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Classic SF: |
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Theodore Sturgeon, "Die neue Macht der Erde"
More than Human, USA 1953, Millennium SF Masterworks 28, 233 S.
Classic SF, rezensiert von Arno R. Behrend
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Diese Ansicht vertritt die in Frankfurt am Main begründete Gestaltpsychologie. Ihre Lehre baut auf den aktuellen Wahrnehmungen des Menschen anstelle seiner frühkindlichen Erlebnisse auf. Dabei wird Wert auf den Kontext gelegt, der die Wahrnehmung beeinflußt. So wird ein Turm beispielsweise alleinstehend nur als Turm angesehen. Erst im Panorama einer Stadt erscheint er als Kirchturm.
Dieser Denkschule verdanken wir den Eingang des deutschen Wortes "Gestalt" in den englischen Sprachschatz. Gemeint ist im Englischen damit das neue Ganze, das nicht allein von den Eigenschaften seiner Teile bestimmt wird. Das gilt auch für die Gruppe von telepathisch begabten Übermenschen, die Theodore Sturgeon in seinem Roman MORE THAN HUMAN beschreibt, die ersten Vertreter des neuen "Homo Gestalt".
Ein Idiot geht durch die Welt. Er schläft im Wald und unter Brücken. Er spricht mit niemandem. Und er leidet keinen Hunger. Wann immer er etwas zu essen haben will, gibt ihm jemand etwas, ohne recht zu verstehen, welchem Impuls er eigentlich folgt. Der Idiot, der sich wegen seiner Einsamkeit später den Namen "Lone" gibt, zwingt anderen telepathisch seinen Willen auf und überlebt so, obwohl er sich der Zivilisation nicht anschließt. Er weiß nicht um seine Besonderheit, seine Macht. Eines Tages folgt er einem unwiderstehlichen Rufen, einem telepathischen Impuls, der ihn mit Macht zu einer jungen Frau zieht. Es geht nicht um Sexualität oder auch nur Charme. Er verspürt den Drang, zu dieser Person zu gelangen, ohne sie gesehen zu haben. Es kommt zu einer kurzen und katastrophalen Begegnung, welche die junge Frau nicht überlebt. Lone weiß jetzt, daß er nicht wie die anderen ist. Er kann vorübergehend bei einem älteren Ehepaar leben, verläßt diese Pflegeeltern aber, als sie ein leibliches Kind erwarten. Eine zweite Begegnung mit einem weiteren telepathisch begabten weiblichen Wesen scheint weiter keine Bedeutung zu haben. Diesmal triff Lone ein vierjähriges Mädchen, das ihn mit seinen Impulsen erreicht. Es dauert seine Zeit, bis dieses Kind mit Namen Janie Lone zu dem machen kann, was er im Grunde schon von Geburt an ist - der Anführer einer "Gestalt", einer telepathischen Gruppe, in der jeder seine Funktion hat. Lone gibt die Richtung an. Janie ist Telekinetin und außerdem Lones einzige Verbindung zu Baby. Baby wiederum ist ein, für immer im Körper eines mongoloiden Säuglings gefangenes, menschliches Computerhirn, ein Genie. Die dunkelhäutigen Zwillinge Bonnie und Beanie schließlich wechseln gerade mal zwei Silben miteinander um verbal zu kommunizieren. Dafür beherrschen sie die Teleportation. Sie tauchen völlig unvermittelt an einem anderen Ort auf. Daß sie dabei jedes Mal ihre Kleidung verlieren, löst des öfteren Verwirrung aus. Mit diesen fünf hat sich die Gestalt zusammen gefunden, so scheint es.
