Die verlorenen Gene
Kriminalroman von Andreas Donath
1. KAPITEL DEZEMBER
Als Erik in der Mittagspause auf die mit Lichterketten geschmückte Einkaufsstraße hinaustrat, um schnell noch ein Weihnachtsgeschenk für seine Sekretärin zu besorgen, blies ihm der Wind so schneidend kalt ins Gesicht, daß er einen Krampf in den Kinn-Muskeln bekam. Dabei begann der Winter offiziell erst in zwei Tagen. Er legte die rechte Hand schützend um seinen Hals und sah im Fenster eines Reisebüros eine computergezeichnete Palme, die seinen Blick unwiderstehlich anzog.
Gestern war sie noch nicht da gewesen. Das wußte er genau, weil er jeden Tag an diesem Fenster vorbeiging und die Sonderangebote musterte. Der Umriß der Palme - schwarze Punkte auf weißem Papier - wirkte auf ihn wie ein Fenster in eine Parallelwelt, in der es statt Schneeregen-Schauer einen hohen blauen Tropenhimmel gab, warmes Meerwasser und rotglühende Sonnenuntergänge. Ein Fest für die Sinne.
Er trat näher. Angeboten wurde eine achttägige Flugreise auf eine Insel im Indischen Ozean. Abflug am Vormittag des Heiligen Abends, Rückkehr am Neujahrsmorgen. Flug ohne Unterkunft für vierhundert Euro. Er stieß die Tür zum Reisebüro auf.
Erik war nicht der einzige, der noch keine Pläne für die Feiertage hatte. Er konnte nicht gleich bedient werden, weil sich ein junges Pärchen in bestickten Wildlederjacken umständlich beraten ließ. Erik hörte die Reiseberaterin das Angebot erläutern, das ihn hereingelockt hatte. Die Insel mit dem exotischen Namen Solea gehörte noch nicht zu den Zielen des Massentourismus. Deshalb waren zu Weihnachten noch Plätze frei, die man halb geschenkt bekam.
Eriks Gedanken begannen zu wandern. Er haßte es, sein Körpergefühl in der kalten Jahreszeit mit festen Kleidungsstücken zu betäuben. Auf der Tropeninsel könnte er seine Schultern von Brandungswellen massieren, die Haut von Wind und Sonne streicheln lassen.
"Kann ich Ihnen helfen?" fragte die junge Reiseberaterin, die eine herausfordernd sonnengebräunte Stirn und platinblonde Haarsträhnen hatte. Das Paar hatte nichts gebucht.
Erik fragte, was es kosten würde, die Reise pauschal mit Übernachtung oder Halbpension zu buchen.
"Wir haben das Angebot direkt von der Fluggesellschaft hereinbekommen. Das sind die letzten freien Plätze. Ohne Unterkunft. Die Pauschalreisen sind schon seit Wochen ausverkauft. Der Flug allein hat bis vor kurzem noch das Dreifache gekostet. Bei diesem Preis können Sie nichts falsch machen."
"Haben Sie eine Möglichkeit, ein Hotelzimmer separat zu buchen?"
"Normalerweise schon, aber nicht so kurz vor dem Abflug."
"Wie lange dauert es, den Flugschein zu besorgen?"
"Drei Minuten. Wir drucken das Ticket selber. Soll ich nachfragen, ob noch etwas frei ist? Wieviel Personen sind Sie?"
"Ich reise allein."
"Ich hätte noch ein Angebot Kuba. Ebenfalls über die Feiertage. Eine Woche 'alles Inklusive'. Kuba ist mega in."
Sie hielt ihn für jünger und abenteuerlustiger als er es war. 'Alles Inklusive' lief auf ein achttägiges Besäufnis hinaus. Dazu brauchte er nicht über den großen Teich zu jetten. Dann doch lieber die exklusive Insel im Indischen Ozean, auch wenn sie offenbar nicht das Traumziel für Einzelreisende war. Eine Woche würde er es schon aushalten.
In der Abflughalle war eine riesige Weihnachtstanne aufgestellt, deren Wipfel bis an die Decke reichte, behängt mit elektrischen Kerzen, roten Kugeln und silbernen Flugzeugmodellen.
Das Flugzeug, das nonstop zur Ferieninsel im Indischen Ozean flog, war nur zu einem Drittel besetzt. Erik konnte eine ganze Sitzreihe für sich allein beanspruchen und die Seitenlehnen hochklappen, um es sich bequem zu machen. Auf dem Essenstablett lag ein Fichtenzweig. Von Zeit zu Zeit kam die Stewardeß mit einer Sektflasche vorbei, um die Gläser nachzufüllen.
Als sie später mit dem Bordverkaufswägelchen vorbeikam, bestellte er zusätzlich zum zollfreien Whisky ein Parfumwasser aus einer Herrenserie. Sie setzte sich zu ihm auf die Seitenlehne, um die Preisliste mit ihm durchzugehen, und schlug ihm Aramis vor. Der Duft aus der Probierflasche hing noch lange zwischen den Sitzen.
In der Rücklehne vor ihm stak die Werbezeitschrift der Fluggesellschaft, die zur Hälfte aus Hochglanz-Anzeigen bestand. Ein Artikel über ihr Reiseziel stellte sündhaft teure Strandhotels vor, in denen eine Übernachtung fast genausoviel kosten könnte, wie die ganze Flugreise. Die Insel war ein eigener Staat, in der Ausdehnung doppelt so groß wie Teneriffa, aber von allen Seiten von Korallenriffen umgeben, und ihre erloschenen Vulkane waren keine tausend Meter hoch, und noch nicht wieder begrünt. An sportlichen Aktivitäten wurden dem Besucher Hochseefischen vorgeschlagen, Segeltörns, Wanderungen über den Meeresboden mit Taucherhelm, Fallschirmsegeln, Jetski-Fahren. Hoffentlich sah die Wirklichkeit urtümlicher aus.
Als sie das Mittelmeer erreichten, wurde die Beleuchtung gedämpft, die Fensterblenden heruntergezogen, und das Bordkino zeigte einen Film mit rotröckigen Weihnachtsmännern. Erik streckte sich auf seinen drei Sitzen aus. Wo er hinflog, gab es keine Rentierschlitten.
Aus seinem verlängerten Mittagsschlaf schreckte ihn die Ansage zur Landung hoch. Draußen herrschte undurchdringliche Finsternis, und als sie aus dem Flugzeug stiegen und das kurze Stück zum Terminal zu Fuß durch die Tropennacht gingen, war die Luft aufdringlich lau, erfüllt mit dem Geruch von Jasmin, Kerosin und reifen Durian-Früchten. Erik bekam einen Schweißausbruch, obwohl es nicht unangenehm heiß war.
Die Einreisekontrolle am Flughafen verlief weniger festtags-freundlich, als er es sich vorgestellt hatte. Er mußte sein Rückflugticket vorlegen, sein Bargeld, die Kreditkarten und den Hotel-Voucher. Er erklärte dem Beamten, daß er einen Nur-Flug gebucht hatte.
"Ohne Übernachtungsnachweis kann ich Sie nicht einreisen lassen, das müßte Ihr Reisebüro wissen. Sprechen Sie mit dem Mann vom Hotelschalter in der Ankunftshalle. Vielleicht hat er etwas für Sie. Ich behalte Ihren Paß, bis die Sache geklärt ist."
Die künstlich gekühlte Ankunftshalle roch nach Schimmel, wie er oft in den schlecht gewarteten Klima-Anlagen tropischer Länder wächst. Der Mann, der am Hotelschalter Papierlisten sortierte, war ein junger Inder mit einem kecken Oberlippenbärtchen.
"Guten Abend," sagte Erik, "ich bin gerade gelandet."
"Frohe Weihnachten. Welches Hotel haben Sie gebucht?"
"Noch keines. Deshalb komme ich zu Ihnen."
"Sie sind gut. Sie kommen in der Hochsaison, wenn alles ausgebucht ist und wollen ein Zimmer."
"Es muß ja kein Fünf-Sterne-Palast sein, ich nehme auch 'Bed and Breakfast', wie man drüben in Südafrika sagt."
"Kann es sein," fragte der Inder, "daß sie sich vor ihrer Abreise nicht über die Verhältnisse auf unserer Insel informiert haben?"
"Ich war schon auf vielen Inseln. Ich finde mich überall zurecht."
"Die Politik unserer Regierung ist es, Touristen zu gewinnen, die höchste Ansprüche an Komfort und Luxus stellen. Alle unsere Resorts sind Vier- und Fünf-Sterne-Hotels. Jetzt in der Hochsaison zahlen Sie zweihunderfünfzig Dollar pro Nacht, plus Einzelzimmerzuschlag, und trotzdem sind alle Betten belegt."
"Ich gehöre nicht zu den Glücklichen, die zweihundertfünfzig Dollar für ein Zimmer ausgeben können. Heute ist Weihnachten. Maria und Josef fanden auch eine Schlafstelle im Stroh."
Der Inder blätterte eine fotokopierte Liste durch.
"Ich habe wirklich nicht mal ein halbes Doppelzimmer frei. In zwei Stunden geht eine Maschine nach La Réunion. Das ist Mitglied der Europäischen Union. Die müssen Sie aufnehmen."
Er wandte sich dem nächsten Fluggast zu, der einen Hotelgutschein besaß, aber nicht abgeholt wurde. Erik war sprachlos vor Wut und Enttäuschung. Er mußte schlucken, doch seine Kehle krampfte. Er war dem Weinen nahe. So herablassend war er noch nie behandelt worden. Wenn er das geahnt hätte, wäre er nach Kuba oder Vietnam geflogen, wo westliche Touristen willkommener waren.
Er trat an die Absperrung, hinter der sich die Menschen drängten, die gekommen waren, um Fluggäste abzuholen.
"Taxi, Taxi!" rief ein alter Mann mit weißgrauem Haar über einem faltigen Gesicht. Erik winkte ihm zu, und der Fahrer trat an die geschnitzte Holzbrüstung.
"Hotel," sagte Erik, "no Hotel."
Der Mann begriff sofort.
"You need hotel? I know very nice place." Er überreichte Erik eine Visitenkarte mit der Aufschrift "Hotel Auberge de Nuit. Best Service".
Während Erik die Karte hin und her wendete, sprach der Fahrer in sein Mobiltelefon. Er beugte sich Erik zu. "Just one room free. Ninety-nine Dollar. You want?"
"Okay," sagte Erik, "please wait a moment."
Der Beamte an der Immigration warf keinen Blick auf die Visitenkarte des Hotels, die Erik ihm hinhielt.
"Sehen Sie," erklärte er, "wir machen das Unmögliche möglich." Er faltete Eriks Paß auseinander und suchte nach einem Platz für den Einreisestempel.
Der Taxifahrer wartete an der Sperre, um mit dem Gepäck zu helfen. Es waren nur eine dunkelgraue Reisetasche und ein Bordcase mit Rädern.
Der Flughafen lag ganz im Süden der Insel, fernab von jeder menschlichen Ansiedlung. Sie hatten eine Weile zu fahren. Es war so dunkel, daß es im Scheinwerferlicht des Wagens nichts zu sehen gab, als den Asphalt der Straße und die scharfen Scherenrisse von Zuckerrohrblättern. Er nickte ein. Als ihn der Fahrer anstieß, hielten sie vor einem Haus mit der lila Leuchtschrift "Auberge de Nuit." Der Name kam ihm bekannt vor. Ob es das gleiche Haus war, in dem Joseph Conrad auf einer seiner frühen Handelsreisen abgestiegen war? Der Taxifahrer klingelte, damit der Nachtportier die Tür aufschloß.
"Guten Abend. Sie sind der Gast vom Flughafen?"
"Neuhaus," stellte er sich vor.
Der Nachtportier drückte dem Taxifahrer, den Erik bereits bezahlt hatte, einen Schein in die Hand.
"Die Anmeldung machen Sie morgen, wenn die Chefin da ist."
Er drehte sich um und rief: "Michelle!"
Aus dem Hintergrund kam eine gähnende Frau in einer knallroten Personaluniform. Sie war mittelgroß, weder mager noch pummelig, hatte kurzes schwarzes Haar und sanfte braungrüne Augen. Er schätzte ihr Alter auf Ende Dreißig.
"Monsieur," sagte der Nachtportier, "das ist Michelle. Sie wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen und Ihnen beim Auspacken helfen." Er reichte ihr den Schlüssel.
"Herzlich willkommen!" Sie gab ihm eine weiche, kleine Hand. Dann bemächtigte sie sich seines Gepäcks und ging damit los.
"Lassen Sie mich," sagte er, aber es gelang ihm nicht, ihr die Reisetasche zu entwinden. So trug er sie am zweiten Henkel mit.
"Ich habe Sie geweckt. Das tut mir leid."
"Ich habe nicht richtig geschlafen. Ich habe mich nur ausgeruht. Aus welchem Land kommen Sie?"
"Allemagne."
"Ah Ferrari - Schuhmacher. Champion du monde."
Sie waren fast am Ende des Ganges, als sie die Tür zu Zimmer 34 aufschloß. Sie drückte den Schlüsselanhänger in das Einschubfach in der Flurwand, und die Raumbeleuchtung flammte auf. Die Frau hatte rechts neben der Oberlippe ein pfefferkorngroßes Muttermal, das ihr ein kameradschaftlich-fürsorgliches Aussehen gab. Gleich neben der Tür befand sich eine Ablageschale für Schuhe. Michelle schlüpfte aus ihren Ballerinas, und Erik folgte ihrem Beispiel. Das Zimmer war nüchtern eingerichtet. Es hatte eine regulierbare Klimaanlage, die Erik sofort warm stellte, eine Minibar mit Kühlschrank, einen Schreibtisch mit Lampe, Kofferständer, und ein ungewöhnlich breites Doppelbett.
"Das Bett ist ja riesig!" rief er erstaunt.
"Ja, nicht wahr? Das ist das Standardbett in unserem Hause. Wir machen keinen Unterschied zwischen Einzel- und Doppelzimmern. Das erleichtert die Bewirtschaftung."
"Sehr rationell und richtig verschwenderisch." Er würde die ganze Nacht von einer noch frischen Stelle zur nächsten rutschen können.
Er zog den Fenstervorhang zurück und suchte nach dem Griff zum Öffnen, als Michelle ihm in den Arm fiel.
"Nicht aufmachen, Moskitos."
"Ich möchte das Meer sehen."
"Das Meer ist weit weg. Sie können es bei Tageslicht von der Dachterrasse aus sehen."
"Also ist das kein Strand Hotel," sagte er enttäuscht.
"Besuchen Sie uns nicht geschäftlich? Im Zusammenhang mit dem Institut?"
"Nein. Ich bin privat hier."
"Sie haben Glück, daß Sie uns gefunden haben. Normale Urlauber sehen wir selten. Ich hoffe, es wird Ihnen gefallen."
Er hängte sein Jackett über die Stuhllehne. "Haben Sie einen Swimming-Pool?"
"Um diese Zeit nicht mehr. Morgen früh um sieben öffnet das Schwimmbad. Sie fahren mit dem Lift in den Keller und folgen den Schildern. Darf ich Ihnen Ihr Safe für Ihre Privatsachen erklären?"
Es war ein Stahlkasten auf dem Boden des Kleiderschranks mit einem Eintipp-Code, dessen Funktion ihm bekannt war.
"Ich glaube, ich habe Ihnen alles erzählt, was wichtig ist. Ich bin sicher, Sie werden das beste aus Ihrem Urlaub machen. Unser Schwimmbad ist angenehmer als die Korallenstrände."
Erik begleitete sie bis zur Tür. Als sie gegangen war, fühlte er sich hungrig. In Europa war jetzt Abendessens-Zeit. Er erinnerte sich an ein Werbefoto im Lift für einen 24 Stunden geöffneten Coffee Shop. Der Raum war groß aber fast leer. Abgekühlte Zugluft kam aus einem Schrankgerät an der Seite. An einem runden Tisch saßen vier Chinesen, die mit den Fingern der linken Hand den Boden der Gläser abstützten, aus denen sie sich zutranken. Aus einer anderen Ecke drang der Geruch von Weihrauch an seine Nase. Gab es hier einen chinesischen Hausaltar für den Küchengott? Nein, der Rauch stieg aus den Nasenlöchern eines bunt glasierten Weihnachtsmannes, den zwei ältere Gäste zwischen sich auf den Tisch gestellt hatten.
"Good evening," sagte Erik, "excuse me, what is this?"
"Weißt du, wie man das auf Englisch nennt?" fragte der Ältere von beiden, der kräftiges graues Haar hatte, seinen Nachbarn.
"Geene Ahnung." Der zweite hatte einen Bürstenhaarschnitt, ein aufgedunsenes Gesicht und einen kaum in sein Jeanshemd passenden Oberkörper.
"Ich bin Deutscher. Neuhaus." Er verbeugte sich.
"Ein Gast aus der Heimat. Setzen Sie sich zu uns. Hier freut man sich über jeden, der unsere Sprache spricht."
Der Grauhaarige stand auf und reichte Erik eine feingliedrige Hand.
"Lüders mein Name, mein Kollege Mahlmann. Er hat den Verstand, ich das Fingerspitzengefühl."
Mahlmann gab ihm die Hand ohne aufzustehen.
"Ich schätze, sie haben beide Beides."
