Finale auf Sandhaufen
von Walther Cremer
1.
Die blaue Riesensonne ging am fernen Horizont auf.
Mike Highen stand auf dem großen Platz vor dem Palast und blickte in den grünen Himmel. Für ihn war es immer wieder faszinierend, den exotischen Sonnenaufgang zu beobachten.
Mike hatte die undankbare Aufgabe, auf dem großen Platz Wache zu halten. Hardy traute den alten Rotz-Soldaten nicht so recht und hatte angeordnet, einer seiner Freunde habe rund um die Uhr auf dem großen Platz Wache zu halten.
So stand er da, unrasiert, todmüde, in seiner gelben Kamelhaarjacke, mit Totenköpfen am Kragen, in schwarzen Schaftstiefeln, ein Maschinengewehr über der Schulter, ein zweites lässig in der linken Hand. In der rechten Hand hielt er die Zigarette.
Mike Highen gähnte. Die ganze Nacht war nichts passiert. Kein Wunder, die Bevölkerung auf Sandhaufen war die Tyrannei des Rotz gewöhnt, und mit Hardys Machtübernahme hatte nur eine Diktatur die andere abgelöst. Hardy genoß in weiten Kreisen der Hauptstadt sogar große Sympathie, war seine Herrschaft doch weitaus erträglicher als die des großen Tyrannen Rotz. Einen Aufstand brauchte Hardy folglich nicht zu fürchten. Aber Hardy war vorsichtig und ließ einen Wachposten aufstellen.
Mike war denkbar schlecht gelaunt. Die anderen feierten und soffen im Palast, daß sich die Balken bogen, während er hier Wache schieben mußte. Wütend warf er den Zigarettenstummel fort, hängte sich das zweite Maschinengewehr auch über die Schulter, zündete sich eine neue Zigarette an und nahm das zweite Maschinengewehr schußbereit wieder in die linke Hand. Er hatte einen großen Beutel voller Zigaretten an seinem Gürtel befestigt. Wenigstens das war ein Trost.
Plötzlich regte sich was.
Es war hinter ihm, im großen, schmuckvoll verzierten Eingang zum Palast. Mike drehte sich um und erblickte den Wawa. "Was, schon auf?" fragte Mike anstelle einer Begrüßung.
"Ich mußte gestern schon so früh in die Heia. Von der Party hab ich gar nichts mitgekriegt" beschwerte sich Wawa.
"Na. da geht es dir ja wie mir", meinte Mike versöhnlich. "Aber Susi hat gesagt, da drüben sei ein Automobil, Das will ich mir mal ansehen, sagte Wawa und verschwand in einem Nebenraum.
Wenig später heulte der Motor eines Autos auf. Ein Stück von der Palastwand glitt zur Seite, und ein etwas altertümlicher Sportwagen brauste heraus. Mike hatte sich schon immer für teure Autos interessiert und erkannte sofort, daß es sich um einen echten Ferrari handelte, in knallrot, und mit über dreihundert PS.
Am Steuer saß der Wawa. Wawa grüßte lässig, gab Gas und rauschte davon. Die Hauptstraße von Sandhaufen-City führte direkt auf den großen Platz, so daß Wawa keine Schwierigkeiten hatte, sich aus dem Staube zu machen, noch bevor Mike fragen konnte, ob Hardy ihm denn Überhaupt erlaubt habe, den Ferrari zu benutzen.
Mike wußte, daß der Ferrari für die doch sehr rückständige Zivilisation auf Sandhaufen ein hochmodernes Luxusauto darstellte.
Dann wurde Mikes Aufmerksamkeit von anderen Dingen in Anspruch genommen.
Über ihm in der Luft hörte er einen ziemlichen Krach. Er schaute nach oben und sah mit Entsetzen einen schwarzen Punkt am Himmel, der rasend schnell größer wurde. Auch der Krach wurde schlimmer. Das Ding hielt geradewegs auf den Palast zu. Innerhalb von Sekunden landete der Flugkörper auf dem großen Platz, vielleicht hundert Meter von Mike entfernt. Mike warf den Zigarettenstummel fort, riß sich die andere Maschinenpistole von der Schulter und hielt beide Waffen schußbereit. Vor ihm stand eine Space-Jet terranischer Bauart. Sie maß etwa fünfzig Meter im Durchmesser. Auf der silbermetallic lackierten Schiffshülle prangte mehrfach die schwedische Fahne.
