing link."

"Warum wird er sechsunddreißig Stunden, nachdem er diese Nachricht erhalten hat, ermordet? Was ist in der Zwischenzeit passiert?"

"Ich hoffe, Chantal kann uns helfen."

Der Nachtvogel auf dem Baum vor seinem Fenster stieß wieder seinen melodischen Lockruf aus.

"Hörst du das?" fragte Arirang. "Es klingt, als fragte er: 'Was soll nur werden? Was soll nur werden?' Das geht mir durch und durch."

"Du hast ihn falsch verstanden. In Wirklichkeit ruft er immer 'Was für ein schöner Vogel bin ich?" Und er wartet darauf, daß man ihm sagt: 'Der Schönste von allen'."

"Sag es ihm doch. Dann ist er zufrieden und fliegt woanders hin."

Erik stand auf und drückte den Fenstervorhang auseinander.

"Vogel, Vogel auf dem Baum, du bist der schönste Mann von allen."

Mit einem Flügelrauschen entfernte sich der Angesprochene. Vielleicht hatte ihn die Bewegung der Gardine oder der Lichtschein aus dem Zimmer irritiert.

"Ist er weg?" fragte Arirang.

"Ja."

"Ich bin auf einmal todmüde. Ist es schlimm, wenn ich ein bißchen schlafe?"

Er schob ihr ein Kopfkissen hin und zog das Laken über sie. Er mußte noch einmal ins Badezimmer. Dort hing auch sein Schlafanzug. Unter dem Bettlaken war Arirang nur eine leichte Erhebung. Er hätte sie kaum wahrgenommen, wenn ihr Haar nicht so schwarz über das Kissen geflossen wäre. Er schlüpfte unter das Laken und legte die Hand auf Arirangs Hüfte. Die Ruhe ihres Schlafes übertrug sich auf ihn. Das letzte was er hörte, war der Ruf des Vogels, der auf seinen Stammplatz zurückgekehrt war. Vielleicht rief er wirklich: "Was soll nur werden?"

 

 

7. KAPITEL DREISSIGSTER /MONTAG

 

Sie frühstückten heute etwa früher, weil Ziegler von seinem hiesigen Agenturleiter abgeholt werden sollte, der mit ihm alle Betreiber von Ambulanzen auf der Insel abklappern wollte, um herauszukriegen, welcher Rettungsdienst Bernbach abgeholt und möglicherweise irgendwo eingeliefert hatte. Eine Sisyphusarbeit, um die Erik die beiden nicht beneidete. Der Agenturleiter war ein älterer Mann mit einer ledrig gebräunten Gesichtshaut und leuchtend grauem Haar, der Erik wohlwollendfreundlich die Hand drückte. Er wollte nicht mal einen Kaffe mit ihnen trinken, sondern drängte zu raschem Aufbruch.

Erik aß noch in aller Ruhe die besten Happen von Zieglers überladenem Teller. In diesem Augenblick fiel ihm ein, daß er ganz vergessen hatte, Jean zu erzählen, was er und vor ihm Bernbach über das in der Auberge verwendete Hormon herausbekommen hatte. Ein kleiner brauner Vogel trippelte erwartungsvoll auf dem Tisch hin und her. Erik schnitt ihm ein wurmgroßes Stück gekochten Schinkens ab. Der Vogel beobachtete das mit schwarz funkelnden Augen, lud sich den Schinken quer in den Schnabel und schwirrte lautlos ab.

In seinem Zimmer stellte Erik den Fernseher an, um zu erfahren, was in der Welt passiert war, aber die Deutsche Welle brachte die gestrigen Abendnachrichten, während hier, über dem Indischen Ozean, der neue Tag schon viele Stunden alt war.

Obwohl man mit vollem Bauch nicht schwimmen soll, konnte Erik der Versuchung nicht widerstehen, sich schnell noch zu erfrischen. Er schwamm langsam, zehn Längen, um den Kreislauf nicht anzustrengen.

Auf seinem Zimmer legte er sich im Bademantel hin, um sich auszuschwitzen.

Noch bevor er sich wieder angezogen hatte, klingelte Chantal. Sie war eine zierlich Person mit dichten schwarzen Augenbrauen und einer lange Nase.

"Entschuldigung," sagte er, "ich war gerade schwimmen und bin noch nicht dazu gekommen, mich anzuziehen."

"Wozu auch? Was glauben Sie, wie ernüchternd es ist, wenn aus einem Zweitausend-Dollar-Anzug ein untrainierter Büroleib herausfällt."

"Ich arbeite auch im Büro."

Sie öffnete seinen Bademantel und schob ihn auf seine Arme herunter, daß er wie ein Gefangener vor ihr stand. Wie Bernbach in seiner Zwangsjacke, aber von freundlicheren Blicken begleitet.

"Du siehst gut aus. Hoffentlich bist du von mir nicht enttäuscht."

Ihre Hände fuhren über seine entblößte Brust.

"Darf ich dir einen guten Rat geben? Geh nicht unmittelbar vor einer Verabredung schwimmen. Du wirst dabei zu stark ausgekühlt".

Er nahm Bernbachs Bild vom Schreibtisch.

"Erinnerst du dich an diesen Gast?"

"Das war der charmanteste Mann, den ich in der letzten Zeit getroffen habe. Mit ihm konnte man Spaß haben."

"Wann hast du ihn getroffen?"

"Vor drei Wochen, etwa. Nein, es ist länger her, es war noch November."

"Weißt du noch, in welcher Stimmung er war? Witzig, betrübt, verzweifelt?"

"Ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Er war - wie soll ich es nennen - draufgängerisch, kampfeslustig."

"Gegen wen richtete sich seine Angriffslust?"

"Er hatte an dem Morgen ein Gespräch mit Frau Bethancourt gehabt, unserer Frauenärztin, und die beiden müssen sich schlimm in die Haare geraten sein."

"Hat er dir erzählt, wobei es darum ging?"

"Ganz ausführlich und wieder und wieder. Er konnte sich gar nicht beruhigen. Ich habe nicht alles verstanden, und ich habe die Hälfte schon wieder vergessen. Er sagte, er könne nicht zulassen, daß die entzückenden Mädchen, die hier als Gästebetreuerinnen arbeiten, für medizinische Experimente mißbraucht werden, und er werde eine Enthüllungsreportage in seiner Pariser Zeitschrift abdrucken, um diesem Treiben ein Ende zu setzen."

"Was für Experimente?"

"Das habe ich ihn auch gefragt, aber er hat sich nicht klar ausgedrückt."

"Also George hat einen heftigen Streit mit der Ärztin gehabt, und du hast seinen Standpunkt nicht ganz verstanden."

"Du hättest ihn hören sollen. Er könne nicht zulassen, hat er gesagt, daß Unschuldige getötet werden. Dabei ist hier noch niemand ums Leben gekommen."

"Du weißt, daß George tot ist."

"Nein! Wie konnte denn das passieren?"

"Er wurde wenige Stunden nachdem du ihn besucht hast aus seinem Zimmer entführt und anschließend tot aufgefunden."

"Hier in der Auberge? Aus dem Zimmer, in dem wir zusammen waren? Das ist nicht möglich. In unserem Lande gibt es keine Kidnapper-Banden, wie auf den Philippinen."

"Wenn es professionelle Kidnapper gewesen wären, würden sie auf Lösegeld warten, und er wäre noch am Leben."

"Wer sonst soll das getan haben?"

"Er hat dir gesagt, er wolle einen Enthüllungs-Artikel veröffentlichen, aber dieser Artikel ist nie erschienen, weil er ihn nicht mehr schreiben konnte."

"Ich kann das nicht glauben. Jedenfalls steht eins für mich fest: Seine Entführung und sein Streit mit der Bethancourt haben nichts miteinander zu tun."

Eriks Türklingel summte.

"Hi," sagte Arirang zu Chantal, "Hast du dich gerade wieder angezogen?"

"Ich bin eben erst gekommen. Er war schwimmen und ist noch zu stark ausgekühlt."

"Wir haben ein sehr gutes Gespräch geführt," erklärte Erik. "Ich bin ein großes Stück weitergekommen."

Er nahm das Geld aus dem Schreibtisch. Arirang zog ihm die Scheine aus der Hand und zählte nach.

"Das ist für zwei Stunden. Wie lange habt ihr euch unterhalten?"

"Vielleicht zehn Minuten."

Arirang gab Chantal das Geld und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

"D'accord," sagte Chantal. Sie nahm ihre Handtasche auf und gab Erik einen Kuß auf die Wange. An der Tür tuschelten die Mädchen noch einmal.

"Was machst du für ein Gesicht?" sagte Arirang, "wovor hast du Angst?"

"Der Franzose ist tot, weil er nicht erkannt hat, mit was für gefährlichen Leuten er es zu tun hatte."

"Dem Großkapital," lautete Arirangs simple Zusammenfassung.

