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Sliden in eigener Sache
Arno R. Behrend

Es gibt Filme, die wie ganz normale Filme aussehen, Ihr wißt schon - Problemfilme, Liebesfilme, Krimis, Politdramen - und dann sind sie doch SF! Hardy Kettlitz ist der Ansicht, daß LOLA RENNT einer der besten SF-Filme des Jahres ist und hat nach eigenen Angaben, mit dieser These Verwirrung unter seinen Arbeitskollegen gestiftet. Er denkt auch, daß dieser Film Eingang in das Heyne-Lexikon von Hahn und Jansen finden wird. Viele von Euch wissen es natürlich schon: Das Phantastische an diesem Film ist das Durchspielen dreier alternativer Wirklichkeiten. Lola (Franka Potente) hat dreimal die Chance, ihren Geliebten (Moritz Bleibtreu) vor einem rachsüchtigen Mafiosi zu retten. Dazu braucht sie ein paar schlappe Tausender, die Papi, die Supermarktkasse oder das Spielcasino rausrücken sollen. Bestechend ist an Tom Tykwers Film die detailgenaue Abstimmung der drei Handlungsvarianten sowie das legere
 Einstreuen von abstrusen Nebenhandlungen durch schnelle Fotofolgen. Diese Innovationen haben dem Film eine Nominierung für den Europäischen Filmpreis eingebracht.
Ich habe den Streifen bisher nicht rezensiert, weil ich mir dachte, daß die Verbindung zu unserem Genre für Euch vielleicht zu dünn ist. Das neue Schema scheint jetzt aber Schule zu machen, so daß man fast von einem neuen Subgenre reden könnte. Fraglich ist allerdings, ob die Regisseure sich mit Space Operas in einen Topf geworfen fühlen wollen.
Die schöne Gwyneth Paltrow kann man sich kaum als Weltraumprinzessin vorstellen, auch wenn ihr Ex Brad Pitt (12 MONKEYS) und ihr jetziger Lover Ben Affleck (ARMAGEDDON) sich beide im Genre getummelt haben. Hochklassige Mainstream-Filme über Liebe, Eifersucht und andere Leidenschaften sind das Metier der grazilen Blondine. In ihrem neuen Film SIE LIEBT IHN, SIE LIEBT IHN NICHT kommt sie gleich doppelt vor. In ihrer ersten Erscheinungsform kriegt sie eine U-Bahn, in der anderen nicht. Die Folgen sind bedeutsam. In der einen Variante erwischt die von Gwyneth gespielte Helen ihr Herzblatt mit einer anderen im Bett. Sie gibt ihm den Laufpaß, lernt einen witzigen neuen Kandidaten kennen und macht eine eigene PR-Firma auf. In der anderen bleibt sie ahnungslos und muß sich als Kellnerin durchschlagen. Beide Varianten sind treffsicher ineinander geschnitten und kommentieren sich so gegenseitig mit ironischem Witz. Erleichtert wird der ständige Wechsel durch einen Wechsel der Frisur, den die Hauptfigur nur in der einen Welt vollzieht. Das Nebeneinander der beiden Varianten ist das reizvolle und neue an SIE LIEBT IHN, SIE LIEBT IHN NICHT und der wichtigste Unterschied zu Tykwers LOLA RENNT.
Eine nacheinander vollzogene Abfolge dreier Alternativwelten hatte vor Tom Tykwer schon der polnische Film DER ZUFALL MÖGLICHERWEISE zu bieten. In dem Politdrama spielt ein polnischer Medizinstudent drei Lebenswege als angepaßter Mitläufer, Oppositioneller und neutraler Arzt durch, jedesmal ohne einen Ausweg aus den Begrenzungen des kommunistischen Regimes zu finden.