"Nee, nee, nee," wehrte Lüders ab, "er kann programmieren. Dafür habe ich keine grauen Zellen."
"Seine Spezialität sind Toleranzen," ergänzte Mahlmann.
Erik wurde aus dem Duo nicht ganz schlau. Sie wirkten weder wie Urlauber, noch wie Handelsreisende.
"Das Kerlchen hier," Lüders blies vorsichtig etwas Asche von der bunt glasierten Tonfigur auf das weiße Tischtuch, "ist ein Räuchermännchen aus dem Erzgebirge. Wenigstens etwas Heimatliches will man doch haben, wenn man Weihnachten nicht zu Hause sein kann."
"So eine Figur habe ich noch nie gesehen. Auch bei Karl May steht nichts darüber."
"Das Räuchermännchen kommt aus der Tradition der Grubenarbeiter. Der May war bloß ein Lehrer, der Weihnachtskerzen geklaut hat. Wenn er dich gekannt hätte," er neigte sich über die Tonfigur, "hätte er das nicht getan."
"Stammen Sie aus dem Erzgebirge?" fragte Erik.
"Großelterlicherseits. Wir leben in Jena."
"Alle beide?"
"Wenn wir in Jena sind. Die meiste Zeit sind wir im Ausland auf Installation."
"Was montieren Sie?"
"Raten sie mal. Wofür ist Jena berühmt?"
"Lothar Späth. Computerchipfabriken."
"Etwas allgemeiner."
"Optik."
"Das ist mir zu allgemein."
"Fotoobjektive."
"Umgekehrt," forderte Mahlmann, "nicht nach außen schauen, sondern..."
"Mikroskope."
"Die Richtung stimmt. Jetzt noch eine Vorsilbe."
"Ich muß passen." Erik legte die Hände mit den Handflächen nach oben auf den Tisch. "Alles, was mir einfällt, ist länger als eine Silbe."
"Spucken Sie es aus."
"Wenn wir hier nicht auf einer Urlaubsinsel mitten im Indischen Ozean wären, würde ich sagen: Elektronische Mikroskope, Rastermikroskope."
"Stimmt haargenau." Lüders lächelte zufrieden. Die zwei waren ein lustiges Team.
Die Kellnerin reichte Erik eine in Plastik eingeschweißte Speisekarte.
"Ich habe noch nichts gegessen. Was gibt es um diese Zeit noch? Was empfehlen Sie?"
"Rinderfilet mit Tintenfisch. Das ist die ideale Kombination. Und preisgünstig. Der Tintenfisch ist weich wie Butter."
"Die Insulaner hier sind ein ehrgeiziges Völkchen," erläuterte Mahlmann. "Die teuersten Hotelbetten der Welt, die schärfsten Rastermikroskope, die auf dem Markt sind oder gerade entwickelt werden."
"Wozu braucht man die?"
"Sind Sie nicht in Verbindung mit dem Institut hier?"
"Welchem Institut?"
"Es ist ganz bekannt - Ihnen anscheinend nicht - daß Solea ein hochmodernes Institut für Genforschung aufgebaut hat."
Es war das zweite Mal an diesem Abend, daß er von diesem Institut hörte, das für Solea von besonderer Bedeutung sein mußte. Dabei hatte er vorher nie etwas darüber gelesen.
"Die Insel der Doktor Moreau," bemerkte Erik leichthin.
"Was ist das?"
"Ein Horrorfilm der Dreißiger Jahre, in dem ein verrückter Professor auf einer Südsee-Insel Menschen mit Orang Utangs kreuzt."
Eriks Essen kam. Der Tintenfisch war so weich, daß man ihn mit der Gabel zerteilen konnte.
"Haben Sie den Film 'The Boys from Brazil' gesehen?" fragte Mahlmann.
"Nein."
"Dort gelingt es einem unverbesserlichen SS-Arzt, aus einem Blutstropfen von Hitler hundert kleine Adolfs zu klonen."
"Jurassic Park," konterte Erik.
"Nein, nein, hier arbeitet man nicht mit Versteinerungen, sondern dem Erbgut lebender Zellen."
"Hier auf Solea?"
"Nein, im Disney-Park," wehrte Mahlmann schroff ab.
"Verstehe," sagte Erik eingeschnappt.
"Was ich gerne mache," sagte Lüders, "ist Ihnen die Arbeitsweise unserer Mikroskope erklären. Der menschliche Körper besteht aus Zellen. Einer unvorstellbar großen Zahl von Zellen. Und jede einzelne Zelle können wir in der Größe dieses Speisesaales darstellen. "
"Unglaublich. Wozu braucht man das?
"Nehmen wir den Tisch, an dem wir sitzen, und den Nachbartisch. Auf denen liegen die Erbinformationen."
"Die Chromosomen der Doppelhelix. Stimmt das?"
"Wir sind keine Mediziner. Ich weiß nur, daß die Ärzte unser Mikroskop brauchen, um sich jedes einzelne Chromosom genau anzuschauen."
"Das ist ein ungeheurer Aufwand. Investitionen, Fachkräfte. Wo soll das Geld herkommen auf einer Insel, kaum größer als Teneriffa?"
"Uns kann es egal sein. Wir sind dankbar für jeden Auftrag, der uns unsere Arbeitsplätze in Jena noch ein paar Monate erhält. Wenn die Firma dicht macht - glauben Sie, wir finden noch mal Arbeit? Mit fünfundfünfzig."
"Bei Ulbricht und Honecker," sagte der etwas jüngere Mahlmann, "hat niemand um seinen Arbeitsplatz fürchten müssen. Aber jetzt haben wir alle das große Zittern. Nicht, daß ich die Roten zurück haben will, aber wissen Sie, was uns die Freiheit gebracht hat? Die Perspektive auf Lebensarbeitslosigkeit."
Lüders steckte eine neue Weihrauchperle in das Räuchermännchen und brachte sie mühsam zum Glimmen.
Die Figur war ein Weihnachtssymbol aus einer seit jeher von Arbeitslosigkeit bedrohten Region. Köhler, Grubenarbeiter, Weber. Die Arbeitslosen der Berliner Republik waren nicht vom Hunger bedroht. Aber von der Aussicht, noch dreißig Jahre auf einer Reihenhausterrasse zu sitzen und keine andere Aufgabe zu haben, als die Regenfäden zu zählen. Die Monteure hatten die Figur aufgestellt, um ein heimatliches Weihnachtsgefühl zu finden, aber das Räuchermännchen brachte ihnen die Existenzsorgen ihrer Vorfahren ins Tropenidyll. Erik verabschiedete sich, ohne die richtigen Worte zu finden, die etwas Weihnachtsglanz in ihre Augen gebracht hätten.
Erik kehrte in sein Zimmer zurück. Er hatte keine Lust, das Hotel weiter zu erkunden. Bestimmt gab es auch eine Bar. Aber heute war Heiliger Abend. Das paßte nicht zusammen. Er deckte sein Bett auf. Er warf sich aufs Bett und streckte die Arme aus. Es war so breit, daß er die Seitenkanten nicht mit den Fingern erreichen konnte. Vorhin wäre er um Haaresbreite nach La Réunion ausgewiesen worden. Und jetzt dieser Luxus.
Er zog Schlafanzugjacke und Hose an. Er trank ein Bier, löschte das Licht. Vor dem Fenster stieß ein Vogel melodische Lockrufe aus. Es war Nacht draußen. Er war müde, aber auch etwas aufgekratzt. Als er ein Kind war, hatte er nur einschlafen können, wenn er innerlich ein Gebet aufgesagt hatte, das mit der Bitte an den Lieben Gott endete, alle zu beschützen, die seinem Herzen nahestanden. Es waren so viele, daß er bei der Aufzählung der Namen meistens in Schlaf versank, bevor er beim Amen angelangt war. Später hatte er aufgehört, zu beten, aber er zählte beim Einschlafen immer noch eine Liste auf: Die Namen der Frauen, in deren Umarmung er sich als Erwachsener wohl gefühlt hatte. Es waren nicht viele, aber an jede hatte er unverwechselbare Erinnerungen, und bei jeder bedauerte er, daß sie nicht mehr zusammen waren. Und jede einzelne von ihnen, fiel ihm ein, bestand aus Millionen von Körperzellen, so groß wie ein Speisesaal. Dafür hatten sie sich ganz kuschelig angefühlt.
Der Vogel vor dem Fenster stieß immer noch seinen einprägsamen Lockruf aus. Es klang wie: "Was für ein schöner Vogel bin ich?"
2. KAPITEL ERSTER FEIERTAG MITTWOCH
Als ihn das Telefon weckte, war es hinter den Fenstervorhängen hellichter Tag. Die Leuchtdioden der Nachttischuhr zeigten auf zehn Uhr.
"Guten Morgen," sagte eine einschmeichelnde Frauenstimme, "Sie haben ein Zimmer mit Frühstück gebucht. Beabsichtigen Sie, das Frühstück auf der Terrasse einzunehmen, oder wollen Sie sich mit einem Frühstück im Bett verwöhnen lassen?"
"Auf dem Zimmer wäre nicht schlecht."
"Wünschen Sie das amerikanische Frühstück, das kreolische oder das japanische?"
"Das amerikanische mit Kaffee, bitte."
"Rechnen Sie mit zehn Minuten Vorbereitungszeit."
Ihm war etwas schwindlig durch die Zeitverschiebung. In Deutschland würde er jetzt noch im Tiefschlaf liegen. Er putzte sich die Zähne und war gerade mit Rasieren fertig, als es an der Tür klingelte. Er öffnete und trat schnell zurück, weil er noch im Schlafanzug war.
Die Serviererin hatte tiefschwarze Haut, ein schwarzes Kunstseidenkleid und ein weißes Spitzenschürzchen.
"Guten Morgen," rief sie, "gut geschlafen?"
"Viel zu wenig," erwiderte er.
Sie schob einen Servierwagen neben den Sessel, nahm die Chromhaube von den Eiern mit Speck und legte sie auf die untere Ablage.
"Bitte vergessen Sie nicht zu unterschreiben." Sie überreichte ihm ein Kunstledermäppchen mit der Rechnung.
"Wenn Sie mal früher auf sind, müssen Sie unbedingt zum Frühstücksbüffet hinuntergehen. Schon wegen des frischen Obstes. Ananas, Bananen, Mango, Melonen, Papaya."
Sie sagte das, als sähe sie ihn lieber an der Obsttheke.
"Ich wußte nicht Bescheid. Ich bin hier, weil ich zum Schwimmen ans Meer will. Können Sie mir etwas empfehlen?"
"Hier in der Nähe haben wir nur den Hafen. Die Schiffe verschmutzen das Meer. Etwa fünfzehn Kilometer südlich gibt es eine schöne Badebucht ohne Ausländerhotel, ohne Motorboote oder Jetskis. Dort kann man gut schwimmen. Merken sie sich den Namen Baie du Pecheur."
Er schrieb den Namen des Strandes auf die Rückseite eines Hotelprospektes. Dann schaffte er es gerade noch, einen Geldschein in seiner Jacke zu finden.
"Für mich? Oh merci."
Das Frühstück war so mächtig, daß er nur die Hälfte bewältigen konnte. Den nicht gegessenen Käse und Schinken räumte er mitsamt den Croissants auf ein Tellerchen, das er in den Kühlschrank der Minibar stellte, bevor er den Servierwagen vor die Tür rollte.
Die Leuchtdioden auf der Nachttischkonsole bezifferten die Ortszeit mit halb elf. Höchste Zeit, sich offiziell anzumelden.
An der Rezeption im Erdgeschoß hatte eine scharf geschminkte Empfangsdame Dienst, die einen kurzärmligen Seidenstrickpullover trug. Ein Hauch von Ylang-Ylang-Duft wehte ihn an. Die Haut an ihrem Hals wies ihr Alter als Mitte vierzig aus.
"Ich bin Neuhaus, der Gast, der gestern so spät kam. Ich übernachte zum ersten Mal hier."
"Ich weiß." Sie lächelte ihn verführerisch an und reichte ihm die Hand zur Begrüßung. "Ich heiße Marylou. Ich freue mich, daß Sie uns beehren. Wie lange wollen Sie bleiben?"
"Bis zum Einunddreißigsten, wenn es geht."
"Sie haben Glück, wir sind in diesen Tagen nicht voll belegt." Sie legte ihm ein Anmeldeformular hin.
"Der Zimmerpreis beträgt einhundertfünfzig Dollar inklusive Frühstück."
"Auf dem Flughafen sagte man mir neunundneunzig Dollar."
"Das ist richtig. Für die letzte Nacht berechnen wir Ihnen nur neunundneunzig Dollar, weil Sie erst so spät eingetroffen sind. Hundertfünfzig Dollar sind der Satz für den vollen Tag und die volle Nacht. Einen Einzelzimmerzuschlag erheben wir nicht. Ist Ihnen das recht?"
"Ja." Er hatte keine Lust, am Ersten Weihnachtsfeiertag in einem fremden Land auf Zimmersuche zu gehen.
"Tragen Sie bitte in Zeile zwei den Namen Ihrer Firma ein. Wir sind ein Hotel für Geschäftsreisende. Das Tourismus-Ministerium nimmt es sehr genau, weil sie nicht wollen, daß wir normale Touristen aufnehmen. Unsere Gäste kommen aus allen Kreisen der Wirtschaft. Biochemiker, Computerspezialisten, Investoren."
Als er ihr seine Kreditkarten zur Auswahl hinschob, wählte sie die Eurocard.
"Ist es Ihnen recht, wenn ich gleich eintausend Dollar Vorauszahlung von ihrer Kreditkarte abbuche? Sie werden bestimmt mehr ausgeben."
"Einverstanden," sagte er mit trockenem Munde.
Er hatte in den letzten Monaten einen guten Teil seines Gehaltes gespart.
Sie wählte die Nummer der Kreditgesellschaft und schob die Karte in ein Lesegerät.
"Sind Sie schon über unser Fitness-Programm informiert?"
"Ich habe gehört, Sie haben ein Schwimmbad. Das ist alles, was ich brauche."
"Meine liebe Marylou, haben sie Mail für mich?" rief ein Mann von etwa dreißig Jahren, der frühzeitig beleibt wirkte. Sein Gesicht war das eines großen Jungen, ein Eindruck, den sein kurzärmliges gelbes Hemd noch verstärkte. Sein blonder Schopf wirkte stachelig, als ob sich ihm ständig die Haare sträubten.
"Kennen Sie sich?" fragte die Empfangsdame. "Sie sind Landsleute."
"Ziegler von der Colonia in Köln," sagte der Neuankömmling.
"Neuhaus, Proverba, Hamburg." Sie schüttelten sich die Hände.
"Wenn Sie länger da sind, könnten wir etwas gemeinsam unternehmen."
"Ich fahre heute ans Meer," erklärte Erik.
"Das hat ein Bote für Sie gebracht," sagte Marylou und reichte Ziegler einen großen Umschlag.
"Ich schätze, ich gehe heute nicht mehr aus." Ziegler schwenkte seine Papiere.
"Wir sehen uns noch," sagte Erik.
Das Kreditkartengerät piepste.
"So, jetzt haben Sie tausend Dollar hinterlegt. Ist das nicht ein gutes Gefühl? Wir bieten allen Gästen, die sich für unser Fitneß-Programm interessieren, einen kostenlosen Gesundheits-Check an. Das ist wegen der Klima-Umstellung sehr zu empfehlen. Heute ist unsere Hotelärztin nicht da, aber ich könnte für morgen Vormittag einen Termin für Sie arrangieren. Wäre ihnen das recht?"
Er nickte wortlos.
"Jetzt fahr ich erst mal zum Baden ans Meer. Gibt es hier auch so viele Haifische wie vor der südafrikanischen Küste?"
"Nicht daß ich wüßte. Hüten Sie sich vor einem Sonnenbrand. Das geht schneller als man denkt, und dann tut jede Berührung weh. Machen Sie es wie die Einheimischen und ziehen Sie sich beim Baden ein Oberhemd aus Baumwolle an."
An der Straßenecke vor dem Hotel standen drei Motorradfahrer in rote Westen. Auf den Rücksitzen hatten sie Schutzhelme liegen.
"Bonjour. Vouz faites 'oleg-oleg'?" fragte Erik. Oleg-oleg war der malayisch-indonesische Ausdruck für eine Mitfahrt auf dem Rücksitz des Motorrads.
"You want a ride?" sagte der erste. Where do you come from? Nobody say 'oleg-oleg' here. They not know the word. I understand, because I travel Malaysia. What place you go?"
"Baie du pecheur."
"Ten Dollar," sagte der Fahrer schnell, bevor seine Kollegen das Fahrziel verstanden hatten.
"Five Dollar," erwiderte er. In Phnom Penh war er für einen Dollar durch die ganze Stadt gerast worden.
"Five Dollar one way," lenkte der Fahrer ein. "You not come back?"
"I go swimming. Maybe not come back."
Der Schutzhelm, den ihm der Fahrer reichte, war aus lackiertem Pappmachee. Die Fahrt ging halsbrecherisch über Asphalt-Verwerfungen, losen Kies und Schlaglöcher. Er hielt sich mit beiden Händen so krampfhaft an der Sattelstange fest, daß ihn die Finger schmerzten.