"Unser Versuch, seinen Tod aufzuklären, bringt uns in die gleiche Gefahr."

"Kannst du mit einer Uzi umgehen?" fragte sie.

"Die Waffe in der Hand macht einen zur Zielscheibe. Man ist tot, bevor man entsichert hat."

"Du hast recht. Du brauchst einen Leibwächter. Eine Leibwächterin, die Tag und Nacht mit dir zusammen ist. Ich fahre jetzt ins Konsulat und hole eine Uzi. "

"Glaubst du, man gibt dir eine?"

"Sie gehört zu meiner Standardausrüstung. Du bleibst so lange in diesem Zimmer und machst niemandem auf."

Erik war keine Zimmerpflanze, aber er hatte noch die Lektüre des halben "Gärtners" von Le Carré vor sich, genau das Richtige, um ihn in eine paranoide Stimmung zu versetzen.

Erik glaubte, daß Bernbachs Gespräch mit der Gynäkologin der Auslöser für seinen Tod gewesen war. Aber er konnte sich nicht vorstellen, daß die Ärztin seine Ermordung angeordnet hatte. Dafür war sie zu fürsorglich mit Melissa und ihrem toten Baby Melinda umgegangen. Es kam jetzt darauf an, daß Jean den Krankenwagen fand, in dem Bernbach verschleppt wurde. Wenn Erik sie morgen, bei ihrem verabredeten Gespräch, mit dem Ergebnis konfrontierte, würde die Bethancourt ihn vielleicht auf die Spur des Mörders führen. Das einzige, was Erik und Jean dann noch davor bewahren konnte, Bernbachs Schicksal zu teilen, war die Maschinenpistole einer kommunistischen Agentin, die an einer medikamentös bedingten Wahnvorstellung litt.

Die Agentin kam so früh zurück, daß Erik immer noch ein entscheidendes Stück vom Krimi Le Carrés fehlte. Das erste, was sie auspackte, waren Plastiktüten mit Essen. Eine große Portion Hammelfleisch, die noch fast warm war. Dazu weißen Reis. Erst als sie die Teller abgewaschen hatte, zeigte sie ihm das in ein rotes Seidentuch eingewickelte "Baby". Der Geruch nach Schmieröl verriet, daß es frisch gewartet war. Sie wickelte es wieder ein und legte es neben die Kissen am Kopfende des Bettes. Dann fiel ihr ein, daß sie duschen sollten, und die Uzi wurde auf den heruntergeklappten Klodeckel gelegt und mit einem Handtuch vor Spritzern geschützt. Anschließend besprühte Erik den Leib seiner Leibwächterin mit Aramis, damit es auf ihrem Lager nicht nur nach Waffenöl roch. An diesem Nachmittag empfand er, daß der Himmel, der sie zusammengeführt hatte, sehr grausam war, wenn er sie morgen wieder auseinander riß.

Gegen fünf gingen sie zum Schwimmbad. Erik ließ sich träge auf dem Rücken treiben. Arirang hängte nur die Füße ins Wasser und hielt die kleine blaue Reisetasche fest auf ihren Schoß gepreßt.

"Hier bist du," rief Ziegler und ließ sich mit einem Platschen zu Erik ins Wasser fallen.

"Wie war dein Tag?" fragte Erik.

"Mir tut der Hintern weh von einem schlecht gefederten Auto und harten Bürostühlen. Aber unser Mann ist schwer in Ordnung. Wir haben sämtliche Ambulanzdienste abgeklappert, die es auf der Insel gibt. Vom Nordpoint bis zum Airport. Alle haben bereitwillig Auskunft gegeben. Auch diejenigen, die weitab vom Schuß lagen. Nur dort, wo ich es am wenigsten erwartet hätte, haben sie die Zähne gefletscht. In der Uniklinik."

"Gerade damit habe ich gerechnet," entgegnete Erik.

"Sieh mal ganz unauffällig zum Beckenrand," flüsterte Jean. "Dort sitzt das Mädchen, das uns mit der Vietnamesin zusammengebracht hat. Ich glaube, sie beobachtet uns die ganze Zeit. Bist du mit ihr verabredet?"

"Mehr als das. Sie ist mein Schutzengel und wird mich Tag und Nacht nicht mehr aus den Augen lassen."

"Tatsache? Dann ist das keine Schampooflasche, die sie auf dem Schoß hält. Seit wann haben die Mädchen, die hier arbeiten, einen Waffenschein?"

"Dein Name ist Hase und du weißt von nichts. Ist das klar, Jean? Diese Frau ist ein Geschenk des Himmels."

"Du bist mir wieder einen Schritt voraus."

Ziegler schwamm zur Koreanerin herüber.

"Hallo, Kleine, du hast mir gestern sehr geholfen mit deiner vietnamesischen Freundin. Ich habe mich noch gar nicht richtig bei dir bedankt. Kann ich dich zum Abendessen einladen? Zusammen mit Erik. Dann können wir gleich besprechen, was ich heute herausgefunden habe."

"Wir haben auch eine Menge herausbekommen, was dich interessieren wird," erwiderte Arirang selbstbewußt.

"Sehr gut, sehr gut, um viertel nach sieben im Coffeeshop. Das Essen geht auf meine Kosten."

Er schwamm zur Aluminiumtreppe und ließ sich auf dem Trocknen genießerisch von der Badewächterin mit einem großen blauen Handtuch abrubbeln.

"Wir sollten auch bald gehen," meinte Arirang. "Die Sonne geht schnell unter. Dann kommen die Moskitos heraus. Es gibt zwar keine Malaria auf der Insel, aber die Stiche jucken tagelang."

Als sie sich zum Abendessen umgezogen hatten, kam Jean, sie von ihrem Zimmer abzuholen. Offensichtlich wollte er sich vergewissern, daß Arirang auch ihre blaue Tasche mitnahm, und als sie unten einen Vierertisch in der Ecke fanden, schob Jean nicht nur für Arirang einen Stuhl nach Kavaliersmanier heran, sondern auch für ihr Baby.

"Erik hat mir nichts erzählt," reagierte er auf die angehobenen Augenbrauen der Koreanerin, "ein Versicherungsdetektiv muß selber Augen im Kopf haben, wenn er etwas taugt."

"Taugst du etwas als Detektiv?" fragte sie geradeheraus.

"Immerhin," Jean mußte schlucken, "immerhin habe ich zwei Personen entdeckt, die mir sehr geholfen haben. Ist das keine Leistung?"

Die Speisekarte wurde gebracht, und Arirang wählte Hommard à l'Americaine als Vorspeise. Über Spesenetats wußte sie offenbar Bescheid.

"Was war in der Uniklinik?" fragte Erik.

"Wir sind zunächst zur Einsatzzentrale gegangen, die hatten nichts, aber sie klärten uns auf, daß die Frauenklinik eine eigene Fahrbereitschaft hat. Wir haben sie aufgesucht, und mein Kollege hat sie gebeten, uns Einblick in die Fahrtenbücher zu geben. Die Leute waren sehr freundlich und haben auch einen Namen gefunden, aber dann wurden sie unsicher und haben gesagt, sie müßten mal nachfragen. Zwei Minuten später kommt ein Schweizer Giftzwerg, massiv wie eine Bulldogge. Sagt, er heißt Bürgi. In seinem gebrochenen 'Francais federal' erklärt er uns, er sei der Sicherheitsbeauftragte, und er müsse uns bitten, sofort die Klinik zu verlassen."

"Das war schon eine Lüge. Ich weiß, daß sie einen Schweizer Werkschutzmann als Sicherheitschef haben, aber für das Genforschungsinstitut, nicht für das Klinikum. Das sind getrennte Gebäude."

"Schade daß du nicht dabei warst. Ich erklärte ihm, daß es um fünf Millionen geht. Für die Gnome von Zürich ist Geld doch das Lebenselexier Nummer eins."

"Das ist ein Gnom aus Basel."

"Auch gut. Jedenfalls kommt er mir mit der ärztlichen Schweigepflicht. Wir dürften keinerlei Patientendaten einsehen. 'Irrtum,' erkläre ich. 'Jeder Versicherungsnehmer unterschreibt, daß im Falle seines Ablebens die Schweigepflicht erlischt und die Versicherung Anspruch auf Einsicht in den gesamten Krankheitsverlauf habe.

Darauf der Gnom: Er möchte den Vertrag mit der Originalunterschrift sehen. Ich: kein Problem. 'Das können wir in fünf Minuten herbeifaxen.' Nein, Faxe seien ungültig. Das müßte ich doch wissen. Ich: 'Mit DHL ist das auch nur eine Sache von 24 Stunden.' Er: 'Dann kommen Sie morgen wieder. Wenn Sie jetzt nicht abhauen, begehen Sie Hausfriedensbruch, Nötigung und unerlaubtes Eindringen. Ein Anruf von mir, und die Polizei steckt Sie in eine nichtklimatisierte Zelle, in der Sie ich weiß nicht wie lange auf eine richterliche Anhörung warten können.'

