Hunde
von Mo YänIn den schönen Städten der Bundesrepublik Deutschland sieht man überall gutgekleidete Männer und Frauen, die Hunde spazieren führen. Nachdem ich über einen Monat in Deutschland herumgekommen bin, habe ich noch keinen herrenlosen Hund zu Gesicht bekommen, oder anders gesagt, ich habe noch nicht einen einzigen jener verwilderten Hunde getroffen, die in meinem Heimatdorf fröhlich über blühende Wiesen und Felder tollen oder durch entlegene Gassen streifen und sich gegenseitig hemmungslos beißen und paaren.
Die unterschiedlichsten Arten von Hunden laufen einem in Deutschland über den Weg. Da gibt es Hunde, die plump sind wie Kälber oder flink wie Hasen, Hunde mit dem langen, wallenden Haar einer schönen jungen Frau, und Hunde mit zerknitterten Gesichtern und gespaltenen Lippen, die aussehen wie böse Geister. Alle diese Hunde haben eins gemeinsam: man bindet ihnen eine Leine am Hals fest. Manchmal wird diese Leine auch losgemacht. Aber selbst wenn die Leine ab ist, tragen die Hunde immer noch einen Lederriemen um den Hals. Die nur vorübergehend abgenommene Leine halten ihre Herren lässig in der Hand. Sie kann jederzeit wieder eingehakt werden. Von der Leine befreit, springen die Hunde nicht etwa wild herum, sondern sie trotten brav ihren Herren nach. Schlägt der Herr eine schnelle Gangart ein, so laufen sie im gleichen Tempo mit; verlangsamt der Herr seinen Schritt, so werden sie ebenso langsam. Ohne Leine verhalten sich diese Hunde genauso wie mit Leine. Ein ergreifender Anblick.
Ich weiß nicht mehr, in welcher deutschen Stadt mir ein über einen Meter großes Lebewesen auffiel, das wie ein Hund und auch wieder nicht wie ein Hund aussah. Es lief hinter einer Dame her, die in eine Wolke goldenen Haars gehüllt war. Ich erschrak zutiefst, denn ich hatte so etwas noch nie gesehen und hätte es mir auch mit allen Farben der Phantasie nicht ausmalen können. Dieses Lebewesen wirkte auf mich wie eine Kreuzung von Hund und Tiger. Aber zweifellos war es ein Hund. Es hatte Pfoten, groß wie Pferdehufe, mit denen es kraftvoll auf den sauberen Boden schlug, es hatte wilde Augen, die, von langen dichten Haaren halb bedeckt, bedrohlich funkelten, es hatte den Gang eines Wolfes und den Schritt eines Tigers. In der Tiefe der Gebirgswälder wäre es der König der Tiere gewesen, vor dem alle Wesen zitterten, aber hier, an die Fersen dieser Dame geheftet, konnte es nur ein Hund sein.
Im vornehmen Vorort einer anderen Stadt beobachtete ich ein schmuckbehangenes älteres Ehepaar, das einem winzigen älteren Hündchen - es konnte höchstens drei Pfund wiegen - auf einem Silbertablett etwas zu essen anbot. Das asthmatisch atmende Hündchen erinnerte mich an das Ideal der klassischen Frauenschönheit im alten China. Äußerst wohlerzogen biß das Hündchen in etwas, das wie eine Wurst aussah. Es sah nicht nur aus wie eine Wurst, es verströmte auch einen würzigen Duft, der mir verlockend in die Nase stieg. Damit will ich natürlich nicht behaupten, daß ich auf dieses Hundefutter Appetit bekam. Aber Namen sind schließlich nur Schall und Rauch, Mensch und Hund sind sich in vielem ähnlich. Warum sollte ein Mensch nicht essen, was Hunde genießen? Vor zwei Jahren besuchte ich eine Fabrik in Südchina. Dort erzählten mir die Arbeiter, eine Delegation dieser Fabrik hätte sich zur Fortbildung in Japan aufgehalten. Im Land der aufgehenden Sonne hätten sich alle Angehörigen dieser Delegation vom ersten bis zum letzten Mann von Konserven mit