Die Baie du Pecheur war kein Palmenstrand, sondern eine sichelförmige Bucht, an der sich feinnadlige Casuarinas mit ausladenden Bhodi-Bäumen abwechselten. Erik mietete einen Liegestuhl mit Sonnenschirm. Der Vermieter behandelte ihn sehr zuvorkommend, denn viele indische Großfamilien saßen im Schatten der dichten Laubbäume auf dem nackten Boden und packten unüberschaubare Mengen von Picknickkörben aus.
Bevor Erik ins Wasser ging, gab er seine Badetasche dem Liegestuhlvermieter in Verwahrung. Als er ins Wasser trat, kitzelte der Meeresboden seine Füße. Der Strand bestand aus Korallensand, in dem noch viele nicht ganz verwitterte Korallenzweige steckten, die ihn in die Fußsohlen piekten. Er mußte weit hinaus waten, bevor er Schwimmtiefe erreichte. Das Wasser trug ihn gut, und er drehte sich abwechselnd auf den Rücken und die Brustseite.
Direkt vor seinen Augen schwebte eine baumbestandene kleine Insel über den Wellen. Sie hatte etwas Unberührtes, das ihn reizte, und er setzte sich das Ziel, zu ihr hinzuschwimmen und ein paar Minuten im Schatten ihrer Bäume auszuruhen, bevor er den Rückweg antrat. Er schwamm kräftig darauf zu, aber sie schien immer gleich weit weg zu bleiben, obwohl sich ihr Aussehen ständig veränderte. Erschöpft legte er sich auf den Rücken, um seine Kräfte zu bewahren, und nach einer Weile bemerkte er, daß ihn das Wasser immer weiter mitnahm, obwohl er keine Bewegung machte. Er mußte in eine starke Strömung geraten sein, die ihn mitriß. Er drehte sich um und schwamm gegen die Strömung an, aber er hatte den Eindruck, daß er nicht vorankam, sondern sich beim Vorwärtsschwimmen rückwärts bewegte.
Er erschrak. War er in eine Strömung geraten, die ihn über mehr als tausend Kilometer bis zur afrikanischen Küste tragen würde? Auf der Insel Bali gab es am Kutastrand so eine heimtückische Strömung, die direkt vor einem Touristenrestaurant begann. Er war jetzt schon so weit hinausgetrieben, daß er sich den Menschen am Ufer nicht mehr durch Armbewegungen oder Rufe verständlich machen konnte. Maybe not come back, hatte er seinem Fahrer gesagt. War sein Leben zu Ende? Unwiderruflich? Wie würden seine Freunde es erfahren? Wenn er wenigstens die Projekte, an denen er arbeitete, einem Kollegen übergeben hätte, der sie erfolgreich zu Ende führen könnte. Aber er hatte es unterlassen, weil in der Firma zwischen den Jahren kaum gearbeitet wurde.
Er ließ sich treiben. Schwimmen, schwimmen, schwimmen. Durch den Tag, durch den Abend, durch die Nacht. Er legte sich im Wasser auf die Seite und studierte die Küste. Er erkannte die Baumgruppe am Nordende der Baie. Wenn er diese Richtung einschlug, in einer Tangente zur Strömung, müßte er in einem leichten Winkel nach rechts dem Ufer näherkommen. Beim Segeln funktionierte das. Er hatte Kraft in den Armen und Beinen. Er begann seine Schwimmstöße zu zählen.
Das Ufer glitt an ihm vorbei wie ein Panorama. Die Bhodibäume wurden langsam größer. Er konnte die farbigen Saris der indischen Frauen erkennen. Sein Fuß berührte etwas Hartes, Glattes. Eine Haifischflosse? Nur nicht in Panik geraten. Er blickte nach unten. Kein Fisch. Ein graugrüner Stein, der zu einem abgestorbenen Riff gehörte, das unter dem Wasser verborgen lag. Die Strömung sog immer noch an ihm. Aber er konnte sich an den Steinen des Riffs dagegen anstemmen. Vorsichtig tasteten seine Füße sich vorwärts, immer gewärtig, in etwas Gefährliches zu treten. Eine Riesenklappmuschel, einen Seeigel, den Kopf einer Muräne. Aber das Riff - oder was davon übrig war - trug kein Leben mehr. Plötzlich war das Riff zu Ende, und weißer Korallensand leuchtete unter den Wellen. Er machte einen Sprung und ließ sich sinken, um die Tiefe zu erkunden. Als das Wasser in seine Nasenlöcher trat, berührten seine Fußspitzen den Meeresgrund, der hier kaum zwei Meter tief war. Dabei lag das Ufer noch ein ganzes Stück entfernt. Mit rudernden Armen bewegte er sich mehr gehend und springend als schwimmend vorwärts. Vom Schwimmen hatte er genug.
Als er den Strand betrat, taumelte er wie ein Wesen, das den aufrechten Gang verlernt hatte. Einige Leute, die ihm zusahen, machten Bemerkungen über die Gefährlichkeit des morgendlichen Rum-Trinkens. Er verfiel in einen leichten Trab, weil er zu seinem Handtuch wollte. In seinem nassen Oberhemd wurde er vom Wind ausgekühlt. Ein appetitlicher Bratengeruch hielt ihn auf. Unter einer hohen Sonnenschutzplane wurden frisch gefangene Hummer gegrillt.
"Zwei für mich," sagte er dem Koch, "ich hole nur mein Geld." Als er sich abtrocknete, kam der Liegestuhlverkäufer mit seiner Badetasche.
"Vous avez couchee avec une femme? Presque deux heures." Er hob anerkennend den Daumen.
"Elle m'a fatigué," erwiderte Erik. Seine Todesangst kam ihm lächerlich vor unter all diesen Menschen, die Christi Geburt feierten. Ihm war mehr nach Auferstehung zumute. Zurück aus der stahlblauen Grabkammer des Meeres. Am Südende des Strandes stand ein weißer Metallmast, an dem eine rote Fahne hochgezogen war. Sie war ihm vorhin gar nicht aufgefallen. Jetzt bemerkte er, daß die anderen Badenden nur mit den Füßen durch das seichte Wasser wateten.
Der gegrillte Hummer wurde mit Ketchup und Majonaise mit grünem Pfeffer serviert. Das Bier mußte er aus der Flasche trinken. Er konnte sich nicht erinnern, jemals ein so wohlschmeckendes Weihnachtsmahl genossen zu haben. Den zweiten Hummer schaffte er kaum noch. Sein Magen mußte sich im Wasser zusammengezogen haben. Nur schade, daß er seine Errettung so ganz allein feiern mußte. An einem Stand kaufte er zwei Dosen Bier für seinen Liegestuhlvermieter. Als er seinen Weg fortsetzte, ging plötzlich eine Kreolin neben ihm.
"Ca va?" fragte sie.
"Merci," sagte er.
Sie kam ihm so nahe, daß sie ihn beim Gehen mit ihrer Hüfte berührte. Sie hatte lange Beine, die sie fast so groß wie ihn machten.
"You want Sucki-sucki, Fucki-fucki?" fragte sie mit gesenkter Stimme.
"No thank you."
"One hour ten Dollar." Er schüttelte den Kopf.
"You want young girl?"
"I don't like girls."
"Quelle dommage."
Sie blieb genauso schnell und unauffällig zurück, wie sie sich ihm genähert hatte. Die Baie du Pecheur war anscheinend nicht nur ein Strand der Fischer, sondern auch der Sünder. Sein Liegestuhlvermieter bestand darauf, daß sie das Bier gemeinsam tranken. Ihm wurde dösig, und er streckte sich zufrieden aus.
Erst das Klappern des Zusammenlegens der Liegestühle weckte Erik. Die untergehende Sonne, ein riesiges rotes Ei, warf eine letzte Spur goldener Reflexe über die dunkelnden Wellentäler. Er mußte sich beeilen, ins Hotel zu kommen, bevor die Moskitos ihren Nachtangriff starteten.
Auf der Straße standen keine Motorradfahrer, aber ein Taxi brachte ihn für zwanzig Dollar zurück. Als er ausstieg, konnte er sich vor Muskelkater kaum bewegen. Er erinnerte sich, daß Whisky pur ein gutes Hausmittel war. Seine Wärme breitete sich über den ganzen Körper aus, auch die schmerzenden Muskelpartien. Ein heißes Bad würde auch helfen, aber er hatte genug vom Wasser. Er holte sich ein Handtuch aus dem Bad, um sich damit zuzudecken. Es war ihm zu umständlich, die Oberdecke abzuziehen und auch noch zusammenzulegen.
In seinen Träumen trat er auf Steine, die sich in Haifische verwandelten, und rettete sich auf die heißen Hüften der Kreolin, deren lange Beine in einen Fischschwanz übergingen. Er wollte das nicht träumen, aber die Strömung der Bilder war so stark, daß er es nicht schaffte, zur Bewußtseinsoberfläche aufzutauchen.
Es war seine Blase, die ihn gegen zweiundzwanzig Uhr Ortszeit weckte. Im hautschmeichelnden Badezimmerspiegel hatte er eine rote Säufernase und rot angelaufene Schläfen. Rücken und Arme waren unverbrannt, weil er beim Schwimmen ein Oberhemd getragen hatte. Nur seine Waden waren noch gerötet. Er bedeckte die schmerzenden Stellen mit einer dicken Schicht Fenistil-Gel. Er kam sich vor wie ein überschminkter Schauspieler. Aber es wirkte. Er hatte plötzlich Hunger. Im Kühlschrank war noch das halbe Frühstück, das er hineingestellt hatte. Mehr brauchte er nicht.
Anschließend nahm er sich den "Beharrlichen Gärtner" von Le Carré vor. Eine Gänsehaut in der Tropennacht mußte ein gutes Gegenmittel zu seinem Sonnenbrand sein. Aber das Licht war nicht zum Lesen geeignet. Er vertiefte sich lieber in ein vorletztes und ein letztes Glas Whisky. Mit viel Wasser. Das Bewußtsein, wieviel Glück er heute gehabt hatte, wärmte sein Herz. Das Glück würde ihm auch morgen treu bleiben. Er löschte das Licht.
3. KAPITEL ZWEITER FEIERTAG DONNERSTAG
Als das Telefon klingelte, war er überzeugt, nur eine halbe Stunde geschlafen zu haben. Tatsächlich war es die allmorgendliche Frage nach seinem Frühstückswunsch. Die Zimmerkellnerin gestern hatte ihm Appetit auf das Büffet mit den frischen Früchten gemacht. Das sagte er der Anruferin, und sie wünschte ihm viel Vergnügen.
Der Frühstücksbereich des Hotels zog sich von einem Saal im Souterrain mit offenstehenden französischen Fenstern über eine anschließende Außenterrasse bis hin zum langen Swimmingpool, der bereits vom Sonnenlicht gewärmt wurde. Die Luft schwirrte vom Flügelschlag kleiner Vögel, die sich zutraulich auf die Tischkante setzten und Erik vorwurfsvoll anblickten, weil er nur Obst auf seinen Riesenteller geladen hatte.
"Gibt es hier keine Katzen?" fragte er die Kellnerin, die ihm aus einer runden Glaskanne Kaffee einschenkte.
"Keine Katzen, keine Schlangen. Sie werden alle abgeschossen. Es gibt Hunderte von Vögeln, die nur auf unserer Insel leben und sonst nirgends auf der Welt."
Sie hatte eine kräftige Gestalt, die ihm gut gefiel, und fuchsrotes Haar.
"Ich heiße Corinna. Wenn Sie einen besonderen Wunsch haben, erreichen Sie mich ab elf Uhr unter dem Service-Telefon. Ich würde Ihnen gerne alles über unsere Insel erzählen. Dort will noch jemand Kaffee." Sie ging ohne seine Antwort abzuwarten.
Ein kleiner Vogel mit blaugrünen Federn und weißer Kehle hüpfte auf seine Schulter und zwitscherte etwas, das wie ein Schlagerrefrain klang. Als Erik ihm eine Antwort zupfiff, schwebte er entrüstet davon. Erik war nicht der Heilige Franz von Assisi, überhaupt kein Heiliger.
Dafür steuerte Ziegler seinen Tisch an, den Teller hoch mit Würstchen und Schinken beladen.
"Darf ich mich setzen? Ich bin beim Essen nicht gerne alleine."
"Long time no see. Sind Sie auf Dienstreise hier?"
"Wie denn sonst? Sie nicht auch?"
"Last Minute Flight."
"Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? In dieses Hotel?"
"Nicht direkt. Sie müssen die frische Ananas probieren."
Ziegler schnappte sich mit der Gabel ein Ananas-Schnitzel von Eriks Teller.
"Sehr gut. Ich heiße Jean."
"Erik."
Jean versuchte ein Stück Papaya auf Eriks Teller aufzuspießen, aber es brach auseinander, und er führte die Teile mit der Hand zum Mund. "Auch sehr gut. Was ist das?"
"Papaya."
"Warum hast du das nicht früher gesagt? Papayas machen unfruchtbar und lustlos."
"Woher weißt du das?"
"Ich habe gerade einen Artikel gelesen von einem französischen Journalisten, der auf Ceylon recherchiert hat. Frauen, die täglich Papaya essen, also größere Mengen, ein halbes Kilogramm oder mehr, die werden nicht schwanger."
"Das habe ich noch nie gehört. Wie heißt der Verfasser?"
"George Bernbach. Arbeitete für 'Paris Vive'. Seinetwegen bin ich hier."
"Ist er auch Gast in der Auberge?"
"Gewesen."
"Was macht er jetzt?"
"Nichts mehr. Er hat den Löffel abgegeben"
"Erklär dich näher."
"Interessiert dich der Fall?"
"Wenn es Kollegen betrifft, immer."
"Also, vor sechs Monaten hat der Verleger von Bernbach bei unserem Pariser Büro sein Leben für fünf Millionen Franc versichern lassen. Unter Ausschluß von Kriegs-, Bürgerkriegs- und Terrorismus-Einwirkungen. Ein kalkulierbares Risiko, durfte man annehmen. Wer konnte ahnen, daß er ertrinken würde? Hier auf der Insel der Liebe."
"Wie lange ist das her?"
"Vier Wochen. Die Urne ist noch nicht zurücktransportiert. Der Verleger hat schon einen Anwalt eingeschaltet, um die Auszahlung der Versicherungssumme zu beschleunigen."
"Das würde ich auch tun, wenn man meine Leiche so lange herumliegen läßt."
"Asche, nicht Leiche. Versicherungstechnisch gesehen, gibt es immer drei mögliche Todesursachen. Selbstmord, natürlicher Tod und Unfall. War es Selbstmord, zahlen wir nichts. Bei natürlichem Tod werden fünf Millionen fällig, und bei Unfall zehn."
"Warum rechnest du nicht in Euro?" fragte Erik, "dann tut es weniger weh."
"Hör mir bloß mit dem Euro auf. Der Euro wird nächstes Jahr wieder abgeschafft."
"Ist das amtlich?"
"Nein, logisch, weil niemand damit die Preise durchschauen kann."
"Ist Ertrinken nicht immer ein Unfall?"
"Im Volksmund ja, für die Versicherung nicht."
"Also geht es um fünf Millionen."
"Von denen wir erst ein paar Tausend Prämie gesehen haben. Wo soll das Geld herkommen?"
"Hast du irgendeinen Anhaltspunkt für Selbstmord?"
"Noch nicht. Vielleicht hat er einen Abschiedsbrief hinterlassen, den eine Bedienung eingesteckt hat, weil sie ihn nicht lesen konnte. Vielleicht hat er mehreren Zeugen gegenüber Selbstmordabsichten geäußert. Ich muß jeder Spur nachgehen."
"Wie weit bist du gekommen?"
"In diesem Hotel wird nichts als gemauert. Wissen wir nicht, kennen wir nicht, haben wir nie gesehen."
"Wie sehen denn die harten Fakten aus?"
"Im Hotel eingecheckt am 18. November. In der Nacht vom 24. auf den 25. in einem Anfall von Tropenkoller sein Zimmer verwüstet. Danach nicht mehr im Hotel gesehen. Zwei Tage später aus dem Meer gefischt. Zu dem Zeitpunkt bereits vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden tot. In diesem Klima schwer zu beurteilen."
"Ich bin gestern beim Schwimmen im Meer in eine gefährliche Strömung gekommen und um Haaresbreite nach Afrika abgetrieben worden. Daß ich hier sitze, ist ein Wunder."
"Wo war das?"
"In der Baie du pecheur, eine halbe Stunde mit dem Motorrad von hier."
"Glück gehabt. Bernbach ist nachts verschwunden. Niemand geht in der Dunkelheit ins Meer, aus Angst, sich die Füße zu verletzen."
"Wenn das so ist, würde ich auf Mord tippen. Glaubst du, mein Chef würde mein Leben mit fünf Millionen versichern? Bleib auf dem Boden. Es kann nur so sein, daß sein Verleger zwei Killer aus Marseille oder Korsika auf ihn angesetzt hat. Es war Mord, und an den Mörder braucht ihr nichts zu zahlen."
"Du siehst zu viele Fabio-Montale-Krimis. Selbst wenn du richtig liegst, ist die Rechtskonstruktion des Verlages eine solche, daß wir ums Zahlen nicht herumkommen. Nein, nein, Selbstmord bleibt meine Trumpfkarte. Sonst ist dies meine letzte Dienstreise. Hast du schon das Fitneß-Coaching probiert? "
"Nein."