'Nichts für ungut,' sagt mein Kollege, packt mich am Ärmel und zieht mich raus. Was sagst du dazu?"

"Alle Achtung. Du hast ihn aufs Kreuz gelegt."

"Wieso? Er hat uns abgeschmettert."

"Er hat sich auf das Spiel mit dem Vertrag und der Originalunterschrift eingelassen. Das heißt, er gibt zu, daß er mit dem Tode von Bernbach zu tun hat."

"Tatsächlich. Das wäre ein Lichtblick."

"Der Hummer ist ganz frisch," strahlte Arirang Ziegler an. "Wir genießen jetzt das Essen und führen das Gespräch nachher in deinem Zimmer weiter."

"Meinst du, in den Zimmern wird nicht abgehört?" fragte Jean.

"Ich weiß, wie man die Mikrophone abschaltet."

"Hast du das in den letzten Tagen auch getan?" wollte Erik wissen.

"Hmm," erwiderte sie kauend. "Das kannst du wohl annehmen."

"Wie lange kennt ihr euch schon?" staunte Ziegler.

"Vom ersten Tag an," log Erik.

Die Koreanerin warf ihm einen dankbaren Blick zu.

Der Schalter zum Abstellen der Mikrophone war eine winzige Kreuzschraube in der elektrischen Armatur im Badezimmer, die auch die verschieden genormten Stecker für Rasierapparate und Haartrockner aufnahm. Um ihn zu betätigen, brauchte man einen passenden Schraubendreher, den Arirang in ihrer Schminktasche dabei hatte.

Ziegler bot Getränke aus seiner Minibar an und öffnete die Bierdosen vorsichtshalber über dem Waschbecken.

"Jetzt müssen wir nur noch rauskriegen," fing er an, "aus welchem Grunde Bernbach ermordet wurde."

"Das haben wir schon getan."

"Weshalb sagst du nichts? Läßt mich die ganze Zeit reden und reden."

"Also. Am Morgen vor seiner Entführung hat Bernbach einen Riesenstreit mit der Ärztin gehabt, die hier die Gäste betreut."

"Worum ging es?"

"Er sagte ihr, er könne es nicht dulden, daß die Frauen, die hier arbeiten, für medizinische Experimente mißbraucht werden, und er werde eine Enthüllungsreportage veröffentlichen, um ihr das Handwerk zu legen."

"Was für Experimente?"

"Die Mädchen, die hier Coaching machen," erläuterte Arirang würdevoll, "werden zur Produktion von Embryos mißbraucht."

"Das kann nicht sein. Wieso gebt ihr euch dazu her?"

"Ich habe es erst gestern erfahren." Arirang schüttelte sich. "Es ist ein Riesenbetrug."

"Bernbach," erläuterte Erik, "hat kurz vor seinem Tode zu einer Partnerin gesagt: 'Hinter eurer Freizügigkeit steht ein düsteres Geheimnis.'"

"Heißt das etwa..." fragte Ziegler entsetzt, ohne den Satz zu Ende auszusprechen."

"Ja, das heißt es. Ihr Gäste seid an der Produktion beteiligt. Die Embryos werden uns abgesaugt, bevor sie sich fest in der Gebärmutter eingenistet haben." Arirangs Stimme zitterte vor Empörung.

"Was machen sie damit?"

"Genforschung. Sie entwickeln hier ein Medikament, das zehntausend Dollar kosten soll."

"Das heißt, sie töten die Embryos." Ziegler war ein rheinischer Katholik. "Das ist mehr als ein düsteres Geheimnis. Das ist Mord. Hundertfacher, tausendfacher Mord."

"Bernbach war dahinter gekommen. Was passiert? Er wird entführt und stirbt. Damit steht fest, es war weder Selbstmord noch Unfall. Ist das nicht ein akzeptables Ergebnis für dich?" fragte Erik.

"Ich will ein Geständnis seiner Mörder."

"Ist dir klar, mit wem du es zu tun hast?" fragte Arirang. "Es handelt sich um zwei der größten Pharmakonzerne der westlichen Welt, die hier Millionen investiert haben, um sich das Vertriebsrecht für neu entwickelte Medikamente zu sichern."

"Arzneimittel-Hersteller töten niemanden."

"Sie räumen Hindernisse aus dem Weg," warf Erik ein. "Gestern war Bernbach ein Hindernis. Morgen bist du eins."

"Hinter mir steht einer der größten Versicherungskonzerne der Welt," brauste Ziegler auf.

"Im Kapitalismus," belehrte Arirang ihn, "hackt jede Krähe einer anderen die Augen aus."

"Du hast recht," lenkte Ziegler überraschend ein. "Es handelt sich um tausendfache Mörder."

"Die einzige, die uns auf die Spur der Mörder führen kann, ist die Ärztin. Ich habe morgen früh einen Termin mit ihr. Du kommst einfach mit. Sie hatte Streit mit Bernbach, aber ich glaube nicht, daß sie ihn ermorden ließ. Vielleicht können wir ihr etwas entlocken."

"Wenn ihr das vorhabt," sagte Arirang, "komme ich auch mit. Jedenfalls bis zur Türschwelle."

 

 

8. KAPITEL SILVESTER /DIENSTAG

 

Als sie an die Tür des Ordinationszimmers klopften, rief die energische Stimme von Frau Bethancourt: "Einen Augenblick noch. Kommen Sie bitte in fünf Minuten wieder."

Sie stellten sich an das Ende des Ganges, wo eine offenstehende Tür auf die Terrasse führte. Im frischen Licht leuchteten die goldgelben und karminroten Bougainvilleas, die wie hundertköpfige Schlangen in Kaskaden an der Mauer zum Schwimmbad herunterfielen und ihre gespaltenen Blütenkelche der Sonne entgegenhoben. Es war ein Bild, das schönheitstrunken machen konnte.

Nach drei Minuten bewegte sich der Schlüssel in der Tür, und ein auffallend schönes dunkelhäutiges Mädchen kam heraus, das beim Gehen die Hand auf den Bauch gepreßt hielt. Sie ließen noch zwei Minuten verstreichen, dann gingen sie zum Sprechzimmer und meldeten sich.

"Herein ," rief die Bethancourt fröhlich.

"Guten Morgen."

"Herr Neuhaus, nicht wahr. Der Sanitäter. Sie haben einen Termin. Und das ist..."

"Mein Freund Ziegler. Er hat ein paar dringende Fragen an Sie, und da er keinen Termin hat, habe ich ihn gleich mitgebracht."

"So geht das aber nicht. Ich empfange immer nur einen Patienten. Wenn die Zeit reicht, bin ich gerne bereit, mit Ihnen, Herr Ziegler, anschließend ein Gespräch zu führen. Sagen Sie mir, wo ich Sie erreichen kann."

"Ich werde mich auf meinem Zimmer bereit halten. Nummer zweiundvierzig."

"Gut. Das ist die beste Lösung."

Ziegler ging mit einer steifen Verbeugung.

"Ich hoffe, Sie haben Verständnis, daß man sich in einer Praxis wie meiner an feste Prinzipien halten muß. Sonst wächst einem alles über den Kopf."

"Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen."

"Pas du tout. Sie sind heute den letzten Tag hier, und ich möchte mich gerne mit Ihnen darüber unterhalten, wie sie unsere Arbeit beurteilen? Was hat Ihnen hier gefallen? Was müssen wir besser machen? Professor Meyer hat eine hohe Meinung von Ihnen. Deshalb interessiert mich Ihr Urteil."

"Ich finde die Art, wie dieses Hotel geführt wird, sehr eindrucksvoll. Bevor ich von meinen Erlebnissen berichte, bitte ich Sie, mir das Recht zu geben, Ihnen eine persönliche Frage zu stellen."

"Bitte sehr."

"Es geht um den Vormittag des 24. Novembers."

"Was ist damit?" sie blätterte in ihrem Terminkalender.

"An diesem Tag führten Sie ein Gespräch mit einem Gast des Hotels, dem französischen Journalisten George Bernbach." Er legte ihr das Computerfoto hin. "Erinnern Sie sich?"

"Was geht das Sie an?"

"Sagen wir: Solidarität unter Kollegen."

"Ich verstehe kein Wort."

"Aus den Aufzeichnungen, die Bernbach hinterlassen hat, geht hervor, daß er mit Ihnen ein sehr hitziges Streitgespräch geführt hat."

"Von solchen Aufzeichnungen ist mir nichts bekannt."

"Mein Freund, der Versicherungsdetektiv, hat die Papiere gefunden."

"Herr Ziegler ist Detektiv?"

"Er untersucht ungeklärte Todesfälle."