Hundefutter ernährt und dabei soviel japanische Yen gespart, daß sich auf der Heimreise jeder einen Farbfernseher kaufen konnte. So etwas gilt als Gesichtsverlust. Aber mit dem Gesicht allein kann man kein Fernsehprogramm empfangen. Später ist der Leiter dieser Delegation allen Gerüchten öffentlich entgegengetreten. Bei dem, was sie in Japan aßen, sagte er, hätte es sich nicht um Hundefutter gehandelt, sondern um Fertignahrung, für die sie sich nach dem Grundsatz "harte Arbeit, einfaches Leben" entschieden hätten. Offenbar kann man an jede beliebige Erscheinung mindestens zwei theoretisch völlig unterschiedliche Interpretationen anlegen. Daher gibt es viele Dinge, die umso verworrener werden, je mehr man sie analysiert. Auch mir ging es so, daß mir alles immer konfuser vorkam, je älter ich wurde. Später hat mir jedoch die Philosophie des Deutschen Karl Marx die Augen geöffnet. Marx hat sehr klar und deutlich ausgedrückt, daß jede moralische Ansicht klassen- und produktionsbedingt ist. Es gibt nichts Ewiges, absolut Unveränderliches, sich ständig Gleichbleibendes. Alles verändert und entwickelt sich. Die Unmoral von gestern kann die hohe Moral von heute sein, und was heute als moralisch gilt, kann morgen schon als unmoralisch verschrien sein. So kann man durch das Studium von Marx seinen geistigen Horizont erweitern und lernen großzügig zu denken. Wer Hundefutter essen will, der möge das ruhig tun, und wer Katzenkost vorzieht, dem sei sie ebenfalls gegönnt. Es ist nicht nötig, sich darüber groß aufzuregen. Das sogenannte Gesicht des Menschen ist in Wirklichkeit nichts als eine Papiermaske, die man leicht durchstoßen kann. Deshalb sehe ich nichts dabei, wenn Menschen Hundefutter verzehren. War die Lage Anfang des Sechziger Jahre bei uns nicht so, daß viele Hungernde nicht einmal genug wilde Pflanzen zum Essen fanden? Wenn damals ein Hund mit einer Wurst in der Schnauze an den Hungernden vorbeispaziert wäre, so hätten wohl die Hungernden nicht bloß dem Hund sein Futter entrissen und es verschlungen, sondern höchstwahrscheinlich wäre auch der Hund selber den Weg allen Fleisches gewandert. Natürlich gab es auch damals Menschen von so hoher und reiner Moral, daß sie lieber verhungert wären als auch nur ein Gramm Mehl anzufassen, das aus Amerika kam, aber ihre Zahl war sehr klein.
Ein andermal fuhren wir mit dem Kleinbus über die Autobahn, als uns eine funkelnagelneue Mercedes-Limousine mit hoher Geschwindigkeit überholte. Auf dem Rücksitz kauerte ein lächelnder Pekinese. Ich machte mir Sorgen, daß dem Hund schlecht werden könnte. Wäre es nicht schrecklich, wenn er sich erbräche und diesen schönen Wagen verschmutzte?
Noch ein anderes Mal, ich kann mich wieder nicht erinnern, in welcher Stadt es war, sah ich vor einer Kirche einen Landstreicher liegen. Er hatte einen feuerroten Vollbart und war umlagert von fünf Hunden, die sich eng an ihn schmiegten. Diese fünf Hunde waren einer hübscher als der andere. Sie hatten ein glänzendes Fell, wie man es nicht vom Herumkauen auf abgenagten Knochen bekommt. War dieser Landstreicher noch bei Trost? Er bettelte die Vorübergehenden um Geld an, damit er seine Hunde füttern konnte. Andersherum betrachtet, waren die Hunde aber auch sehr lieb zu ihm, sie scharten sich eng um ihn wie Kinder um ihre Mutter. Selbst bei der größten Kälte würde dieser Landstreicher nicht frieren müssen. Wer im Kontakt mit seinen Mitmenschen keine Wärme mehr bekommt, der hält sich eben seine Hunde.
