Satellite Television
 
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Liebe Internet-Surfer!

Die Deutschen sind ziemlich verwöhnt, jedenfalls was das Fernsehen anbetrifft. Zwar muss jede Familie 16.15 Euro im Monat bezahlen, aber dafür erhalten die Deutschen ein reichhaltiges Angebot an öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehprogrammen. Der digitale Datencontainer der ARD in Frankfurt enthält acht nutzbare Fernseh- und zehn Radioprogramme; aus Potsdam kommen nochmal sechs Fernseh- und weitere zehn Radioprogramme hinzu. Der digitale Datencontainer des ZDF enthält sieben nutzbare Fernseh- und drei Radioprogramme, und dann haben wir noch die Deutsche Welle. Als Gegenwert für die 16.15 Euro Rundfunkgebühr pro Monat erhält der Deutsche Zugang zu zwanzig verschiedenen öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammen.

Doch das ist erst der Anfang. In den letzten zwanzig Jahren hat sich in Deutschland eine vielfältige kommerzielle Fernsehlandschaft entwickelt. Marktführer ist RTL Deutschland. Dies befindet sich in einem gemeinsamen Datencontainer mit RTL 2, Vox und Super RTL. Der andere große kommerzielle Anbieter in Deutschland, die ProSiebenSat.1 Media AG, hat einen Datencontainer mit sieben regulären Fernsehprogrammen zusammengestellt (Shopping-Kanäle und Dauerwerbesender nicht mitgezählt). Hinzu kommen noch N-TV, Viva, Viva Plus, MTV, MTV Pop, Onyx, NBC Giga und mehrere regionale Anbieter. Ebenfalls zu den nahezu flächendeckend verbreiteten Kommerz-Programmen gehören Eurosport und Euronews, die für die digitale Satelliten-Ausstrahlung einen Pakt mit dem ZDF geschlossen haben. Neben den zwanzig öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammen hat der Deutsche also auch mindestens zwanzig kommerzielle Fernsehprogramme zur Auswahl. Zusammen sind das mehr als vierzig deutschsprachige Fernsehprogramme - ein wahrhaft stattliches Angebot.

56% der Fernseh-Haushalte in der Bundesrepublik Deutschland empfangen ihre Programme über Kabel. Zusätzlich zu den 16.15 Euro Rundfunkgebühr müssen diese Menschen noch eine Kabelgebühr zahlen. Die Firma ish zum Beispiel verlangt für einen Einzelnutzervertrag 14.50 Euro pro Monat. Dafür hat der Kabelkunde viele Vorteile, die der Satelliten-Nutzer nicht hat. Der wichtigste Vorteil des Kabels ist die Möglichkeit, unkompliziert verschiedene Geräte parallel zu benutzen. Ein Beispiel: Eine Familie mit zwei Kindern hat unter Umständen fünf Empfangsgeräte: Einen Fernseher im Wohnzimmer, dazu einen Videorecorder, einen Portable im Elternschlafzimmer und, je nach dem, wie groß die Kinder sind, auch jeweils ein Fernsehgerät im Kinderzimmer, gegebenenfalls nochmals mit einem Videorecorder dazu. Mit Kabelanschluss ist das alles ganz einfach: Alle herkömmlichen analogen Fernseh- und Radioprogramme stehen stets gleichzeitig an allen fünf "Zapfstellen" zur Verfügung.

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Das analoge Fernsehen ist eigentlich ganz praktisch, und es gibt keine triftigen Gründe, es abzulösen. Die Bundesregierung plant allerdings einen Gewaltritt. Das analoge Fernsehen soll abgeschaltet werden. In Zukunft wird nur noch digital gesendet.

Den Anfang macht die Hauptstadt Berlin: Dort wurde das herkömmliche Antennenfernsehen bereits abgeschaltet. Wie dem auch sei, zur Stunde nutzen die überwältigende Mehrheit der Kabelkunden noch analoge Programme. Zwar gibt es schon seit geraumer Zeit auch im Kabel digitales Fernsehen, aber das interessiert in erster Linie zwei Minderheiten: erstens die Kunden des Bezahl-Fernsehens "Premiere", und zweitens die ausländischen Mitbürger, die über das Digital-Kabel Programme in ihrer Muttersprache sehen können, für die im normalen (analogen) Kabelnetz kein Platz ist. Die große Mehrzahl der Kabel-Nutzer ist sich überhaupt nicht bewusst, dass es Digital-Kabel gibt. Für den typischen Otto Normalverbraucher ist Kabelfernsehen eine analoge Angelegenheit.