"Der Tod des Journalisten ist nicht ungeklärt. Ich habe auf Wunsch Ihres Freundes mit dem Leichenbeschauer gesprochen und ihm das Ergebnis mitgeteilt. Im Totenschein steht: Tod durch Ertrinken. Wissen Sie, Ertrinken ist die häufigste Todesursache in diesem Land, gerade auch bei Touristen. Wenn ein Fall so eindeutig ist, und unsere Pathologen haben Erfahrung darin, führen wir keine Obduktion durch, allein schon um Kosten für die Erben zu sparen. Der Leichnam wurde am 27. November aufgefunden und einen Tag später im Städtischen Krematorium eingeäschert. Bei unserem Klima warten wir nicht gerne. Aber das habe ich Ihrem Freund alles schon erzählt."

"Inzwischen haben wir, genauer gesagt, habe ich Augenzeugen gefunden, die gesehen haben, daß Bernbach in der Nacht seines Verschwindens auf seinem Zimmer von zwei Krankenpflegern überfallen, in eine Zwangsjacke gesteckt, auf eine Bahre geschnallt und mit einer Ambulanz abtransportiert wurde."

"Das klingt phantastisch."

"Das ist erst der Anfang einer unglaublichen Geschichte. Der Detektiv hat gestern alle Betreiber von Ambulanzen auf der ganzen Insel besucht. Und wissen Sie, wo er fündig wurde? In Ihrem Krankenhaus."

"Das kann nicht sein."

"Herr Bürgi, der Leiter des Sicherheitsdienstes des Forschungsinstitutes, hat es selber zugegeben."

"Herr Bürgi hat nichts mit unserem Notrufdienst zu tun."

"Das sieht Ihre Fahrbereitschaft anders. Sie hat Herrn Bürgi hinzugezogen, als mein Freund um Einsicht in Ihre Fahrtenbücher bat, und Bürgi bestand darauf, das Original des Lebensversicherungsvertrages von Georges Bernbach zu sehen. Ist das nicht ein seltsamer Zufall?"

"Es muß sich um ein Mißverständnis handeln. Ich werde Herrn Bürgi gleich fragen."

Sie tippte auf ihrem Telefon herum.

"Monsieur Bürgi, silvouzplais. Hier Professor Bethancourt. Ich bin in meiner Hotelpraxis. Ist es wahr, daß Sie gestern Nachmittag in einem Gespräch mit einem deutschen Detektiv angegeben haben, ein Ambulanzfahrzeug der Uniklinik für sicherheitsdienstliche Zwecke benutzt zu haben? Nein? Das habe ich mir gedacht. Gut, ich warte." Sie legte auf.

"Herr Bürgi kommt gleich persönlich vorbei, um das Mißverständnis aufzuklären."

"Dann sollte mein Freund dabei sein."

"Wir rufen ihn, wenn es so weit ist."

"Ich darf ihm schon Bescheid sagen." Erik zog das Telefon zu sich und wählte die 42.

"Ziegler ici."

"Erik. Bereite dich auf eine Konfrontation mit Bürgi vor. Hier im Ordinationszimmer. Du wirst gleich abgerufen."

"Scheiße, ich hoffe, du hast einen guten Schutzengel."

Erik stellte den Apparat zurück. Die Professorin rückte ihn penibel zurecht.

"Haben Sie im Ernst geglaubt, daß es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Sicherheitsdienst des Instituts und dem Verschwinden eines französischen Journalisten?"

"Nein. Ich war bis gestern Abend überzeugt, daß Bernbach von französischen Gangstern ermordet wurde."

"Sehen Sie. Das klingt wahrscheinlicher."

"Lassen Sie uns noch mal auf das Gespräch zurückkommen, daß Sie mit Bernbach geführt hatten."

"Wissen Sie, was er gesagt hat?"

"Ja."

"Da kommt ein mir nur flüchtig bekannter Mann in dieses Zimmer und überschüttet mich mit grotesken Vorwürfen. Er sagte" - sie stockte.

"Ich weiß, was er sagte. Er warf Ihnen vor, aus der Auberge ein riesiges Primatenlabor gemacht zu haben, er klagte Sie an, eine Kindermörderin zu sein, und er forderte sie auf, ihre Experimente sofort einzustellen, oder er würde alles in seiner Zeitung enthüllen."

"Das waren seine Worte. Ja. Er war vollkommen durchgedreht. Er hatte nicht den geringsten Beweis für seine schizophrenen Behauptungen."

"Doch. Den Beweis hatte er. Der steht hier in Ihrem Medikamentenschrank. Sie spritzen den Mädchen, die hier arbeiten, ein Hormonpräparat namens Neovlan. Die meisten Frauen glauben, es diene der Empfängnisverhütung. Das Gegenteil ist der Fall. Es handelt sich um ein Medikament, das in Fruchtbarkeitskliniken zur Ovulationsverstärkung eingesetzt wird. Seine gefährlichste Nebenwirkung ist eine multiple Eileiterschwangerschaft, das heißt mehrere zur gleichen Zeit befruchtete Eizellen erreichen nicht mehr die Gebärmutter, sondern bleiben im Eileiter stecken und beginnen zu wachsen. Was tödlich enden kann. Den Fall hatten Sie in der Auberge noch nicht?"

"Nein. Ich würde die Symptome sofort erkennen."

"Der Vorteil von Neovlan ist, daß bei der Befruchtung oft mehrere Embryos entstehen, die Sie alle auf einmal entnehmen können, wie neulich bei Corinna Boismortier, der Soziologiestudentin, die wie Sie zu den alten Familien der Insel gehört."

"Hören Sie auf. Ich mache nichts Verbotenes. Ein Embryo in dem Stadium, in dem ich es absauge, ist noch keine Form menschlichen Lebens. Ich friere es im Kühlschrank ein, damit es nicht eingeht, und trotzdem haben die Zellen, die wir aus ihm herauspräparieren, das ewige Leben. Welchen lebendigen Menschen können Sie tiefgefrieren und dann wieder weiterleben lassen mit all seinen Gefühlen und Gedanken, die er im Augenblick vorher noch gehabt hat? Die Embryonalzelle ist ein Baustein des Lebens, nicht das Leben selbst. Aber sie kann Leben retten, Leiden mindern, den medizinischen Fortschritt voranbringen. Wollen Sie das bezweifeln?"

"Ich nicht. Bernbach war Katholik. Die setzen den Beginn des Lebens früher an."

"Aus Unkenntnis und Borniertheit. Alle diese Embryos sind das Produkt von Neovlan. Aus manchen Mädchen hole ich sechs, sieben Embryos heraus. Das ist etwas, was nicht im Schöpfungsplan steht. Ohne den Bedarf der Gentechnologie wären sie nie entstanden. Ich bin auch eine gläubige Katholikin, und Wissenschaftlerin dazu."

"Das Gespräch mit ihm muß Sie sehr aufgewühlt haben."

"Sie sagen es." Sie kam hinter dem Schreibtisch hervor, setzte sich auf die Kante des Tisches und nahm Eriks rechte Hand zwischen ihre Hände.

"Alles, was ich hier aufgebaut habe, läuft das nicht wunderbar? Eigentlich wollte ich heute morgen ein Glas Champagner mit Ihnen trinken und von Ihnen hören, wie es Ihnen hier gefallen hat. Sind die Gäste und die Mädchen nicht zufrieden? Ist dies nicht eine Begegnungsstätte der Liebe?"

"Sie haben recht. Ich habe hier glückliche Stunden erlebt. Mein Freund, der Detektiv auch."

"Nach dem Gespräch mit Herrn Bernbach habe ich mir natürlich überlegt, was für einen Schaden eine Veröffentlichung über die Auberge anrichten könnte. Professor Meyer meinte, wir müßten die Mädchen einweihen, ihnen vielleicht hundert Dollar extra für die Entnahme geben. Aber dann könnte die Frage nach dem Verbleib der Embryos gestellt werden. Also wäre es besser, keine schlafende Hunde zu wecken. Und Bürgi sagte, er habe Einfluß genug, die Veröffentlichung eines Hetzartikels zu verhindern."

Sie hielt immer noch seine Hand.

"Ein paar Tage später ertrank Bernbach. Damit war das Thema vom Tisch. Ich war erleichtert. Ich sah keinen Zusammenhang zwischen seinem Tod und unserem Diskurs, und ich sehe auch jetzt keinen."

"Wie lange nach der Auseinandersetzung mit Bernbach haben Sie das Gespräch mit Professor Meyer und Herrn Bürgi geführt?"

"Am gleichen Tag. Wir waren ohnehin zum Mittagessen verabredet."

"Bernbach starb in der Nacht nach Ihrem Gespräch. Nicht mehrere Tage später. Einer der Essensteilnehmer könnte seine Beseitigung beschlossen haben."

In der Ferne erklang die Sirene eines Rettungswagens.

"Wir müssen Ziegler rufen. Das könnte der Sicherheitsdienst sein."

"Es wird sich alles aufklären." Sie wählte Zieglers Zimmernummer und bat ihn zu kommen. Dann wählte sie eine längere Nummer und setzte sich hinter ihren Schreibtisch. Sie nannte ihren Namen und bat um Angabe aller Fahrten in der Nacht vom 24. auf den 25. November.