Die vielen verschiedengestaltigen, farbenfroh gezüchteten Hunde, die ich in Deutschland gesehen habe, weckten in mir die Erinnerung an die Hunde in meinem Heimatdorf und an die Geschichten, die die Bauern bei uns von Hunden erzählen. In meinem Kopf gibt es davon so viele wie Sterne am Himmel. Den funkelnden Sternen vergleichbare Eindrücke von Dorfhunden und Geschichten über Hunde besitze ich so reichlich, daß man ein ganzes Buch damit füllen könnte. Hier muß ich mich darauf beschränken, nur ein paar Beispiele aus Tausenden zu skizzieren.
Weil die Hunde in meiner Heimat überhaupt keine Ketten tragen, sind sie im Vergleich zu ihren deutschen Vettern die freieren Hunde. Sie streifen am Tag durch die Felder, und in der Nacht lagern sich viele von ihnen zum Schlafen um einen Heuschober.
In der Mitte der Siebziger Jahre arbeitete ich als Nachtwächter für die Schweinemästerei unserer Produktionsbrigade. Meine Aufgabe war es, die Hunde zu vertreiben, die in der Nacht kamen, um Schweinefutter zu stehlen. Das waren alles Hofhunde und nicht etwa verwilderte Hunde. Zu jener Zeit hatten die Häuser im Dorf noch kein festes Hoftor, sondern nur niedrige Lehmmauern mit löchrigen Lattentüren. Die Hunde konnten nach Belieben aus- und eingehen. Da sie sich zu Hause nicht sattessen konnten, mußten sie sich draußen auf die Suche nach Futter machen. Mit einer Schrotflinte im Arm, lag ich hinter einer Ziegelmauer auf der Lauer. Im silbernen Mondlicht sah ich sie auf lautlosen Pfoten herankommen. Ihre Augen glimmten grün wie Phosphor. Ich wartete, bis sie ganz nah waren, dann drückte ich ab. Der Knall dröhnte durch Himmel und Erde. Jämmerlich heulend ergriffen die Hunde die Flucht. Es war natürlich nicht meine Absicht, diese Tiere zu töten. Wie hätte ich sonst ihren Besitzern noch in die Augen blicken können? Es waren ja alles Hunde aus unserer Nachbarschaft. Ein chinesisches Sprichwort rät, daß man, bevor man einen Hund schlägt, erst herausfinden soll, wer sein Herr ist.
Ich erinnere mich an tiefe Winternächte, in denen fahles Mondlicht die von Schneemassen bedeckte Erde leuchten ließ. Die kahlen Äste der Obstbäume platzten krachend, auf dem Fluß knackte grollend das Eis, die Luft war frostig, und in der eiskalten Luft hing der Geruch des jungen Winterweizens. In solchen Nächten fingen die Hunde in unserem Dorf zu heulen an. Das war ein Gejaule, das ebenso klar wie verschwommen klang, ein Geräusch, wie aus einem Traum. Mit umgehängtem Gewehr, in Großvaters kahlgescheuerter Schaffelljacke, stapfte ich durch den Schnee, kräftig von einem Fuß auf den anderen tretend. Bei meinen Wachgängen durch den Wald begleitete mich ein Hund. Das war die schwarze Hündin aus unserem Hof. Sie hatte im Laufe ihres Lebens mehr als neunzig Junge geworfen, wirklich eine stattliche Nachkommenschaft.
In meiner Kindheit auf dem Dorf war das aufregendste, was man unternehmen konnte, das Verprügeln kopulierender Hunde. Das war etwas sehr Grausames, eine schlimme Tierquälerei. Hunde, die sich paaren, können nachher nur schwer wieder von einander loskommen. Das nutzten wir Kinder aus, um über die Hunde herzufallen und sie zu schlagen. Die miteinander verbundenen Hunde zogen und zerrten in alle Richtungen, aber sie konnten sich kaum bewegen, und für uns war es ein Leichtes, sie zusammenzuschlagen. Die geprügelten Hunde schrien klagend zum Himmel und wälzten sich zwischen den Gräbern. Es waren nicht nur wir Kinder, die ihnen zusetzten, auch die Erwachsenen beteiligten sich am Hunde-Verprügeln. Diese Sitte, kopulierende Hunde zu schlagen, ist ein Ausfluß der konfuzianisch-feudalistischen Moralvorstellung "Mann und Frau dürfen sich in der öffentlichkeit nicht berühren". Insofern ist der geprügelte Hund auch ein Sinnbild des geschundenen Menschen. Man könnte endlose Abhandlungen schreiben, um diesen Zusammenhang zu verdeutlichen.
