Der Unheimliche
von Josef Nepomuk
1.
Das menschliche Auge konnte diesem Raumsektor nichts abgewinnen, wenn es nicht gerade auf einen hochempfindlichen Ortungsschirm blickte. 20.000 Lichtjahre entfernt konnte man die Kleine Magellansche Wolke sehen, in 6o.ooo Lichtjahren Entfernung die Große Magellansche Wolke, und die Milchstraße war 180.000 Lichtjahre entfernt. Ansonsten wurde die Schwärze des Leerraums nur durch die winzigen Dunstflecken unermeßlich weit entfernter Galaxien unterbrochen.
Wenn man allerdings in der glücklichen Lage war, einen Blick auf einen der erwähnten hochempfindlichen Ortungsschirme werfen zu können, konnte man in eben diesem Raumsektor eine größere Metallmasse entdecken. Dieses ungewöhnliche Objekt war zylindrisch und maß sowohl in der Höhe als auch im Durchmesser 1.534 m. Bei dieser Regelmäßigkeit mußte einem sofort der Gedanke kommen, dass es sich um eine künstliche Raumstation handelte, und wenn man als unbefangener Beobachter mit seinem Raumschiff näher kam, fand man diesen Eindruck gerechtfertigt, denn man entdeckte auf der Oberfläche des Zylinders Antennen in allen möglichen Variationen sowie schwere Energiegeschütze.
Man konnte diesen Anblick allerdings nicht lange genießen, denn die erwähnten schweren Energiegeschütze pflegten jeden unliebsamen Besucher zu vernichten. Damit wäre die Rolle des hypothetischen unbefangenen Beobachters ausgespielt, so dass sich jetzt die Notwendigkeit ergibt, einen Blick ins Innere dieser Raumstation zu werfen, um (endlich!) mit der Handlung zu beginnen.
Die Station gehörte nach geltendem intergalaktischen Recht den Oshom, jener monsterhaften Rasse, die die SVEN HEDIN gekapert hatte, und besaß die Funktion einer Werft. Zwei Raumschiffe befanden sich zur Zeit in der riesigen Halle im Inneren der Station; eines der beiden war die SVEN HEDIN, das andere war ein würfelförmiger Oshom-Raumer mit 341 m Kantenlänge. Die Oshom bauten würfelförmige Raumschiffe, die auf allen acht Flächen Triebwerke besaßen, weil sie glaubten, dadurch besser manövrieren zu können. Oshom-Raumer erkannte man übrigens schon von weitem daran, dass sie ihre Kurskorrekturen rechtwinklig durchführten.
An Bord des Oshom-Raumers befand sich zur Zeit auch die Besatzung der SVEN HEDIN; die SVEN HEDIN selbst war automatgesteuert zu der Werft gelangt. Keiner der Gefangenen wußte, was die Oshom mit ihnen und ihrem Schiff vorhatten.
Das Personal der Werft beschäftigte sich zur Zeit intensiv mit der SVEN HEDIN. Grotesk wirkende Gerätschaften wurden an Bord gebracht, Roboter, die offenbar die Funktion von Mechanikern hatten, kamen und gingen wieder. Dieses hastige und laute Treiben dauerte Stunden an, aber schließlich nahmen Hast und Lärm und Treiben ab, und es hatte den Anschein, als hätten die Oshom ihre Arbeiten erledigt. Schließlich wurde dann mit wesentlich geringerem Zeitaufwand noch etwas auf die SVEN HEDIN gebracht, allerdings waren es diesmal keine grotesken Gerätschaften, sondern die Besatzung, die in einigen Fällen aber auch recht grotesk wirkte.
Natürlich freuten sich alle, wieder an Bord ihres Schiffes zu sein; allerdings wurde diese Freude getrübt durch die Anwesenheit diverser Oshom. Oshom waren mehr oder weniger humanoid, etwa 2 m groß und hatten eine Schulterbreite von 1,50 m. Sie hallten eine hellblaue Haut, kahle Schädel, trugen knallgelbe Kombinationen und wirkten im Ganzen wie ungehobelte Klötze. Es waren allerdings keine ästetischen Gesichtspunkte, die die Freude der Besatzung trübten; man war in dieser Hinsicht durch Frank Fatman und Alfred Monster hinreichend abgehärtet; vielmehr störten die Strahlwaffen in Oshomhänden beziehungsweise die Tatsache, dass die Oshom jetzt alles kontrollierten.