Am Anfang des zweiten Teils erfahren wir, daß Lone gestorben ist. An seine Stelle ist Gerry Thompson getreten. Lone hat ihn ausgesucht und ihn in die Gestalt hinein wachsen lassen, bis er ihr neuer Anführer werden konnte. Mittlerweile haben alle die Pubertät erreicht. Gerry sucht einen Psychotherapeuten namens Stern auf. Ihm erzählt er, wie Lone ihn aus der Gosse geholt und für die Gestalt rekrutiert hat. Nach Lones Tod quartierte sich die Gruppe bei einer Frau ein, die er kannte. Diese Alicia Kew ist zwar eine stockkonservative Puritanerin. Sie und die Kinder gewöhnen sich aber an einander. Bald fühlen sich die jungen Telepathen so wohl bei ihrer Pflegemutter, daß sie keine telepathische Verbindung mehr miteinander spüren. Die häusliche Behaglichkeit ist an die Stelle der Verbundenheit in der Gestalt getreten. Aus diesem Grund tötet Gerry Thompson Miß Kew. Er muß nach seinem Verständnis dafür sorgen, daß die Gestalt als telepathische Gruppe wieder funktioniert. Das ist die Last, die er sich bei Stern von der Seele reden muß. Der zunächst so überlegene und souveräne Psychotherapeut läßt die ganze Sitzung über nicht erkennen, ob er Gerrys Geschichte von den telepathischen Kindern glaubt oder nicht. Erst kurz bevor er sein Gedächtnis löscht, läßt Gerry Stern seine Macht als Telepath erkennen. Dann raubt er dem Therapeuten jede Erinnerung an die Sitzung, vernichtet den heimlich aufgenommenen Tonbandmitschnitt und verläßt die Praxis.
Im dritten Teil des Romans steht Hip Barrows im Mittelpunkt. Er ist auf der Jagd nach einer Erfindung, welche die Gestalt-Gruppe nebenbei gemacht hat. Um seinem vorübergehenden Pflegevater auf Dauer dabei zu helfen, den schwer beladenen Laster über matschige Pfade zu bringen, hat Lone Baby einen Antigravitationsgenerator entwerfen lassen. Nachdem der Farmer den Wagen nicht mehr verwendet, schlummert das sensationelle Gerät an der Unterseite des Lasters vor sich hin. Es schwächt in einem großen Umkreis das Erdmagnetfeld. Hip, der Radartechniker bei der U.S. Air Force ist, mißt den Effekt und findet das Gerät. Noch während er sich die epochalen technologischen Umwälzungen ausmalt, tritt ein dümmlich wirkender Soldat an ihm vorbei auf den Laster zu und stellt das Gerät auf volle Leistung. Der Wagen hebt ab und verschwindet für immer in den Weltraum. Der so harmlos aussehende Soldat, den Barrows sich als Begleitung ausgesucht hat, ist niemand anders als der inzwischen erwachsene Gerry Thompson. Er will unbedingt die Entdeckung der Gestalt verhindern. Niemand glaubt Hip. In einer neuen Rolle als Air Force-Psychologe gelingt es Gerry, Hip völlig zu diskreditieren. Wir als Leser erfahren dies alles in Rückblicken. Auch Hips Gedächtnis wird von Gerry gelöscht. Er muß um seine Erinnerungen kämpfen. Ihm zur Seite steht Janie. Die junge Frau ist abgestoßen von Gerrys brutalen Methoden. Mit Hips Hilfe will sie im Anführer der Gestalt wieder das Gute zum Vorschein bringen. Hip ahnt noch nicht, wie sehr die Gestalt und die Menschheit auf ihn angewiesen sind. Nur er kann verhindern, daß die Gruppe bedingt durch Gerrys immer größere Gewissenlosigkeit, irgendwann fürchterliche Verbrechen am zurückgebliebenen Rest der Menschheit begeht. Hip muß den Schlüssel für das Problem finden. Erst wenn er ihn gefunden hat, wird sich zeigen, wie gewaltig die neue Macht auf Erden tatsächlich ist...