"Sehr empfehlenswert."
Jean stand abrupt auf. "Morgen früh, same time, same place." Seinen noch halbvollen Fleischteller ließ er einfach stehen. Erik holte sich die Scheiben kalten Bratens herunter. Er haßte Ufflads, aber er war sich nicht schlüssig, ob er Ziegler amüsant oder nervend finden sollte.
An der Rezeption hatte wieder die resolute Marylou Dienst.
"Gut, daß Sie kommen, Monsieur Neuhaus. Ich habe einen Termin für Sie. Jetzt sofort. Die Ärztin ist heute nur ganz kurz im Hause."
"Wozu brauche ich einen Gesundheits-Check?"
"Um Ihren Aufenthalt besser zu genießen." Marylou bückte sich und holte von unten eine goldbedruckte Mappe heraus.
"Wir haben keine Bodybuilding-Geräte im Hause. Dafür bieten wir unseren Hausgästen die Möglichkeit, eine persönliche Trainerin zu engagieren, von der sie auf ihrem Zimmer betreut werden."
Sie schlug die Mappe auf und präsentierte ihm großformatige Fotos junger Mädchen, die alle schwarz-weiß gemusterte Kimonos trugen, in denen sie wie Sportlerinnen aussahen. Die meisten Mädchen waren dunkelhäutig.
"Auf was muß ich mich dabei einlassen?"
"Wir erfüllen fast alle Wünsche. Akupunktur-Massage, Fußsohlen Reflexzonen, Sensitivity-Training, Kama-Sutra-Gymnastik."
"Das Letzte hört sich intim an."
"Es liegt ganz an Ihnen, was Sie mit Ihrer Partnerin daraus machen. Sicherheitshalber bieten wir unseren Gästen einen HIV-Schnelltest an, um jedes Risiko auszuschließen. Sie bekommen das Untersuchungs-Ergebnis in fünfzehn Minuten."
Erik traute sich nicht nachzufragen, wie er das verstehen durfte. Er blätterte neugierig in der Mappe. Die Kimonos ließen die Mädchen harmlos aussehen, fast ein wenig bieder. Keinesfalls wie Callgirls.
"Sie zahlen immer die gleiche Gebühr. Hundert Dollar in bar an die Partnerin für ein Workout von bis zu zwei Stunden."
"Angenommen, ich gehe zur Gesundheitsprüfung, aber ich komme nicht dazu, Ihren Service in Anspruch zu nehmen. Wird mir dann die Untersuchung nachbelastet?"
"Machen Sie sich keine Sorgen. Das hat es noch nie gegeben."
Das Untersuchungszimmer der Ärztin befand sich im Souterrain. Auf dem Türschild stand "P.Bethancourt - Gynécologiste". Sie war eine hochgewachsene, hagere Person Anfang Vierzig mit einem südländisch scharf geschnittenes Gesicht, dem der Ausdruck fürsorglicher Milde fehlte, der sonst zum Habitus des Arztes gehört.
"Happy Noel," sagte sie. "Würden Sie bitte Ihre Sachen ablegen und sich auf die Untersuchungsliege setzen."
"Alles?"
"Es muß Ihnen nicht peinlich sein. Es ist in Ihrem Interesse, daß ich Sie gründlich untersuche."
Die Aufforderung erschien ihm unangemessen. Am liebsten wäre er sofort wieder hinausgegangen. Aber die Untersuchung war kostenlos, und er hatte schon lange keinen Check-Up gehabt. Dafür konnte er ein leichtes Unbehagen in Kauf nehmen.
Als erstes maß sie seinen Blutdruck und fühlte seinen Puls.
"Ausgezeichnet," sagte sie.
Er mußte die Zunge rausstrecken und Ah sagen, während sie ihm in die Kehle leuchtete.
"Ich brauche jetzt etwas Blut von Ihnen." Sie streifte sich Gummihandschuhe über und legte eine Manschette um seinen Oberarm.
Die Kälte des Desinfektionsmittels war unangenehmer als der Einstich.
"Unser Land ist aidsfrei und soll es auch bleiben."
"So nah am afrikanischen Kontinent mit seinen enorm hohen Raten?"
"Wir lassen niemand vom Kontinent in unser Land."
"Auch Europäern gegenüber sind Ihre Grenzkontrollen schlimmer als in Kuba oder Vietnam."
"Wir wollen nicht, daß die wohlhabenden Touristen, die uns besuchen und sich hier wohlfühlen, auf unserem Boden dem Abschaum ihrer Heimatländer begegnen. Mittellose Rucksack-Reisende, Amnesty International, Medicins sans Frontiers, NGOs. Bevor die zu uns kommen, sollen sie erst mal die Probleme in ihren Ländern lösen, wo Frauen von Zuhältern an- und verkauft werden und Obdachlose in Winternächten erfrieren."
Sie zog die Nadel heraus. Auf den Blutstropfen, der nachquoll, drückte sie ein Glasplättchen, das sie anschließend mit einem zweiten abdeckte.
"Jetzt den Arm schließen und fest auf den Tupfer drücken. Gut, legen Sie sich auf den Rücken." Sie füllte die Glasröhrchen mit Blut in eine Zentrifuge. Dann setzte sich neben ihn auf die Untersuchungsliege.
"Haben Sie in den letzten drei Jahren eine Lungenentzündung gehabt, oder Hepatitis B?"
"Nein. Gegen Gelbsucht bin ich geimpft."
"Sehr vernünftig. Wann sind Sie bei uns angekommen."
"Vorgestern Nacht."
"Wie lange bleiben Sie?"
"Eine Woche."
"Das lohnt sich kaum. Sie müssen wiederkommen."
Sie untersuchte den Rest seines Körpers.
"Warum geben Sie sich soviel Mühe? Ich bin noch nie in einem Haus abgestiegen, das eine eigene Hotelärztin beschäftigt."
"Nein, nein, nein," lachte sie, "ich bin nicht Hotelärztin, wie es in der Seefahrt Schiffsärzte gibt. Die Auberge ist in erster Linie Gästehaus eines Forschungsinstituts, das wir neu aufbauen. Viele Gäste sind ältere Wissenschaftler, die monatelang bleiben. Nicht alle vertragen das Tropenklima gleichgut, vor allem, wenn sie auch noch Trinken, was wir ihnen natürlich nicht untersagen können. Ich bin im Vorstand des Instituts, und es ist mein eigenes Interesse, laufend die Gesundheit unserer Gäste zu überwachen."
"Ich habe noch nie etwas von diesem Institut gehört. Das heißt, bis auf gestern Abend im Hotelrestaurant. Sind Sie Gen-Forscherin?"
"Nein, Gynäkologin, aber des geht immer mehr ineinander über."
"Wo liegt ihr Forschungsschwerpunkt? Stammzellen?"
"Wenn Sie kein Fachmann sind, kann man das kaum erklären." Die Frage war ihr offenbar zu indiskret. Das Projekt schien ja auch mehr von Geheimnis umwittert als von Öffentlichkeitsarbeit verklärt zu sein. "Was machen Sie beruflich?"
"Marketing."
"Also Werbung. Haben Sie das studiert?"
"Ich habe einen Abschluß in Psychologie."
"Sehr gut. Alle Frauen lieben kluge Männer. Aber die wenigsten Männer schätzen intelligente Frauen."
"Ich bin einer der wenigen."
"Ich fühle es. Sie können sich wieder anziehen."
Sie streifte ihre Gummihandschuhe ab. Das verursachte ein Knallen, wie von mehreren kleinen Explosionen.
"Jetzt wollen wir uns Ihre Antikörper anschauen."
Sie öffnete den Apparat und schüttete Flüssigkeit auf eine Art Löschpapier.
"Wie erwartet. Sie haben keine Antikörper."
"Was heißt das?"
"Sie haben sich noch nie mit HIV infiziert. Sie sind kerngesund. Einverstanden?"
"Wenn das anders wäre, hätten Sie mir das ganz brutal gesagt?"
"Intelligente Frage. Wir haben unser Ritual für solche Fälle. Sollen wir einem Hotelgast den Urlaub verderben? Wir sagen ihm, daß mit neunundneunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit nichts vorliegt, aber um ganz sicher zu gehen, ist ein zusätzlicher Test nötig, den er zuhause durchführen muß, weil uns auf der Insel die Mittel fehlen. Außerdem setzen wir ihn auf eine interne schwarze Liste, damit alle Mädchen, die mit Gästen Coaching machen, Bescheid wissen. Aber das ist zum Glück erst einmal vorgekommen. Haben Sie schon eine bestimmte Gäste-Betreuerin gefunden, auf die Sie ein Auge geworfen haben?"
"Heute morgen brachte mir eine rothaarige Corinna den Kaffee."
"Das kann nur Corinna Boismortier gewesen sein, eine Studentin, die zu den alten Familien der Insel gehört, genau wie die Bethancourts. Sehr wählerisch, sehr launenhaft. Da müßten Sie schon großes Glück haben."
"Sie machte so eine Andeutung."
"Meinen Segen haben Sie. Was Sie auf keinen Fall versäumen sollten, ist ein Hubschrauberausflug auf den Vulkan. Am besten zum Sonnenauf- oder Untergang. Das ist ein unvergeßliches Erlebnis."
Sie setzte sich hinter ihren Schreibtisch und blätterte in einem Kalender.
"Am Dienstag Vormittag um zehn hätte ich eine Stunde frei zur Nachuntersuchung. Dann können wir uns in Ruhe über alles unterhalten." Sie schrieb ihm Zeit und Datum zur Erinnerung auf einen Zettel.
"Würde Ihnen das zusagen?"
"Gerne."
Sie stand auf, um ihm die Hand zu geben. Er war entlassen. Er ging auf sein Zimmer hinauf. Er wußte nicht, was er von der Einladung der Ärztin für eine Nachuntersuchung halten sollte. Sie war eine Frau von rascher Intelligenz und kaum verhüllter Willenskraft. Der Job hier lag weit unter ihrem Niveau. Er war gespannt, was ihre nächste Begegnung bringen würde.
In seiner Abwesenheit war das Zimmer aufgeräumt worden, und ein dienstbarer Geist hatte den Katalog auf sein Kopfkissen gelegt, den Marylou ihm an der Rezeption gezeigt hatte. Er wollte sehen, ob Corinna darin aufgeführt war. Bei ihrer hellen Hautfarbe dürfte sie nicht schwer zu finden sein. Aber beim Durchblättern fand er fast jede attraktiv. An jeder sah er etwas, das ihn zum Verweilen einlud. Besonders angetan war er von einer zierlichen Asiatin mit dem Namen Arirang. Ihr Anblick trieb ihm die Hitze ins Gesicht. Es war unfair, Hotelgäste so in Versuchung zu führen. Als er das Foto von Corinna endlich fand, war es schon elf. Sie sah sehr schön aus. Seine Hand zitterte, als er die Taste mit der Nummer des Roomservices zu treffen versuchte.
"Sie wünschen?" sagte eine neutrale Frauenstimme.
"Hier ist Zimmer 34. Ich würde gerne mit Corinna sprechen, wenn sie erreichbar ist."
"Einen Augenblick."
Er hörte Schritte und Stimmen im Hintergrund. Es dauerte eine ganze Weile, bis eine tiefe Frauenstimme sich meldete.
"Ja."
"Frau Boismortier?"
"Wie bitte? Wer ist dort?"
"Wir haben uns beim Frühstück über Katzen, Schlangen und Vögel unterhalten. Sie wollten mir noch mehr erzählen."
"Ich erinnere mich. Woher wissen Sie meinen Namen?"
"Sie haben mich beeindruckt. Ist Ihnen das unangenehm?"
"Nein, ungewöhnlich."
"Ich würde gerne das Gespräch mit Ihnen fortsetzen. Sind Sie jetzt frei?"
"Ja, das bin ich. Welche Zimmernummer haben Sie?"
"Ich dachte, wir treffen uns am Swimmingpool. Dort können wir uns unterhalten und vielleicht zwei Längen schwimmen."
"Das nehme ich sehr gerne an. Ich muß Sie nur warnen: ob wir uns am Swimmingpool treffen oder auf der Rückseite des Mondes - die Kosten für Sie sind die gleichen."
"Das ist mir bewußt. Danke für den Tip."
"Bis gleich, dann, oder?"
"Bis gleich."
Er zog die längere von den beiden Badehosen an, die er mithatte, und schlüpfte in den Frotteemantel, der an der Innenseite der Badezimmertür hing.
Der geflieste Streifen auf der Rückseite des Swimmingpools lag im Schatten einer Mauer. Ein paar Liegestühle standen verlassen herum. Die wenigen Badegäste, die da waren, schienen Sonnenanbeter zu sein, die sich auf den Liegen im besonnten Teil bräunten. Er schob zwei Liegestühle im Schtten zusammen. Corinna winkte ihm im Näherkommen zu. Sie trug einen schwarzweißen Kimono, wie auf dem Foto an der Rezeption, und als sie sich setzte, sah er, daß sie darunter einen dezenten einteiligen Badeanzug anhatte. Er war froh, sie zu sehen. Sie wirkte noch anziehender als heute morgen beim Servieren.
Sie drückte ihm kräftig die Hand.
"Das ist eine ausgesprochen charmante Idee," sagte sie.
"Darf ich mich vorstellen? Ich bin Erik Neuhaus aus Hamburg, und zum ersten Mal in Ihrem Land."
"Herzlich Willkommen."
"Ich weiß absolut nichts über Solea. Ich bin mit einem Last-Minute-Flug hierher gekommen, ohne mich vorher zu informieren."
"Wie sind Sie in dieses Hotel geraten?"
"Ein Taxifahrer am Flughafen hat es mir empfohlen, ohne mir irgend etwas darüber zu verraten."
"Wann sind Sie eingetroffen?"
"Am Heiligen Abend."
"Vorgestern. Haben Sie schon etwas erlebt?" Sie lächelte erwartungsvoll.
"Ich war Schwimmen. Aber die Strömung im Meer war viel zu stark für meinen Geschmack."
"Dann müssen Sie in der Zeit zwischen High Tide und Low Tide ins Wasser gegangen sei. Da wird das Wasser durch die großen Riffkanäle gepreßt. Normalerweise wird dann die rote Fahne gehißt. Was haben Sie noch erlebt?"
"Ich habe eine Menge über Chromosomen gelernt."
"Sind Sie am Institut?"
"Ich wußte gar nicht, daß es eins gibt. Ich mache Erholungsurlaub."
Eine dunkelbraune Kellnerin fragte, was sie zu trinken wünschten.
"Cola kalt, ohne Eis, für mich," sagte Erik.
"Für mich das gleiche," bestellte Corinna. "Das ist Leda, sie ist Inderin."
"Sie wollten mir alles über die Insel erzählen. Fangen wir mit der Rassenvielfalt an."
"Also gut. Wir haben in diesem Land vier Bevölkerungsgruppen. Inder, Kreolen, Chinesen und Plantageurs, das heißt die Familien der eingewanderten weißen Kolonialisten. Bis zum Sechzehnten Jahrhundert lebten überhaupt keine Menschen auf der Insel. Es gibt keine Ureinwohner. Wir sind schon so lange vom Kontinent abgetrennt, daß sich bei uns nicht einmal die Säugetiere entwickelt haben. Anschluß verpaßt. Dafür haben wir den gehenden Fisch. Einen Fisch mit Beinen. Er wird noch manchmal in den Gewässern rund um die Insel gefangen. Leider ist der Druckunterschied zwischen der Tiefe, die sein Zuhause ist, und der Meeresoberfläche so hoch, daß er das Auftauchen nicht überlebt. Die Menschen, die hier wohnen, sind alles Zugewanderte. Die Inder bilden achtzehn Prozent der Bevölkerung, die Chinesen neun, die Plantageurs vier bis fünf. Die restlichen zwei Drittel sind Kreolen. Wir bezeichnen alle Schwarzen als Kreolen, wegen der Rassenharmonie. Was willst du noch wissen?"
"Die Eigentumsverhältnisse. Wem gehört hier was? Und warum?"
"Das Land mit den riesigen Zuckerrohrfeldern gehört den alten Grundbesitzerfamilien. Neben dir sitzt eine Vertreterin. Am Zucker verdienen wir nichts, aber wir wollen keine Schulden aufnehmen, um etwas Rentableres anzubauen. Das Meer mit seinen Fischen und Krebsen gehört den Kreolen. Der Handel gehört den Indern, alle Immobilien neueren Datums den Chinesen, und der Hochpreis-Tourismus auch. Aber sie halten sich sehr im Hintergrund."
"Ihr habt eine Fischerei-Industrie."
"Sehr bescheiden. Nur für den Selbstverbrauch. Die Regierung baut jetzt an der Universität ein Institut für Gentechnik und Pharmaforschung auf. Aber der Luxustourismus bringt die Devisen."
"Führt der Luxustourismus nicht zu sozialen Spannungen?"
"Ach was. Die Touristen leben in ihren Fünf-Sterne-Resorts wie unter Hausarrest. Es gibt keine Taxis, die sie unter Menschen bringen. Nur Hotelbusse für geführte Besichtigungen. Das einzige, was diese Menschen wirklich interessiert, ist, wie sich unser 'Vier Jahreszeiten' von dem auf Bali oder Phuket unterscheidet. Glaubst du, daß ich es noch nie gesehen habe? Sie würden mich nicht reinlassen."