Zurück zu den Hunden in Deutschland. Im nachhinein kommt es mir so vor, als seien die deutschen Hunde alle stumm. Sie bellen nicht, wenn sie einen Fremden sehen. Uns Chinesen zählt man in Deutschland gewiß zu den Fremden, aber die Hunde der Deutschen würdigten uns nicht eines einzigen Blickes. Käme ein Ausländer in mein Heimatdorf, so würden ihn die Hunde, wenn sie ihn nicht gleich zu Tode bissen, doch zumindest so anbellen, daß er zu Tode erschräke.
Welche Verhaltensweise ist einem Hund angemessener? Ich bin vielleicht voreingenommen, aber ich ziehe immer noch unsere Dorfhunde vor. Bei mir zu Hause sind die Hunde romantisch und lebhaft. Sie laufen und springen, sie bellen und heulen nach Belieben. Sie tragen keinen Strick um den Hals. Sie genießen Bewegungsfreiheit, ihr Reaktionsvermögen ist schnell. Ihr Charakter entspricht mehr dem eines Hundes als dem eines Menschen. Sie sind im Grunde "hundeähnlicher". Den Ausdruck "hundeähnlicher" benutze ich, weil es auch unter unseren Dorfhunden gezähmte Tiere gibt, die mit dem Schwanz wedeln und ihrem Herrn schön tun, um sich als Gegenleistung einen Knochen einzuhandeln. Ein richtiger Hund ist für mich ein wilder Hund, ein irrer Köter, ein Tier mit blutunterlaufenen Augen, scharfen Zähnen und besonders großem Maul, das beim Anblick eines Menschen heimtükkisch schielt und bedrohlich knurrt. Ein echter Hund hat Ähnlichkeit mit einem Wolf.

Die deutschen Hunde sind durch und durch entartet. Sie haben ihre Wildheit vollständig verloren und sind von Kopf bis Fuß zu Spielzeug geworden, zu gehorsamen Sklaven, die den Kopf senken und die Ohren anlegen. Dagegen sind die Hunde bei mir zu Hause Halbsklaven, deren Lebensumstände immer noch besser sind als die der deutschen Hunde. Der Mercedes fahrende Pekinese ist eine traurige Erscheinung.
Meine Betrachtung über Hunde möchte ich an dieser Stelle beenden, damit es mir nicht so ergeht, wie einem Dorfhund, der Rattengift gefressen hat: Das arme Tier dreht sich wie ein Mühlrad ununterbrochen um sich selbst.
Ein Grundproblem bleibt: Man spricht zwar gern von Humanität, aber einen entsprechenden, vom lateinischen Wort für Hund abgeleiteten Ausdruck "Canität" möchte niemand benutzen. Ich halte deshalb auch nicht viel von den Werken jener Autoren, die durch die Schilderung kleiner Tiere große humanitäre Ideale zum Ausdruck bringen wollen. Dieses Argument muß ich freilich auch gegen mich selbst gelten lassen. Die zehntausend Wesen der Schöpfung sind ein Sammelsurium von Widersprüchen. Das ist auch der Mensch.
Fast die Hälfte aller deutschen Hunde hat keinen Schwanz. Wie ich hörte, soll das die Folge eines chirurgischen Eingriffs sein. Aber um das zu erklären, müßte man weiter ausholen, als ich es hier kann.
Es gibt einen Fluß, der heißt Rhein. Endlich ein Name, den ich behalten habe. Dieser Fluß ist sehr schön. Ein ungemein wohlbeleibter Deutscher erzählte mir zwar, der Fluß sei verschmutzt, aber in meinen Augen ist er ausgesprochen sauber. An seinen Ufern liegen viele Städte. Prachtvolle Brücken führen über den Strom. In den Städten wohnen sehr viele Menschen. Die Leute, mit denen ich zusammenkam, waren alle sehr hilfsbereit und warmherzig. Der Mensch ist das Produkt seiner Umgebung. Die Umgebung ist das Werk des Menschen. Aber das Thema Umgebung oder Umwelt ist ein weites Feld, selbst wenn man nur von der unverfälschten, natürlichen Umwelt sprechen will.