Sturgeons Roman stellt den Höhepunkt in einer langen Reihe von Werken über Mutanten und Übermenschen dar. Mit seinem Roman GLADIATOR präsentierte Phillip Wylie 1930 die erste populäre Geschichte über einen Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Sie war das Vorbild für SUPERMAN: Damals ging es noch um einen mental normalen Mann, dessen Körper übermenschliche Fähigkeiten und Eigenschaften erhält. Die mentale Durchschnittlichkeit bedingt vielleicht, daß der Held sich am Ende freiwillig von einem Blitz erschlagen läßt, weil er nach eigener Auffassung keinen Platz unter den Menschen hat. Ähnlich ergeht es den Protagonisten in Olaf Stapledons ODD JOHN (1935) und Stanley Weinbaums THE NEW ADAM. Ihre Isolation in einem Milliardenheer von weniger Intelligenten und Begabten läßt ihren Untergang zwangsläufig erscheinen. A. E. van Vogts SLAN stellt die Antithese dar. Hier verdammen die vom Autor mit Sympathie dargestellten und zunächst verfolgten Mutanten die Normalen aus eigener Machtvollkommenheit zum Untergang.
Sturgeon schlägt sich ebenfalls ganz klar auf die Seite der von ihm erdachten neuen Menschenrasse. So andersartig wie sie sind, können die von ihm beschriebenen sechs außergewöhnlichen Kinder sich nicht offenbaren. Sie müßten das Ende ihrer Freiheit, ihrer gemeinsamen Existenz fürchten. Ohne Hilfe von außen, ganz und gar auf ihre Begabungen angewiesen, müssen sie zurecht kommen und erwachsen werden. Und das ist die größte Herausforderung für den gefährdeten zentralen Charakter Gerry Thompson. Gerry verkörpert die möglichen Schwächen des Übermenschen, seine Arroganz und Rücksichtslosigkeit, den Mißbrauch seiner Macht. Der zweite Teil des Romans "Baby ist Drei" wurde zuerst als unabhängige Kurzgeschichte geschrieben und schlug ein wie eine Bombe. Die Story ist mit Gerrys als Ich-Erzähler geschrieben, während die anderen beiden Teile später in der dritten Person verfaßt wurden. Die Geschichte beginnt und endet mit der Sitzung bei dem Psychotherapeuten Stern. Innerhalb dieses Zeitrahmens wandelt sich Gerry für Stern, wie auch für den Leser auf verblüffende Weise vom paranoiden und seltsamen Sozialfall zu einem beängstigend überlegenen und gewissenlosen Überwesen. Die beiden angefügten Teile schildern, wie sich die Kinder der Gestalt mit traumwandlerischer Sicherheit finden und wie der Widerspruch zwischen überlegenen Kräften und mangelnder Moralität aufgelöst wird. Dabei gibt die zentrale Innovation des Romans, die gegenseitige Abhängigkeit der Charaktere innerhalb der Gestalt-Gruppe, Sturgeon genug Stoff für echte Konflikte und deren Lösung. Jeder der Teile dreht sich um die Bewußtwerdung der Protagonisten. Lone lernt seine Gaben und seine Aufgaben kennen. Gerry erforscht das Motiv für den Mord, den er begangen hat. Hip Barrows erlangt sein Gedächtnis wieder. Sturgeons Telepathen sind keine tugendhaften Helden, wie die ebenfalls miteinander kooperierenden Mutanten in X-MEN. Sie sind keine insgeheim weltbeherrschende Elite, wie es sie in SLAN gibt. Sie sind nur Menschen, die versuchen, mit ihren zusätzlichen Gaben irgendwie zurecht kommen müssen. Wie sie zusammen und als Einzelcharaktere dabei ihren Weg finden wird von Sturgeon mit einer für die SF seltenen Einfühlsamkeit und Glaubwürdigkeit beschrieben. Am Ende steht die Erkenntnis, daß der nächstes evolutionäre Schritt der Menschheit schon begonnen hat. Für DIE NEUE MACHT DER ERDE hat Sturgeon 1953 den International Fantasy Award erhalten - aus gutem Grund.
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this page was created on December 10, 2000
letzte Änderung am 22. April MMI