"Gibt es dort kein Fitness-Coaching?"
"Nur mit uralten Masseusen. Wir pflegen das Image der sauberen Insel, wo Milliardäre mit Kindern Urlaub machen können, ohne von Erpressern gekidnappt oder von Terroristen in die Luft gesprengt zu werden. Die 'Auberge' ist das einzige unkonventionelle Haus."
"Was hat dich hierher geführt?"
"Ich mache hier ein Praktikum im Zusammenhang mit meiner Magisterarbeit."
"Gibt es hier eine Hochschule?"
"Eine ganz berühmte. Die Université de la Lumière. Das Genforschungsinstitut, das wir aufbauen, ist das modernste der Welt. Unter den Gästen in der Auberge haben wir Spitzenwissenschaftler aus den führenden Industrienationen.
"Was studieren Sie?"
"Soziologie."
Sie sah ihn prüfend an.
"Hast du Lust zu schwimmen? Mir ist heiß." Sie zog eine weiße Badekappe aus ihrer Handtasche. Es gab zwei Duschen, und Corinna lachte vergnügt, als das Wasser in kleinen Rinnsalen über ihre Haut lief. Sie sprang vom Beckenrand hinein, elegant und körperbewußt. Er ließ sich mit den Füßen voran ins Wasser. Sie schwammen ein paar Mal hin und her, sich immer gegenseitig im Auge behaltend. Dann machten sie atemlos an der Schmalseite halt.
"Kannst du stehen?" fragte sie. "Ich nicht. Ich muß mich an dir festhalten."
Sie legte die Arme um seinen Hals und stemmte die Füße neben seinen Hüften an den Beckenrand, um den Körperkontakt zu vermindern. Er mußte sich mit beiden Händen an der Oberkante festhalten, um nicht mit dem Kopf voran ins Wasser gezogen zu werden.
"Was denkst du von mir?" Sie hatte grüne Augen und große weiße Schneidezähne.
"Ich stelle mir vor, du bist sehr wählerisch."
"Das ist richtig."
"Wie lange machst du das Praktikum schon?"
"Ich verstehe kein Wort, wegen der Badekappe. Laß uns rausgehen." Sie stieß sich ab und schnellte sich mit kräftigen Ruderbewegungen zur Metalltreppe. Sie stand schon unter der Dusche, als er hochkletterte.
Die Inderin brachte ihnen große dunkelblaue Badetücher. Die beiden Mädchen tuschelten miteinander und brachen in kicherndes Gelächter aus.
Er mußte ihr Badetuch als Sichtschutz um sie halten, während sie aus dem Schwimmanzug stieg und sich von ihm zwei Bikini-Teile geben ließ. Corinna war fast genauso groß wie er. Sie hätte durchaus im Wasser stehen können, ohne sich an ihm festzuhalten.
Sie setzte sich vorsichtig in den Liegestuhl, als hätte sie Angst, sich die Finger einzuklemmen.
"Viereinhalb Monate mache ich das schon," sagte sie. Es dauerte einen Augenblick, bis er begriff, daß sie seine Frage nach der Dauer ihres Praktikums beantwortete. "Es ist nicht einfach. Aber Professor Bethancourt hat mir sehr geholfen."
"Eure Hotelärztin, erzählst du mir, ist Professorin für Medizin?"
"Ja, die Bethancourt. Sie macht Forschungsarbeit am Institut und ist Chefärztin der Universitäts-Frauenklinik. Hat sie dich nicht untersucht?" Sie macht das bei allen Langzeit-Gästen."
"Sie war sehr freundlich zu mir, als ich ihr sagte, daß ich Marketing-Spezialist bin. Sie will mich nächste Woche wiedersehen."
"Das finde ich gut. Sie ist eine erstaunliche Frau."
"Wieso mißt sie mir eigenhändig den Blutdruck, wenn sie so gut ist?"
"Das hat mich neulich schon einer gefragt."
Sie nahm einen tiefen Schluck aus ihrem beschlagenen Cola-Glas. Ein Ausdruck freudiger Besinnung überzog ihr Gesicht.
"Ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Ich hatte einen Gast, der mir sagte, er glaube, hinter unserer Freizügigkeit stecke ein düsteres Geheimnis, das er noch herausbekommen werde."
"Wer war das?"
"Ein französischer Reporter. Ein sehr guter Mann."
"Wann war das?"
"Vor vier, fünf Wochen."
"Weißt du noch, wie der Journalist hieß?"
"Das war Schorsch, der normannische Kleiderschrank!"
"George Bernbach?"
"Keine Ahnung, wie er mit Nachnahmen heißt. Kennst du ihn? Dieser Hund ist abgereist, ohne sich von mir zu verabschieden. Dabei habe ich extra einen Film von ihm entwickelt und Vergrößerungen machen lassen, die er nie abgeholt hat."
"Was ist auf den Bildern drauf?"
"Na, er und ich, in der Hauptsache."
"Darf ich die Abzüge sehen?"
"Weshalb?"
"Er ist ein Kollege von mir. Mich interessiert alles, was man hier so machen kann."
"Die schönsten Dummheiten der Welt."
"Wo hast du die Fotos?"
"In meinem Schrank. Ich kann sie holen, aber wir müssen ins Zimmer gehen, um sie anzusehen."
"Weißt du, weshalb er hier gewohnt hat?"
"Wahrscheinlich ist ihm der Service empfohlen worden. Er war sehr zufrieden."
"Kann es sein, daß er dich gefragt hat, was ihr zur Empfängnisverhütung tut?" Er hatte Angst, sie würde empört auffahren, aber sie reagierte völlig sachlich.
"Ich habe ihm erzählt, ich bekomme hier das modernste Hormonpräparat der Welt. Eine Spritze im Monat. Keine Nebenwirkungen. Absolut zuverlässig."
"Hatte er daran etwas auszusetzen?"
"Nein, warum auch?"
"Darf ich die Fotos sehen?"
"Ich bring sie dir auf dein Zimmer."
Sie standen auf. Er unterschrieb die Rechnung.
"Je m'appelle Leda," sagte die Inderin so leise, daß nur er es hören konnte.
Er war gerade fertig mit Umziehen, als Corinna an seine Tür klopfte. Sie trug immer noch Kimono und Bikini.
"Zeigst du mir die Fotos?"
Ein dicker C-5-Umschlag enthielt etwa drei Dutzend Vergrößerungen. Sie sortierte sie, ohne ihn hineinblicken zu lassen.
"Die haben wir alle mit einem Selbstauslöser gemacht. So fängt die Serie an."
Sie zeigte ihm ein Foto, auf dem ein junger Mann im Adamskostüm auf der Bettkante saß, den Arm um die neben ihm stehende Corinna gelegt. Sein markantes Gesicht erinnerte an den Schauspieler Jean Marais.
"Erkennst du deinen Freund?"
"Dieses Gesicht vergißt man nie. Laß mich den Rest sehen."
"Wir sehen sie uns zusammen an."
Sie legte sich auf den Bauch und stützte das Kinn in die Hände. Nach den ersten vier oder fünf Bildern setzte sie sich auf und lehnte sich an ihn.
"Wie findest du mich?" fragte sie. Es waren alles erotische Fotos, die ästhetisch verspielt wirkten, ohne durch ihre Direktheit abzustoßen.
"Gut gemacht," sagte er. Sie hatte mehr Interesse an den Bildern als er.
Wenn der Mann auf den Fotos, der wie Jean Marais aussah, wirklich der Bernbach war, von dem Ziegler erzählt hatte, dann wäre es geschmacklos, hinzuschauen. Corinna hatte dieses Dilemma nicht. Sie lehnte ihre Wange an seine, sie streichelte seine Schulter, sie drückte den Busen gegen seinen Oberarm. Die Bilder waren mit einem extrem scharfen Objektiv aufgenommen. Nikon wahrscheinlich. Diese technische Frage beschäftigte ihn so, daß er das Ende der Serie übersah. Corinna steckte die Fotos in den Umschlag zurück, warf ihn auf den Schreibtisch und legte den Kopf auf Eriks Oberschenkel.
Als er ihren Körper anfaßte, spürte er ihr Einverständnis wie ein Magnetfeld, das alle Nadeln des Verlangens in ihre Richtung zog.
Er war eifersüchtig auf die Fotos.
"Sag mir, wie ich heiße, wer ich bin," verlangte er.
"Njuhoss, mon Amour."
Er tastete gerade nach dem Träger ihres Bikini-Oberteils, als sie den Kopf hob und "George!" rief.
"Ja," sagte er ohne Begeisterung.
"Ich weiß jetzt, wie George heißt. Sein Familienname ist Baalbek. George Baalbek."
"Nicht Bernbach?"
"Das sage ich ja. Baalbek." Kein Zweifel, wenn sie aus Neuhaus Njuhoss machte, mußte Baalbek Bernbach sein.
Der Augenblick der Wahrheit war da. Er war benommen vor Verlangen nach ihr, wozu die Fotos beigetragen hatten, aber er konnte sie nicht über eine Täuschung hinweg umarmen.
"Ich muß dir etwas sagen. Baalbek ist nicht heimlich abgereist. Er ist tot. Er ist vor einem Monat hier auf der Insel gestorben."
"Das glaube ich nicht." Sie stieß ihn von sich. "Wie soll das passiert sein?"
"Er ist ertrunken."
"Daß ich nicht lache. Er war so wasserscheu. Man mußte ihn an der Hand ins Badezimmer ziehen. Woher weißt du daß, er tot sein soll?"
"Hast du den deutschen Gast gesehen, der beim Frühstück an meinen Tisch kam?"
"Von Ferne. Nicht mein Typ."
"Er arbeitet für eine Versicherungsgesellschaft und hat den Auftrag, herauszufinden, woran Baalbek gestorben ist."
"Warum hast du mir das nicht früher gesagt, du Hund, du Cochon." Sie schlug ihn mit den Fäusten auf die Brust, die Schultern.
"Du wußtest nicht mehr, daß er Baalbek heißt."
"Die ganze Zeit hatte ich Wut auf ihn, weil er sich nicht meldet, und jetzt ist er tot. George, George!"
Sie legte den Kopf auf seine Brust.
"Ich muß ein bißchen weinen."
Es wurde ein langes, heftiges Schluchzen, das ihren großen Körper erschütterte. Er hielt sie im Arm und streichelte sie unaufdringlich. Bernbach mußte ein ungewöhnlicher Mann gewesen sein.
Corinna hob den Kopf und blickte ihn wild an.
"Alle haben mich angelogen. Ich habe Marylou gefragt, ich habe Michelle gefragt. Sie behaupten, er sei spurlos verschwunden. Seit dem Morgen des fünfundzwanzigsten November. Das war der Tag, an dem er meinen Vater besuchen wollte. Ich war so zerstört, daß ich ihre Lügen nicht durchschaut habe."
"Hotelangestellte geben niemals zu, daß ein Gast in ihren vier Wänden das Zeitliche segnet."
"Wie kann es bloß passiert sein?"
"Der Versicherungsmann glaubt, es war Selbstmord."
"Nie im Leben. Er war ein Mensch mit einer geradezu kindischen Freude am Dasein, mit der er andere anstecken konnte. Hast du ihn überhaupt gekannt?"
"Nicht persönlich."
"Warum beschäftigst du dich mit ihm?"
"Weil ich nicht glaube, daß der Versicherungsmann - er heißt Ziegler - den Fall allein lösen kann."
"Du glaubst, daß er ermordet wurde, und willst ihn rächen?" Ihre Augen strahlten. Sie liebte Männer der Tat, Eroberer, Wikinger, Korsaren.
"Über jeden Journalisten, der weltweit bei der Ausübung seines Berufs ums Leben kommt, wird ein Bericht geschrieben und in einem Jahrbuch abgedruckt. Ich könnte einen Beitrag über George schreiben."
"Das mußt du tun. Wie kann ich dir helfen?"
"Ziegler möchte, daß wir rekonstruieren, was er in seinen letzten Tagen unternommen hat."
"Er war die meiste Zeit mit mir zusammen."
"Wann zuletzt?"
"Am Dreiundzwanzigsten. Wir haben zusammen am Strand Mittag gegessen und dann den ganzen Nachmittag Fotos gemacht. Bei Sonnenuntergang bin ich nach Hause gefahren, wie ich das meistens tue. Den Tag darauf hatte ich frei und habe unser Haus in Schuß gebracht, für seinen Besuch. Er wollte mit meinem Vater über unsere Zukunft sprechen."
"An dem Nachmittag, als ihr die Bilder aufnahmt, ist dir irgend etwas aufgefallen?"
"Er hatte besonders gute Laune."
"Wie war das mit dem dunklen Geheimnis, wann hat er das gesagt?"
"Auch an dem Nachmittag.
"Wenn er irgend etwas erlebt oder gehört hat, was ihn in den Selbstmord getrieben hat, muß es also zwischen dem Sonnenuntergang des Dreiundzwanzigsten und dem Sonnenaufgang des Fünfundzwanzigsten passiert sein."
"Die einzige Möglichkeit."
"Dir ist nichts bekannt, mit wem er sich in dieser Zeit unterhalten haben könnte."
"Nein, mir würde auch keiner was sagen."
"Hältst du es für möglich, daß er in den anderthalb Tagen, die ihr nicht zusammen wart, noch einen Service zur Brust genommen hat?"
"Du meinst, ich habe ihn so angetörnt, daß er das haben mußte?"
"Denkbar."
"Das wäre die einzige Entschuldigung."
"Wie komme ich an die Namen heran? Es gibt bestimmt eine Liste. Aber Ziegler hat man sie nicht gegeben."
"Kennst du Michelle, unser Faktotum?"
"Ja."
"Sie hat Zugang zum Computer, in dem das drinsteht, und ich glaube, sie hatte etwas mit Baalbek, bevor er mich kennenlernte. Von ihr bekommst du am ehesten Hilfe. Glaubst du, das bringt was?"
"Wir erfahren, mit wem er in der letzten Nacht verabredet war, und was für Pläne er hatte. Vielleicht hat er ein Boot gemietet und ist ertrunken, als er den Mond im Wasser umarmen wollte."
"Für so etwas brauchte er Gesellschaft."
"Das muß alles überprüft werden.
"Wenn, so kann nur Michelle dir helfen. Aber ihr Dienst beginnt erst am Abend."
"Wenn dir was einfällt, was wichtig ist, kannst du mich anrufen."
"Bon. Die Bilder sind jetzt sehr wertvoll für mich."
"Ich brauche eins, auf dem er gut zu erkennen ist."
"Du kannst das erste haben, aber schneide mich weg."
"Es tut mir leid, daß ich dir weh getan habe."
"Das hat nichts mit dir zu tun."
Er streichelte ihre Schulter. Sie nahm seine Hand weg.
"Entschuldige. Ich bin nicht in Stimmung."
"Es war nicht so gemeint."
"Du darfst mich nicht ernst nehmen." Sie drückte seine Hand.
Er holte das Geld aus dem Schreibtisch.
"Ich habe dich enttäuscht," sagte sie. "Ich kann es nicht annehmen."
"Du hast vorhin gesagt, ich muß in jedem Fall zahlen, auch wenn ich dich auf die Rückseite des Mondes führe."
"Das gilt nicht, wenn ich dich ablehne."
"Du lehnst mich nicht ab."
"Nein, ich lehne dich nicht ab." Sie umarmte ihn. "Ich bin gelähmt."
Er schloß ihre Finger um die Geldscheine.
"Gut," sagte sie, "dann mache ich für heute Schluß, fahre nach Hause und erzähle meinem Vater, weshalb George uns nicht besuchen konnte."
"Mach das."
"Morgen habe ich meinen freien Tag. Übermorgen - am Samstag abend - bediene ich im Grill-Restaurant. Wenn du magst, kannst du dort essen und mich anschließend einladen."
"Arbeitest du gerne als Serviererin?"
"Das ist sehr beliebt. Es ist die beste Möglichkeit, sich in Ruhe unter den Gästen umzusehen. Heute Morgen hatte es gleich bei mir gefunkt."
Sie stand auf. Sie war verweint und unkonzentriert. Im Gehen empfahl sie ihm noch für das Mittagessen das "All-you-can-eat" Buffet auf der Terrasse für acht Dollar.
Es war ein guter Tip. Das im Sonnenlicht silbergrün leuchtende Schwimmbad war unbenutzt, und die kleinen Vögel huschten darüber hinweg, als wollten sie ihr eigenes Spiegelbild necken.
Am Nachmittag ging er ins Business Center. Eine ältere Dame mit grauen Haaren saß am Empfangstisch. Er mußte eine Benutzerkarte ausfüllen.
"Erinnern Sie sich an meinen Freund Bernbach?" Er zeigte ihr das halbierte Foto.
"Ja, das war einer unserer besten Kunden. Der hatte etwas im Kopf."
"Wissen Sie noch, an welchem Computer er meistens gesessen hat?"
"Sein Stammplatz war hier." Sie schaltete das Gerät an. "Sie wissen, wie es geht? Wenn Sie ins Internet wollen, klicken Sie einfach auf IE."
"Ja, danke."