Die Leute, die in der Zentrale notwendig waren, hatten dort ihre Plätze eingenommen. Die beiden Oshom, die sich hier aufhielten, waren streng darauf bedacht, sie vollständig unter Kontrolle zu halten. Ihr Verhalten deutete darauf hin, dass ein Start unmittelbar bevorstand - wohin, wußte noch keiner der Terraner, am allerwenigsten Major Frank Fatman, der Kommandant. Einer der beiden Oshom, anscheinend der ranghöchste seiner Spezies an Bord, schickte sich schließlich an, diese Wissenslücke zu schließen un erklärte knapp auf Terranisch, das ein Teil der Oshom inzwischen mittels Hypnoschulung perfekt beherrschte, dass man in einer knappen Viertelstunde zu einer Oshom-Station am Rande der Milchstraße aufbrechen werde. Zur Überwindung der riesigen Distanz wäre der SVEN HEDIN ein neuentwickeltes intergalaktisches Hypertriebwerk eingebaut worden, mit dem man die 180.000 Lichtjahre in Sekundenbruchteilen zurücklegen konnte.
Major Fatman war natürlich begeistert über diese Bereicherung seines Schiffes und wartete ungeduldig auf den Start, um das neue Triebwerk in Aktion erleben zu können. Schließlich erhielt er die Starterlaubnis oder vielmehr den Startbefehl, manövrierte die SVEN HEDIN aus der Werft hinaus und korrigierte den Kurs in Richtung Milchstraße, wobei er den Computer zur Hilfe nahm, damit die Ausrichtung exakt auf den Zielraumsektor erfolgte. Während das Schiff mit Höchstwerten beschleunigte, wandte er sich den neuangebrachten Kontrollinstrumenten des Hypertriebwerks zu und stellte die Entfernung ein.
Als die annähernde Lichtgeschwindigkeit erreicht war, brauchte Fatman nur noch auf einen Knopf zu drücken, den die Oshom in ihrer Lieblingsfarbe Knallgelb gehalten hatten. Ein Wirbel hyperdimensionaler Energien durchflutete das Schiff einen Augenblick lang, dann befand sich die SVEN HEDIN im Linearraum - allerdings in einem Sektor, der in den Randbezirken der Milchstraße lag. Der Kommandant brauchte jetzt nur noch die genauen Koordinaten der Oshom-Station anzusteuern, wo die SVEN HEDIN dann auch nach kurzer Zeit landete.
*
Die Oshom hatten ihre Kontrolle gelockert, so dass sich die Besatzung der SVEN HEDIN innerhalb des Raumers wieder frei bewegen konnte, und auch die Zentrale stand wieder jedermann offen. Selbstverständlich hatten Colonel Arthur McKrumble, Ulfi, Dr. Reginald Crol, Captain Joe Loki und Captain Lowa Cook diese Möglichkeit sofort wahrgenommen; und nun befanden sich die maßgeblichen Personen hier, um über die Lage zu beratschlagen. Damit die Oshom nichts verstehen konnten, wurde diese Beratung auf Kisuaheli gehalten.
"Solange die Oshom an Bord sind, können wir nichts unternehmen!", meinte Fatman.
"Für so klug hätte ich Sie gar nicht gehalten", entgegnete Ulfi, "wie wäre es, wenn Sie versuchen würden, die Oshom einzeln zu überwältigen?"
"Bin ich denn verrückt? Die sind doch bewaffnet!"
"Na und? Ob Sie ein paarmal mehr oder weniger erschossen werden, spielt doch jetzt keine Rolle mehr!"
"Wir sollten uns doch einmal vernünftig mit dem Problem auseinander setzen", forderte Colonel McKrumble, "die Oshom haben uns alle Waffen abgenommen, welche Möglichkeiten bestehen jetzt noch, sie zu überwältigen?"
"Wir holen uns unsere Waffen eben einfach wieder!", meinte Fatman.
"Und wie?"
"Das ist doch nicht mein Problem!"
"Wie wäre es mit Gas?", schlug Captain Loki vor.
"Was denn für ein Gas?", wollte Fatman wissen.
"Muß mal Chemiemeister Wurzelzwerg fragen", entgegnete Loki, ging zum Interkom und stellte eine Verbindung zum Chemielabor her.
Auf dem Bildschirm sah man allerdings nur Dunstschleier in allen möglichen Farbschattierungen, und ein ohrenbetäubendes Knattern und Zischen drang aus den Lautsprechern. Dr Wurzelzwerg, der Chefchemiker der SVEN HEDIN, war anscheinend wieder in seine Experimente vertieft.
"Dann muß Ich wohl selbst mal hingehen", meinte Loki und verschwand mit dem Lift.
Kaum war er fort, erschien ein neuer Besucher in der Zentrale; ein Oshom, dessen knallgelbe Kombination mit violetten Rüschen geschmückt war. Anscheinend handelte es sich um ein unheimlich hohes Tier bzw. Monster. Der Oshom stellte sich auch gleich als Kommandant der Station vor.