Eines Tages begleitete mich die kluge und gutherzige Karin H. ans Rheinufer. Dort sah ich viele Wildenten den Strand entlang watscheln. Diese Wildenten hatten überhaupt keine Angst vor dem Menschen. Um eine Ente zu fangen, hätte man nur die Hand ausstrecken müssen. Sofort traten mir Begriffe, wie "rot geröstete Wildente", "gedämpfte Wildente" auf die Zunge. Die Deutschen sind schön dumm. Die Deutschen sind viel klüger als die Chinesen. Im Umgang mit gefiederten Wesen verhalten sie sich liebevoller als wir.
Wenn sich in meinem Heimatdorf eine Schar Wildenten niederließe, wären sofort hundert Schrotflinten auf sie gerichtet. Eine der Hauptursachen ist natürlich, daß die Bauern in den chinesischen Dörfern nur selten Fleisch zu Gesicht bekommen, aber daran allein liegt es nicht. In Peking ist die Fleischversorgung viel besser, trotzdem hat dort jemand einen Schwan erschossen. Der Mann, der den Schwan auf dem Gewissen hatte, wurde auf die Polizeiwache geschleppt. Ein anderer Schütze, der mit dem Luftgewehr auf Schwalben schoß, um sie als Appetithappen zum Wein zu verzehren, schrieb ein Gedicht, in dem er den SchwanenJäger kritisierte. Die beiden ersten Verse seines Gedichtes lauteten: "Freund, wie konntest du nur auf einen weißen Schwan schießen?/ Wenn du Fleisch essen willst, mußt du schwarze Schwalben jagen."
Dieses Gedicht ist auch noch mit einem Lyrikpreis ausgezeichnet worden.
Der Mann, der den weißen Schwan erschoß, wurde nach dem Gesetz bestraft. Seither ist es in Peking nicht mehr zur Exekution von Schwänen gekommen. Offensichtlich schützt das Gesetz die Tiere.
Der Pandabär ist ein chinesisches Nationalsymbol und steht unter dem Schutz des Gesetzes. Aber in der Provinz Sezuan haben vorletztes Jahr ein paar Jugendliche einen fetten, dicken alten Pandabären erschossen und sein Fleisch unter sich aufgeteilt, um es als Pastetenfüllung zu benutzen. Das Amt für öffentliche Sicherheit hat sie dingfest gemacht.
Gesetze allein reichen also nicht aus. Anscheinend muß man auch Kultur besitzen.
Vor einigen Jahren arbeitete ich in einem entlegenen Gebirgstal. Die Gegend war landschaftlich sehr schön und zeichnete sich durch eine reiche Vegetation aus. Im Frühling erblühten hundert Blumen, und unzählige Vögel zwitscherten ihr Lied: Pirol, Elster, Kuckuck, Specht und wie sie alle hießen. Jeden Vormittag hackte ein Specht im Wald hinter unserem Büro auf die Bäume ein. Es klang wie: "Du, du, du, du". Zwei Angestellte aus unserem Büro, die von der Hochschule kamen, durchstreiften mit dem Luftgewehr in der Hand den ganzen Wald und schossen auf jeden Vogel, den sie sahen. Da sie in der Armee gedient hatten, waren sie gute Schützen und töteten viele Vögel. Die Vögel, die sie geschossen hatten, legten sie auf das äußere Fensterbrett, wo sie von den Ameisen gefressen wurden. Die Freude an der Jagd war wohl der einzige Grund, aus dem sie die Vögel töteten.
Damals begriff ich zum ersten Mal, daß es zwei verschiedene Arten von Spechten gibt. Die eine hat einen kleinen Körper, die andere einen sehr großen. Damals lernte ich, daß ein von der Kugel getroffener Specht seine Zunge genauso herausstreckt, wie ein erhängter Mensch. Die Zunge des Spechtes sieht aus wie ein langer Bohrer aus Fleisch. Damals machte ich auch die Erfahrung, daß ich den Anblick toter Vögel nur schwer zu ertragen vermag.