Irgendwo ging eine Luke auf, und Mike sah, wie die Mündung einer Desintegratorkanone hinausgeschoben wurde. Noch bevor Mike losballern konnte, verwandelten sich seine Maschinengewehre in wertlose Trümmer.
Je ein Trümmerstück behielt Mike in der Hand, der Rest polterte zu Boden. Mike bemerkte, dass auch sein Funkgerät in Trümmer zerfallen war. Ihm selbst wollten die Schweden aber offenbar nicht ans Leder.
Mike warf die letzten Trümmer fort und fluchte leise.
Dann wurde die Kanone wieder eingefahren und die Luke zugeklappt.
Ohne seine Maschinengewehre fühlte Mike sich sehr unwohl.
Er griff in seinen Zigarettenbeutel und nach seinem Feuerzeug und zündete sich eine neue Zigarette an.
Mike traute sich nicht, einfach davonzulaufen. Außerdem war er neugierig. Er sah zu, wie die Hauptschleuse aufglitt.
Aus der Schleuse schwebten etwa zwanzig blaubekittelte Gestalten auf Antigravplattformen und hielten direkt auf die Palastwand zu.
Mike beobachtete, wie ein paar Techniker und ein Kerl mit Mikrofon ausstiegen und allerlei Geräte auspackten. Auf der Fernsehkamera stand in großen Buchstaben NRK. Das Fernsehteam begann sofort, die zwanzig Gestalten zu filmen.
Auf dem großen Platz wehte immer noch die alte Fahne des großen Tyrannen Rotz. Hardy hatte es noch nicht für nötig gehalten, die Fahne zu ändern. Solche Dinge hielt Hardy für unwichtig.
Die zwanzig blaubekittelten Gestalten auf ihren Antigravplattformen schwebten zu den Fahnen und rollten die alten Fahnen fachmännisch ein. Anschließend ließen sie die alten Fahnen genauso fachmännisch herab. Die NRK-Kameras übertrugen alles zu ihren unbekannten Empfängern. Weitere zwanzig Gestalten, diesmal in weiße Gewänder gekleidet, schwebten aus der Hauptschleuse. Zwischen sich trugen sie mehrere zusammengerollte Fahnen.
Nunmehr stieg ein älterer Mann von etwa sechzig Jahren aus, mit weißen Haaren und mit weißem Vollbart. Der Neuankömmling schritt würdevoll auf Mike Highen zu, der etwas ratlos dastand.
"Was geht hier vor?" fragte Mike in Norwegisch.
"Wir hissen hier die schwedische Fahne. Das sehen Sie doch!" sagte der weißhaarige Mann, ebenfalls in Norwegisch, während die weißgekleideten Gestalten vor den Augen der Fernsehkameras die neuen Fahnen an den Fahnenstangen befestigten.
Mikes Kenntnisse des Schwedischen waren natürlich denkbar schlecht. Deshalb war er sehr dankbar, daß der Weißhaarige mit ihm Norwegisch gesprochen hatte.
"Das ist doch unmöglich! Wer sind Sie überhaupt? Mit welchem Recht sind Sie hier gelandet?" wollte Mike wissen.
Der weißhaarige Mann gab ihm eine freundliche Antwort, diesmal in akzentfreiem Schwedisch, so dass Mike herzlich wenig verstand.
Aufgrund der Verwandschaft der schwedischen und norwegischen Sprache bekam Mike aber doch mit, daß er erstens hier im Wege stände und zweitens gleich mehr erfahren würde.
Mike ging ein paar Schritte zur Seite, warf den Zigarettenstummel fort und zündete sich eine neue Zigarette an.
Die weißgekleideten Gestalten hatten begonnen, die neuen Fahnen zu hissen. Die Blaubekittelten schwebten in der Luft und entrollten nahezu gleichzeitig die neuen Fahnen.
Nach einigen Sekunden wehte auf den acht Fahnenstangen auf dem großen Platz achtmal die schwedische Fahne, mit dem gelben skandinavischen Kreuz auf blauem Untergrund, wie Mike sie aus seinen Schulbüchern kannte. Die weiß- und blaubekleideten Monteure schwebten zurück und verschwanden in der Space-Jet.
Der würdige Weißhaarige holte ein zusammengerolltes Pergament aus seinem eleganten Jacket, zerbrach das Siegel und verlas feierlich eine Proklamation.
Mike fluchte, weil er Schwedisch in der Schule abgewählt hatte. Er
verstand mehrmals den Namen General Tesla und auch den Namen des großen
Tyrannen Rotz, hatte aber sonst keinen Schimmer, worum es ging.