"Unsere Fahrbereitschaft," erklärte sie Erik. "Ja ich verstehe, Wagen acht, Brancusi, kein Fahrtenziel, keine Einlieferungsstation."

Ziegler kam herein, die Tür schon während des Anklopfens öffnend.

"Das ist sehr merkwürdig," sagte die Ärztin. Die Sirene klang jetzt bedrohlich nahe. Dann erstarb der Klang.

Der Mann, der nach mehrmaligem Anklopfen eintrat, hatte etwa Zieglers Statur, war aber doppelt so alt, breitschultriger, mit einem kräftigen Nacken und grauem Haar.

"Bonjour Madame," er begrüßte die Ärztin mit Handkuß.

"Meine Herren," er musterte beide durchdringend, dann machte er einen Schritt auf Erik zu, "mit Ihnen hatte ich noch nicht das Vergnügen, Herr..."

"Neuhaus."

"Bürgi." Ein kräftiger Händedruck. Eine Hand, die festhalten konnte, ohne loszulassen.

"Hier ist meine Visitenkarte," sagte Ziegler mit einer angedeuteten Verbeugung. "Ich hatte gestern keine dabei. Darf ich auch Ihre haben?"

"Ich fürchte, ich muß passen."

"Wollen Sie eine Institutskarte von mir benutzen?" bot die Ärztin an.

Bürgi griff in seine Gesäßtasche, kramte aus einer dicken, kleinen Börse ein Kärtchen heraus und steckte Zieglers hinein.

"Meine letzte," murmelte er.

Ziegler machte ein Theater daraus, die Beschriftung genau durchzulesen.

"Herr Bürgi," sagte die Professorin, "einer ihrer Leute, Brancusi, hat in der Nacht des 24.Novembers ein Ambulanzfahrzeug der Uniklinik für eine nicht deklarierte Fahrt benutzt."

"Wer behauptet das? Herr Ziegler?"

"Unsere Fahrbereitschaft."

"Wie kommen Sie dazu, solche Informationen an Fremde weiterzugeben?"

"Ich muß doch sehr bitten. Wie kommen Sie dazu, ein Fahrzeug unseres Notdienstes unberechtigt zu benutzen?"

"Ich werde Brancusi fragen."

Er zog ein Handy aus der Tasche und tippte eine Kurzwahl.

"Horch mal, ich bin in der Hotelpraxis von Frau Professor Bethancourt. Hier sind zwei deutsche Hotelgäste, Neuhaus und Ziegler, die wollen wissen, was du in der Nacht vom 24.November mit einem Ambulanzfahrzeug der Uniklinik gemacht hast. Ja, das versteh ich." Er steckte das Handy wieder weg.

"Mein Mitarbeiter sagt, er kann sich so aus dem Kopf heraus nicht erinnern. Er muß das in seinem Arbeitskalender nachschlagen."

"Das wird nicht nötig sein, Herr Bürgi," sagte Ziegler unbeirrt. "Wir wissen das auch so. Wir haben Zeugen gefunden, die gesehen haben, daß zwei als Sanitäter verkleidete Personen einen Hotelgast in eine Zwangsjacke gesteckt, auf eine Bahre gebunden und mit dem Ambulanzfahrzeug der Uniklinik abtransportiert haben."

"Nennen Sie mir den Namen und die Anschrift dieser angeblichen Zeugen."

"Ich kann mich aus dem Kopf heraus nicht erinnern."

"Das macht nichts. Wir werden gemeinsam auf ihr Zimmer gehen und dort so lange suchen, bis wir sie finden. Frau Professor Bethancourt ist eine vielbeschäftigte Frau. Wir wollen sie nicht unnötig aufhalten. Wir werden das Gespräch bei Ihnen fortsetzen."

Erik drehte ihm den Rücken zu und öffnete die Tür zum Flur. Auf dem Fußboden hockte eine verschleierte Gestalt, die ein kleines schwarzes Rohr schräg nach vorn gerichtet hatte.

"Halt" rief Bürgi. "Stehenbleiben. Oder Sie sind ein Krüppel. Wir gehen hier nur gemeinsam raus. Ist das klar?"

Erik lehnte die Tür leicht an und sah Herrn Bürgi an. Er hielt eine kurzläufige schwarze Waffe in der Hand.

"Das erlaube ich nicht," rief die Ärztin.

"Mischen Sie sich nicht ein."

"In meiner Praxis wird niemand bedroht. Monsieur Bürgi, legen Sie die Waffe auf den Tisch."

"Madame, Sie gehen besser ins Nebenzimmer."

"Ich sagte, Waffe weg."

Bürgi hatte die beiden Deutschen im Visier und bemerkte nicht, daß die Ärztin mit einem silbernen Stift nach seiner Hand schlug.

"Auh," schrie er, als die Spitze eines Skalpells seinen Handrücken traf. Er führte die Hand ungläubig vor die Augen. Aus einem klaffenden Schnitt im Handrücken quoll Blut.

"Salle cochon!" rief er. Mit einer unglaublich schnellen Bewegung schlug er Frau Bethancourt die verletzte Hand ins Gesicht. Sie stürzte mit einem Klagelaut zu Boden.

"Waffe weg," schrie Erik, "eins, zwei, drei!"

"Knallkopf," sagte Bürgi.

Die Korridortür öffnete sich weiter. Bürgi, der die Bewegung zu ahnen schien, richtete den Revolver in Schulterhöhe auf die Türöffnung. Ein Feuerstrahl fuhr von unten in seinen Leib. Er schwankte, ruderte mit den Armen in der Luft und fiel zu Boden. Ziegler sprang auf ihn zu und trat mit aller Kraft auf die Hand, die den Revolver hielt. Ein Schuß löste sich, der in die Wand einschlug ohne zu recochieren. Ziegler trat noch einmal mit seinem vollen Körpergewicht auf Bürgis Hand. Die Waffe rutschte über den Boden. Erik hob sie auf. Ziegler kniete auf Bürgis Rücken, schlug seine Jacke hoch und löste ein Paar Handschellen von seinem Rücken.

"Ich bin verletzt," wimmerte Bürgi, "ich bin schwer verletzt, ihr müßt mich ins Spital bringen, sonst verblute ich."

"Attention!" rief Arirang vom Flur her. Erik trat in den Türrahmen. Zwei Weißkittel kamen mit einer Bahre durch den Flur auf ihn zugerannt.

"Bouge pas! Levez les mains!" Erik hielt ihnen Bürgis Waffe entgegen. Sie duckten sich weg, gaben der Bahre einen Stoß und rannten zurück. Erik zielte auf die Höhe ihrer Knie und stützte die Waffenhand mit der Linken ab. Sein Zeigefinger berührte den Abzug. Er mußte nur noch abdrücken. Aber er konnte es nicht. Er brachte es nicht fertig, auf Menschen zu schießen. Er war ein Versager.

Arirang zog ihn zurück, als die Bahre an ihnen vorbeirollte. Er war schlimmer als ein Versager. Er war eine Gefahr für sich selber und seine Mitmenschen. Er hatte die Mörder laufen lassen, und sie würden mit Verstärkung wiederkommen, um ihn und Ziegler zu erledigen. Bürgi hatte ihnen ja über sein Handy die nötigen Hinweise gegeben. Er trat ins Zimmer zurück.

Ziegler war es gelungen, Bürgis Hände mit den Stahlfesseln auf seinem Rücken zusammenzukoppeln. Bürgi wimmerte ununterbrochen und trat mit den Beinen um sich, sei es aus Aggression, sei es aus Schmerz.

"Tut was, ich verblute."

"Was ist passiert?" Die Ärztin hielt eine Mullkompresse an ihr blutendes Gesicht und versuchte einäugig die Situation zu überblicken.

"Bürgi hat Sie geschlagen."

"Ein schrecklicher Mensch. Wer hat ihn gefesselt?"

"Ich," sagte Ziegler.

"Pitier, Madame, je meurs."

Die Ärztin drehte ihn mit dem Fuß auf den Rücken.

Bürgi schrie vor Schmerz.

"Gib zu, daß du Bernbach getötet hast," verlangte Ziegler.

"Ihr seid die nächsten."

"Il dit, qu'il va nous tuer, comme Bernbach," übersetzte Jean.

"Er blutet wie ein Schwein. Wir müssen ihn verbinden. Hier rauf mit ihm." Sie zeigte auf ihren frauenärztlichen Untersuchungsstuhl. Zu dritt hievten sie ihn hoch. Ziegler fesselte seine Unterschenkel mit den Lederriemen. Mit einer chirurgischen Schere trennte die Ärztin Bürgis Hose auseinander. Als die Wunde offenlag, gab sie ein ersticktes Geräusch von sich und rannte zum Waschbecken, um sich zu übergeben.