Er wartete, bis sie sich zurückgezogen hatte, dann öffnete er in Windows die History. Aber sie reichte nicht bis in Bernbachs Lebenszeit zurück. Mit Googles Hilfe fand er die Webseite seines Magazins. Es gab schon einen Nachruf auf ihn. Begleitet von einem sehr viel stattlicheren Foto als dem auf der Bettkante. Er holte es sich groß heran und machte fünf Ausdrucke.
Dann las er die älteren Nummern von "Paris Vive" in absteigender Reihenfolge, um sie nach Artikeln von Bernbach zu durchsuchen.
George war ein Journalist, der kontroverse Themen so aufgriff, daß er beim Leser starke emotionale Reaktionen auslöste.
In einem Bericht schilderte er, daß eine verantwortliche Leiterin der Weltgesundheitsorganisation es der Firma Nestle gerichtlich untersagte, in Afrika kostenlos Pulvermilch an aidskranke Frauen zu verteilen, deren gesund geborene Kinder durch die Milch der eigenen Mutter mit Aids infiziert würden, während künstliche Babynahrung sie vor diesem Schicksal bewahren würde.
"Wenn wir dieser Kinder wegen eine Ausnahme machen," zitierte George die verantwortliche Beamtin, "durchlöchern wir unser mühselig aufgebautes Projekt, afrikanische Mütter zur Brustfütterung zurückzuführen. Das kann ich nicht verantworten."
Bernbachs Kommentar: "Wir haben also von uns bezahlte Beamtinnen in der Weltorganisation, die den Tod von zehntausend Kindern mit voller Absicht herbeiführen. Das macht die UNO zum größten Kindermörder seit Herodes. Die französische Regierung sollte die Abberufung der gewissenlosen Beamtin verlangen und ihre Zahlungen an diese Organisation schnellstens einstellen."
In einer anderen Reportage beschrieb er den langsamen Hungertod eines kleinen afghanischen Bergdorfes, der nur durch das Erscheinen eines paschtunischen Händlers aufgehalten wurde, der den Bauern mehrere Sack Mehl brachte und die gleiche Menge an Schlafmohn-Samen. Der Dorfälteste erzählte Georges: "Die Amerikaner haben uns die Freiheit gebracht. Jetzt können wir wieder Opium produzieren und reich werden." Bernbach beschrieb weiter, wie er auf der Fahrt in vielen Seitentälern die Südhänge bereits überzogen fand mit dem hellen Grün junger Mohnfelder. Sein Kommentar: "Die Taleban hatten mittelalterliche Ordnungsvorstellungen. Aber sie haben den Opiumanbau untersagt. Die Amerikaner haben diese Regierung verjagt, um Bin Laden tot oder lebendig zu fangen. Das ist ihnen nicht gelungen. Das einzige, was sie geschafft haben, ist, daß sich in naher Zukunft die Zahl der Drogentoten in den Kellern unserer Gerichtsmedizin drastisch vermehren wird."
Eriks Französisch war nicht gut genug, um Georges Berichte flüssig herunterzulesen, aber seine unerschrockene weltverbesserische Angriffslust beeindruckte ihn tief. Und wahrscheinlich auch Millionen französischer Leser.
Nur einer schien diese Texte nicht gelesen zu haben. Der Mann in Zieglers Konzern, der seinen Lebensversicherungsvertrag unterschrieben hatte. Bernbachs journalistisches Engagement machte ihn zu einem 'Instant Enemy' für die Institutionen, deren Handeln er als kriminell hinstellte.
Er druckte auch die Artikel über Nestle und Afghanistan in drei Kopien aus, um sie Corinna und Ziegler zu geben. Dann löschte er seine Spuren auf dem PC.
"Das ist ja unser Freund," sagte die Betreuerin, als sie die Blätter aus dem Drucker nahm. "Wie haben Sie das nur so schell gefunden?"
Sie machte Kreuzchen auf seine Benutzerkarte und ließ ihn unterschreiben.
Er legte sich zum Nachdenken auf das Bett, auf dem er mit Corinna die Fotos betrachtet hatte. Heute morgen hatte Ziegler ihm von Bernbach erzählt, und jetzt kam es ihm vor, als wäre es sein eigener Fall. Jedenfalls war er viel geeigneter, die Lösung zu finden, denn der Kölner suchte nur nach Fakten, die in sein finanzielles Wunschdenken paßten. Er dagegen hatte in wenigen Stunden ein ziemlich klares Bild von dem Toten gewonnen. Bernbach war ein umwerfend gut aussehender Mann, ein draufgängerischer Herzensbrecher und - wie die Fotoserie bewies - ein kühner Reporter. Daß er sich das Leben genommen hatte, hielt Erik für ausgeschlossen. Unfall oder Mord mußte es gewesen sein, und fünf Millionen waren ein Motiv.
Aber den Verleger als Mörder zu sehen, fiel ihm jetzt nicht mehr so leicht wie beim Frühstück. Verleger waren Kleinkriminelle, die ihre Autoren um Honorare betrogen, gelegentlich sogar um Hunderttausende, wie der legendäre Kurt Desch in München. Aber sie schlachteten nicht die Milchkühe, die sie molken. Wer dann? Er würde es herausbekommen. Er rutschte ab in einen traumlosen Erschöpfungsschlaf.
Für das Abendessen zog er sich gepflegt an. An der Rezeption traf er nur Marylou, die heute einen zu engen Pullover in Goldlamee trug.
"Ich habe Sie vor dem Sonnenbrand gewarnt," begrüßte sie ihn. "Ich möchte nicht wissen, wie Ihr Rücken aussieht."
"Ich habe Ihren Rat mit dem Baumwollhemd befolgt. Wann kommt Michelle?"
"Die hat ihren freien Tag."
Sie schien ihm die Enttäuschung vom Gesicht abzulesen.
"Vertrauen Sie sich mir an. Ich kann Sie auch beraten. Nennen Sie mir Ihre Wünsche."
"Ich bin auf der Suche nach einem gepflegten Abendessen. Aber nicht Selbstbedienung. Das macht zu viel Arbeit."
"Fehlt Ihnen die Kraft, das Essen auf den Teller zu heben? Hatten Sie einen so anstrengenden Tag?"
"Ich kann mich nie entscheiden, was ich nehme. Das ist mein Problem. Ich bin wie der Esel, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert."
"Da weiß ich eine Lösung. Waren sie schon im Grill?"
"Nein."
"Ich bringe Sie gerne hin."
Sie kam extra hinter ihrer Theke hervor, um ihm den Weg zu zeigen.
Wenn man den Grill betrat, mußte man zuerst einen als Sichtschutz dienenden Samtvorhang beiseite schieben. Das Restaurant hatte eine dunkle Holzbalkendecke wie auf einem Segelschiff. Die Tischplatten waren aus glattgescheuertem Holz. In der gedämpften Beleuchtung sah er dunkelbraune Mädchen herumgehen, die einen fußlangen Pareo trugen, der an der Hüfte gebunden war und den Oberkörper bis auf einen knappen Büstenhalter unbedeckt ließ. Ein Anblick, der an Gauguin erinnerte. Er mußte schlucken. Ein Mädchen mit großen Brüsten, die sie wie freischwebend in ihrem BH vor sich her trug, kam auf ihn zu.
"Darf ich Ihnen einen Platz anbieten?"
Sie führte ihn zu einem Zweiertisch am Rande.
"Möchten Sie die Speisekarte haben, oder darf ich Ihnen die Spezialitäten des Tages empfehlen?"
Er setzte sich, und seine Augen waren genau in der Höhe ihres Busens. Die Früchte der Hesperiden. Wie hatte Herakles es nur geschafft, sie an sich zu reißen? Sie bemerkte seinen starren Blick und sagte:
"Sie können sie gerne anfassen."
"Meine Hände sind zu klein."
Sie warf den Kopf in den Nacken und stieß ein gluckerndes Lachen aus, daß die Leute im Restaurant sich nach ihr umsahen.
"Als Vorspeise empfehle ich in der Pfanne gebratene Riesenkrabben in Tomatensoße. Als Hauptgericht ein Rinderfilet mit Sauce Bernaise und Blattspinat, und wenn Sie dann noch Appetit haben, können Sie mich auf ihr Zimmer einladen."
Das klang gut. Er stimmte zu.
"Was trinken Sie?"
"Machen Sie einen Vorschlag."
"Wir haben einen Chardonnay Terre de Feu. Der wächst am Fuß der drei Vulkane, die du im Westen am Horizont siehst. Oder Guavensaft, frisch gepreßt."
"Terre de Feu klingt besser."
Als sie ging, um die Bestellung aufzugeben, fiel ihm auf, wie schmal ihr Rücken war. Das gelb gezackte Längsmuster ihres tiefblauen Pareo bewegte sich in Schlangenlinien.
Das erste, was sie ihm brachte, war ein Glas Wein.
"Wenn Sie wünschen, daß ich mich zu Ihnen setze, dürfen Sie für mich einen Ladydrink bestellen. Dann kann eine andere Kollegin weiter bedienen."
"Ja bitte," sagte er ohne zu überlegen.
Sie kam mit einer roten Flüssigkeit in einem hohen Glas zurück und setze sich wie selbstverständlich zu ihm an den Tisch.
"Wie heißt du?" fragte er.
"Amina."
"Ich heiße Erik."
"Du bist zum ersten Mal hier?"
"Im Grill, ja." Er hob das Glas mit ihrem Ladydrink an die Nase.
"Das ist Guavensaft," erklärte sie. "Ohne Alkohol."
"Amina ist ein arabischer Name. Nicht wahr?"
"Meine Vorfahren waren Sklavenhändler. Sie haben schwarze Afrikaner an die weißen Goßgrundbesitzer verkauft."
"Bist du Muslima?"
"Katholikin. Meine Großeltern haben sich taufen lassen, um auf der Insel zu bleiben. Noch ein Glas Wein?"
Er verstand nichts von Wein. Er hatte ihn einfach heruntergetrunken, weil er gut schmeckte. Nicht zu herb, nicht zu süß, sondern so, daß man nicht aufhören konnte, bevor das Glas leer war.
Zusammen mit dem Wein brachte sie ihm die gebratenen Krabben und einen Korb Weißbrot. Die Krabben waren so heiß, daß er den ersten Bissen tief atmend zwischen den Zähnen abkühlen lassen mußte. Erik hatte das zweite Glas ausgetrunken, ohne es zu merken. Die gebratenen Krabben waren so mächtig, daß sie schon als Hauptgericht gereicht hätten. Amina tunkte ein Weißbrot in die Tomatensoße und lutschte genüßlich daran, die Lippen rund machend.
"Entschuldige," fiel ihm zu spät ein, "ich habe dir nichts zu essen bestellt. "
"Ich habe schon gegessen."
Sie setzte die Unterarme auf die Tischkante und legte ihren Busen darauf ab.
"Guaven sehen so ähnlich aus," sagte er, mit dem Handrücken zum ersten Mal die freie Oberseite ihrer Brüste streifend.
"Wenn sie gut sind. Aber sie haben eine warzige, grüne Haut und keine Nippel."
Sie hatte recht. Auf einem Marktstand hatte er einmal frische Guaven in die Hand genommen. Ihre Schale war glatt und hart. Das Fruchtfleisch holzig und schwer zu kauen.
"Wenn du mehr davon sehen willst," – er verstand nicht sofort, was sie meinte – "kannst du mich als Nachspeise buchen. Welche Zimmernummer hast du?"
Sein Herz begann zu hämmern. Die Offenheit des Angebots bestürzte ihn. War es wirklich ernst gemeint? Konnte er es annehmen, ohne sich lächerlich zu machen? Übermorgen würde Corinna hier bedienen. Sie durfte nichts erfahren. Unvorstellbar, daß sie sich so an die Gäste ran warf. Oder? Wie hatte sie Bernbach kennengelernt?
Amina nahm den leeren Teller weg und kam mit dem Rinderfilet und einem dritten Glas Wein wieder. Das beim Schneiden aus dem Fleisch austretende Blut färbte die gelbe Soße tiefbraun. Er reichte Amina mit der Gabel einen Bissen, und sie nahm ihm noch einen zweiten und einen dritten ab. Dann fütterte sie ihn. Der Wein war stieg ihm in den Kopf und legte eine neue Perspektive der Schwerelosigkeit über alle Dinge.
In seinen Handflächen wuchs der Wunsch, die goldenen Äpfel zu gewinnen. Anders als heute mittag bei Corinna würde hier kein Toter zwischen Wunsch und Erfüllung treten. Er mochte Corinna viel intensiver als dieses Mädchen, aber Corinna würde in ihre Trauer um Bernbach eingeschlossen sein wie Brünhilde in Wotans brennenden Felsen.
"Keine Angst," sagte Amina, "ich hol dir noch einen Wein."
"Zimmer vierunddreißig!" raunte er ihr zu.
Er sah sie an der Theke mit Kolleginnen scherzen. Als sie zurückkam, stellte sie den Wein in den nassen Ring, der vom letzten Glas auf der Tischplatte zurückgeblieben war.
Das Feuer, das unter der Erde gewesen war, brannte in seinen Schläfen. Hüte dich, sei wach und munter.
"Es ist nicht nötig, daß man uns zusammen hinaufgehen sieht. Du gehst voran, ich komme gleich nach."
Sie brachte die Rechnung. Er verstand, weshalb die Rezeptionistin von ihm tausend Dollar im Voraus abgebucht hatte. Nur gut, daß er das nicht bar bezahlen mußte. Er unterschrieb erleichtert. Er mußte dringend eine Bank finden, die ihm eine Cash-Advance gab.
In seiner Schläfe blitzte das Bild Corinnas auf. Es waren ehrliche, tiefe Gefühle, die sie geteilt hatten. In was für eine Gesellschaft war er jetzt gerate? Aber sein Flugzeug wartete schon auf den Rückflug, und alles, was er bisher vom Urlaub gehabt hatte, war ein Sonnenbrand gewesen.
Als Amina in sein Zimmer trat, hatte sie ihren Pareo unter den Schultern zusammengebunden. Er schloß die Tür ab. Sie machte sofort den Fernseher an.
"MTV," sagte sie, "das bringt Stimmung."
"Ich hasse Werbung."
"Bei MTV ist sie lustig."
Sie öffnete ihren Pareo und lehnte sich an seine Brust. Seine Finger berührten ihre Haut. Glatt und warm. Gut zu streicheln. Er tat es, und sie dehnte sich wie eine Katze. Ihn störte nur, daß seine Wahrnehmung durch den genossenen Chardonnay gefiltert wurde.
"Können wir einen Kaffee bestellen?"
Sie ging zum Telefon auf dem Nachttisch und rief den Roomservice an. Dann band sie sich wieder den Pareo hoch.
Die Serviererin, die das Tablett mit dem Kaffee brachte, war eine junge Kreolin, die sich unbeholfen bewegte, da ihr Gleichgewichtssinn durch eine fortgeschrittene Schwangerschaft beeinträchtigt wurde.
"Salu," sagte sie freundlich. "Ich heiße Melissa."
Corinna hatte ihm heute Mittag erzählt, daß die Hausdamen hier mit dem modernsten Verhütungsmittel der Welt versorgt wurden. Gehörte die Kreolin nicht zu dem Personenkreis?
Als sie das Tablett abstellte, verlor sie die Balance und stützte sich mit der rechten Hand ab. Aber die Kraft reichte nicht aus, um die Schwerkraft aufzuheben, und die Abwärtsbewegung setzte sich fort, bis sie mit den ausgestreckten Fingern der Linken am Fußboden Halt fand.
"Autsch," sagte sie, unfähig, sich aus eigener Kraft aufzurichten. Amina half ihr hoch, aber als sie sie losließ, taumelte die Schwangere unsicher.
"Leg dich einen Augenblick hin, das vergeht gleich wieder," empfahl Erik.
"Excusé!" stöhnte die Schwarze und ließ sich vorsichtig nieder.
"Wieso arbeitet sie in diesem Zustand?" fragte Erik Amina.
"Weil sie dafür Gehalt bekommt."
Er setzte sich auf die Bettkante und faßte nach dem Handgelenk des Mädchens, um ihren Puls zu fühlen.
"Bist du ein Arzt?" fragte Amina.
"Alles in Ordnung," erwiderte er. "Das kommt schon mal vor. Kennst du den Hamlet von Shakespeare?"
"Nie gehört."
"Eine Geschichte von einem Königssohn, der seine Vorlobte in Umstände bringt. Als sie auf einer Brücke steht, will sie, wie früher immer, einen Weidenzweig abbrechen, aber ihr Körper hat jetzt einen anderen Schwerpunkt. Sie stürzt in den Mühlenbach und ertrinkt."
"Hier nicht möglich!" kommentierte Amina. Aber der Hotelgast Bernbach war ertrunken, ohne schwanger zu sein.
Die Kreolin hatte ein dünnes Handgelenk mit einem heftig klopfenden Puls.
"Fünf Minuten," schlug er vor, "dann kannst du wieder an deine Arbeit gehen."
"Tut mir leid," entschuldigte sie sich.
Amina setzte sich zu ihnen. "Wenn du schon hier bist, zeig doch mal, wie dein Baby strampelt."
"Da ist nichts zu sehen," widersprach sie.
"Stell dich nicht an." Zu Erik gewandt: "Man sieht nämlich, wie der Bauch sich ausbeult, wenn das Baby mit seinen Füßen stößt." Sie beugte sich über die Kollegin, öffnete den Reißverschluß ihres Baumwollrockes und zog den Stoff nach unten.