Unsere ausländischen Mitbürger sehen sich, wenn sie Programme aus ihren Heimatländern per Kabel empfangen wollen, mit einem merkwürdigen Phänomen konfrontiert. Für den Zugang zum Digital-Kabel verlangen die Kabel-Gesellschaften nochmal einen Extra-Obolus. Die Firma ish will für sechs türkische Programme einen Aufpreis von 4.95 Euro kassieren. Die drei staatlichen Italiener kosten 3.50 Euro, und für die beiden allgemein verbreiteten Spanier zuzüglich einem Portugiesen werden nochmal 2.95 Euro fällig. Diese Beträge entstehen zusätzlich zur "normalen" Kabel-Gebühr, und selbstverständlich muss der in Deutschland wohnhafte Zuschauer dieser Auslands-Sender auch 16.15 Euro an die GEZ zahlen.

Kabelfernsehen ist eine geniale Geschäftsidee: Mit Freuden verkaufe ich gewinnbringend, was es woanders umsonst gibt. Die türkischen Fernsehprogramme werden über die Satelliten Turksat 1C und Eurasiasat 1 ausgestrahlt. Auf der Orbitposition 42° Ost gibt es eine große Vielfalt von türkisch-sprachigen Programmen. Die sechs Digitalprogramme im Kupferkabel sind recht mager, wenn man sie mit den mehr als zwanzig Satelliten-Programmen vergleicht, unter denen diejenigen türkischen Mitbürger auswählen können, die eine eigene Schüssel auf 42° Ost ausgerichtet haben. Selbstverständlich sind diese Programme kostenlos und unverschlüsselt. Was gibt es eigentlich für einen sachlichen Grund, für die bescheidene Auswahl von sechs Programmen im Digital-Kabel einen monatlichen Aufpreis von 4.95 Euro zu verlangen?

Natürlich gibt es gar keinen Grund. Um das Kind beim Namen zu nennen: Es handelt sich um Abzocke, weil man annimmt, dass sich die türkischen Mitbürger nicht wehren können.

Mit den italienischen Programmen verhält es sich genauso: Die öffentlich-rechtlichen Sender Rai Uno, Rai Due und Rai Tre werden über Satellit kostenlos und unverschlüsselt ausgestrahlt, sowohl in analogem als auch in digitalem Format. Sachliche Gründe, warum diese Sender in deutschen Kabelnetzen verschlüsselt und nur gegen Extra-Entgelt angeboten werden, sind nicht erkenntlich.

Den typischen Otto Normalverbraucher interessiert das alles überhaupt nicht. Wer will schon türkische oder italienische Programme sehen? Das sind doch nur Minderheiten, und die sollen ruhig ein paar Euro extra zahlen. Oder etwa nicht?

Die Bosse der großen Kabel-Gesellschaften haben freilich Gefallen gefunden an der genialen Geschäftsidee vom Gewinnbringend-Verkaufen, was es woanders umsonst gibt. Deshalb sollen nach den Ausländern nun auch die Deutschen verstärkt zur Kasse gebeten werden. Das Zauberwort heisst Grundverschlüsselung.

Aus Sicht der Kabel-Bosse ist Grundverschlüsselung etwas ganz feines. Endlich hat man ein vernünftiges Werkzeug in der Hand, um den Hunderttausenden von Schwarz-Sehern das Handwerk zu legen. Und ist das mit der Grundverschlüsselung erst mal etabliert, erledigt sich die Sache mit dem Abzocken fast ganz von alleine. Dem eigenen Profit sind Tür und Tor geöffnet. So denken sich das zumindest die Kabel-Bosse. Warum es in Wirklichkeit ganz anders kommen könnte, will ich in diesem Artikel aufzeigen.

 [Brot für die Welt]

Brot für die Welt

Die Gelegenheit ist günstig. Das Volk schläft. Wenn jetzt im digitalen Kabel die Grundverschlüsselung eingeführt ist, interessiert das keinen Menschen. Schliesslich gucken die Deutschen fast alle analoges Fernsehen. Und diejenigen, die jetzt schon digital gucken, sind mehrheitlich Premiere-Kunden. Die stört das auch nicht so sehr, wenn noch ein paar andere Programme verschlüsselt werden.

Also jetzt loslegen mit der Grundverschlüsselung.

Und dann, in ein paar Jahren, kommt der Tag X: Das analoge Fernsehen wird abgeschaltet. Prima, endlich! Auf einmal gibt es nur noch das digitale Fernsehen, das seit Jahr und Tag verschlüsselt ist. So einfach ist das. Jedenfalls wenn man Kabel-Boss ist und den ganz großen Reibach machen will.