"Neuhaus," keuchte sie, können Sie Spritzen geben?"

"Ja."

"Im Glasschrank, oberste Reihe, ist Morphium. Zwei Ampullen. Etwas tiefer Valium. Fünfzig Milligramm."

"Mir wird auch schlecht," stöhnte Ziegler. "Gibt es hier keinen Cognac?"

"Im Schreibtisch, unten rechts"

Ziegler nahm ungeniert einen Schluck aus der Flasche. Dann füllte er einen Plastikbecher und hielt ihn Bürgi an den Mund. Der Verletzte trank so hastig, oder Ziegler flößte es ihm so schnell ein, daß er zum Schluß husten mußte. Dabei richtete er sich auf und sah seinen Unterleib.

"Ihr Schweine," brüllte er, "ich bringe euch um."

Erik stellte sich neben den Untersuchungsstuhl und trieb die Nadel durch den Hosenstoff in den Glutäus Maximus, ohne vorher zu desinfizieren. Während er den Kolben ganz langsam hineindrückte, sah er, was den anderen Übelkeit verursacht hatte. Sein Schutzengel hatte ein Explosivgeschoß verwendet, das beim Aufprall Bürgis Genitalien zerfetzt hatte und anschließend in die Blase und die Steißwirbelsäule eingedrungen war.

Erik hatte entsprechende Farbfotos bei seiner Ausbildung in der Bundeswehr gesehen. Deshalb war er weniger schockiert als die anderen. Ihn erschreckte vielmehr die Vorstellung, daß trotz dieser grauenvollen Verletzung die anderen Mörder noch frei herumliefen, weil er zu feige gewesen war, auf sie zu schießen. Wie lange würde es dauern, bis sie zurückkamen, um ihn und Ziegler abzuknallen? Fünfundzwanzig Minuten, eine halbe Stunde? Für ihn stand fest, daß sie ihren Chef nicht im Stich lassen würden.

Die Ärztin legte große Mullstücke auf Bürgis Fleischbrei und fixierte sie mit Zieglers Hilfe mit langen Leukoplaststreifen. Dabei tropfte Blut aus ihrer Gesichtsverletzung auf den oben noch weißen Mull.

Sie griff in Bürgis Jackentasche und nahm sein Handy heraus.

"Monsier Bürgi, Sehen Sie das Handy? Sie werden jetzt Ihren Mitarbeitern den Befehl geben, die deutschen Hotelgäste nicht mehr zu belästigen. Haben wir uns verstanden?"

"Oui, Madame."

"Welchen Knopf soll ich drücken?"

"Die Yes-Taste." Die Verbindung rauschte auf.

"Brancusi hier. Sind Sie es Chef?"

"Hä."

"Es ist was schief gelaufen. Ein Wahnsinniger hat uns bedroht. Wir waren ohne Waffen. Müssen neu disponieren. Wie sieht es bei Ihnen aus?"

"Bin verletzt. Bauchschuß. Habe den Gegner unterschätzt. Die beiden Deutschen, Neuhaus und Ziegler, wiederhole die Namen..."

"Neuhaus und Ziegler."

"Gegenwärtiger Aufenthalt Auberge, müssen abgeschaltet werden. Die Chaibe sind gefährlich. Dürfen die Insel nur als Kleinpaket verlassen. You copy that?"

"I copy, Chef."

Ziegler riß der Ärztin das Gerät aus der Hand, warf es zu Boden und trampelte darauf, bis es in Einzelteile zersprang.

"Was machen Sie da?"

"Sie verstehen kein Schweizerdeutsch. Bürgi hat seinen Komplizen befohlen, uns beide sofort zu töten. Merci pour votre amitié, Madame."

"C'est incroyable."

"Jetzt wissen Sie es."

"Moment Mal," stotterte Bürgi, bei dem die Wirkung der Spritze einsetzte, "wer hat auf mich geschossen?"

"Du selber, du Pfeife," sagte Ziegler. "Noch nie etwas von einem Querschläger gehört?"

"Ausgeschlossen," widersprach Bürgi.

"Faß dir doch an die Eier, du Eunuch. Da hast du den Beweis. Wenn du auf Bernbach geschossen hättest, wäre er heute noch am Leben."

"Der Elsässer?"

"Ja, der Elsässer. Erzähl doch mal, wie ihr ihn umgebracht habt."

"Er hat Kopfstand gemacht in einem Eimer voll Wasser. Alter Trick. Wirkt immer. Zwangsjacke hinterläßt keine Spuren."

"Hast du das selber gesehen?"

"Es war zu komisch. Ach, ha, ha, ha."

"Das war Mord."

Der Angesprochene schnarchte röchelnd.

Die Ärztin telefonierte mit der Uniklinik, bat um die Bereitstellung eines Operationssaales und einer echten Ambulanz.

"Ich bedaure unendlich, was hier passiert ist. Wenn Bürgi einen solchen Befehl erteilt hat, ist Ihre Sicherheit in der Auberge nicht garantiert. Ich werde von mir aus nicht die Polizei einschalten. Nicht heute. Viel Glück. Bürgi hat nur eine kleine Privatorganisation. Wenn Sie vorsichtig sind, haben Sie nichts zu befürchten. Gehen sie jetzt." Sie drückte jedem die Hand.

Ziegler ließ ihre Hand nicht gleich wieder los.

"Madame, Bürgi disait, qu'il a tué Bernbach."

"Ich hatte davon keine Ahnung, und ich habe mit dem Verbrechen nichts zu tun. Glauben Sie mir."

Auf dem Flur neben der Tür hockte Arirang auf ihren Fersen, wie es die Gewohnheit asiatischer Bauern ist, den Kopf immer noch verschleiert, ihre blaue Reisetasche auf den Knien. Erik schloß schnell die Tür, damit die Bethancourt sie nicht sah. Er zog Arirang an der Hand zu sich hoch und legte den Arm um sie.

"Danke Schatz. Du hast uns das Leben gerettet."

"Wir sind noch nicht außer Gefahr," fuhr Ziegler dazwischen. "Die Killer werden es gleich wieder versuchen."

"Die beiden Typen, die Erik verjagt hat? Ich habe sie genau studiert. Ich erkenne sie auf fünfzig Meter Abstand. Der eine war ein brauner Neger mit einem Oberlippenbart, der andere hatte blauschwarze Haut und eine schwarze Sonnenbrille."

"Das ist die Beschreibung der Bernbach-Entführer," bestätigte Jean. "Du mußt bei uns bleiben, bis wir in Sicherheit sind. Nicht wahr, Erik?"

"Wenn du die Hälfte des Leibwächterhonorars übernimmst."

"Sie ist deine Leibwächterin."

"Bernbachs Leben war fünf Millionen wert, und deins?"

"Okay, okay, ich laß mich nicht lumpen. Aber nur, wenn ich lebend hier rauskomme."

Sein Zimmer lag vor Eriks am Gang. Er schloß auf und spähte vorsichtig hinein.

"Wartet mal." Er überzeugte sich, daß auch im Badezimmer niemand war. "In fünf Minuten fertig gepackt mit entsicherter Waffe an der Rezeption. Wir nehmen mein Auto."

Arirang nahm sich trotzdem die Zeit, Erik in seinem Zimmer um den Hals zu fallen und ihn hitzig zu küssen.

"Habe ich ihn richtig getroffen?"

"Du hast ihn kastriert."

"Dann habe ich zu tief gehalten, oh weh. Mir fehlt die Übung."

Erik warf alles aus den Schränken, den Schubladen und aus dem Badezimmer aufs Bett, und Arirang brachte die Sachen mit fliegenden Händen sauber zusammengelegt in Reisetasche und Bordcase unter. Im letzten Augenblick erinnerte er sich an die beiden angebrochenen Whiskyflaschen in der Minibar. Mit einer Minute Verspätung stand er an der Rezeption, noch vor Jean. Arirang versteckte sich unauffällig in einem tiefen Besuchersessel, die Hand in der Reisetasche.

"Warum verlassen Sie uns so früh?" fragte Marylou.

"Heute ist mein Abreisetag."

"Ich hätte Ihnen einen Late Checkout gegeben."

"Mein Freund Ziegler und ich sind auf eine Jacht eingeladen."

"Sie machen einen Jachtausflug, höre ich," sagte sie zu Ziegler, der mit gehetzter Miene ankam und seine Kreditkarten auf die Platte legte. "Wie heißt denn das Schiff?"

"Aphrodite," improvisierte Ziegler.

"Das machen Sie richtig. Ein Tag auf See, das gehört zu einem Inselurlaub dazu. Wir sollten das auch einführen. Schon ein Vorsatz für das neue Jahr. Sie unterschreiben hier und hier und hier. Soll Ihnen jemand mit dem Gepäck helfen?"

"Wir haben fast nichts."