Erik stand auf und trat ein Stück beiseite. Es war ihm peinlich, wie Amina mit der Schwangeren umsprang. Sklavenhändlerin und Sklavin.
"Das mußt du sehen!" rief Amina.
Der freigelegte Bauch wölbte sich wie eine schwarze Trommel in die Luft. Nur die Haut der Nabelgrube schimmerte rötlich.
"Du kannst ruhig gucken, wenn du willst," ermutigte ihn die Liegende. "Sie heißt Melinda."
Er fuhr mit der flachen Hand über ihren Bauch. Es war überhaupt nicht erotisch und ihm in keiner Weise peinlich. Ehrfurcht und Rührung überkamen ihn. In so einem kleinen Faß aus Fleisch hatte er auch einmal gekauert. Er faßte sich an die Knie und Ellbogen. Unvorstellbar, aber nicht abstreitbar. In wenigen Wochen würde dieses Wesen ins Leben gepreßt werden, Milch trinken, Sitzen, Krabbeln, Gehen lernen, Weihnachtslieder singen, bunte Kleidchen anziehen wollen.
"Wo läßt du Melinda, wenn du arbeiten gehst?"
"Bei meiner Mutter. Sie freut sich so. Wir haben ein Haus an der Baie de Pecheur."
Er erinnerte sich an die bunten kleinen Holzhäuschen. Primitiv, aber direkt am Strand mit seinen Muscheln, Korallenästen, Seesternen.
Ihn überraschte, wie ruhig und diszipliniert sich dieser eingeschlossene kleine Mensch verhielt. Er selber war bestimmt viel ungeduldiger gewesen, immer auf der Suche nach einem neuen Solea auf der anderen Seite der Fruchtblase oder der Erdhalbkugel.
"Wie kann ich fühlen, daß es sich bewegt?"
"Im Augenblick schläft es."
"Richtig," rief Amina, "sonst sieht man immer, wie die Bauchwand wackelt."
"Seit wann schläft es?"
"Seit heute Mittag. Am Vormittag hat sie so wild gezappelt, wie noch nie, und jetzt schläft sie tief. "
"Wenn ich schlafe, drehe ich mich dauernd von der einen auf die andere Seite. Macht Melinda das nicht?"
"Heute nicht."
Er legte beide Hände auf ihren Bauch. Er war hart und unbeweglich. War das in Ordnung? Erik hatte von einem Fall gehört, daß ein Embryo sich die Nabelschnur um den Hals geschlungen und die Blut-Zufuhr abgeschnitten hatte. Das heftige Zappeln Melindas hätte ihr Todeskampf gewesen sein können.
"Vielleicht soll sie nicht die ganze Zeit schlafen. Ich muß mal eine Bekannte um Rat fragen."
Es war ein Tick, eine fixe Idee, das Feuer aus den drei Vulkanen. Aber er hatte sich heute Abend von Amina so widerstandslos manipulieren lassen, daß er jetzt seinen eigenen Kopf durchsetzen mußte. Wie lange konnte eine Frau ein ersticktes Baby in ihrem Bauch herumtragen, bevor sie sich daran vergiftete? Er bat die Telefonzentrale, ihn mit der Hotelärztin, Frau Bethancourt, zu verbinden, und nur mit ihr und keinem anderen Bereitschaftsdienst-Arzt. Er war bereit, sich bis auf die Knochen zu blamieren, falls seine Vermutung falsch war, aber er wollte Gewißheit.
Nach drei Minuten hatte er eine mißgelaunte Gynäkologin in der Leitung.
"Guten Abend, Frau Professor, hier ist Neuhaus aus der Auberge. Ich war heute morgen bei Ihnen."
"Ach, der Deutsche."
"Ich brauche dringend einen Rat. Ich bin auf meinem Zimmer und habe ein Mädchen hier, das hochschwanger ist."
"Das will ich gar nicht wissen."
"Ich brauche einen medizinischen Rat."
"Können Sie haben. Lassen Sie die Finger davon."
"Es geht nicht um mich. Ich will, daß Sie mit dem Baby in ihrem Bauch telefonieren."
"Haben Sie den Verstand verloren?"
"Das müssen Sie entscheiden. Ich stelle jetzt das Telefon auf Lautsprecherbetrieb und lege den Hörer auf Melissas Bauch."
"Guten Abend, Kleines."
"Guten Abend, Frau Doktor."
"Wie geht es deinem Baby."
"Sehr gut. Melinda schläft gerade."
"Das ist fein. Hallo Melinda, hörst du mich?"
"Sie kann noch nicht sprechen," sagte die Mutter.
"Sie kann Stimmen erkennen und sich darüber freuen. Schieb mal den Hörer hin und her."
"Können Sie etwas hören?" fragte Melissa.
"Ich höre, wie du atmest, ich höre das Fruchtwasser gluckern, ich höre das Essen in deinem Darm, ich höre ein Herz schlagen, etwa siebzig Mal in der Minute. Jetzt leg den Hörer auf den Nabel, mehr nach rechts, mehr nach links. Okay, Melissa. Hörst du mich?"
"Ja, sehr gut."
"Paß auf. Ich komme gleich noch mal in meine Hotelpraxis. Dann machen wir ein Ultraschallfoto von Melinda. Was hältst du davon?"
"Heute Abend?"
"Sagen wir in zehn Minuten. Und bring deinen Freund gleich mit."
Sie legte auf.
"Ich versteh nicht, was das soll," sagte Amina. "Ich dachte, wir machen uns einen schönen Abend."
"Machen wir doch. Aber wenn Frau Doktor will, daß ich das Mädchen nach unten begleite, muß ich das tun. Es dauert nur eine Viertelstunde."
"Das wäre nett," stimmte Melissa zu.
"Du kannst hier warten," sagte Erik zu Amina.
"Mir ist kalt," erwiderte sie. Erik gab ihr seinen Baumwollpulli aus dem Schrank. Er und Melissa zogen sich wieder an und fuhren mit dem Lift ins Souterrain.
Die Ärztin war noch nicht da.
Melissa lehnte sich gegen die Wand.
"Hast du schon einmal Ultraschall gehabt?"
"Davon weiß ich doch, daß Melinda ein Mädchen ist."
"Hallo ihr," sagte die Ärztin, "was habt ihr denn angestellt?"
"Mir ist plötzlich schlecht geworden, als ich ihm den Kaffee hinstellte, " erklärte Melissa. Erik war ihr unendlich dankbar für diese Bemerkung. Die Ärztin machte Licht und schaltete das Ultraschallgerät ein.
"Zieh dich aus und leg dich dahin," sagte sie zur Schwangeren. Dann wandte sie sich Erik zu. "Ich hatte mir unser Wiedersehen anders vorgestellt."
Sie zog ein Stethoskop vom Tisch und beugte sich über Melissas Bauch.
Er hatte keine Lust, den Bauch anzusehen. Er blickte sich im Zimmer um. Er hörte zum ersten Mal das Rauschen ihres großen medizinischen Kühlschranks. Auf einem Stuhl lag ein Tiefkühlversandgefäß, von dem das Etikett abgerissen war.
"Das kitzelt," kreischte Melissa. "Melinda wird strampeln."
"Das soll sie."
"Ih, kalt! Komisch, sie macht keinen Mucks."
"Jetzt auch nicht?" Die Ärztin schob das Stethoskop über den ganzen Bauch und stieß zwei Finger in die Bauchwand. Dann horchte sie aufmerksam.
"Nein. Nichts."
"Da schläft sie aber tief."
Sie blickte Erik mir ihren kurzsichtigen Augen an.
"Haben Sie Medizin studiert? Ich dachte, Sie sind Psychologe."
"Ich war Sanitäter in der Armee."
"Haben Sie dort schwangere Soldatinnen betreut?"
"Nein. So weit ist es nie gekommen."
"Alle Achtung. Jetzt machen wir das Foto. Können Sie die Tube nehmen und das Gel über Melissas Bauch ausdrücken?"
Die Ärztin fuhr mit dem Scanner über die Bauchhaut. Auf dem Bildschirm erschienen bewegte Grauschleier. "Hier haben wir das Köpfchen. Sie hat den Daumen im Mund. Ich mache drei Hardcopys. Und jetzt gehen wir auf ihren Brustkorb. Das Herz eines Embryos bewegt sich über hundertmal in der Minute."
"Ich sehe es."
"Was man sieht, ist der Blutkreislauf der Mutter. Das Kind hat keinen mehr."
"Kann ich es auch sehen?" fragte Melissa, die die Bedeutung der letzten Worte nicht verstanden hatte.
"Wenn du dich bewegst, geht das Bild kaputt. Wann hat Melinda sich zuletzt bewegt?"
"Heute früh."
"Sehr gut. Weißt du, was ich gesehen habe? Dein Bauch ist viel zu eng für so ein großes Kind wie Melinda. Sie muß sofort raus."
"Sie ist doch noch so klein."
"Wischen Sie ihr das Gel vom Bauch," sagte sie zu Erik. Sie zeigte ihm die Zellstofftücher.
Als er das erste gelverschmierte Tuch in einen weißlackierten Abfalleimer werfen wollte, dessen Deckel man mit dem Fuß öffnen mußte, sah er am Boden des Eimers mehrere leere Ampullen und Einwegspritzen. Er hob die Ampullen vorsichtig auf und hüllte sie in ein sauberes Zellstoffblatt, das er in seine Hosentasche schob. Wenn hier - wie Corinna behauptet hatte - das modernste Empfängnisverhütungsmittel der Welt benutzt wurde, sollten seine künftigen Freundinnen in Deutschland auch die Chance haben, mit ihrem Frauenarzt darüber zu reden. Die Ärztin merkte nichts davon, weil sie gerade eine Spritze aufzog und auf die Luftbläschen achtete. Es dauerte eine ganze Weile, bis er Melissas dicken Bauch trocken gerieben hatte. In der Zwischenzeit war bereits der Oberarm des Mädchens abgebunden.
"Aua," sagte Melissa. "Was ist das?"
"Nicht bewegen. Jetzt drück den Tupfer gegen die Einstichstelle. Ganz fest." Sie warf die Spritze in den Abfalleimer.
"Das war ein Wehenmittel. Dadurch öffnet sich langsam deine Gebärmutter und deine Tochter kann raus."
"Tut das nicht wahnsinnig weh?"
"Du bekommst soviel Schmerzmittel, wie du brauchst. Zieh dich wieder an. Ich bring dich jetzt ins Krankenhaus. Und deinem Freund sagen wir gute Nacht."
"Ich weiß nicht, ob ich alles richtig mitbekommen habe," sagte Erik.
"Ich denke schon. Gut, daß sie mich angerufen haben. Die Mutter verdankt Ihnen ihr Leben."
"Was sage ich, wenn mich ihre Kolleginnen fragen?"
"Sie sagen, bei Melissa haben vorzeitig die Wehen eingesetzt."
"Sie wollten mir einen Ausdruck geben."
Sie nahm das Papier aus der Ablage und knipste das Ultraschallgerät aus.
"Hier. Und jetzt gehen Sie. Wir sehen uns Dienstag früh."
"Sag allen, sie sollen uns im Krankenhaus besuchen," rief Melissa. Er umarmte sie schüchtern und fühlte ihren harten Bauch.
Als er vor seiner Zimmertür stand, fiel ihm ein, daß er keinen Schlüssel mitgenommen hatte. Er klingelte.
Amina hatte seinen Baumwollpullover übergezogen und sah darin viel biederer aus als vorhin beim Bedienen.
"Da ist ja das Foto." Sie riß ihm das Papier aus der Hand. "Ich kann nichts erkennen."
Er zeigte ihr das Profil des Gesichts und die Faust mit dem Daumen, an dem das Kind zu nuckeln schien.
"Das ist süß. Aber ich will nicht so einen dicken Bauch bekommen. Man wird nie wieder so schön wie vorher. Wo ist Melissa?"
"Sie kann nicht kommen, sie fährt gerade ins Krankenhaus. Bei ihr haben die Wehen eingesetzt."
Es fiel ihm leicht zu lügen, aber er brachte die Worte nur gepreßt heraus, weil ihm das Entsetzen die Brust zusammenquetschte.
"Das wird das erste lebendige Baby, das unser Fitneßbetrieb hervorgebracht hat. Ist das nicht verrückt?"
"Bist du noch nie schwanger gewesen?"
"Ich bekomme die Monatsspritze und lasse regelmäßig die Vorsorgeuntersuchung durchführen."
"Gegen was?"
"Probleme mit der Gebärmutter. Es ist ganz harmlos. Du kannst am nächsten Tag schon wieder arbeiten."
"Wie oft wird das gemacht?"
"Alle paar Wochen."
"Das habe ich noch nie gehört."
"Das ist der Vorteil hier, daß wir so aufmerksam betreut werden."
Sie zeigte ihm, daß sie an seiner Whiskyflasche gewesen war, und wollte wissen, wie stark verdünnt er seinen trinken wollte.
Er deutete es ihr mit den Fingern an, und während sie sein Getränk vorbereitete, versteckte er die Ausbeute benutzter Ampullen unauffällig in seinem Safe und holte hundert Dollar heraus. Zur Auswertung des Präparats brauchte er wahrscheinlich einen Spezialisten.
"Noch einen Spritzer stärker, bitte," wies er sie an.
Er hatte Angst, allein zu bleiben mit seinem schrecklichen Wissen, aber er hatte auch keine Lust, sich das Geschwätz der Araberin anzuhören. Vielleicht würde sich der Whisky wie eine Dämmschicht dazwischen schieben. Er nahm einen kräftigen Schluck.
"Du bist doch kein Säufer? Ich meine, kannst du dann noch?"
Das war im Augenblick das Letzte, was ihm in den Sinn gekommen wäre, aber seine Gefährtin hatte offenbar nichts anderes im Kopf, denn sie fragte unbefangen: "Was machen wir nun mit dem angefangenen Abend?"
Er ging ins Badezimmer und nahm heimlich eine Schlaftablette ein, von der er wußte, daß sie bei ihm in zehn Minuten eine spezielle Dysfunktion herbeiführen würde.
Er schob Amina aufs Bett, nahm sie ganz eng in die Arme und zog ihren Kopf an seine Brust. Er hatte immer noch ein Gefühl der Lähmung in der Kehle. Aber er streichelte automatisch ihre Schultern. Er hatte die goldenen Äpfel der Hesperiden pflücken wollen und statt dessen den Tod unter die Finger bekommen. Gestern wäre er beinahe selber gestorben, heute hatte er ein totes Baby in seinen Händen gehalten.
Es kam ihm vor wie ein Irrtum des Schicksals. Wenn er gestern in der Baie ertrunken wäre, könnte das Baby Melinda heute noch vergnügt in seinem Fruchtwasser herumschwimmen. Was für ein Mißgriff zu seinen Gunsten.
"Du bist so still," sagte seine Partnerin. "Woran hast du das gemerkt, daß Melissa ihre Wehen bekam?"
"Ich weiß nicht," log er, "es war so ein Gefühl. Dein Geld liegt auf dem Schreibtisch.".
"Ich bleibe heute Nacht hier, wenn du nichts dagegen hast."
"Zum Schlafen?"
"Auch zum Schlafen." Sie drehte den Dimmer auf Dämmerlicht. Er sagte nichts und ließ ihr ihre Illusion.
4. KAPITEL SIEBENUNDZWANZIGSTER /FREITAG
Als Erik in der Morgenhelle nach und nach erwachte, lag er allein im Bett. Jeden Augenblick mußte der Frühstücksanruf kommen. Er setzte sich auf. Unter seiner Hirnschale bewegte sich der Kater mit tausend kratzenden Füßen. Wieviel Gläser Wein hatte er gestern getrunken? Vier, höchstens fünf, angefüllt mit Kraft der drei Vulkane, auf denen sie wuchsen. Dann das Schlafmittel und der Whisky. Die Erinnerung an die schwarze Ophelia. Unwirklich. Besser nicht wahr. Er duschte lange eiskalt, um sein System wieder hochzufahren.
Auf der Frühstücksterrasse hatte Ziegler das Obst entdeckt.
"Vitamine geben Lebenskraft. Diese Mangos - ein Gedicht. So einen Geschmack findest du bei importierten Früchten überhaupt nicht. Halt, halt. Hol dir selber welche."
"Mein Bargeld ist gleich alle," lenkte Erik ab. "Ich brauche noch mehrere hundert Dollar, um mit Anstand über die Runden zu kommen."
"Ich habe schon recherchiert. Heute Vormittag haben die Banken wieder geöffnet. Leider liegt die einzige Bank, die uns auf unsere Kreditkarten zweitausend Dollar Cash Advance gibt, am Point du Nord, wo die Fünf-Sterne-Hotels angesiedelt sind. Die in der Gegend hier rücken bloß fünfhundert raus."
"Money is your business. Wie kommen wir hin?"
"Ich habe einen Mietwagen besorgt. Du könntest die Benzinkosten übernehmen. Es sind über hundert Kilometer hin und zurück."
"Wir sollten die Badehose mitnehmen. Dort oben gibt es die schönsten Strände."
"Ich bin hier, um den Versicherungsanspruch eines Mannes zu klären, der beim Baden ertrunken ist. Mir ist nicht nach Schwimmen zumute."