Noch wesentlicher für das Aufleben des Alternativweltenmotivs im Privatleben dürfte die Literatur sein. Aus diesem Bereich kommt auch die berufenste Einordnung des Themas in die SF. In seiner Anthologie HIROSHIMA SOLL LEBEN hat Karl Michael Armer als letzte Story „Chance“ von Connie Willis berücksichtigt. Die Heldin Elizabeth kehrt nach über 17 Jahren auf ihren früheren Campus zurück. Hier hatte sie einst einem jungen Verehrer wegen einer Nichtigkeit den Laufpaß gegeben. Der Mann brachte sich Jahre später um. Da sie mittlerweile unglücklich verheiratet ist, träumt sich Elizabeth in die Zeit damals zurück. Schließlich begegnet sie ihren Studienkollegen von damals, auch ihrem Freund. Sie sind so jung wie damals. Auch ihr anderes jüngeres Ich tritt in Erscheinung. Durch eine sehr simple Intervention kann Elizabeth ihre jüngere Ausgabe davon abhalten, den selben Fehler zu begehen. Sie selbst hat freilich nichts davon. Das Happy-End findet nur in einer Parallelwelt statt.
Noch früher als in dieser Story von 1986 hatte bereits Bob Shaw private Motive für Reisen in Parallelwelten eingeführt. Sein Held John Breton hat seine Frau nach einem Streit allein in einen nächtlichen Park gehen lassen, wo sie überfallen und getötet wurde. Wenn er Migräneanfälle hat, kann Breton durch technische Verstärkung eines Impulses im Gehirn einen Zeitpunkt ansteuern, an den er sich zurücksehnt. Nachdem er seinen Fehler korrigiert hat, versucht er sein anderes Ich in der Parallelwelt zu ersetzen. Shaws Roman von 1968 folgt noch dem technisch verbrämten Zeitreisemotiv á la H. G. Wells.
Connie Willis hat sich im Gegensatz zu ihm nicht mehr um die Methode der Reisen zwischen den Welten gekümmert. Bei ihr reicht für die Zeitreise und die durch sie verursachte Schaffung einer Parallelwelt allein der Wunsch. Eine
bemerkenswerte Kombination dieses Motivs mit dem des historischen Planspiels ist Jerry Yulsmans Roman ELLEANDER MORNING, in dem die Titelheldin den Zweiten Weltkrieg verhindert, um ihren gefallenen Sohn zu retten.
Gerade die weltbewegenden Ereignisse müssen es aber nicht sein, die im Mittelpunkt von Alternativ-weltgeschichten stehen. „Könnte Ihr Leben vielleicht völlig anders verlaufen sein?“ steht auf dem Werbeplakat von SIE LIEBT IHN, SIE LIEBT IHN NICHT. Diese Frage sagt jedem von uns etwas. Jeder kann wahrscheinlich einen Punkt in seiner Biographie benennen, an dem wichtige Entscheidungen durch Zufälle verursacht wurden. Was wäre gewesen, wenn ich diese SFCD-Anzeige nie gesehen hätte... Dieser leichte Zugang beschert Filmen wie LOLA RENNT und SIE LIEBT IHN... eine größere Aufmerksamkeit als historischen Spekulationen, wie dem britischen Film IT HAPPENED HERE über einen Nazi-Sieg in Großbritannien. Letztere erscheinen unserem eigenen Leben zu fern. So werden die intelligenten Filme über Lola, Helen & Co. stets ein breites Publikum haben, das sich niemals in STAR WARS verirren würde. Es dürfte so sein, wie ich schon in einem anderen Zusammenhang erklärt habe. Wird man diesen Zuschauern sagen, daß sie in einem SF-Streifen waren, werden sie wahrscheinlich antworten „Nein, das war doch ein guter Film!“

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Und hier noch der obligatorische Hinweis auf die Präambel meiner Seiten, und daß die Inhalte dieser Seite keine Meinungsäußerung der RWTH-Aachen darstellen.

letzte Änderung am 26. Februar MCMXCIX