Der Mensch ist das komplizierteste Wesen. Er ist auch, wenn man an alle Lebewesen den gleichen Maßstab anlegen will, das grausamste und tyrannischste Produkt der Schöpfung. Aber es wird bestimmt einmal der Tag kommen, an dem die Menschheit aus ihrer Rolle als Unterdrücker der Erde hinweggefegt wird. Zu jenem Zeitpunkt wird mein Körper sich bereits in eine andere Substanz verwandelt haben. Ich werde dann ein Blumenstrauß sein, ein Fisch oder ein Haufen Kehricht. Das sind natürlich nur vage Vermutungen, denn beim Machtwechsel auf der Erde werden auch die meisten Blumen, Fische und Kehrichthaufen zum Teufel fahren. Und selbst wenn es dann noch derartige Dinge gäbe, und wenn die neuen Beherrscher der Erde eine neue Sprache und Schrift hervorbrächten, so würden sie doch alles ganz anders benennen. Und muß nicht, um den Gedanken noch etwas weiter zu führen, früher oder später auch die Erde selbst zugrunde gehen? Wenn in der Weite des Weltalls die Erde nur ein winziges Staubkörnchen ist, was für eine Rolle spielt dann der einzelne Mensch im Weltgefüge? Und was ist die Rolle eines einzelnen Spechtes? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mutloser werde ich, aber ich bringe es nicht übers Herz, mich von allem loszulösen. Selbst der Schmerz ist etwas, das man nicht verlieren möchte. Ein Mensch zu sein, bleibt immer noch ein großes Glück.
Am Ufer des Rheins beobachtete ich auch Spatzen. Die Deutschen haben im allgemeinen größere Nasen als die Chinesen, und auch die Schnäbel der deutschen Spatzen schienen mir größer zu sein als die Schnäbel chinesischer Spatzen.
Auf dem Reklameschild eines Kaffeehauses sah ich ein Spatzennest. Man hätte nur den Arm recken müssen, um es zu berühren. Die Buchstaben auf dem Schild gaben, so sagte man mir, den Namen Beethovens wieder, dieses stolzen Sohnes des deutschen Volkes. Die Spatzen hatten ihr Nest direkt über seinen Namenszug gebaut und fütterten auf ihm ihre Jungen. Mir kam das wie eine Entwürdigung Beethovens vor, aber die Deutschen machten sich nichts daraus.
Als ich noch ein Kind war, habe ich wer weiß wie viele Spatzen getötet. Im Sommer haben wir ihre Nester ausgenommen und dabei sogar Giftschlangen herausgezogen, die sich mit Jungvögeln vollgefressen hatten. Letztes Jahr habe ich in Peking in einem Spezialrestaurant für Wild eine Portion in Öl gebackener Spatzen gegessen. Sie waren so teuer, daß ich, um auf meine Kosten zu kommen, auch noch die Knochen kleingekaut und runtergeschluckt habe. Bei der Zubereitung von Speisen sind die Deutschen nicht so erfindungsreich wie wir. Es gibt kaum etwas, das die Chinesen nicht verzehren. Sie essen sogar Giftschlangen und Frösche, kurz alles. Im Gasthof meines Heimatdorfes werden zwei Spezialitäten angeboten. Das eine sind in Öl gekochte Bergskorpione, das andere gesottene Zikadenlarven. Beide Gerichte sind ziemlich teuer.
Mit den Pferden in Deutschland verhält es sich ähnlich wie mit den Hunden. Sie haben sich bereits aus Produktionsmitteln in Spielzeuge verwandelt. Das ehrwürdige Zeitalter der Pferde gehört in Deutschland der Vergangenheit an. Das ist eine bedauernswerte aber unabänderliche Tatsache. Die Geschichte der Menschheit ist angereichert mit zahlreichen Schichten von Pferdemist und Hundekot. In der klassischen und modernen Weltliteratur kommen unzählige Pferde vor.
Ich habe in Deutschland nur ein einziges Mal Pferde gesehen. Das war im Vorort einer Großstadt. Ihr Besitzer war ein rotwangiger großer Kerl. Er galt als ausgezeichneter Reiter, der bei einem Tournier schon den großen Preis gewonnen hatte. Dieser imposante Mann hatte eine alte Mutter, eine zierliche Ehefrau, einen Jungen, der den Kindergarten besuchte, und eine puppenhafte, unbeschreiblich liebreizende kleine Tochter. Sie bildeten eine glückliche Familie.