Deshalb heisst es: Wehret den Anfängen! Wir müssen jetzt Flagge zeigen und uns gegen die Grundverschlüsselung wehren.

Wir haben in Deutschland keine Grundverschlüsselung. Und wir wollen keine Grundverschlüsselung. Machen wir doch mal eine Meinungsumfrage: Wer ist ernsthaft dafür, in Zukunft alle herkömmlichen Fernsehprogramme zu verschlüsseln?

Ich wette, dass wir mindestens neunzig Prozent "Nein"-Stimmen bekommen würden. Wie eingangs erwähnt sind die Deutschen ziemlich verwöhnt in puncto Fernsehempfang, und das soll auch so bleiben!

Von den mündigen Bürgern will die überwiegende Mehrheit sicherlich nicht, dass in Zukunft sämtliche Fernsehprogramme verschlüsselt werden. Wozu sollte das gut sein?

Es gibt zwei Gründe, warum Fernsehprogramme verschlüsselt werden. Entweder geschieht das aus urheberrechtlichen Gründen. Oder die Programm-Macher wollen mit Bezahl-Fernsehen Geld verdienen.

Eine Verschlüsselung aus urheberrechtlichen Gründen kommt im Satelliten-Bereich häufig vor. Das betrifft vor allem die kleinen Länder. Als der Satellit Astra 1A auf der Orbitposition 19° Ost neu war, tauchte dort auch ein holländischer Privatsender auf: RTL 4. Wie die meisten Privatsender hat auch RTL 4 einen großen Anteil von relativ seichter, wenig niveauvoller US-Unterhaltungskost im Angebot. Serien, Spielfilme, Gameshows, Soap Operas, alles made in Hollywood. Die mächtigen Filmstudios in Hollywood haben wenig Interesse daran, dass der kleine holländische Privatsender RTL 4 diese Unterhaltungssendungen einem Millionenpublikum in ganz Europa zugänglich macht. Der Satellit Astra 1A hatta aber eine sehr große Ausleuchtzone, die von England bis Spanien reichte. Die Hollywood-Studios haben dem Sender RTL 4 deshalb nahegelegt, diese Sendungen aus urheberrechtlichen Gründen zu verschlüsseln.

So ist es bis heute geblieben. Was Fernsehen anbetrifft, ist im vereinten Europa hinterwäldlerische Kleinstaaterei angesagt. Bereits in Belgien ist es schwierig, RTL 4 zu empfangen, und in Deutschland kenne ich kein einziges Kabelnetz, dass RTL 4 für deutsche Zuschauer anbietet. Ausser in den Niederlanden ist die Verschlüsselung aus urheberrechtlichen Gründen auch in Skandinavien sehr beliebt. Alle öffentlich-rechtlichen Programme aus Skandinavien werden über Satellit verbreitet, aber alle sind verschlüsselt.

Auch die BBC in London hatte sich dieser Strategie angepasst - bis zum 10.7.2003. Dann haben die Engländer ihre Strategie gewechselt. Anstatt ihre Programme aus urheberrechtlichen Gründen zu verschlüsseln, haben sie den Satelliten gewechselt. Die BBC sendet jetzt auf Astra 2D. Das besondere an diesem neuen Satelliten ist seine relativ scharf fokussierte Ausleuchtzone. In England kann man diesen Satelliten völlig problemlos empfangen. Auch in Köln kommt das Signal vom Astra 2D so stark an, dass man bei gutem Wetter mit einer 40-Zentimeter Schüssel ein Bild kriegt. Aber nach Osten fällt der Pegel stark ab, und wer in Berlin die freien und unverschlüsselten Fernsehprogramme der BBC sehen will, sollte schon eine Satelliten-Schüssel mit einem Durchmesser von einem Meter zwanzig aufstellen.

Tausende von Engländern, die ihre Wintertage im sonnigen Spanien verbringen, haben sich über die neue Strategie geärgert. Denn in Spanien ist der Empfang von Astra 2D sehr schwierig und nur mit entsprechend hohem technischen Aufwand zu realisieren. Vorher hatten die Engländer aus ihrem Heimatland Abo-Karten für das Sky-Fernsehen mitgenommen und damit problemlos mit 60-Zentimeter Schüsseln BBC geschaut. Damit ist jetzt Schluss.

Die Verschlüsselung aus urheberrechtlichen Gründen spielt bisher im Kabel keine Rolle. Theoretisch wäre es denkbar, die Fernsehprogramme der BBC in verschlüsselter Form im deutschen Digitalkabel zu übertragen und den Zugang davon abhängig zu machen, dass der geneigte deutsche Interessent bei dem britischen Medien-Unternehmen eine "TV Licence Fee" bestellt. Aber das ist weder geplant noch besonders realistisch.