"Sie sind also das Obermonster!", stellte Ulfi fest.
"Ich bitte mir doch etwas mehr Respekt aus!", verlangte der Oshom-Kommandant mit erhabener Stimme.
"Zunächst einmal verlange ich eine Rechtfertigung für ihr unerhörtes Verhalten!", ließ sich McKrumble vernehmen.
"Der Erfolg ist unsere Rechtfertigung!", kam die pathetische Antwort, "wenn wir eines Tages die Milchstraße beherrschen, wird sich niemand mehr für Ihr Schicksal interessieren."
"Um die Milchstraße zu erobern, muß man ein Mindestmaß an Intelligenz haben, und das fehlt Ihnen!", konstatierte Ulfi.
"Wir haben überlegene Waffensysteme", entgegnete der Oshom.
"Hoho, aber an unseren Schrottschußkanonen werden Sie sich noch die Zähne ausbeißen!", meinte Fatman.
"Guten Appetit!", gab Ulfi seinen Senf dazu.
McKrumble korrigierte: "Die Zähne kann man sich nur an einer Defensivwaffe ausbeißen, wohingegen die Schrottschußkanone eine Offensivwaffe ist."
"Sobald wir die Funktionsweise der Waffe kennen, dürfte es uns keinerlei Schwierigkeiten bereiten, eine entsprechende Defensivwaffe zu konstruieren", meinte der Oshom,
"Die werden Sie nie kennenlernern, denn die Konstruktionspläne sind in der Kekskiste, und wo die ist, weiß nur ich!", erklärte Fatman triumphierend.
"Das stimmt!". bestätigte der Colonel, "ich habe selbst immer wieder versucht, diese mysteriöse Kiste aufzuspüren, aber bisher ohne Erfolg. Und Sie können mir glauben, dass ich gründlich gesucht habe; schließlich befindet sich in dieser Kiste die einzige Flasche Orangensaft an Bord."
"Wir werden gründlicher suchen, und wir werden die Kiste finden!", versprach der Oshom, "ich danke Ihnen für dieses aufschlußreiche Gespräch." Damit ging er zum Lift und verließ die Zentrale.
"Ich habe das komische Gefühl, ihr habt euch da ein wenig verplappert", meinte Lieutenant Anja Eckstein, die Funkerin.
"Lieutenant Eckstein, Sie glauben doch nicht etwa, diese Monster könnten gewissenhafter suchen als ein Colonel der terranischen Raumflotte?", beruhigte sie McKrumble.
"Denen traue ich alles zu!"
Sie sollte recht behalten, denn nach einer halben Stunde, in der die Oshom bei ihrer Suche alles, was auf der SVEN HEDIN nicht niet und nagelfest war, verwüstet hatten, meldete sich ein Sergeant per Interkom und erklärte, dass die Oshom mit der Kekskiste vor der Bibliothek für deutsche Literatur gesehen worden wären. Fatman bestätigte, dass er sie dort versteckt hatte, denn da niemand an Bord deutsche Literatur las, kam außer ihm niemals ein Mensch in diese Bibliothek. Der Verein für deutsche Literatur hatte übrigens eine Überwachunsanlage installiert, die die Besucher registrierte, und deshalb war Fatman schon eine Urkunde für sein Interesse an der deutschen Literatur verliehen worden.
Nachdem sich Fatman von seinem Schock erholt hatte und die Kekskiste mittlerweile von Bord und in die Tiefen der Oshom-Station gebracht worden war, wandte sich der Major an Dr. Crol: "Du bringst mir die Kekskiste wieder zurück! Ich will meine Kekse!"
"Kannst du mir mal sagen, wie ich das machen soll?"
"Guck mal bei Meister Wurzelzwerg vorbei, wie weit der mit dem Gas ist. Dann kannst du ja mit Joe ein Einsatzkommando zusammenstellen; macht doch, was Ihr wollt, aber bringt mir meine Kekse wieder!"
2.
Als Reginald Crol sich dem Chemielabor der SVEN HEDIN näherte, hörte er schon von weitem ein ohrenbetäubendes Getöse. Da ein Anklopfen bei den vorherrschenden Geräuschen schwerlich den gewünschten Erfolg haben würde, nahm er seinen ganzen Mut zusammen und öffnete die Türe ohne Vorwarnung. Sofort drang ihm ein dichter, giftgrüner Nebel entgegen, in dem sein empfindliches Riechorgan hohe Konzentrationen von Ammoniak, Schwefelwasserstoff und Buttersäure wahrnahm.