Marylou winkte ihnen nach, als sie hinausgingen. Ziegler hatte den Fiat im Schatten geparkt. Der Versuch, ihre vier Gepäckstücke im kleinen Kofferraum unterzubringen, artete in einen Intelligenztest aus. Es erwies sich, daß Jean das bessere räumliche Vorstellungsvermögen besaß. Als er den Kofferraum abschloß, kam Arirang angerannt. Sie wollte auf den Rücksitz, aber Ziegler bestand drauf, daß sie vorne saß, um die Gegner zu identifizieren.

"Wohin fahren wir?" fragte sie.

"Zum Flughafen."

"Ich zeige euch den schnellsten Weg."

Als sie losfuhren, kam die Sirene eines Rettungswagens direkt auf sie zu.

"Das sind sie nicht," beruhigte Arirang die Männer.

Am Flughafen nahm Jean die Arrival-Auffahrt. Sie fanden einen freien Parkplatz für Schwerbehinderte und nahmen den Lift in die Abflughalle. Auf der Informationstafel sahen sie, daß der nächste Flug in dreißig Minuten nach Réunion startete, eine dreiviertel Stunde später die SAA nach Durban.

Ziegler hastete zum Schalter der Air Réunion. "Nehmen sie uns noch mit?"

"Kein Problem," nickte die schwarze Boden-Stewardeß mit dem goldgelben Käppi. Jean legte seinen Paß auf den Schalter.

"Stellen Sie schon die Tickets aus. Ich hole schnell das Gepäck." Er rannte mit Arirang zum Lift.

"Hin und zurück, oder einfach?"

"One way."

Sie las die Namen aus den Reisepässen in den Computer ein. Die Tickets waren ausgedruckt, als Ziegler das Gepäck auf die Waage schob. Er kam gerade rechtzeitig, um sein Ticket mit seiner eigenen Kreditkarte zu bezahlen.

Die Stewardeß löschte die Leuchtschrift "Air Réunion". "Ich schließe jetzt den Schalter und gehe zum Gate. Sie müssen sich beeilen."

An der Immigration war nur ein Schalter geöffnet. Drei Reisende warteten.

"Stellt euch an," sagte Jean. Ich bringe noch die Autoschlüssel weg. Wo ist Bürgis Waffe?"

Erik deutete auf Arirangs blaue Tasche.

"Bon." Er hastete davon.

Erik hatte in den Tagen zuvor Ziegler wegen seiner betulichen, selbstgefälligen Art niemals ganz ernst genommen. Aber heute begann er seine Geistesgegenwart und Tüchtigkeit zu bewundern.

Er umfaßte Arirangs Schulter und flüsterte ihr ins Ohr: "Niemand hat eine Ahnung, daß du uns geholfen hast. Auch der Verletzte weiß nicht, daß du es warst, die auf ihn geschossen hat. Die Verbrecherorganisation hat dich nicht im Verdacht und wird nichts gegen dich unternehmen. Du mußt nur die Waffen reinigen und verstecken."

"Was ist das für eine Bande?"

"Der Sicherheitsdienst des Genforschungsinstituts."

"Verstehe."

"Sie haben zugegeben, den Franzosen ermordet zu haben."

"Das könnte passen."

Ziegler stellte sich zu ihnen an die gelbe Linie. Der Beamte wurde gerade frei.

"Ich gehe zuerst," sagte Jean. Er griff in seine Jackentasche und reichte Arirang einen Packen Geldscheine, die sie verblüfft wegsteckte.

"Von dir will ich nichts," sagte sie, als Erik nach seinem Paß griff. "Der Himmel hat uns zusammengeführt. Der Himmel wird uns nicht im Stich lassen." Erik ging in die Knie, um sie zu küssen.

Der Paßbeamte räusperte sich. Ziegler war schon abgefertigt. Bei Erik ging es genauso schnell. Arirang winkte. Dann mußten sie um eine Ecke. Auf dem Durchgang zur Sicherheitskontrolle kamen sie an einem Schalter mit der Aufschrift "Gesundheitskontrolle" vorbei. Auf der Theke stand ein Telefon mit der Anweisung "Heben Sie den Hörer ab, wenn Sie sich krank fühlen."

An der Sicherheitskontrolle mußte Erik seinen Bordcase öffnen. Offenbar hatten die halbleeren Whiskyflaschen auf dem Röntgenbild einen verdächtigen Eindruck gemacht. Als er den Reißverschluß wieder zuzog, sah er zwei Weißkittel, die einen langen Tisch vor den Schalter "Gesundheitskontrolle" stellten und dahinter Platz nahmen.

"Jean!" rief er halblaut. Durch die Apparate und die Kontrolleure waren sie vor dem Blick der "Gesundheitsbeamten" geschützt, die sich jetzt von jedem Fluggast die Bordkarte geben ließen. Der eine hatte ein dunkelbraunes Gesicht mit einem Oberlippenbart, der andere hatte blauschwarze Haut und eine schwarze Sonnenbrille, durch die kein menschlicher Blick dringen konnte.

"Das war knapp," seufzte Erik.

Das Gate war schon leer. Die Stewardeß, die ihnen die Karten verkauft hatte, begleitete sie über das Rollfeld zur Turbopropmaschine. Sie war auch ihre Flugbegleiterin.

Sie hatten Plätze über den Tragflächen und konnten nicht sehen, wie sie die Insel hinter sich ließen.

"Eigentlich schade," bemerkte Jean. "Wir hätten die Konfrontation ein paar Tage hinausschieben sollen."

"Du hättest doch keine Freude mehr gehabt, seit du weißt, was gespielt wird."

"Deine Leibwächterin ist ein Teufelskerl. Ohne ihren Sauschuß hätte Ziegler niemals gestanden, und wir müßten jetzt Wasser schlucken wie Bernbach."

Die Stewardeß brachte ihnen zwei Gläser Champagner.

"Bleiben Sie auf Réunion? Oder fliegen Sie gleich weiter?"

"Was gibt es für Möglichkeiten?"

"Sie haben Anschluß an die Air France nach Paris."

"Das werden wir machen."

"Man sagt," wandte die Stewardeß ein, "daß es auf Réunion die schönsten Frauen der Welt gibt."

"Ja, das sehe ich", erwiderte Jean.

Sie machte einen leichten Knicks und ging.

"Dein Hauptziel hast du nicht erreicht," sagte Erik. "Die Zahlung wegen Selbstmord zu verweigern."

"Was wir haben, ist genauso gut. Wir zahlen aus und holen uns das Geld in einer Privatklage von der Genforschung zurück."

"Wenn es die Firma so lange gibt."

"Hast du gesehen, wie schnell die beiden Tontons Macoute am Flughafen waren? Das spricht für die Zählebigkeit dieser Bande."

"Es ist keine Bande. Es handelt sich um die alltägliche Kriminalität einer weltumspannenden Großindustrie, die ihre Wurzeln auch in die Insel der Liebe treibt."

"Aus dir wird noch ein zweiter Bernbach."

"Hoffentlich nicht. Ich will mein Leben noch lange genießen."

Von der Stewardeß erfuhr Erik, daß es an Bord ein Kreditkartentelefon gab. Es rauschte und knackte lange, bis Corinnas Vater abnahm.

"Corinna geht es nicht gut," sagte er. "Sie hat sich eingeschlossen."

"Sie wartet auf einen Anruf von mir. Ich habe eine gute Nachricht für sie."

"Ich probier es."

Er erkannte ihre Stimme sofort, aber sie seine nicht. Schließlich kam er auf die Idee "Njuhoß" zu sagen.

"Erik, ich mach mir solche Sorgen. Eine Kollegin sagt, es hat eine Schießerei im Hotel gegeben, mit Toten und Verletzten. Bist du heil geblieben?"

"Den Mörder von Georges hat es erwischt."

"Oh wie gut. Wo steckst du? Willst du zu mir kommen? Sag mir, wo ich dich abholen soll."

"Ich bin nicht mehr auf Solea. Ich hatte keine Zeit, dir Bescheid zu sagen."

"Hauptsache, du bist in Sicherheit, und nicht wie Georges..." Was sie noch sagte, konnte Schluchzen sein, oder eine atmosphärische Störung.

"Corinna, du gehst nicht mehr ins Hotel, du mußt dich um deinen Vater kümmern, er braucht dich. Und wenn die Polizei dich fragt, hast du von nichts eine Ahnung und kannst dich an nichts erinnern. Auch nicht an Baalbek."

"Nein, das geht niemanden etwas an."

"Ich denke an dich. Ich rufe dich wieder an."

"Ich warte auf dich. Bonheur."

"He," sagte Ziegler, "wie funktioniert das? Kann ich mit dem Ding Paris anrufen?"

"Keine Ahnung, probier es."

Ziegler nahm ihm den Apparat aus der Hand, der wie eine Fernbedienung aussah. Erik setzte sich wieder. Die Stewardeß, die auf der Insel mit den schönsten Frauen der Welt zuhause war, kam mit der Champagnerflasche zu Erik. Er hatte vergessen, die deutsche Charterfluglinie zu informieren, daß er heute Abend nicht mitfliegen konnte. Das mußte er auf La Reunion nachholen.