Ein anderes Beispiel für die Verschlüsselung aus urheberrechtlichen Gründen sind die Fernsehprogramme aus Österreich und aus der Schweiz. In grenznahen Gebieten werden diese Programme allerdings ins Kabel eingespeist. Dazu gibt es Verträge über grenzüberschreitendes Fernsehen.

Programme, die in Deutschland gemacht werden und sich an deutschsprachige Zuschauer wenden, werden derzeit nicht aus urheberrechtlichen Gründen verschlüsselt. Die spannendste Affaire, die wir bisher in dieser Hinsicht erlebt haben, war die digitale Übertragung der Fußballweltmeisterschaft. Dies ist ein interessanter Gesichtspunkt, wenn es um die Frage geht, ob man nicht vielleicht doch das analoge Fernsehen dauerhaft behalten sollte.

Für Kabelkunden stellt sich dieses Problem nicht. Der grenzüberschreitende Empfang von Fernsehprogrammen im Kupferkabel ist dadurch limitiert, dass nur solche Programme eingespeist werden dürfen, für die die Rechtslage klar ist. Das steht in den Mediengesetzen der einzelnen Bundesländer.

Im Kabel gibt es keine Verschlüsselung aus urheberrechtlichen Gründen, und es ist auch nicht zu erkennen, dass sowas in absehbarer Zeit gemacht wird.

Bleibt nur noch Alternative Nummer Zwei, nämlich Pay-TV.

Der älteste deutsche Bezahl-Sender ist Premiere. Jeder Kabelkunde, der schon ein paar Jahre dabei ist, erinnert sich noch an das verschlüsselte Premiere, das einen festen Sendeplatz im analogen Kabel hatte.

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Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit war der zweite Versuch, Pay-TV in Deutschland zu etablieren, eine Initiative des Musiksenders MTV. Am 1.7.1995 wurde MTV auf dem Satelliten Astra 1A verschlüsselt. Das ist heute schon Geschichte. Das Ergebnis kennen wir: MTV ist kräftig auf die Nase gefallen. Der Musiksender MTV hat sein albernes Verschlüsselungskonzept aufgegeben und sendet heute wieder frei und uncodiert.

Vielleicht können die Kabel-Bosse aus dem missglückten MTV-Experiment lernen. Es ist gar nicht so leicht, in Deutschland Bezahlfernsehen zu etablieren. MTV hatte am 30.6.1995 über Satellit eine technische Reichweite von acht bis zehn Millionen Haushalten. Mit Einführung der Verschlüsselung konnte jeder MTV-Fan zu durchaus zivilen Preisen eine Abo-Karte bestellen. Das monatliche Entgelt lag bei lediglich zwei Euro bzw. vier Mark. Eigentlich nicht zuviel verlangt, zumal man dafür noch einen zweiten Musik-Kanal bekam, nämlich VH-1 Deutschland. Von diesen Abo-Karten hat MTV, soweit ich weiß, 5000 Stück verkauft.

Das muss man sich einmal vorstellen: Zehn Millionen technische Reichweite gegen 5000 Abonennten.

Ein Desaster. Das MTV-Experiment war ein kompletter Fehlschlag. Interessanterweise aber nur in Deutschland. Wer MTV aus einer europaweiten Perspektive betrachtet, wird überrascht feststellen, dass in absolut allen Ländern die Satelliten-Signale von MTV codiert sind. Nur Deutschland ist freigeschaltet.

Genial! Irgendwas machen die Deutschen richtig! Irgendetwas ist in Deutschland anders als in unseren Nachbarländern, und deshalb funktioniert Pay-TV hierzulande nicht.

Der nächste, der das erfahren musste, war Leo Kirch. Im July 1996 startete er ein ehrgeiziges Digital-Projekt mit dem Namen "DF-1". Ich selbst war damals Abonnent der ersten Stunde und bin auch dem Nachfolgeunternehmen "Premiere World" bis heute treu geblieben. Aber ehrlich gesagt habe ich auch eine dieser 5000 MTV-Karten gekauft; also bin ich gewiß kein Maßstab. Wir alle wissen, dass Leo Kirch mit seinem digitalen Bezahl-Fernsehen einen riesigen Schuldenberg angehäuft hat. Schliesslich musste Leo Kirch mit seinem gewaltigen Medien-Imperium Konkurs anmelden. Auch das ist inzwischen Geschichte.

  Fortsetzung folgt  

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This page was last updated on February 8, 2004