Es half aber nichts, er mußte hinein; also nahm er seinen ganzen Mut zusammen, hielt sich die Nase zu, verfluchte jenen unglückseligen Tag, an dem er sich entschlossen hatte, eine Stellung bei der Raumflotte anzunehmen, und schritt weiter; jederzeit bereit, den Tod oder Dr. Wurzelzwerg, den Chefchemiker der SVEN HEDIN, zu finden. Da es aber keine Seltenheit war, wenn ein Angehöriger der Raumflotte den Tod fand, und Dr. Crol schon immer ein elitäres Bewusstsein entwickelt hatte, hielt er es für geraten, lieber Dr. Wurzelzwerg zu suchen.
An Tischen vorbei, auf denen Unmengen von Laborgeräten und Chemikalien standen, gelangte er schließlich zu einer riesigen Apparatur aus Stativen, Kolben, Leitungen, Erhitzern, Kühlern und Meßgeräten, aus der unentwegt jener giftgrüne Nebel emporstieg, der ihm seinen Weg bisher so angenehm versüßt hatte. Hinter dieser Apparatur entdeckte er schließlich den Gesuchten nebst Captain Loki.
"Wie steht es?", erkundigte er sich, "habt ihr schon Fortschritte gemacht? Wir müssen wohl nur noch die Oshom ins Labor schicken, das halten die bestimmt nicht aus!"
"Es wird bestimmt nicht mehr lange dauern, bis wir ein brauchbares Betäubungsgas entwickelt haben", erklärte Dr. Wurzelzwerg. "Wir haben die Luft, die die Oshom ausatmen, analysiert und dabei festgestellt, dass sie die winzigen Spuren von Methylaminohexanol in der Bordatmosphäre völlig aufbrauchen. Also nehmen sie dieses Gas in ihren Kreislauf auf. Die Schlußfolgerung ist also, dass wir versuchen müssen, ein Betäubungsgas auf der Basis dieses Stoffes zu entwickeln. Ich habe hier verschiedene Stoffe entwickelt, die in geringen Konzentrationen für den Menschen völlig ungefährlich sind; es kommt nun darauf an, herauszufinden, worauf die Oshom reagieren."
Mit diesen Worten deutete er auf eine stattliche Anzahl von Sprühdosen, die auf einem Nebentisch herumstanden, Crol erzählte jetzt kurz, was in der Zentrale vorgefallen war, und es war allen klar, dass man keine Zeit verlieren durfte. Die drei packten sich also die Sprühdosen unter den Arm und verließen das Labor, um ein geeignetes Objekt für ihren Versuch zu suchen. Sie fanden auch bald einen Oshom, der gelangweilt hinter einer Ecke stand, und pirschten sich unauffällig an ihn heran.
Dr. Wurzelzwerg nahm nun eine der Sprühdosen zur Hand und drückte auf den Sprühknopf. Das Gas entwich, aber der Oshom zeigte auch nach kurzer Wartezeit keine Reaktion. Dr. Wurzelzwerg betätigte nun die zweite Sprühdose, aber außer einem kurzen Husten zeigte der Oshom kein Anzeichen einer Wirkung. Die dritte Probe verlief wiederum negativ.
"Die nächste!", raunte Dr. Wurzelzwerg Reginald Crol zu,
"Was ist hier los?", ertönte plötzlich eine andere, weitaus lautere Stimme, als deren Urheber der Oshom fungierte, der neugierig näher kam.
"Wir kommen mit dieser Sprühdose nicht zurecht!", erklärte Crol.
"Diese Terraner können aber auch überhaupt nichts!", meinte der Oshom in einem abschätzigen Tonfall, der den ganzen Hochmut seiner Rasse ausdrückte, und nahm Crol die Sprühdose aus der Hand, um diesen Halbwilden von der terranischen Explorerflotte einmal zu zeigen, wie man mit so einem Ding umgeht.
Er drückte kurz auf den Druckknopf der Dose, wartete kurz und ließ sie dann fallen. Dr. Wurzelzwerg wollte schon protestieren und darauf hinweisen, dass das Beschädigung von Raumflotteneigentum war und die Oshom sich doch gefälligst an die Kriegsgefangenenkonvention von Rigel zu halten hätten, aber da sah er, dass nicht nur die Dose, sondern auch der Oshom gefallen war; zwar nicht im Kampf für sein Vaterland, aber immerhin in tiefe Bewußtlosigkeit.
"Also Fluormethylaminohexanol", stellte er mit der Sachlichkeit, wie sie dem erfahrenen Wissenschaftler zu eigen ist, fest.
Der Oshom wurde ins Chemielabor geschafft, was bei der Größe und
Unförmigkeit der Monster keine leichte Arbeit war, und
Dr. Wurzelzwerg begann sofort damit, größere Mengen von
Fluormethylaminohexanol herzustellen. Loki eilte unterdessen in die
Zentrale, um sich mit dem Kommandanten zu besprechen und ein
Einsatzkommando zusammenzustellen.