"Du bist verpflichtet, auszuprobieren, wie leicht man hier ertrinkt."
"Wenn du als erster ins Wasser gehst."
"Mach ich."
"In einer Viertelstunde in der Lobby. Vergiß deinen Ausweis nicht."
Der Mietwagen war ein winziger Fiat, der kein Schiebedach, aber eine Klima-Anlage hatte. Da es dauern würde, bis sie die gestaute Hitze aus dem Inneren verblasen hatte, ging Erik mit der Straßenkarte, die auf seinem Sitz lag, ins Hotel zurück, um sich von der Rezeptionistin - heute nicht Marylou - die genaue Lage ihres Hotels einzeichnen zu lassen.
"Wohin fahren Sie?"
"Point du Nord".
"Das ist hier." Sie hielt ihren roten Fingernagel auf eine Ausbuchtung am unteren Ende der Karte.
"Der Point du Nord muß doch oben sein," widersprach er und zeigte auf den entgegengesetzte Rand der Karte.
"Das ist ein Irrtum, den viele Touristen machen. Bei uns ist der Süden oben und der Norden unten. Der schwarze Pfeil hier zeigt zum Südpol."
"Darauf wäre ich nie gekommen."
"Es gibt Gäste, die fahren stundenlang in die Irre, weil sie das nicht begreifen. Dabei ist es ganz einfach, wenn Sie sich nach der Sonne orientieren. Die Sonne steht zu Mittag im Norden."
"Im Norden?"
"Sie sind hier auf der Südhalbkugel der Erde. Deshalb ist alles andersherum, als sie es gewohnt sind."
"Danke. Sie haben meinen Tag gerettet."
Der Fiat war jetzt ausgekühlt, und Ziegler fragte ungeduldig, was er so lange getrieben habe.
Der Fahrersitz war rechts, weil das Land Linksverkehr hatte, obwohl Französisch als Umgangssprache dominierte, und Erik mußte immer wieder das Erschrecken darüber niederkämpfen, daß sie auf der falschen Straßenseite fuhren.
Die Landstraße nach Norden, die auf der Karte in dickem Rot leuchtete, war gut asphaltiert, aber so schmal, daß sie keine Möglichkeit hatten, einen drei Meter hoch mit Zuckerrohr beladenen Laster zu überholen, der auf abgenutzten Stoßdämpfern vor ihnen her schaukelte. Die Straße war übersät mit armdicken braunen Zuckerrohrstämmen, von denen einige schon plattgepreßt waren, während andere beim Darüberfahren gegen die Karosserie hochschnellten.
"Hoffentlich reißt uns das keinen Bremsschlauch ab," unkte Ziegler. Er trat von Zeit zu Zeit so hart auf die Fußbremse, daß Erik seinen Sicherheitsgurt anlegte.
Als der Zuckerrohr-Transporter nach rechts in einen Feldweg abbog, hatten sie freie Fahrt, bis ihnen ein Touristenbus entgegenkam, der so groß war und so laut hupte, daß sie ganz links am Straßenrand stehen blieben und beinahe mit einem Feldstein kollidiert wären, was Ziegler aber von seinem Platz rechts nicht abschätzen konnte.
"Zweihundertfünfzig Dollar pro Bett," kommentierte Erik. "Warum hat Bernbach keine Reportage über die Herbergen der Nouveaux Riches geschrieben?"
"Er war einem ganz großen Ding auf der Spur, hat er seinem Chef ge-emailt."
"Bei uns im Hotel?"
"Er war Franzose. Für die ist Sex kein Thema."
Die Landschaft wurde immer karger, je weiter sie nach Norden kamen. Das Meer leuchtete blau in der Ferne. Ab und zu wiesen aufwendig gestaltete Wegweiser auf Fünf-Sterne-Resorts hin, die mit ihren in den Horizont geduckten roten und blauen Ziegeldächern an thailändische oder balinesische Baustile erinnerten. Auf halbem Wege blockierten Schlagbäume den Zugang, die Ähnlichkeit mit Grenzübergänge des Kalten Krieges oder der Zeit der Apartheid in Südafrika besaßen.
Weil Erik links saß, erkannte er als erster den Wegweiser "Öffentlicher Badestrand".
"Wollen wir nicht erst unser Geld abheben?" meinte Ziegler.
"Damit es uns aus dem Wagen geklaut wird?"
"Meinst du nicht, daß hier jedem Dieb die Hand abgehackt wird?"
"Dies ist ein weltlicher Polizeistaat. Die Muslime wurden im letzten Jahrhundert zwangsweise zum Christentum bekehrt." Das hatte Erik letzte Nacht von Amina gelernt.
Der öffentliche Badestrand hatte weder Umkleidekabinen noch Toiletten, aber hochgewachsene Casuarinas spendeten Schatten. Mannshohe Mauern grenzten das Areal gegen die Privatstrände rechts und links ab. Das Meer senkte sich terrassenförmig über eine Reihe von Sandbänken nach Norden ab. Als Erik und Jean die dritte Sandbank überstiegen hatten, reichte ihnen das Wasser erst bis zum Bauch.
"Weiter laufe ich nicht," protestierte Ziegler. "Das ist eine öffentliche Badewanne, kein Strand." Er ließ sich auf den Rücken fallen und planschte wie ein Kind. Erik schloß sich ihm an. Wenigstens gab es hier keine gefährliche Strömung. Das Wasser war so lau, daß es kaum erfrischte. Erst als sie ans Ufer zurückwateten, kühlte der Wind sie ab.
Auf der Weiterfahrt sahen sie rechts von der Straße schmucke Apartmenthäuser im kanarischen Stil, die leer zu stehen schienen. In vielen Fenstern hing ein Schild "A Luer", und an einem Balkon lasen sie sogar "35 Dollar/Nuit."
"Halt mal an," sagte Erik. "Hier stimmt was nicht."
Sie fanden einen Parkplatz direkt an einem Minimarkt.
"Auf der linken Straßenseite verlangen die Hotels 250 Dollar pro Nacht, und als ich ankam, war nicht ein einziges Bett mehr frei. Dabei bekommst du hier ein Apartment für 35 Dollar die Nacht, und die meisten sind in der Hochsaison unvermietet. Warum hat man mir davon am Flughafen nichts erzählt?"
Sie gingen die Stufen zum Minimarkt hinunter. Der Inhaber, ein weißhaariger Mann mit einem faltigen Gesicht, grüßte sie höflich. Auf der Ladentheke standen zwei angebrochene Pappkartons mit Flaschen, die "Red Label" und "Black Label" hießen, aber keinen Wandersmann auf dem Etikett zeigten.
"Ist das Whisky?" fragte Erik.
"Von unserer Insel. Ich kann ihn sehr empfehlen."
Der "Red Label" kostete vier Dollar die Flasche, der "Black Label" sechs.
Erik wählte eine schwarze Flasche.
"Wissen Sie, ob man hier im Haus ein Appartement mieten kann?"
"Nur wenn Sie eine Daueraufenthaltsgenehmigung haben. Ursprünglich wurden sie für Touristen gebaut. Deshalb habe ich den Laden hier. Aber dann hat die Baupolizei behauptet, die Badezimmer seien viel zu klein für die Ansprüche der Touristen. Sie müßten dreimal größer sein. Deshalb darf nicht an Ausländer vermietet werden. Es sind schöne Wohnungen mit eingerichteter Küche und allem. Die Bauherren gehen jetzt an den Hypotheken kaputt."
"Es sieht so aus," kommentierte Erik, "als hätte sich die typisch südostasiatische Korruption auch auf Ihrer schönen Insel eingenistet."
"Das war früher nicht so. Erst seit sie diesen Chinesen zum Tourismusminister gemacht haben. Den einfachen Leuten wird rücksichtslos die Kehle zugedrückt."
Erik zog seine Brieftasche, um den Whisky zu bezahlen. Er nahm das Foto von Bernbach heraus und zeigte es dem Alten.
"Ist es möglich, daß dieser Mann vor vier Wochen bei ihnen eingekauft hat?"
Das Foto wurde aus verschiedenen Abständen betrachtet. Dann schüttelte der Weißhaarige seinen Kopf.
"Ein so gutes Gesicht vergißt man nicht. Er war bestimmt nicht hier."
"Schade."
Ziegler nahm ihm das Foto aus der Hand.
"Sieh mal an. Wie bist du da drangekommen?"
"Später," sagte Erik.
Der Alte gab ihm auf seine zehn Dollar in Landeswährung heraus und fragte, ob er die Flasche einpacken sollte.
"Wenn Sie in einem Hotel wohnen, bekommen Sie Ärger mit dem Wachdienst."
"Wir nicht," sagte Ziegler bestimmt. Erik nahm das Foto wieder an sich.
Das Auto hatte sich mit Hitze angefüllt.
"Du glaubst also," fragte Ziegler, "Bernbach wurde beseitigt, weil er die Korruption der Regierung aufdecken wollte. Staatsbegräbnis, sozusagen." Er ließ den Wagen an, ohne Eriks Antwort abzuwarten.
"Du hast doch gesagt, er war einem ganz großen Ding auf der Spur!" rief Erik.
"Das hat er behauptet. Eine Tourismus-Behörde bringt keine Touristen um. Das wäre schlecht fürs Image."
Eine Viertelstunde weiter kamen sie nach Point du Nord, einem ärmlich verträumten Städtchen, das an Sant Angelo auf Ischia erinnerte, aber ohne die Steilküsten. Und ohne die Touristenmassen. Ihre Bank erkannten sie an den überdachten Parkplätzen. Obwohl sie schnell bedient wurden, froren sie in der Zugluft der Aircondition, und Erik bekam einen Hustenanfall, der ihn daran hinderte, seine Zehn-, Zwanzig- und Fünfzig-Dollarscheine nachzuzählen.
Als sie wieder in der Hitze standen, erspähte Ziegler die Schautafel einer Pizzeria, in der man eine Pizza schon ab drei Dollar bekam. Eine schick gekleidete Familie mit hin und her wuselnden Kindern waren die einzigen Gäste außer ihnen. Der Wirt verzog keine Miene, als sie Pizza Margharita mit Cola bestellten.
"Wie bist du an das Foto gekommen?" fragte Jean.
"Ich habe noch mehr gefunden. Hier sind zwei Artikel aus 'Paris Vive' Kennst du die?"
Ziegler konnte Französisch viel flüssiger herunterlesen als Erik. Die Hauptverwaltung der Colonia Versicherung hatte ihren Sitz ja auch nach Frankreich verlegt. Er hatte die Reportagen im Nu durch.
"Ein Jammer um den Mann," sagte Jean kopfschüttelnd. "Glaubst du, das ist eine Spur? Der CIA?"
"Nein. Der CIA kauft gute Journalisten, er ersäuft sie nicht. Alle Spuren führen in das Bordell, das unser Haushalt ist."
"Das will ich nicht gehört haben," protestierte Ziegler. "Die Auberge ist ein stinknormales Hotel für Geschäftsreisende. Der Service liegt absolut im Bereich des Normalen. Als ich neulich in Paris in einem Mittelklassehotel am Arc übernachtete, hatten sie in der Minibar nur eine Viertelflasche Champagner. Ich rief den Nachtportier an und bat ihn, mir eine normal große Flasche aufs Zimmer zu bringen. Weißt du, was er erwiderte? 'Monsieur Siegler, Sie werden den Champagner doch nicht alleine trinken wollen. Das wäre zu schade'."
Er verstummte, weil der Wirt ihre Colas brachte. Der Brackwasser-Geschmack der braunen Flüssigkeit löschte alle Erinnerungen an Champagner-Genüsse aus.
"Wie würdest du es anstellen, wenn du dich umbringen wolltest?" fragte Jean, als er die Cola in der Hand hielt.
"Ich?" erwiderte Erik. "Mich kannst du nicht als Beispiel nehmen. Ich war Sani beim Bund. Ich hätte kein Problem, mir eine Überdosis Heroin zu spritzen, wenn ich nur drankäme. Und du?"
"Es gibt nur eine genußvolle Methode. Ein kurzer Strick mit gut geölter Schlinge, ein fester Haken, und wenn dir schwarz vor Augen wird, bekommst du dasd Abschiedgefühl deines Lebens."
"Das kannst du in unserem Hotel auch ohne Strick haben."
"Es gibt Leute, die springen von den Rheinbrücken ins Wasser. Die sind schon halb weg, wenn sie unten aufschlagen. Aber hier, bei den flachen Stränden, kannst du es dir noch hundertmal überlegen und wieder umkehren."
"Wir wissen nicht, wo er ertrunken ist, oder hast du neue Erkenntnisse?"
"Nicht die Bohne. Weißt du, was der größte Webfehler des Christlichen Abendlandes ist? Daß wir die Kultur des Selbstmordes vergessen haben. Denk an Sokrates, der seinen Schierlingsbecher in der Runde seiner Schüler trank, von liebevollen Worten begleitet. Denk an Cicero - oder war es Seneca, der Lehrer Neros jedenfalls - der sich in seiner Badewanne die Adern öffnete, umgeben von Freunden mit Weingläsern in der Hand. Das nenn ich Kultur."
"Du übersiehst eins. Es waren keine freiwilligen Selbstmorde. Beide hatte man zum Tode verurteilt."
"Auf jeden Fall hatte es Stil."
Die Pizza kam, und Erik war der Verpflichtung enthoben, seine Geschichtskenntnisse weiter zu strapazieren.
Als sie ihr Kleingeld zum Bezahlen zusammenzählten, sagte Erik:
"Den Selbstmord kannst du dir abschminken. Ich habe eine Zeugin getroffen, die schwört, daß Bernbach wasserscheu war."
"Wer ist das? Wo finde ich sie?"
"Sie ist abgereist." Er hatte nicht die Absicht, Corinna beim Servieren im Grill von Jean beglubschen zu lassen. "Du kannst dich auf mich verlassen."
"Wenn das so ist, muß man die Chance, daß er sich auf dem Wasser in Unfallgefahr begab, wie hoch ansetzen?" Er trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte.
"Fünfzehn Prozent," schlug Erik vor.
"Das beruhigt mich."
"Mich nicht. Kein Selbstmord, kein Unfall. Was bleibt, sind 85 Prozent Wahrscheinlichkeit, daß auf dieser schönen Insel ein Mörder unerkannt und unbestraft sein Unwesen treibt."
"Sagst du."
"Alle Spuren führen in die 'Auberge', beharrte Erik.
"Ich habe einen sechsten Sinn für so etwas, widersprach Ziegler. "Der sagt, die 'Auberge' ist sauber. Du verfolgst die falschen Spuren."
Auf dem Rückweg verfuhren sie sich mehrmals, weil Erik Schwierigkeiten hatte, die nord-süd-verkehrte Straßenkarte zu lesen, und Ziegler nicht auf Verkehrsschilder achtete. Kurz vor drei parkten sie wieder vor ihrem Hotel, und sie verabschiedeten sich kurzangebunden. Erik mußte sich das kratzende Meersalz von der Haut duschen. Ziegler wirkte erschöpft durch den ungewohnten Linksverkehr.
Als Erik aus seinem Badezimmer trat, fiel ihm auf, daß das Zimmermädchen schon wieder das Coaching-Album auf sein Bett gelegt hatte. Er hatte gestern zwei Anläufe unternommen, die beide jämmerlich schief gegangen waren. Sollte er in vier Tagen abreisen, ohne etwas erlebt zu haben? Wie hatte Zieglers Pariser Nachtportier gesagt? 'Das wäre zu schade'. Einen dritten Versuch, sagte er sich, hatte er noch gut. Wenn es wieder nichts wurde, würde er sich aufs Schwimmen beschränken. Er las die Durchwahl vom Fitness-Album ab und tippte sie ins Telefon ein.
"Hier ist Zimmer Vierunddreißig. Ich bin auf der Suche nach einer Coaching Partnerin."
"Haben Sie einen bestimmten Wunsch?"
"Ich habe eine Inderin getroffen, die Leda heißt."
"Tut mir leid, die ist beschäftigt."
Eine plötzliche Eifersucht überlief ihn wie eine Gänsehaut.
"Corinna?" fragte er, den Hörer fest umklammernd.
"Die ist heute nicht im Hause."
"Wann kommt sie?"
"Morgen zur Spätschicht."
"Da war eine Japanerin."
"Bei uns arbeiten keine Japanerinnen. Jetzt auf Rufbereitschaft haben wir eine Koreanerin und eine Vietnamesin. Ich schicke sie Ihnen beide vorbei, und Sie können sehen, ob sie mit einer von ihnen einig werden. Soll es sofort sein?"
"So bald wie möglich."
Er war noch im Badezimmer beim Zähneputzen, als seine Türklingel anschlug.
Er erkannte sofort das Mädchen, das Arirang hieß. Sie hatte ein noch breiteres Gesicht als auf dem Foto, schräge Augen und einen rotgeschminkten Kirschmund. Mit ihr ins Zimmer trat eine Asiatin, die einen halben Kopf größer war, ein schmaleres Gesicht besaß und langes schwarzes Haar, das ihr in Strähnen bis auf die Hüften fiel.
"Ich bin Minh," stellte sie sich vor, "das ist meine Freundin Arirang. Wir beide sind die einzigen Asiatinnen in diesem Hotel, die nicht auf der Insel geboren wurden."
Minh reichte ihm eine lange dünne Hand. Sie hatte ein