"Sauf nicht so viel," sagte Ziegler, der sich wieder zu ihm setzte. "Wir müssen arbeiten."

"Dieses Jahr nicht mehr."

"Gerade dieses Jahr noch. Ich habe 'Paris Vive' versprochen, daß wir ihnen zum Neujahrsmorgen einen Exklusivbericht über den Tod von Bernbach liefern. Dafür zahlen sie uns die Business Class nach Paris."

"Weißt du etwas über den Tod von Bernbach? Hast du ein Foto von Bürgis Verletzung?"

"Bitte! Sie bringen uns gerade das Essen. Ich bin Jurist, du bist Texter. Zwanzig Kilobyte schaffen wir wie nichts."

"Hast du etwas juristisch Handfestes?"

"Die Zeugenaussage der Vietnamesin. Von mir protokolliert, ausgedruckt, und von unserem Mann auf Solea unterschrieben. Das hat die halbe Nacht gedauert."

"Willst du die mit hineinziehen?"

"Nur mit verwischtem Profil. Das Honorar bekommst du. Für mich ist das Werbung. Die Colonia löst einen der aufsehenerregendsten Versicherungsfälle der Gegenwart und zahlt fünf Millionen aus."

 

 

NACHSPANN

 

Zehn Tage später brachte ein Expreßdienst Erik fünf Exemplare der neuesten Ausgabe von "Paris Vive" in sein Hamburger Büro. Sein Artikel über Bernbach war die Titelgeschichte, aber von dem, was er und Ziegler in der Neujahrsnacht in der fast leeren Business-Class in den Laptop getippt hatten, fand sich kaum ein Satz unverändert wieder. Kein Wort über Gen-Forschung, kein Wort über Rhein-Aare-Pharma. Nur daß Bernbach in einem Tropenparadies - nicht einmal der Name der Insel wurde genannt - einem Skandal mit internationalen Dimensionen auf die Spur gekommen war. Es las sich, als ob Bürgi seine Hand bei der Unterdrückung der Nachrichten im Spiel gehabt hätte, dabei war der Gnom, wie Corinna ihm am Telefon erzählt hatte, noch vor dem Eintreffen im Krankenhaus verblutet, was Corinna zutiefst befriedigt hatte. Dabei hatte sie im gleichen Zusammenhang hoffnungsvoll gefragt: "Professor Meyer hat doch nichts damit zu tun?"

Als das Telefon klingelte, war Erik in Gedanken noch so auf Solea, daß es ihn überhaupt nicht wunderte, eine vertraute Stimme zu hören:

"Ich bin Arirang. Hamburg ist kalt."

"Wo bist du?"

"Am Airport, Arrival Hall. Ich habe mir den Schleier über das Gesicht gezogen. Hast du eine Ehefrau? Wohnst du bei deiner Mutter?"

"Bleib sitzen. Ich hole dich ab."

Erik schrieb mit Markierstift "Sorry, muß weg" auf ein großes Blatt und verließ die Firma, ohne sich abzumelden. Er nahm die U-Bahn, damit es schneller ging. Aber es dauerte ewig. Arirang saß zusammengesunken auf einem Plastikstuhl. Sie drückte seine Hand, ohne den Schleier zu heben.

"Wie bist du reingekommen? Hast du ein Visum?"

"Diplomatenpaß."

"Ni hao?" flötete er. Ihre Reaktion konnte er nicht erkennen.

"Wir nehmen jetzt ein Taxi und reden unterwegs kein Wort."

Er gab dem Fahrer die Adresse einer Nebenstraße seiner Wohnung an. Nach dem Aussteigen rannten sie gebückt zu seiner Haustür, als ob sie frören. Im Treppenhaus begegneten sie niemandem. Seine verkommene Wohnung gefiel ihr. Als erstes ließ sie heißes Wasser in die Wanne.

Während das Wasser einlief, packte sie aus ihrer Reisetasche Plastiktüten mit Speiseresten aus dem Flugzeug aus.

"Die müssen wir zuerst essen, die werden sonst schlecht."

Ihre Dritte-Welt-Sparsamkeit versetzte ihm erneut einen Stich ins Herz. Würden die Deutschen jemals aus ihrem Anspruchsdenken zur Genügsamkeit des Frühjahrs 1946 zurückfinden, wie er sie aus Filmen und Memoiren kannte?

Arirang prüfte den Wasserstand.

"Die Wanne ist groß genug für uns beide."

Sie entkleideten sich scheu im Wohnzimmer, als wüßten sie nicht, was das Schicksal diesmal mit ihnen vorhätte.

Arirang liebte das Wasser sengend heiß, wahrscheinlich wegen der Winterkälte, während Erik dauernd hochschnellen mußte, um sich nicht zu verbrühen.

Als er schließlich nicht mehr so atemlos war, fragte er sie geradeheraus:

"Bist du auf der Flucht?"

"Wie kannst du das glauben? Ich würde dich niemals in Gefahr bringen."

"Was machst du in Hamburg?"

"Ich packe die Gelegenheit am Schopf."

Eine Weile später stellte sich heraus, daß der Schopf vor allem der Anspruch war, alle Notizen, die sie aus Solea mitgebracht hatte, akribisch mit seinen persönlichen Erfahrungen zu vergleichen. Die Sache mit den Rastermikroskopen war ihr neu. Professor Schmul Meyer hatte sie nie getroffen, und es fiel ihr sehr schwer, seine Persönlichkeit zu begreifen. Ein asiatisches Sprichwort sagt, Nägel, die herausragen, müssen glattgeklopft werden.

Während er ihr alles geduldig erklärte und sie Seite auf Seite mit ihrer für ihn unlesbaren koreanischen Handschrift füllte, beschlich ihn der Gedanke, daß er in diesem Augenblick für den Geheimdienst Nordkoreas arbeitete. Aber das ließ ihn innerlich kalt. Bernbachs Leben war fünf Millionen wert gewesen, aber der große Skandal, dem er auf die Spur gekommen war, blieb geheime Verschlußsache. Die Sicherheitsdienste der globalen Konzerne waren die heimlichen Herrscher über Wissen und Tod in der westlichen Welt. Eriks Leben war nie viel wert gewesen. Schon am ersten Urlaubstagtag auf der Insel wäre er um Haaresbreite ertrunken. Ohne Arirangs Uzi wäre er nur als Häufchen Asche nach Deutschland zurückgekehrt.

Als ob sie seine Gedanken gelesen hätte, erläuterte Arirang: "Diese Angaben werden wahrscheinlich nicht mehr verwendet. Ich will nur meine Unterlagen komplett haben. Unsere Kontaktfrau in der Arzneimittelzulassungsstelle in Peking ist zu der Ansicht gekommen, daß es noch fünfzehn bis zwanzig Jahre dauern wird, bis das Zehntausend-Dollar-Präparat einsatzfähig ist."

"Das heißt, du bist nicht nur wegen der Schießerei aus Solea abgezogen worden."

"Ich habe vorsichtshalber meinem Führungsoffizier im Konsulat gesagt, daß ich zur Selbstverteidigung einen Schuß aus der Uzi abgegeben habe, weil meine Tarnung aufgeflogen ist. Das hat er geglaubt, weil ich informative Berichte geliefert habe. In seinen Augen ist es ein großer Erfolg, daß ich den Chef des industriellen Abwehrdienstes eines Weltkonzerns ausgeschaltet habe. Er hält es für klug, daß ich für ein paar Tage abtauche, ohne daß jemand weiß, wo ich bin. Zum koreanischen Neujahrsfest muß ich mich zuhause melden. Ich bekomme einen neuen Aufgabenbereich."

Sie glaubte immer noch, daß der Himmel sie mit Erik zusammengeführt hatte, aber sie sah realistisch:

"Der Himmel über Hamburg und Pjöngyang ist kälter als der Himmel über Solea."

Erik besorgte Flugpläne. Arirang wollte es vermeiden, über Peking heimzufliegen, weil ihr chinesischer Diplomatenpaß ihr in China keinen Schutz gewährte. Sie wählte die Route Berlin-Saigon-Macao-Pjöngyang. Sie bat Erik, das Bargeld, das sie übrig hatte, für sie in Verwahrung zu nehmen. Sie hatte Angst, bei der Einreise zu viel bei sich zu haben. Sie wollte nicht, daß Erik sie in die Abflughalle begleitete. Ihre Liebe war frei von Sentimentalität. Nicht Auffallen war ihr Überlebensprinzip. Der Himmel, durch den sie nach Hause flog, war in der Höhe, in der sie flog, unerbittlich kalt. Zwischen minus fünfzig und minus sechzig Grad. Das politische Klima, in das sie heimkehrte, war nicht viel wärmer.

 

Copyright © 2008 by Andreas Donath

 

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