Wir gingen in den Pferdestall und sahen ein paar Dutzend unförmig dicke und große Pferde. Solche Pferde gibt es auch in meiner Heimat. Ich fand nicht Besonderes an ihnen. Sehr ungewöhnlich kam mir dagegen ein Pferd vor, das kaum größer war als ein Schaf. Dieses kleine Pferd war kein Fohlen. Man könnte es als Minipferd bezeichnen. Aber war es noch ein Pferd? Sein Anblick machte mir das Herz schwer. Es wirkte so klein und so armselig.
Der Hausherr schickte einen Wagen in die Stadt, um seinen Sohn abzuholen, der uns eine Probe seiner Reitkunst vorführen sollte. Der kleine Junge trug einen Reitanzug. Er führte das kleine Pferd aus dem Stall und sattelte es geschickt. Das kleine Mädchen, das gerade erst laufen konnte, nahm eine Eisenbürste und rieb damit den Schwanz des Pferdes. Die Eltern kümmerten sich nicht darum, und das Pferd ließ das Kind gewähren, ohne nach ihm zu treten. Als der Junge das Pferd wegführte, weinte das Mädchen laut. Die Mutter ergriff das Mädchen und warf es auf den Rücken des Pferdes. Da lachte das Kind und klammerte sich an der Mähne fest.
Das Mädchen trug eine kurze rote Lederhose mit roten Hosenträgern, kleine rote Lederschuhe und eine rotkarierte Bluse. Das goldene Haar war zu zwei Zöpfen geflochten. Seine Haut war zart wie Sahne, die Lippen rot wie Kirschen und die Augen blau wie Kornblumen. Dieses Mädchen war so zierlich, hübsch und makellos schön, daß es kaum noch wie ein echtes Kind aussah.
Als der kleine Junge das Pferd über den Platz galoppieren ließ, bewegten sich seine Hufe so geschwind, wie die Finger einer Kassiererin, die in der Sparkasse Banknoten zählt. Später sprang das kleine Pferd über ein Hindernis, und wir klatschten Beifall.
In Deutschland, empfand ich, sieht das Echte oft wie etwas Falsches oder Künstliches aus, und das Künstliche wirkt echt. Nehmen wir nur das Obst auf dem Markt. Die Farben sind von solcher Schönheit und die Schale ist von einer so übermäßigen Reinheit, daß man annehmen könnte, es handle sich um Früchte aus Plastik oder Wachs. Andererseits gibt es künstliche Gegenstände, ein Blumenstrauß aus Plastik zum Beispiel, der im Restaurant auf dem Tisch steht - man hebt ihn unwillkürlich an die Nase, um daran zu riechen.
Auch die Pferde wirken in Deutschland wie künstliche Pferde. Sie sind zu sauber und zu schön, von einer geradezu Ärgernis erregenden Sauberkeit und Schönheit.
Wenn ich an die Pferde in meiner Heimat zurückdenke, sehe ich, wie sie im Winter über die gefrorene Erde aufs Feld laufen, um unerlaubterweise den jungen Winterweizen zu fressen. Die Sonne geht auf, ein riesengroßes, rotes Rad, das ein purpurnes Leuchten über die Felder wälzt und den weißen Reif auf der Weizensaat in feinem Goldglanz aufschimmmern läßt. Unser Pferd, das am Grün knabbert, glänzt am ganzen Leibe von Schweiß. Während es Maulvoll nach Maulvoll vom Weizen rupft, schüttelt es leichthin den Schwanz, und seine Augen leuchten wie Bergkristall. Ich bin Großvater bis auf den Uferdeich gefolgt. Großvater ruft laut: "Pferdchen, Hui, hui, hui, hui!" In der Ferne hebt unser Pferd den Kopf, schüttelte seine Mähne und kommt dann wie im Fluge auf uns zugerannt. Die anderen Pferde setzen ihm alle nach und beginnen wie verrückt zu galoppieren. Es ist das Wogen langer Bahnen Atlasseide, das auf uns zukommt, ein farbiger Sturmwind, ein Wellen schlagender, großer bunter Fluß.